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Mars-Simulation auf Hawaii Ein Jahr als Sardine

Ein Jahr lang haben drei Frauen und drei Männer das Leben auf dem Mars geprobt - in einer simulierten Raumstation auf Hawaii. Mit dabei war auch die deutsche Geophysikerin Christiane Heinicke.

Stand: 29.08.2016

Christiane Heinicke im Raumanzug während der simulierten Mars-Mission auf Hawaii | Bild: dpa-Bildfunk

Ihren Mietvertrag hatte sie gekündigt, ihre Sachen auf dem Dachboden ihrer Eltern in Bitterfeld, Sachsen-Anhalt, verstaut. Am 28. August 2015 bezog die Physikerin Christiane Heinicke als erste Deutsche eine rund hundert Quadratmeter große, nachgebaute Marsstation auf Hawaii. Ein ganzes Jahr lang hat sie dort zusammen mit fünf Mitstreitern ein Raumfahrer-Leben wie auf dem Roten Planeten simuliert.

"Willkommen zurück auf der Erde!"

Am 28. August 2016 verlassen die sechs Forscher ihre "Mars"-Station auf Hawaii.

Am 28. August 2016 traten die sechs Forscher wieder aus ihrem kleinen Domizil - ohne Raumanzüge, die sie 365 Tage lang jedes Mal tragen mussten, wenn sie ins Freie gingen. Kollegen begrüßten sie mit "Willkommen zurück auf der Erde". Nach vielen Umarmungen gab es erst einmal etwas Frisches zu essen, vor allem Früchte und Gemüse, worauf sich Christiane Heinicke besonders gefreut hatte.

Mars auf den Mauna Loa verlegt

Simulierte Marsstation auf Hawaii

Die Nachbildung der Raumstation befindet sich am Fuße des Vulkans Mauna Loa, in einer Höhe von rund 2.500 Metern. In der rund sechs Meter hohen weißen Kuppel, betrieben nur mit Solarenergie, lebten die drei Männer und drei Frauen und führten wissenschaftliche Experimente durch. Für jeden gab es ein eigenes kleines Zimmer mit Bett und Schreibtisch. Zu essen nur Gefriergetrocknetes. Und nur acht Minuten duschen - pro Woche. Fernsehen gab es keines, Telefonate waren nicht möglich, die Kommunikation über Internet funktionierte nur zeitversetzt: E-Mails kamen mit einer Verzögerung von zwanzig Minuten an. Jeder Ausflug nach draußen wurde im Raumanzug zum Abenteuer.

Wasser auf dem Mars gewinnen

Jeder Teilnehmer hatte spezielle Forschungsaufgaben. Die Geophysikerin Christiane Heinicke war dafür zuständig, Wasser aus Lavagestein zu gewinnen. Das hat auch geklappt: "Man kann wirklich Wasser aus dem scheinbar trockenen Boden bekommen. Es würde auf dem Mars funktionieren", erzählte sie bei ihrer Rückkehr in die Zivilisation. Allerdings müsste man die Technik wohl doch noch etwas perfektionieren:

"Über das gesamte Jahr habe ich grob geschätzt hundert Liter aus einem Quadratmeter gewonnen. Es schmeckte furchtbar."

Christiane Heinicke

Am Ende habe sie mit dem Wasser nur noch die Tomatenzucht gegossen. Aber auch die war offenbar eine Enttäuschung für die Testraumfahrer: Zwanzig kleine Tomaten hätten sie in dem Jahr ernten können, mehr nicht. Deshalb freute sich Christiane Heinicke auch sehr auf frisches Obst und Gemüse.

Nie allein, auf engem Raum - aber dafür kein Stress

Rund um die Uhr wurde die Crew von Kameras beobachtet, ihre Schritte wurden gezählt, der Puls gemessen und der Schlaf überwacht.

"Wir sind schon wie Labormäuse."

