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Lichtverschmutzung Immer mehr Licht stört die Dunkelheit der Nacht

Wenn Sie abends hochschauen, sehen Sie kaum noch einen sternenübersäten Himmel. Lichtverschmutzung lässt die stockdunkle Nacht selten werden. Lichtsmog stört die Finsternis und ganze Ökosysteme - und macht auch uns Menschen krank.

Stand: 26.04.2019

Satellitenaufnahmen von der Erde zeigen nachts ein strahlendes Lichtermeer. Wer jedoch von unten nach oben schaut, sieht oft: nichts. Die Sternenschau vergällen uns Straßenbeleuchtungen, Strahler, die Gebäude und Gärten ins rechte Licht rücken sollen, und leuchtende Werbeschilder. Ende des 19. Jahrhunderts zog die elektrische Beleuchtung in die Städte Europas ein.

München bei Nacht

Ein Jahrhundert später kam die Ernüchterung: Die ersten Warnungen vor Lichtverschmutzung erklangen. Inzwischen leuchten unsere Städte zum Teil 4.000-mal heller als das natürliche Nachtlicht. Doch es wird immer deutlicher, dass es Folgen für Mensch und Tier hat, wenn die Nacht zum Tag wird.

Lichtverschmutzung schadet der Gesundheit

Zuviel Kunstlicht kann auf Dauer krank machen, sagen Schlafforscher. Insbesondere das blaue, kalte Licht der LEDs von Leuchtreklamen und moderner Straßenbeleuchtung, aber auch von Fernsehern, Handys oder Laptops wirkt auf uns wie Tageslicht und hält uns wach. Denn nur in Dunkelheit produziert unser Körper das Schlafhormon Melatonin. Ohne Dunkelheit leben wir gegen unsere innere Uhr und schlafen zu wenig. Wir können uns nicht ausreichend erholen, unsere Zellen sich nicht genügend regenerieren. Zuviel Licht in der Nacht kann auf Dauer chronische Schlafstörungen auslösen.

Lichtverschmutzung bringt die Natur aus dem Gleichgeweicht

Wie der Mensch leiden auch andere tagaktive Organismen unter den zu hellen Nächten, weil sie sich nicht mehr richtig regenerieren können. Unsere künstliche Beleuchtung stört damit ganze Ökosysteme. Nachtaktive Vögel und Insekten werden in ihrem Rhythmus oder bei der Orientierung gestört. Die künstliche Beleuchtung ist damit ein Puzzlestein der komplexen Problematik von Vogelsterben und Insektensterben. Auch auf andere Tiere hat die Lichtverschmutzung teils verheerende Wirkung:

Wenn Tieren die Nacht geraubt wird

Totentanz-Laternen

Straßenlaternen haben einen tödlichen "Staubsaugereffekt": Motten umkreisen das Licht - und kommen von einer Straßenlaterne nicht mehr weg. Eigentlich ist es das Mondlicht, das die Nachtfalter anzieht, weil ihnen der Mond Orientierung gibt. Das Kunstlicht umkreisen die Falter buchstäblich bis zur Erschöpfung - bis zum Tod. Eine einzige Straßenlaterne kann auf diese Weise die gesamte Köcherfliegen-Population eines 200 Meter breiten Gewässerstreifens töten.

Früher Vogel

Großstadtlicht bringt das Paarungsverhalten von Singvögeln wie Amseln, Rotkehlchen, Blaumeisen, Kohlmeisen oder Buchfinken durcheinander: Wo Straßenlaternen in die Nester scheinen, beginnen die Männchen morgens um bis zu anderthalb Stunden eher mit ihrem Gesang. Je früher die Männchen mit dem Gesang beginnen, umso besser die Chancen, eine Partnerin zu finden.

Hotel statt Meer

Schlüpft eine Meeresschildkröte aus ihrem sorgfältig in den Sand gelegten Ei, rennt sie sofort los: zum hellsten Punkt. Denn der war früher immer das Meer. Heute sind es jedoch die hellerleuchteten Hotels und Strandpromenaden, die für die Schildkrötenbabies immer öfter zur Todesfalle werden.

