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Meditation, Trance, Hypnose, Schlaf Zwischen Wachen und Schlafen

Wir wissen, was es bedeutet, wach zu sein oder zu schlafen. Diese beiden Bewusstseinszustände durchleben wir jeden Tag aufs Neue. Was viele nicht so genau kennen: Meditation, Trance und Hypnose. Das sind Zustände dazwischen, die eigenen Gesetzen folgen, was sich auch im Gehirn zeigt.

Von: Veronika Bräse

Stand: 27.03.2018

Trance, Meditation, Hypnose: Das klingt nach Hokuspokus. Aber hätten Sie gewusst, dass Sie selbst in einen solchen Zustand verfallen - etwa beim Lesen oder im Kino?

"Leichte Trancezustände erlebt man zum Beispiel, wenn man einen guten Roman liest und sich während des Lesens gar nicht mehr des Buches bewusst ist. Oder wenn man im Kino sitzt, sich einen Film anschaut und das Kino um sich herum vergisst. Das ist ein Zustand, in dem man sehr fokussiert, sehr konzentriert ist und die Außenreize gar nicht mehr scharf wahrnimmt. So etwas Ähnliches passiert auch in Hypnose."

Matthias Nörtemann, Hypnotherapeut und Psychiater am Klinikum Harlaching

Verschiedene Bewusstseinszustände

Meditation

Meditation ist eine spirituelle Praxis, die in vielen Religionen und Kulturen ausgeübt wird. Beim Yoga beispielsweise ist das Ziel, besonders achtsam mit sich und dem eigenen Atemrhythmus umzugehen. Achtsamkeitsübungen wenden auch Mediziner an, um insbesondere depressiven Patienten zu helfen.

Trance

Trance ist ein sehr entspannter Zustand bei gleichzeitiger Konzentration auf einen Vorgang. Das Ichbewusstsein ist dabei stark eingeschränkt. Musik, Trommeln oder immer gleiche Bewegungen können in eine Trance münden. Die Menschen sind dann nicht mehr ansprechbar und scheinen entrückt zu sein.

Hypnose

Die medizinische Hypnose nutzen Ärzte zu unterschiedlichen Zwecken. Sie suggerieren ihren Patienten innere Bilder, die zum Beispiel eine Spritze beim Zahnarzt überflüssig macht. Sogar manche Operationen finden ohne Vollnarkose, aber in Hypnose statt. Auch das Rauchen oder Angszustände lassen sich mit der Kraft der inneren Bilder beeinflusssen.

Schlaf

Der Schlaf dient in erster Linie der Regeneration von Körper und Geist. Lebewesen können ohne Schlaf nicht existieren. Moderne Gesellschaften sind darauf aus, die Schlafenszeiten möglichst kurz und effizient zu gestalten. Vor der Industrialisierung war es noch üblich, in Etappen zu schlafen und - vor allem im Winter - viel Zeit im Bett zu verbringen.

Der Schlaf in der Gehirnforschung

Bildgebende Verfahren in der Hirnforschung

In jedem Bewusstseinszustand gehen im Gehirn andere Prozesse vor sich. Aber nie ist das Gehirn ganz im Ruhemodus. Selbst im Tiefschlaf zeigen sich noch Regungen in Form sogenannter Deltawellen. Allerdings reduziert das Gehirn im Schlaf seine Aktivität deutlich: Reize von außen blendet das Gehirn nachts weitgehend aus.

"Wenn Sie mit der Technik der transkraniellen Magnetstimulation einen Reiz setzen und die Fortpflanzung des Reizes im Wachen vergleichen mit dem im Schlaf, dann stellen Sie fest, dass im Wachen eine schnelle Reizausbreitung über das gesamte Gehirn stattfindet, während dieser Reiz im Tiefschlaf förmlich versandet und nach wenigen Zentimetern gar nicht mehr weitergereicht wird."

Philipp Sämann, Oberarzt am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München   

Die Meditation in der Gehirnforschung

Gehirn während der Meditation

Der mediative Zustand ist zwar ruhig, aber doch nicht mit dem Schlaf zu vergleichen, weil das Gehirn auf etwas konzentriert und man bei Bewusstsein ist. Er lässt sich durch Atemmeditation, Suggestionen oder Yoga-Übungen erreichen. Während einer Meditation lassen sich im EEG, das die elektrische Aktivität des Gehirns misst, andere Wellen sehen als im Traum oder Tiefschlaf.

"Bei der Meditation treten Gamma-Wellen auf. Wenn jemand regelmäßig meditiert, wie zum Beispiel buddhistische Mönche oder wenn jemand Achtsamkeit therapeutisch regelmäßig anwendet, kann man sogar in der Gehirnstruktur Veränderungen nachweisen. Das heißt, wichtige Hirnregionen wie der Hippocampus, die Insel oder das Stirnhirnhirn nehmen zu."

Martin Keck, Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München

Meditation macht schlau und belastbar

Vor allem die Dichte der Nervenzellen nimmt durchs Meditieren zu, was das Lernen erleichtert. Auch das Gedächtnis vergrößert sich und die Fähigkeit, Stress abzubauen und Gefühle zu regulieren. Mediziner nutzen die Meditation deshalb auch als Therapieform. Depressive Patienten lernen bei der "Mindfulness based cognitive therapy" (MBCT) Entspannung und Achtsamkeit. Dazu gehört, konzentriert bei einer Sache zu bleiben, störende Gedanken wahrzunehmen, aber nicht zu bewerten.

