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Gedächtnis Kann man seinen Erinnerungen vertrauen?

Wenn wir etwas erlebt haben, dann erinnern wir uns daran. Manchmal sogar sehr genau. Oder doch nicht? Unsere Erinnerungen können trügen und oft merken wir das gar nicht. Ein Problem für Zeugenaussagen und Richter.

Von: Daniela Remus, Yvonne Maier

Stand: 09.08.2018

Symbolbild: Eine Frau denkt nach, erinnert sich an etwas. Darüber eine Denkblase.  | Bild: colourbox.com

Menschliche Erinnerungen sind ausgesprochen fehleranfällig und lückenhaft - auch wenn man das selbst kaum glauben mag. Für Profis ist das ein echtes Problem, zum Beispiel im Gerichtssaal. Kann man der Aussage eines Zeugen denn wirklich glauben?

Klar ist: Unser Gedächtnis funktioniert nicht wie eine Videokamera, sagt Svenja Haußner von der Stiftung Rehabilitation Hochschule (SRH) in Heidelberg.

"Wenn wir eine Erinnerung an ein Ereignis wiedergeben, dann reproduzieren wir. Wir rekonstruieren diese Erinnerung und bei diesem Rekonstruktionsprozess können Fehler passieren und das Gedächtnis versucht automatisch, Erinnerungslücken zu füllen."

Svenja Haußner, SRH Heidelberg

Erinnerung ist nicht die Realität

Die Folge ist, dass zum Beispiel Zeugen, selbst wenn sie ein Ereignis korrekt beschreiben wollen, manchmal etwas schildern, das nicht mit dem überein stimmt, was tatsächlich geschehen ist. Erinnern ist ein sozialer Prozess, der sich im Kontakt mit anderen Menschen formt und verändert. Mehrere Faktoren beeinflussen die Art und Weise, wie Erinnerungen in unserem Gehirn entstehen und sich verändern:

  • Zeit: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Wie oft habe ich selbst darüber nachgedacht? Es kann passieren, dass sich die Erinnerung in einer Art "stiller Post" im eigenen Kopf weiterentwickelt.
  • Alter und Persönlichkeit: Wie alt bin ich und wie war meine Stimmung zum Zeitpunkt des Ereignisses?
  • Betroffenheit: Habe ich das Geschehen aktiv miterlebt, oder war ich in Gedanken vertieft und habe nur einen Ausschnitt beobachten können?

"Knallzeugen" ergänzen die Erinnerung

Ein typisches Beispiel ist der sogenannte "Knallzeuge". Man hört einen Knall, während man beim Einkaufen ist. Blick auf die Straße - da stehen zwei verunfallte Autos. Wir neigen dazu, die Geschichte des Unfalls im Nachhinein so zu erzählen, als hätten wir den Zusammenprall selbst gesehen, obwohl das nicht stimmt. Das passiert unwillkürlich, keiner will dabei absichtlich lügen. Doch unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgerichtet, Geschichten sinnvoll zu ergänzen.

Wenn man persönlich von einem Ereignis betroffen ist, können mehrere Dinge passieren: Bei den einen brennt sich so eine Erfahrung sprichwörtlich ins Gehirn, man kann sich an außergewöhnlich viele Details erinnern. Der andere Fall tritt ein, wenn man traumatisiert wird. Durch den Einfluss von Stresshormonen kann es zu kompletten Blockaden kommen, eine langfristige Speicherung des Erlebten findet nicht statt.

Kinder sind besonders gefährdet

Es gibt Personengruppen, die besonders "suggestibel" sind, die also durch eine schlechte Fragetechnik eines Vernehmers ihre Erinnerung besonders verändern können, das sind zum Beispiel Kinder. Sie erleben eine Befragung wie eine Art Klassenarbeit, bei der man auch versagen kann, sagt Günter Köhnken von der Universität Kiel. Sie sagen dann lieber irgendetwas, als zuzugeben, dass sie etwas nicht wissen. Auch Erwachsenen kann so etwas passieren:

"Wenn der Vernehmungsbeamte ziemlich früh fragt: 'War der Täter eher groß oder eher klein?' - Aha, es geht um Größe und es gibt nur groß oder klein, und dann wird taktisch überlegt: Mittelgroß, da machst du nichts falsch."

Prof. Günter Köhnken, Rechtspsychologe, Universität Kiel

Erinnerung ist nicht linear

Im Alltag ist es ein Problem, dass Erinnerungen selten so wiedergegeben werden, wie wir uns vorstellen, dass eine Wahrheit erzählt werden müsste. Experten von der Polizei und bei Gericht wissen das: Etwa das Durcheinander einer Schilderung, manche scheinbaren Widersprüche, Unterbrechungen im Erzählfluss oder das Einfügen von Komplikationen in eine Geschichte sind ganz normal.

Wer absichtlich lügt, der reduziert seine Geschichte dagegen häufig auf das Wesentliche, verzichtet auf Ausschmückungen, weil man bei einer Wiederholung ja nichts vergessen will.

Eingeimpfte Erinnerungen

Es gibt auch Erinnerungen, die Menschen absichtlich oder unabsichtlich eingepflanzt werden. "Scheinerinnerung" nennen das die Experten. Im harmlosesten Fall baut man Dinge, die einem die Eltern aus der Kindheit erzählen, in seine eigene Erinnerung ein, obwohl man sich ursprünglich nicht daran erinnern konnte.

Katastrophal kann das werden, wenn zum Beispiel schlecht geschulte Therapeuten oder Betreuer anderen Menschen oder gar Kindern Erinnerungen einreden, die so nie passiert sind. So etwas ist schon mehrmals im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch passiert. In den 1990er-Jahren kam es zu einem spektakulären Gerichtsprozess, dem "Wormser Prozess", bei dem 25 Menschen vorgeworfen wurde, sie hätten über Jahre Kinder missbraucht. Nach vier Jahren endete der Prozess mit Freisprüchen für die sechs Angeklagten. Die Erinnerungen der Kinder waren Scheinerinnerungen, hervorgerufen durch die laienhafte Befragung der nicht geschulten Mitarbeiter eines Vereins, der sich für missbauchte Kinder einsetzt.

Das Problem bei solchen Scheinerinnerungen: Irgendwann kann unser Gehirn nicht mehr unterscheiden zwischen echter und unechter Erinnerung. Das bedeutet: Obwohl zum Beispiel ein Gericht belegen kann, dass das Ereignis nicht passiert ist, fühlt es sich im Kopf so real an, wie jede andere Erinnerung.


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