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Moralisches Bankkonto Mit gutem Gewissen Schlechtes tun

Wir verhalten uns manchmal widersprüchlich: Wir kaufen Bioprodukte, helfen Bedürftigen, reisen dann aber mit dem Flugzeug und gönnen uns Luxusartikel. "Moral Licensing" nennen Sozialpsychologen dieses Phänomen.

Stand: 06.11.2018

Luxusartikel, Schaufenster mit Pelzmantel im Angebot. Moralisches Bankkonto: Mit gutem Gewissen Luxus kaufen.  | Bild: picture-alliance/dpa

In Verhaltensstudien beobachten Forscher weltweit kuriose Zusammenhänge: Menschen handeln in vielen Bereichen moralisch vorbildlich - und in anderen Bereichen dafür umso weniger. Sie ernähren sich zum Beispiel ökologisch korrekt, sammeln Altglas, trennen Müll und fahren dann doch jede Strecke mit dem Auto. Die vermeintlich guten Taten sollen scheinbar das Fehlverhalten rechtfertigen. Das kann in unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten und sogar die Vorurteilsbildung in Gruppen betreffen.

Moralisches Bankkonto gegen schlechtes Gewissen

Ist es die Suche nach Anerkennung, wenn man sich gut verhält, und holt man sich dadurch die Erlaubnis, unmoralisch zu handeln? Der Sozialpsychologe Dr. Mario Gollwitzer, Professor für Sozialpsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), vergleicht dieses Phänomen mit einem moralischen Bankkonto.

"Moral ist so eine Art Bankkonto für viele Leute: Wenn man etwas Gutes getan hat, kann man es sich leisten, in einer nachfolgenden Situation etwas zu tun, was nicht mehr ganz so gut ist. Weil man hat ja ein Guthaben, und das Guthaben kann man abarbeiten."

Professor Mario Gollwitzer, LMU München

Moral Licensing - die unbewusste Ausgleichszahlung

Ist das moralische Bankkonto ausgeglichen, fühlt man sich frei von Schuldgefühlen.

Mit "Moral Licensing", eine Art moralischer Lizenzierung, wird eine unbewusste Ausgleichszahlung beschrieben, die davon ausgeht, dass Menschen mit selbstlosen und vorbildhaften Taten auf ihrem moralischen Bankkonto ein Guthaben ansammeln. Im nächsten Schritt wird dieses Guthaben gegen tadelnswerte und unmoralische Verhaltensweisen verwendet. Doch wenn sich das Konto gegen Null nähert, dann muss ein Ausgleich stattfinden, sonst würde sich das schlechte Gewissen melden. Den moralischen Freifahrtschein, die innere Erlaubnis sich daneben benehmen zu dürfen, beschreibt das Konzept des Moral Licensing. Studien haben gezeigt, dass besonders hohe moralische Maßstäbe zu einem überhöhten Selbstbild führen können. Mit der Folge, dass sich bei Betroffenen das schlechte Gewissen noch seltener meldet, wenn sie unmoralisch handeln.

Moralisches Gruppenkonto als Rechtfertigung

Wird das Konzept Moral Licensing auf Gruppen angewendet, beobachten Psychologen, wie innerhalb einer Gruppe bestimmte Werte und Normen verändern können. Je nachdem, inwieweit sich Mitglieder mit ihrer Gruppe identifizieren, holen sie sich ihre Erlaubnis für ihr unmoralisches Verhalten. Und das sogar ohne vorher mit einer guten Tat auf das Gruppenkonto einzuzahlen. Das moralische Gruppenkonto wird dann von allen Mitgliedern benutzt, stellte Diplompsychologogin Dr. Alexa Weis in ihren Studien fest.

"Wenn ich mich besonders stark mit dieser Gruppe verbunden fühle, dann kann es durchaus sein, dass ich gar nicht selber etwas Positives machen muss, sondern nur andere Gruppenmitglieder. Und das wird dann auch darauf zurückgeführt, dass ich über diese Identifikation mit dieser Gruppe auch so eine gewisse Glaubwürdigkeit erhalte oder verliehen bekomme. Also: Unsere Gruppe diskriminiert ja nicht, also kann ich diesen Vorurteilen freien Lauf lassen."

 Dr. Alexa Weiss, Social Cognition Center, Köln

Schon kleine Kinder können zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Schon kleine Kinder wissen sehr genau, was man darf und was nicht, beobachtete die Soziologin Gertrud Nummer-Winkler vom Max-Planck-Institut in München. Sie erforschte die Moralentwicklung bereits bei Vierjährigen. Doch zu wissen, was moralisch korrektes Verhalten ist, und was nicht, das führt nicht automatisch zum Handeln. Zudem entwickelt sich jeder Mensch unterschiedlich. Manche Menschen erwerben nie eine moralische Motivation oder machen im Laufe ihres Lebens sogar Rückschritte.

Eigenes Handeln reflektieren

Doch kann der Mensch in einer unübersichtlichen, globalisierten Welt überhaupt immer gerecht handeln und die Balance zwischen gutem und schlechtem Verhalten aufrecht halten? Laut der Moral-Licensing-Forschung ist es fast nicht möglich, sich immer moralisch korrekt zu verhalten. Wichtig ist aber, sein eigenes Handeln zu reflektieren.

"Denn es hat auch ein bisschen was Menschliches zu sagen: Wir müssen nicht perfekt sein, um gut zu sein. Aber wir müssen uns bewusst sein, darauf zu achten, dass wir verantwortlich handeln!"

Professor Jochen Sautermeister, Moraltheologe in Bonn und München

  • Die Frage nach dem Gewissen: radioWissen am 7.11.2018 um 15.05 Uhr

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