Meditation und Trance bei Yoga-Übungen

"Wir denken im Stress ja oft, wir haben keine Wahl mehr und müssten das jetzt so machen. Durch Yoga erreichen wir mehr innere Freiheit und die übertrage ich mit der Zeit in den Alltag. Ich gehe aus so einer Stunde raus, und es ist so eine Art Leichtigkeit, aber auch entspannte Gelassenheit, die ich eher im Nachhinein spüre."

Andrea Zach, Yoga-Lehrerin aus Gräfelfing bei München

Die hypnotische Trance in der Medizin

Ein anderer Bewusstseinszustand ist die sogenannte Trance. Auch da konzentriert sich der Geist auf eine Sache, aber anders als bei der Meditation zeigen sich in bildgebenden Verfahren langsame, flache Wellen, also Theta- und Deltawellen. Das heißt, bei der Trance spielen Entspannung und Ruhe eine größere Rolle als bei der Meditation. Chirurgen vertrauen auf diesen Zustand so sehr, dass sie sogar Operationen unter Hypnose durchführen - ohne Vollnarkose.

Hirnschrittmacher-Operation unter Hypnose

Bei Parkinson-Patienten wird nur die Stelle lokal betäubt, wo die Schädeldecke aufgebohrt werden muss, um Elektroden für einen Hirnschrittmacher einzusetzen. Ein Hypnotherapeut spricht mit ruhigen Worten zum Patienten, um ihn in hypnotische Trance zu versetzen. Also in einen Zustand, in dem er noch ansprechbar bleibt, um den Hirnschrittmacher noch auf dem OP-Tisch optimal einzustellen, aber doch so entspannt und abwesend, dass nichts weh tut. Betäubungsmittel stehen zwar für den Fall der Fälle bereit, werden aber nicht gebraucht, solange die hypnotische Trance anhält.

Hirnoperation in medizinischer Hypnose ohne Vollnarkose

"Der Klassiker ist, wenn man den Schädel aufbohrt, dass man dann in der Fantasie des Patienten einen Hubschrauber landen lässt. Oder wenn es feucht wird, weil man die Sterilisation durchführt, dann schwimmt man gerade in Gedanken auf dem Wasser."

Rupert Reichart, Neurochirurg und Hypnotherapeut in Jena 

Hirntumore in Hypnose operieren

Ähnliche Erfahrungen mit Operationen in Hypnose gibt es an der Uniklinik Regensburg, wo es sogar ein Institut für klinische Hypnose gibt. Dort werden Hirntumore unter Hypnose entfernt. Patienten sollen während der Operation ansprechbar bleiben, wenn der Eingriff etwa in der Nähe des Sprachzentrums erfolgt. So merken Chirurgen, wenn sich die Sprechfähigkeit verschlechtert und können sofort gegensteuern.

Trance durch Musik, Gebet oder Atemtechniken

Auch Musiker kennen Trance-Zustände. Auf einmal scheinen die Finger quasi automatisch über die Tasten zu fliegen. In solchen magischen Momenten, in denen alles Musik oder Kunst ist, verschwimmen Raum und Zeit. Ähnliche Erfahrungen machen gläubige Menschen im Gebet. Sie sind für Augenblicke dem Alltag entrückt und fühlen sich eins mit Gott oder dem Kosmos.

Tanz und Trance auf Bali

"Trance ist ein Grenzzustand zwischen dem Realen und dem, was bereits in eine höhere Sphäre verweist. Wenn man sich Liturgien anguckt von religiösen Handlungen, Aberglauben, und viele andere Aspekte von Religionsausübung, spielt Trance eine ganz große Rolle."

Philipp Osten, Historiker Universität Hamburg

In anderen Kulturen, beispielsweise auf Bali, gibt es Trance-Tänze. Durch Trommel-Rhythmen und auch durch bestimmte Atemtechniken, wie zum Beispiel Hyperventilation, geraten Tänzer in Ekstase. Sie scheinen eins zu sein mit Musik und Bewegung. Auch Schamanen pflegen Ekstase-Techniken, die sie in einen außergewöhnlichen mentalen Zustand versetzt.

Ideal ständiger Aktivität

In unserer westlichen Welt hat sich seit der Industrialisierung das Ideal des Wachseins entwickelt. Die Moderne braucht aktive, rege und multi-tasking-fähige Leistungsträger, die selbst den Schlaf abkürzen und effizient gestalten, um möglichst immer ansprechbar zu sein.

Schlaf zur Regeneration von Körper und Geist

"Wer zu viel schläft, steht unter dem Verdacht des Müßiggangs. Denn wenn wir schlafen, kommunizieren wir nicht und produzieren nicht. Das heißt, der Schlaf ist noch der einzige nicht kapitalisierbare Rest unseres Daseins."

Arndt Brendecke, Historiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Andererseits halten fernöstliche Traditionen wie Achtsamkeits- oder Ruhemeditationen in der westlichen Welt Einzug. Viele machen Taichi, Qigong oder Yoga. Oder sie entdecken ihre Religiösität wieder. Wir suchen Ausgleich und Entspannung, weil der menschliche Geist mehr braucht als sich in einen getakteten Alltag einzufügen.


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