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Musikforschung Musik und Emotion

Musik kann uns zum Weinen bringen. Sie kann uns beim Sport zu Höchstleistungen treiben. Sie beruhigt uns, macht uns glücklich oder ängstlich. Nur eines tut Musik nie: Sie lässt uns niemals kalt.

Stand: 24.01.2019

Openair St. Gallen Festival  | Bild: picture-alliance/dpa

Schon länger steht das Verhältnis von Musik und Stimmungslage im Fokus verschiedener Disziplinen. So interessieren sich Neurowissenschafter dafür, was im Gehirn passiert, wenn wir Musik hören, während Psychologen die Auswirkungen bestimmter musikalischer Genres auf unsere Emotionen untersuchen. Dabei haben Studien gezeigt, dass die Stimmungsregulation tatsächlich ein wichtiger Motivator für uns ist, Musik zu hören. Es wird aber oft solche gewählt, die zur jeweiligen Laune passt.

Andere Untersuchungen legten nahe, dass sich bestimmte Songs positiv auf das Selbstbewusstsein auswirken. Und weitere Studien ergaben, dass speziell die Musik unserer Jugendzeit prägend für uns ist und wir uns besonders gut an sie erinnern. Trotz dieser Ansätze bleibt allerdings bislang unklar, wie die Interaktion zwischen Musik und Gemüt genau funktioniert und ob die gefundenen Zusammenhänge global gelten.

Wie sich Musik-Vorlieben weltweit unterscheiden

Emotionen und Musik gehören zusammen: Man denke an schrille Geigenklänge, die gruselige Horrorfilmszenen einläuten. Oder die sanften Töne, die einen romantischen Film untermalen. Aber wählen wir bestimmte Stücke aus, um unsere Gefühle zu beeinflussen oder suchen wir die Musik, die zu unserer Stimmung passt? Eine Studie der US-amerikanischen Cornell Universität im Bundesstaat New York liefert nun ein Bild, wann Menschen, welche Musik bevorzugen.

Laut einer Spotify-Analyse bevorzugen Musikfans aus Asien ruhige Musik, Südamerikaner hingegen Salsa.

Die Forscher untersuchten Millionen Online-Streams der Musik-Plattform Spotify weltweit, um tageszeitliche und saisonale Muster ausfindig zu machen. Wie sie im Fachmagazin "Nature Human Behaviour" im Januar 2019 berichten, wird über Kultur- und Ländergrenzen hinweg am Abend eher entspannende Musik gehört, während tagsüber energiegeladene Stücke bevorzugt werden.

Doch es gab auch deutliche regionale Unterschiede. So wählten Menschen in Asien eher entspannende Musik, Hörer in Lateinamerika hingegen mehrheitlich anregende Stücke. Insgesamt wertete das Team um den Sozialwissenschafter Minsu Park von der Cornell Universität 765 Millionen Musikstücke aus, die von fast einer Million Menschen aus 51 Ländern auf der Musik-Plattform Spotify gestreamt wurden.

Stereotype bestätigt

Generell hören der Analyse zufolge vor allem jüngere Menschen intensivere Musik – ein Befund, der Gunter Kreutz nicht überrascht. Neu ist für den Musikwissenschafter an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg vielmehr die Möglichkeit, "kontinentale Befindlichkeiten" abzubilden: "Es entspricht dem Stereotyp, dass die fernöstliche Philosophie aus der Ruhe ihre Kraft bezieht. Ganz anders in Südamerika, wo offenbar das Lebensgefühl der Menschen mehr nach aufregenden Rhythmen verlangt."

Alles in allem kann allerdings auch die aktuelle Studie nicht beantworten, ob Musik unsere Emotionen beeinflusst oder wir Musik auswählen, die zu unserer Gemütslage passt. Wahrscheinlich handle es sich um ein Wechselspiel, schreiben die Autoren der Studie. Eine andere Schwäche der Analyse ist, dass nur die Daten von Menschen ausgewertet wurden, die Spotify nutzen – eine Kritik, die auch Kreutz anbringt. Die Nutzer müssten über ein Minimum an Wohlstand verfügen, um sich Spotify leisten zu können.

Die emotionale Seite des Musizierens

Nicht nur der Ton macht die Musik, auch Leidenschaft und Kreativität sind für den Ausdruck eines Künstlers wichtig.