Irrfahrt im Licht

Unseren Schiffen weisen sie den Weg in den sicheren Hafen. Doch Zugvögel schicken sie auf eine endlose Irrfahrt: Denn statt sich am Sternenzelt zu orientieren auf ihrem Weg ins Winter- oder Sommerquartier, kreisen Zugvögel häufig um Leuchttürme oder über hellen Städten.

Finstere Räuber

Thomas Davies von der britischen Universität Exeter hat in einer im April 2013 veröffentlichten Studie festgestellt, dass das Leben von Bodenkleintieren durch Lichtverschmutzung bei Tag und Nacht beeinflusst wird. Sein Versuch mit Bodenfallen in einem mit Gras bewachsenen Seitenstreifen beleuchtet von Straßenlaternen zeigte: Im Licht sammelten sich insgesamt mehr räuberische und aasfressende Insekten als andere Tiere. Laufkäfer, Weberknechte und bestimmte Spinnenarten waren auch tagsüber dort zu finden. Davies folgerte daraus: Die Insektengemeinschaft wird durch Straßenlaternen dauerhaft verändert.

Brücke im Weg

Lachse schwimmen tausende Kilometer flussaufwärts, um sich zu paaren. Doch beleuchtete Brücken versperren ihnen den Weg: Sie wirken wie eine Barriere, die Fische verweilen dort lange. Zu lange, um rechtzeitig anzukommen?

Licht ins Dunkel

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt untersucht seit 2010 die Auswirkungen der Lichtverschmutzung auf ganze Ökosysteme: "Verlust der Nacht" widmet sich der zunehmenden Erhellung und deren Folgen für Mensch, Astronomie und Ökologie.

Lichtverschmutzung nimmt immer weiter zu

Und die Nächte werden immer heller, auch in Deutschland: Eine Anfang 2018 veröffentlichte Studie des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) zeigte, dass in den meisten Bundesländern die nächtliche Beleuchtung wächst - sowohl in der Fläche als auch in der Helligkeit des Lichts. Einige Bundesländer - darunter Bayern - werden pro Jahr um drei bis vier Prozent heller.

Die Welt wird jedes Jahr heller

Der von einem internationalen Wissenschaftlerteam herausgegebene Weltatlas der Lichtverschmutzung dokumentiert, wie massiv künstliche Beleuchtung den Nachthimmel mittlerweile weltweit erhellt: Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung lebten demnach bereits 2016 unter einem lichtverschmutzten Himmel. In Europa und den USA sind es sogar 99 Prozent der Bevölkerung.

Bei der Auswertung globaler Satellitendaten stellten die Forscher vom GFZ fest, dass weltweit die Nacht weiter verschwindet: Pro Jahr wächst die Intensität des künstlichen Lichts und die Größe der beleuchteten Fläche um rund zwei Prozent (Stand: November 2017).

Nur an wenigen Orten ...

Besonders in Westeuropa gibt es kaum noch Gegenden, in denen der Nachthimmel nicht durch künstliche Beleuchtung erhellt wird. Dunkelheit lässt sich noch am ehesten in Schottland, Schweden, Norwegen sowie in bestimmten Regionen Österreichs und Spaniens erleben.

Immer mehr LED-Leuchten erhöhen Lichtverschmutzung

Ein Grund für die zunehmende Lichtverschmutzung könnte der vermehrte Einsatz von LED-Leuchten sein. Denn immer mehr Kommunen stellen auf diese energieeffizienten und kostensparenden Leuchtmittel um - und kaufen, weil die LED-Lampe so günstig ist, auch immer hellere Lampen.

"Wenn wir nicht sehr genau auf das LED-Spektrum und die Beleuchtungsstärken achten, könnte das zu einer Verdopplung oder sogar Verdreifachung der Himmelsaufhellung in klaren Nächten führen."