Christiane Heinicke

Am meisten vermisst habe sie die Möglichkeit, eine längere Strecke frei geradeaus laufen zu können. Ihre "Mars"-Kuppel hatte nur einen Durchmesser von zwölf Metern. Was ihr nicht gefehlt hat: "Verkehrslärm, Staus, Handyklingeln, Einkaufen, Schlangestehen, Rechnungen." Heinicke schilderte das Experiment als sehr wirklichkeitsgetreu. Bis die Daten der einjährigen Weltraum-WG ausgewertet sind, wird wohl noch ein Jahr vergehen. Betrieben wird das Projekt "Hawaii Space Exploration Analog and Simulation" (HI-SEAS) von der Weltraumagentur NASA und der Universität Hawaii.

Wozu simuliert man die Mars-Missionen?

Christiane Heinicke auf "Mars"-Expedition

Dieser Testlauf war bereits die vierte Mission, die in der Station auf Hawaii stattfand, und war mit 365 Tagen die bislang längste dort. Zu ergründen, wie sich die Gruppendynamik in der Isolation über längere Zeit hinweg entwickelt und steuern lässt, ist wichtig: Eine Mission zum Mars und zurück würde wohl zwei bis drei Jahre dauern. Dann sollte das Team als solches funktionieren, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse und das Leben der einzelnen Mitglieder nicht zu gefährden.

"Wir wollen dabei mithelfen, die ersten Menschen auf den Mars zu bringen. Während jedem sofort einleuchtet, dass man dafür Raumfähren entwickeln muss und Marsstationen und Raumanzüge, unterschätzen viele, dass der wichtigste Faktor der Mensch ist."

Christiane Heinicke in ihrem Blog 'Leben auf dem Mars': www.scilogs.de/leben-auf-dem-mars

Und ganz reibungslos verlief die Gruppendynamik dann auch nicht in dem Jahr. Immer wieder habe es die gleichen Streitgespräche gegeben, erinnert sich Heinicke. Auch wenn es dabei weniger um alte Socken als um Gefahrensituationen und Experimente ging. Doch das Team habe sich auch immer wieder zusammengerauft.

Tipps für künftige Hawaii-Mars-Crews

Dieses Bild stammt nicht von Hawaii, sondern vom echten Mars. Rover Curiosity hat es geschossen.

Künftigen Crews rät Christiane Heinicke: "Bringt etwas Sinnvolles mit, woran ihr arbeiten könnt. Einer eurer größten Feinde ist Langeweile." Außerdem müssten die Teilnehmer bereit und in der Lage sein, sich auf die anderen einzustellen. "Wenn ihr dazu nicht fähig seid, solltet ihr nicht dabei sein." Heinicke würde auch zum echten Mars reisen, wenn sie die Gelegenheit dazu hätte. Aber nur dann, "wenn die Technik ausgereift ist, die richtigen Menschen dabei sind und es einen Rückflug zur Erde gibt". Vor dem Mars ist aber die ISS ihr nächstes Ziel: Sie hat sich bei einer privaten Initiative beworben, die die erste deutsche Frau auf die Internationale Raumstation bringen will.

Was Christiane Heinicke macht, wenn sie nicht auf dem "Mars" ist

Christiane Heinicke

Heinicke ist in Bitterfeld zur Schule gegangen und hat in Ilmenau und in Schweden studiert. Ihren Bachelor in angewandter Physik hat sie in Ilmenau gemacht, ihren Master in Geophysik in Uppsala. 2013 gewann Heinicke den Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft. Zuletzt forschte sie an der Aalto Universität in Finnland über Meereis.

Ergebnis des längsten Mars-Experiments: Mars macht müüüde

Das Mars-500-Experiment ist die bislang längste Marssimulation. Es wurde von Juni 2010 bis November 2011 von der europäischen Weltraumagentur ESA und der russischen Weltraumagentur Roskosmos nahe Moskau durchgeführt und dauerte 520 Tage. Während ihres Aufenthalts verbrachten die sechs Probe-Astronauten dann immer mehr Zeit mit Ausruhen und Schlafen. Die schlechte Beleuchtung und die Monotonie an Bord hatten ihren Schlaf-Wach-Rhythmus komplett durcheinander gewirbelt.


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