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Musikforschung Musizieren macht schlau

Musik und Intelligenz - ein Paar, das scheinbar zusammengehört. Dabei ist nicht sicher, ob musizierende Menschen intelligent sind oder ob intelligente Menschen eher musizieren. Die Antwort liegt wie immer dazwischen.

Stand: 25.06.2019

Musik per Kopfhörer für Neugeborene födert Wohlbefinden | Bild: picture-alliance/dpa

1993 horchte die Fachwelt auf, als die US-Psychologin Frances H. Rauscher von der University of California in Irvine berichtete, einige ihrer Studenten lösten räumliche Aufgaben besser, wenn sie vorher zehn Minuten einer Mozart-Klaviersonate gelauscht hätten. Seitdem ist das Phänomen als "Mozart-Effekt" bekannt.

Zu schön, um wahr zu sein: Zehn Minuten einer Mozart-Klaviersonate steigere die Intelligenz.

Musik bilde das Gedächtnis, verbessere die Sprachfähigkeit, steigere die allgemeine Intelligenz. So lautete vor mehr als zwanzig Jahren das einhellige Urteil. Doch die These, dass Musik schlau mache, lässt sich heute so nicht mehr halten. Fehler in der Methodik der damaligen Untersuchung stellen den IQ-steigernden-Effekt inzwischen in Frage. Und es besteht ein erheblicher Unterschied darin, ob Musik nur gehört oder selbst musiziert wird.

Die Musik macht's

Mozart-Effekt reloaded

Ob Mozart wirklich schlau macht, ist seit langem umstritten. Eine Studie aus Finnland verleiht der Debatte neuen Aufwind. Ein Forscherteam um Irma Järvelä, Dozentin für medizinische Genetik an der Universität in Helsinki, hat die Wirkung von klassischer Musik auf das Gehirn untersucht. Ihre Ergebnisse vom März 2015 zeigen erstmals, dass das Hören eines Mozart-Violinkonzerts die Expression gewisser Gene erhöht, anderer hingegen senkt. Dadurch könnten kognitive Fähigkeiten, wie Lernen und Erinnern, gesteigert werden. Allerdings zeigte sich dieser Effekt nur bei musikalisch geschulten Probanden. Offen bleibt die Frage, ob sich die beobachteten Effekte auch mit anderen Musikgenres wie Jazz und Pop erzielen lassen.

Im Schlaf

Musikstücke lassen sich leichter einstudieren, wenn man sie auch im Schlaf hört. Das zeigt ein Experiment von James Anthony und seinen Kollegen von der Northwestern University in Evanston. Sie spielten Testpersonen im Tiefschlaf eine von zwei Melodien vor, die diese zuvor auf einer Klaviertastatur geübt hatten. Nach der Schlafphase konnten die Versuchspersonen diese Melodie besser und mit weniger Fehlern spielen als die nicht auf diese Weise wiederholte Melodie. Ein kurzer Schlaf kann also bereits dabei helfen, eine neu gelernte Fähigkeit zu verfestigen.

Beim Lernen

Musikwissenschaftler der Technischen Universität Dortmund haben eine Gruppe von 15- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schülern einer zehnten Gesamtschulklasse einen Intelligenztest mit und einen Konzentrationstest ohne Musik durchführen lassen. Bei einer anderen Gruppe geschah dies umgekehrt. Das Ergebnis: Beim Hören der eigenen Lieblingsmusik wirkt sich der Lärmteppich nicht nachteilig auf die Lernfähigkeit der Schüler aus. Die Leistungen blieben gleich.

Ton macht die Musik

William Forde Thompson von der University of Toronto und seine Mitarbeiter konnten zeigen, dass musikalisch geschulte Kinder den Ausdruck traurig, fröhlich, ängstlich oder ärgerlich gesprochener Sätze sicherer identifizieren konnten als nichtmusizierende Kinder. Die Satzmelodie ermöglicht uns erst, eine Aussage richtig einzuordnen.

Früh übt sich

Der Hörsinn entwickelt sich bei Föten sehr früh in der Schwangerschaft. Für viele Eltern Grund genug, ihre Kinder bereits im Mutterleib mit Musik zu beschallen. So sollen aus ihnen die Erben Bachs, Brahms' und Beethovens werden. Doch tatsächlich können Babys im letzten Teil der Schwangerschaft schon Melodien lernen – und sie sogar im Langzeitgedächtnis speichern.

Besseres Hören

Erwachsene, die in ihrer Kindheit und Jugend einige Jahre Musikunterricht hatten, können Geräusche später effektiver verarbeiten als musikalisch ungeschulte Zuhörer. Das hilft vor allem, um Sprache in lauter Umgebung besser zu verstehen, beispielsweise bei lauter Musik im Restaurant oder bei Nebengeräuschen im Großraumbüro. Die Tatsache, dass Musikunterricht in der Kindheit die Fähigheit bei der Verarbeitung gehörter Sprache verbessert, ist besonders spannend, denn diese Fähigkeit ist die erste, die schwindet, wenn wir altern.

"Kinder brauchen Musik, aber nicht, weil Musik ein nützlicher Gehirn-Trainer ist; sie macht so wenig klug, wie sie dumm macht. Doch fordert sie das Gehirn in selten komplexer Weise heraus, weil beim Musizieren Hören und Sehen, Fühlen und Tasten, Bewegung und Koordination, Imagination und Kreativität in besonders intensiver Weise miteinander verbunden werden. Insofern ist das Beste, was wir einem Kind bieten können, zu ihm und mit ihm zu singen, zu spielen und zu tanzen."

Prof. em. Dr. Wilfried Gruhn, Musikpädagoge an der Musikhochschule Freiburg und seit 2009 Vorsitzender der Internationalen Leo-Kestenberg-Gesellschaft, Berlin

Hast Du Töne?