Fabio Falchi, Istituto di Scienza e Tecnologia dell'Inquinamento Luminoso

Lichtverschmutzung ist ein weltweites Problem

Lichtsmog beschert Astronomen trübe Aussicht

Sternbild Skorpion in der Milchstraße

Auch Astronomen sticht die Lichtverschmutzung ins Auge. Inzwischen stehen bei uns die Chancen schlecht für Sterngucker: Das nächtliche Firmament ist bereits zu hell, um feine, lichtschwache Objekte wie schwache Sterne, ferne Nebel oder etwa die Milchstraße zu beobachten. Schon Ende der 1990er-Jahre zeigte eine Analyse von Satellitenaufnahmen durch Pierantonio Cinzano und Fabio Falchi, damals an der Universität Padua, in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen National Geophysical Data Center (NOAA), dass ein Fünftel der Menschheit die Milchstraße gar nicht mehr sehen kann.

"Die nächste Generation wird in ganz Europa keine einzige Stelle mehr finden, an der die Milchstraße mit bloßem Auge zu sehen und zu erkennen ist und das ist dramatisch."

Harald Bardenhagen, Astronom

Sternenparks zum Schutz der Dunkelheit

Dark Sky

"Dark Sky" ist eine Initiative der Vereinigung der Sternfreunde e.V. gegen Lichtverschmutzung. Es engagieren sich dort professionelle und Hobbyastronomen, Volkssternwarten, Planetarien und astronomische Vereine. Ziel ist es, Gebiete, in denen noch ein nahezu natürlicher dunkler Himmel beobachtet werden kann, zu bewahren. Dadurch soll nicht nur die Dunkelheit und damit die astronomische Beobachtung geschützt werden. Vielmehr geht es auch um den Schutz nachtaktiver Tiere und darum Energie zu sparen.

Sternenparks

Inzwischen werden immer mehr Sternenparks eröffnet - Schutzzonen für die Nacht. Jeder Sternenpark benötigt ein spezielles Beleuchtungskonzept. So sollten abgeschirmte, blendfreie Leuchten eingesetzt werden, die horizontal montiert sind. Dadurch ist das Licht nach unten gerichtet. Zudem muss die Lichtfarbe stimmen: gelblich-orange ist ideal. Ein Blauanteil darf nicht vorhanden sein und das Licht sollte regelbar sein.
Auch im Umfeld des Sternenparks muss künftig Lichtverschmutzung vermieden werden, denn der Titel ist nur vorläufig und an Auflagen geknüpft. Zudem verpflichtet sich ein Sternenpark auch, Besucher und das Umfeld über Astronomie und die Lichtverschmutzung zu informieren.

Dark Sky Reserves

Im Februar 2014 wurde dem Naturpark Westhavelland der Titel "International Dark Sky Reserve" in Silber verliehen, nach vier Jahren Vorbereitung. Vergeben werden die Titel von der "International Dark-Sky-Association", je nach Grad der Dunkelheit in Bronze, Silber und Gold. "Dark Sky Reserven" verpflichten sich, ebenfalls entsprechende Beleuchtung zu installieren, die nur nach unten strahlt. Die ausgezeichneten Gebiete verpflichten sich, eine Kernzone mit dunklem Himmel durch eine umliegende Schutzzone abzusichern.

Neben dem Westhavelland haben der Mont Méganitic im kanadischen Quebec, das NaibRand Natrue Reserve oder der Arraki Machenzie in Neuseeland diese Auszeichnung erhalten. Insgesamt gibt es nur acht Dark Sky Reserves weltweit.

Dark Sky Communities

Das sind ganze Kommunen, die aufgrund entsprechender Maßnahmen wie vernünftig gerichteter Beleuchtung, wenig Leuchtreklame oder nächtlicher Außenbeleuchtung versuchen, die Dunkelheit zu schützen.

  • Schmidt Max und die verlorene Dunkelheit. freizeit, 26.03.2019 um 22:45 Uhr, ARD-alpha
  • Helllichte Nacht – Lichtverschmutzung und die Folgen: Planet Wissen, 14.02.2019, 18.15 Uhr ARD-alpha
  • LED-Lampen machen die Nacht zum Tag: 24.11.2017, 18.05 Uhr, IQ-Wissenschaft und Forschung, Bayern 2
  • Verlust der Dunkelheit - Die Gefahren der Lichtverschmutzung: 09.01.2017, Unkraut, BR Fernsehen

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