Wissen


61

Brüder Montgolfier Himmelsstürmer im Heißluftballon

Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit selbst. Doch erst den Brüdern Montgolfier gelang es, Menschen in die Lüfte zu heben. Mit ihrer Erfindung des Heißluftballons begann das Zeitalter der Luftfahrt.

Stand: 16.10.2014 | Archiv

Montgolfier-Heißluftballon | Bild: SWR, BR

Die Brüder Montgolfier Etienne und Joseph Montgolfier arbeiteten als Papierfabrikanten im elterlichen Betrieb. Ihre Leidenschaft galt jedoch den Naturwissenschaften. Während Etienne als fleißig und verbindlich galt, war Joseph ein vergesslicher Träumer. Sein Interesse wurde nur geweckt, wenn es um Experimente und Erfindungen ging.

Eine heiße Idee

Michel Joseph de Montgolfier

Die Initialzündung für einen Heißluftballon kam deshalb wohl von Joseph - angeblich, als er vor einem Kamin saß und den Funkenflug beobachtete. Dabei fiel ihm auf, wie sich ein Unterrock seiner Frau, der zum Trocknen über dem Ofen hing, unter dem Zustrom der heißen Luft in die Höhe bauschte. Am 4. Juni 1783 zeigten sie ihre Erfindung erstmals der Öffentlichkeit. In Annonay, nahe Lyon, breiteten sie die "35 Schuh" lange Hülle aus Leinwand und Papier aus, Joseph entzündete die unter der Öffnung liegenden zehn Ballen Stroh und Wolle. Der Ballon stieg auf, erreichte eine Höhe von 1.000 Metern und blieb ganze zehn Minuten am Himmel.

Der Irrtum

Die Brüder glaubten, dies wäre dem Gas "Phlogiston" zu verdanken, das freigesetzt wird, wenn man einen festen Körper verbrennt. Sie mischten ihren Versuchen extra nasse Wolle bei, damit es ordentlich qualmte. Sie meinten, die Menge des Rauches wäre entscheidend. Heute weiß man, dass es viel einfacher ist: Die erwärmte Luft bringt den Ballon zum Steigen, weil sie leichter ist als kalte.

Ein Konkurrent taucht auf

Die Charlière wird zum Startplatz transportiert.

In Paris konnte man es nicht ertragen, dass ein Provinznest solche Erfindungen zutage brachte. Daher wurde der Physikprofessor Jacques Alexandre César Charles ins Rennen geschickt. Am 27. August 1783 hob sich in Paris sein mit Wasserstoff gefüllter Ballon in die Luft. Er blieb 45 Minuten in der Luft und kam 24 Kilometer weit. Der Wettlauf zwischen den Montgolfiers und Charles hatte begonnen. Was ist besser, der Heißluftballon - Montgolfière genannt - oder der Gasballon Charlière? Aus heutiger Sicht der Gasballon, bei ihm musste man nicht nachfeuern.

Die Taktik

Die ersten Luftfahrt-Passagiere: Hammel, Ente und Hahn

Den Brüdern Montgolfier war damals klar: Sie mussten mehr bieten als Charles. Sie fertigten ein blaues Prachtexemplar, verziert mit goldenen Ranken und Symbolen, 17 Meter hoch, 12 Meter Durchmesser. Dieser Schmuckballon sollte am Pariser Königshof steigen. Außerdem setzten sie zum ersten Mal Lebewesen in den Korb: einen Hammel, eine Ente und einen Hahn. Sie sollten erkunden, welche Gefahren die luftige Höhe birgt. Das tierische Trio startete am 19. September 1783 und landete wohlbehalten wieder auf der Erde.

Menschen an Bord

Die ersten fliegenden Menschen

Jetzt sollten auch Menschen in den Genuss des Fliegens kommen. Doch Vater Montgolfier verbot es seinen Söhnen. Zum Zuge kam der Physiker Jean-François Pilâtre de Rozier am 21. November 1783. Der erste bemannte Ballon war eine 20 Meter hohe Montgolfière mit 14 Metern Durchmesser. Nach 25 Minuten Flug landete auch er wieder sicher.

Neue Rekorde

Wieder setzte Professor Charles an, die Montgolfiers zu übertreffen: Am 1. Dezember 1783 blieb er mit seinem Gasballon zwei Stunden in der Luft, flog 36 Kilometer weit und sogar 3.000 Meter hoch. Der Ballon wurde zum Symbol des Zeitalters vor der Französischen Revolution, in dem die Menschen sich danach sehnten, sich im Namen von Wissenschaft, Vernunft und Aufklärung aus den Fesseln der Tradition zu befreien und die Welt neu zu begreifen.

Größenwahn und Rückzug

Die heiße Luft im Ballon dehnt sich aus und treibt ihn nach oben.

Nach Charles' Erfolg mussten die Montgolfiers wieder nachlegen: Sie bauten die größte Montgolfière, die es je gab. Sie stieg im Januar 1784 mit sieben Menschen an Bord auf - hoffnungslos überladen: Sie blieb nur zwölf Minuten in der Luft. Die Montgolfiers mussten einsehen: Technisch war die Charlière einfach besser. Doch dies war nicht der einzige Grund, warum sie sich zurückzogen: Die Begleiterscheinungen des Ruhms waren ihnen zu lästig. Sie bekamen zwar Adelstitel, aber unterschiedlich hohe finanzielle Aufwendungen. Das war ungerecht und für sie ein Grund mehr, sich wieder der Papierfabrikation zu widmen. In Europa und Nordamerika brach derweil das Ballonfieber aus: Hüte und Röcke der Damen wurden ballonförmig, sogar die Frisuren. Auf Jahrmärkten wurden Miniballons zum Selbstfüllen verkauft, immer mehr professionelle Ballonfahrer sorgten für spektakuläre Effekte und boten öffentliche Aufstiege an.

Das erste Opfer der Luftfahrt

Einen ersten Dämpfer gab es am 15. Juli 1785: Pilâtre de Rozier versuchte, den Ärmelkanal mit einem neuen Ballontyp zu überqueren - einer gefährlichen Mischung aus Gas- und Heißluftballon. Das Gefährt entzündete sich und stürzte ab, der Fahrer starb. Der Ballon wurde immer mehr zur bloßen Jahrmarktsattraktion. Im 19. Jahrhundert erlebte er eine kurze Renaissance: Wissenschaftler untersuchten mit Ballons die Atmosphäre. Dann jedoch suchte man andere Wege, die Luft zu erobern.


61