Wer ein Musikinstrument erlernt, muss sich mit zweierlei auseinandersetzen: Da ist zum einen die technische Genauigkeit, die es anzustreben gilt, um "gute" Musik zu machen. Doch das ist nur die eine, die formale Seite. Viel wichtiger, weil unverwechselbarer, ist die emotionale Seite des Musikmachens. Nur wer technische Perfektion mit großen Gefühlen paaren kann, wird es zur Meisterschaft im Musizieren bringen. Denn Musik ist vor allem und in erster Linie eine Sprache des Gefühls. Auf keine andere Art lassen sich Emotionen so klar ausdrücken wie mit dem zarten Bogenstrich der Violine oder dem verzerrten Klang der E-Gitarre.

Wunderkinder und ihre musikalische Intelligenz

Sogenannte Wunderkinder verfügen über eine isolierte musikalische Intelligenz.

Manchmal drücken sehr junge Musiker mit ihrem Instrument Gefühle aus, die sie in dieser Tiefe unmöglich schon erlebt haben können. Man nennt sie dann gerne Wunderkinder. Vergleichbares ist aus der Literatur nicht bekannt. Der britische Neurologe Oliver Sacks spricht in diesem Zusammenhang von einer isolierten musikalischen Intelligenz. Der musikalische Verstand dieses Menschen ist hoch entwickelt, was aber in anderen Bereichen nicht sein muss.

Die Magie der Melodie

"Wer musizierende Kinder beobachtet, der weiß, dass sie lebendig gewordene Freude am Leben sein können. Kinder und Jugendliche brauchen als Ausgleich zur virtual reality unzählige Erlebnisse voller Staunen, offen bis in jede Pore, sie brauchen Aha-Erlebnisse mit sich selbst, ihrer Natürlichkeit und Natur, so als ob in einem stickigen Raum die Fenster geöffnet werden und mit tiefen Zügen frische Luft eingesogen wird. Kinder sollen und können mehr sehen, mehr riechen, mehr fühlen, mehr schmecken und mehr hören, sie brauchen Musik wie die Luft zum Atmen."

Prof. Dr. Hans Günther Bastian (1944 - 2011), Musikpädagoge an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Gründungsdirektor des Instituts für Begabungsforschung und Begabtenförderung in der Musik der Universität Paderborn

Das ist Musik in meinen Ohren

Gemeinsames Singen in einem Chor fördert das Sozialverhalten.

Schöner Nebeneffekt des Musizierens: Nirgends werden dem Menschen so komplexe Dinge gleichzeitig abverlangt wie etwa beim Klavierspielen. Und das Musizieren wirkt sich ebenfalls positiv auf das Sozialverhalten eines Menschen aus, etwa, wenn ein großes Orchester eine Symphonie aufführt. Wenn Musik so viele positive Effekte hat, so die Überlegung, könnte man sie auch gezielt im medizinischen Bereich einsetzen. Und genau das wird in jüngster Zeit verstärkt getan.

Sinn für Musik in der Evolutionsgeschichte verankert

Musik berührt und bewegt uns aber nicht nur positiv – sie kann uns auch negativ beeinflussen. Reinhard Kopiez von der Musikhochschule Hannover hat den Gänsehaut-Effekt über mehrere Jahre untersucht. Er erklärt ihn unter anderem damit, dass der Hörsinn schon seit Urzeiten als eine Art ”Alarmanlage” funktioniert und vor unangenehmen Situationen warnt:

"Bestimmte klangliche Muster rufen zuverlässig ein Gefühl der Bedrohung hervor und hierzu eignen sich besonders die tiefen Frequenzen, also das Grummeln und das Beben der Erde, wenn die Dinosaurier kommen, das hat für uns die Folge der Desorientierung, wir haben keine Möglichkeit, die Schallquelle zu orten, wenn sie sehr tiefe Töne enthält."

Prof. Reinhard Kopiez, Professor für Musikpsychologie, Hochschule für Musik und Theater Hannover

Der Gänsehaut-Effekt

Musik kann Spannung ins Unerträgliche steigern.

Verzerrt klingende Musik löst Ängste und Trauer in uns aus. Sie habe einen ähnlichen Effekt wie Hilfeschreie im Tierreich, vermuten Daniel Blumstein und Greg Bryant von der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Diese Klangeffekte werden etwa für Filmmusiken bei drohendem Unheil oder bei Verfolgungsjagden hergenommen, um Spannung zu erzeugen. Berühmtes Beispiel: die Duschszene in Alfred Hitchcocks Thriller "Psycho".
Eine universale Gänsehaut-Musik, die bei allen gleichermaßen wirkt, gibt es nicht. Ob und wann der Gänsehaut-Effekt eintritt, hängt sehr von Hörgewohnheiten und Vorlieben ab. Der plötzliche Einsatz eines Chores oder einer Solo-Stimme löst bei vielen Hörern Gänsehaut aus - und spielt mit ihren Hörerwartungen.


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