Früh übt sich, wer eine Meisterin auf der Flöte werden will.

Dass eine musikalische Erziehung für die Allgemeinbildung förderlich ist, stellt ernsthaft wohl niemand infrage. Auf jeden Fall steigert sie die geistige Beweglichkeit, die Fähigkeit, sich rasch von einem Gedanken auf den nächsten einzustellen. Und sie wirkt sich positiv auf das Sprachvermögen von Kindern aus. Das berichtet der Neurowissenschaftler Sylvain Moreno vom Rotman Research Institute in Ontario.

Ein paar Takte reden

Warum das so ist, haben Stefan Koelsch und Sebastian Jentschke vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig herausgefunden: Instrumentenklänge und menschliche Sprache sind sich sehr ähnlich. So reagiert unser Gehirn auf Sprache und auf Tonfolgen mit fast identischen Aktivitätsmustern. Das menschliche Gehirn, so vermuten die Wissenschaftler, scheint keinen wesentlichen Unterschied zwischen musikalischer und sprachlicher Information zu machen. Anders ausgedrückt: Aktives Musizieren kann die Intelligenz fördern und die schulischen Leistungen von Kindern verbessern. Allerdings sind die Effekte gering und lassen sich beispielsweise auch durch ein Lesetraining erreichen.

Musizierende Jugendliche schneiden bei Schulprüfungen besser ab

Schüler in einer Big Band oder einem Schulorchester zeigen bei schulischen Tests bessere Leistungen.

Wie wirkt sich das Musizieren auf die kognitiven Fähigkeiten von Jugendlichen aus? Dieser Frage sind Martin Guhn und sein Team von der University of British Columbia in Vancouver nachgegangen. Ihre Studie veröffentlichten sie am 24. Juni 2019 im "Journal of Educational Psychology". Die Forscher wollten wissen, ob Schüler, die Schulmusik in einer Band, einem Orchester oder einem Chor machen, bessere schulische Leistungen erbringen als Kinder, die keine Musik machen.

Um dies herauszufinden, werteten die Wissenschaftler Daten von insgesamt 112.916 kanadischen Schülern aus. Von den untersuchten Schülern der Klassen 10 bis 12 waren rund 13 Prozent in der Schule musikalisch aktiv. Genau diese Schüler waren es auch, die in ganz unterschiedlichen Fächern wie Englisch, Mathe und Naturwissenschaften besonders gut abgeschnitten. Je häufiger und intensiver die Jugendlichen musizierten, umso besser waren ihre Schulnoten. Der positive Effekt zeigte sich insbesondere bei Schülern, die ein Instrument spielten. Singen wirkte sich dagegen weniger positiv auf die schulischen Leistungen aus.

"Kinder, die seit Jahren ein Instrument spielten und nun in einer Schulband oder einem Orchester aktiv waren, waren ihren nicht musizierenden Mitschülern im Schnitt um ein Schuljahr voraus, was ihre akademischen Leistungen anging."

Peter Gouzouasis, Mitautor der Studie

Die positiven Beziehungen zwischen musikalischem Engagement und akademischen Leistungen waren dabei unabhängig von früheren schulischen Leistungen, dem Geschlecht, dem kulturellen oder dem sozioökonomischen Hintergrund.

Kein Mensch ist unmusikalisch

Der Musikpsychologe Daniel Müllensiefen von der University of London will in einer im April 2016 startenden Langzeitstudie herausfinden, wie sich musikalische Fähigkeiten im Alter zwischen 10 und 20 Jahren entwickeln. In Vorstudien mit Schülerinnen und Schülern in England und Baden-Württemberg haben Müllensiefen und sein Team festgestellt, dass es Schnittmengen zwischen musikalischen Fähigkeiten, guten Schulnoten, Intelligenz und der eigenen Wahrnehmung der Jugendlichen gibt. Die Langzeitstudie in Hannover soll fundierte Ergebnisse zu den angenommenen positiven Wirkungen des Musizierens bringen.

Müllensiefen hat einen neuen Weg gefunden, um Musikalität, die er musikalische Erfahrenheit nennt, zu messen. Auf Grundlage eines Fragebogens und einer Vielzahl praktischer Tests ermittelt er den den sogenannten Goldsmith Musical Sophistication Index (Gold-MSI).
Das auf fünf Jahre angelegte Kooperationsprojekt am Hannover Music Lab der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover wird mit 250.000 Euro von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung gefördert.

"Wer daran glaubt, sich durch Üben verbessern zu können, ist oft auch musikalisch. Wir wollen herausfinden, ob diese Einstellung zuerst da ist oder ob Kinder vielleicht anhand eines Instruments lernen, dass man durch Üben etwas erreichen kann."

Musikpsychologe Daniel Müllensiefen, University of London

Links zum Thema

Musikprojekt an Grundschulen

Das Projekt "Jedem Kind ein Instrument", kurz JeKi genannt, ist eine musikalische Bildungsinitiative. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, jedem Grundschulkind die Möglichkeit zu bieten, ein Musikinstrument eigener Wahl zu erlernen.

Pilotprojekt in Bayern

Auf Initiative der Universität Erlangen-Nürnberg starteten das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus und die Bertelsmann Stiftung das Schulentwicklungsprojekt "Musikalische Grundschule Bayern".

Infos zum Thema Musik

Das Deutsche Musikinformationszentrum ist die zentrale Anlaufstelle zum Thema Musik und Musikleben in Deutschland. Es dokumentiert Trends und Entwicklungen, erfasst aktuelle Daten und Fakten und stellt Informationen zu Feldern der Musikkultur bereit.


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