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Luchs in Bayern Heimkehrer auf leisen Pfoten

Lange galt er in Bayern als ausgestorben, nun ist er auf leisen Pfoten zurückgekommen: der Luchs. Die scheue Großkatze schleicht wieder durch so manchen Wald und tappst regelmäßig in Fotofallen.

Von: Anne-Kathrin Gebert

Stand: 18.12.2018

Jahrhundertelang hatte der Mensch die Großkatze gnadenlos verfolgt. Er fürchtete und tötete sie wegen ihrer vermeintlichen Gefährlichkeit - obwohl es keinen belegten Fall dafür gibt, dass ein Luchs jemals einen Menschen angegriffen hätte.

Der Luchs - gefürchtet, gehasst, verfolgt

Das Aus für das Raubtier kam im 19. Jahrhundert. Durch intensive Jagd war der Rehbestand im Bayerischen Wald stark dezimiert, das Rotwild ganz ausgerottet. Das bedeutete für den Luchs akute Nahrungsknappheit, er begann Nutztiere zu reißen und wurde zum Nahrungskonkurrenten des Menschen. 1846 fiel bei Zwiesel der Schuss auf den letzten Luchs des Bayerischen Waldes, 1897 wurde der letzte seiner Art in den bayerischen Alpen erlegt, nur wenige Jahre, nachdem auch Wolf und Bär in Deutschland ausgerottet worden waren.

Überlebensinseln für den Luchs

Eine letzte Zuflucht fand der Luchs in Skandinavien und im Osten Europas. Seit den 1970er-Jahren wird er auch in Mitteleuropa wieder eingebürgert. Aus einigen im Schweizer Jura und in den Schweizer Nordwestalpen eingesetzten Luchspaaren entstanden große Populationen in der Schweiz und in Frankreich. Im tschechischen Böhmerwald wurden 17 Tiere ausgesetzt, die zunächst sehr erfolgreich eine neue Luchs-Population gründeten. Und von dort kam der Luchs auch wieder heim nach Bayern: Der Weg über die tschechische Grenze war für ihn "ein Katzensprung".

Luchs-Spuren in Bayern

Anderthalb Jahrhunderte nach seiner Ausrottung streift das Pinselohr jetzt wieder durch den Bayerischen Wald und den Böhmerwald. Auch im Fichtelgebirge und im Nürnberger Reichswald wurden Spuren der großen Wildkatze gefunden. Luchse legen allerdings bei ihrer Suche nach einem eigenen Revier oft lange Wege zurück. Bei den Spuren muss daher immer geklärt werden, ob sich die Luchse richtig angesiedelt haben oder die Region nur auf ihren weiten Streifzügen passiert haben. Doch zumindest im ostbayerischen Grenzraum ist der Luchs inzwischen wieder zuhause. Anderswo treten eher einzelne Tiere auf, wirklich etabliert hat sich der Luchs dort nicht.

Über fünzig Tiere werden inzwischen jährlich im Monitoring in Ostbayern gezählt. Im Luchsjahr 2017 (gerechnet von Mai 2017 bis April 2018) waren es sogar fast siebzig Tiere. Etwa die Hälfte der Tiere sind dabei keine "reinen Bayern", sondern Grenzgänger, die zwischen Bayern, Böhmen und Oberösterreich unterwegs sind und sich nicht einer festen Region zuordnen lassen. "Trans-Lynx" heißt daher das deutsch-tschechische Monitoring-Projekt, dass den Luchs im Grenzgebiet im Visier behält. Allein im Gebiet der beiden Nationalparks Bayerischer Wald und im tschechischen Šumava wurden zuletzt rund dreißig Tiere gezählt. Das sind doppelt so viele wie zu Beginn des Monitorings im Jahr 2009.

Ob es damit aber langsam aufwärts geht mit dem Luchs, gilt es abzuwarten, denn generell stagniert die Zahl der Luchse bei uns eher. Er steht weiterhin auf der Roten Liste Deutschlands und gilt in Bayern als vom Aussterben bedroht.

"Trotz jährlich nachgewiesenem Nachwuchs zeigt der Gesamtbestand des Luchses in Deutschland seit Jahren leider kaum Zuwachs. Auffällig ist vor allem, dass über das Kernvorkommen im Bayerischen Wald hinaus trotz zahlreicher prinzipiell für den Luchs geeigneter Lebensräume, keine weitere Ausbreitung zu verzeichnen ist. Vor allem durch den Straßenverkehr ist die Art gefährdet. Aber auch illegale Tötungen und Krankheiten stellten in den vergangenen Jahren ein Problem für den Luchs dar."

Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz

Warum werden es nicht deutlich mehr Luchse?

Der Bayerische Jagdverband unterstützt das Luchsprojekt im Bayerischen Wald seit Langem. Töten Jäger ein ganzjährig geschontes Wild wie den Luchs, drohen ihnen Jagdscheinentzug, Geld- oder sogar Freiheitsstrafen. Luchse laufen Gefahr, von Autos überfahren zu werden, wenn sie auf ihren weiten nächtlichen Wanderungen Straßen überqueren. Auch die Jungensterblichkeit ist bei Luchsen hoch. Trotzdem erklärt das nicht, warum die Luchspopulation seit Jahren nicht wirklich wächst.

WWF-Studie: Wilderei macht Luchs-Population zu schaffen

"In den vergangenen Jahren wurde laut einer Studie jeder fünfte Luchs im Bayerischen Wald illegal getötet“, sagt Diana Pretzell, Leiterin Naturschutz Deutschland vom WWF. Pretzell spricht dabei von der Studie, die der WWF, die Universität Freiburg und das Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin im Juni 2018 veröffentlicht haben. Demnach wird der Luchsbestand im Grenzgebiet von Deutschland, Tschechien und Österreich stark von der illegalen Jagd beeinflusst: Ab 1998 seien 15 bis 20 Prozent der Luchse auf bisher unerklärliche Weise zu Tode gekommen. Diese Fälle schreibt die Studie der Wilderei zu. Der WWF klagt in diesem Zusammenhang darüber, dass es von öffentlicher Seite kein großes Interesse gebe, angezeigte Wilderei-Fälle aufzuklären.

Luchsforschung per Kamera

Luchsforschung per Kamera: Luchs tappt in eine Fotofalle im Bayerischen Wald

Im Bayerischen Wald versuchen Wissenschaftler, mehr über die Lebensweise der scheuen Räuber herauszufinden. Fotofallen warten auf den Räuber: Ein Bewegungsmelder mit Wärmesensor stellt fest, wenn sich ein luchsgroßes Tier vor dem Sucher befindet. Anhand der Fotos lässt sich die Anzahl der Einzeltiere feststellen, denn ihre Fellzeichnung ist so individuell wie ein Fingerabdruck.

Internationales Mittagsnickerchen

Ob Bayern oder Schweden, Sommer oder Winter: Das Mittagspäuschen lässt sich ein Luchs nicht nehmen.

Ein internationales Forscherteam mit Experten von der Universität München, aus dem Bayerischen Wald, aus Schweden, Norwegen und Polen hat im Dezember 2014 GPS-Daten der Luchse aus dem Bayerischen Wald und Skandinavien ausgewertet. Sie konzentrierten sich auf den Zeitraum 2005 bis 2011 und stellten fest: Egal, ob in Bayern oder in den Polargebieten, ob Sommer oder Winter: Um die Mittagszeit legen Luchse eine Pause ein. Die Aktivität der Raubkatzen sei hauptsächlich vom Rhythmus ihrer Beutetiere abhängig, erklärte Marco Heurich vom Nationalpark Bayerischer Wald, der dem Team angehörte. Die Männchen sind außerdem deutlich aktiver als die Weibchen, die sich neben der Jagd um die Jungen kümmern. Im Durchschnitt sind die Streifgebiete der Männchen dreimal größer als die der Weibchen: Im Bayerischen Wald sind es durchschnittlich rund 430 Quadratkilometer, bei den Weibchen rund 122 Quadratkilometer.

  • Mehr Luchse im Bayerischen Wald. Abendschau - der Süden, 18.12.2018 um 17.30 Uhr, BR Fernsehen
  • Tier im Visier - Hinterhalt im Luchsrevier. Bayern erleben, 24.09.2018 um 21.00 Uhr, BR Fernsehen
  • Luchs schützen: Was muss geschehen, um dem Luchs wirkungsvoll zu helfen? 25.05.2018 um 10.05 Uhr, Bayern 2
  • Der Böhmerwald - eine Wildnis mitten in Europa: am 25.12.2017 um 17.45 Uhr, BR Fernsehen
  • Auf leisen Sohlen - der Luchs: am 29. Juli 2017 um 10 Uhr in "Welt der Tiere", BR Fernsehen
  • Luchs - Schleicher mit Pinselohren: am 5. April 2017 um 14.30 Uhr in "Felix und die wilden Tiere", ARD alpha
  • Der Luchs: am 17. März 2016 um 14.15 Uhr in "Tiere der Heimat", ARD alpha
  • Rückkehr der großen Raubtiere - Luchs, Wolf, Bär: am 4. Oktober 2010 um 19 Uhr, BR Fernsehen

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