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Lichtverschmutzung Lichtsmog stört die Dunkelheit der Nacht

Wenn Sie abends hochschauen, sehen Sie vermutlich keinen sternenübersäten Himmel. Lichtverschmutzung lässt die stockdunkle Nacht selten werden. Lichtsmog stört die Finsternis und ganze Ökosysteme. Nur in Thüringen wird es nicht heller.

Stand: 26.02.2018 | Archiv

Satellitenaufnahme: Europa strahlt nachts hell. Der Lichtsmog führt dazu, dass man an kaum noch einer Stelle in Europa die Milchstraße sehen kann. | Bild: nasa

Satellitenaufnahmen von der Erde zeigen nachts ein strahlendes Lichtermeer. Wer jedoch von unten nach oben schaut, sieht oft: nichts. Die Sternenschau vergällen uns Straßenbeleuchtungen, Strahler, die Gebäude und Gärten ins rechte Licht rücken sollen, und leuchtende Werbeschilder. Ende des 19. Jahrhunderts zog die elektrische Beleuchtung in die Städte Europas ein. Ein Jahrhundert später kam die Ernüchterung: Die ersten Warnungen vor Lichtverschmutzung erklangen. Nach und nach wird immer deutlicher, dass es Folgen für Mensch und Tier hat, wenn die Nacht zum Tag wird.

Lichtverschmutzung? In Thüringen wird es dunkler!

Prozentuale Zunahme der Lichtverschmutzung in Deutschland - bezogen auf die Fläche und die Intensität des Lichts. Thüringen (grün) wird dunkler.

Das Deutsche GeoForschungsZentrum (GFZ) wertete mithilfe von Satellitendaten aus, wie sich die beleuchtete Fläche und die Helligkeit des nach oben gestreuten Nachtlichts in den einzelnen Bundesländern von 2012 bis 2017 verändert haben. Im Februar 2018 veröffentlichte das Team um Christopher Kyba die Ergebnisse: In vielen Bundesländern werden die Nächte immer heller - aber nicht in allen: Mit einem Wachstum von weniger als einem Prozent pro Jahr ist die Größe der erhellten Flächen in allen neuen Bundesländern einschließlich in Berlin annähernd gleich geblieben. In Thüringen ist sie sogar geschrumpft. Bei der Intensität der Beleuchtung, der sogenannten Strahldichte, gibt es große Flächen in Ost und West, die sich nur minimal verändert haben. Einige Bundesländer wurden jedoch um drei bis vier Prozent pro Jahr heller - dazu gehört auch Bayern. Thüringen dagegen wurde dunkler.

Immer mehr LED-Leuchten

Dass immer mehr nächtliche Beleuchtung gemessen wird, führt das Team um Christoph Kyba vor allem darauf zurück, dass es immer mehr LED-Leuchten gibt. Die neuen Lichtquellen sind energieeffizient und damit kostensparend. Die Folge: Kommunen kaufen weitere und vor allem hellere LEDs. Das macht die Städte insgesamt heller. Warum es in Thüringen dunkler wird, dafür gibt es bislang keine Erklärung. "Vielleicht zeigt sich in den Daten, dass die dort nach wie vor häufig verwendeten Natriumdampf-Lampen altern und lichtschwächer werden", vermutet Christopher Kyba. Es könne aber genauso gut sein, dass Kommunen dort konsequenter auf LED umgerüstet haben und der Beobachtungssatellit das aufgrund des hohen Blauanteils dunkler wahrnimmt. "Wir brauchen einfach noch mehr Daten, die wir in den kommenden Jahren sammeln werden", sagt Kyba.

Lichtquellen verschmutzen die Nacht

Lichtverschmutzung ist ein weltweites Problem

Nur an wenigen Orten ...

Der im Jahr 2016 von einem internationalen Wissenschaftlerteam herausgegebene Weltatlas der Lichtverschmutzung "New World Atlas of Artificial Night Sky Brightness" dokumentiert, wie massiv künstliche Beleuchtung den Nachthimmel mittlerweile weltweit erhellt: Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung, davon sogar 99 Prozent der US-amerikanischen und europäischen Bevölkerung, leben unter einem lichtverschmutzten Himmel. Besonders in Westeuropa gibt es kaum noch Gegenden, in denen der Nachthimmel nicht durch künstliche Beleuchtung erhellt wird: Dunkelheit lässt sich noch am ehesten in Schottland, Schweden, Norwegen sowie in bestimmten Regionen Österreichs und Spaniens erleben.

Der Schwerpunkt der Daten-Erhebung des Atlas lag auf den G20-Staaten, wobei Italien und Südkorea von der Fläche her die Länder mit der höchsten Lichtverschmutzung sind. Kanada und Australien dagegen die Länder mit der geringsten. Der Hauptautor der Publikation, Fabio Falchi von dem italienischen gemeinnützigen "Istituto di Scienza e Tecnologia dell'Inquinamento Luminoso", stellte fest, dass der Atlas den Zustand der nächtlichen Umwelt zu einem entscheidenden Zeitpunkt dokumentiert. Denn derzeit stellt die industrialisierte Welt ihre Beleuchtung auf LED-Leuchten um:

"Wenn wir nicht sehr genau auf das LED-Spektrum und die Beleuchtungsstärken achten, könnte das zu einer Verdopplung oder sogar Verdreifachung der Himmelsaufhellung in klaren Nächten führen."

Fabio Falchi, Istituto di Scienza e Tecnologia dell'Inquinamento Luminoso

Die Welt wird jedes Jahr heller

Wie sich die Lichtverschmutzung in den letzten Jahren weltweit verstärkt hat, konnten Wissenschaftler vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) im November 2017 mittels Satellitendaten zeigen: Die Intensität des künstlichen Lichts und die Größe der beleuchteten Fläche hat zwischen 2012 und 2016 weltweit um rund zwei Prozent pro Jahr zugenommen.

Lichtsmog beschert Astronomen trübe Aussicht

Sternbild Skorpion in der Milchstraße

Astronomen fällt das Problem besonders auf. Inzwischen stehen bei uns die Chancen schlecht für Sterngucker: Das nächtliche Firmament ist bereits zu hell, um feine, lichtschwache Objekte wie schwache Sterne, ferne Nebel oder etwa die Milchstraße zu beobachten. Schon Ende der 90er-Jahre zeigte eine Analyse von Satellitenaufnahmen durch Pierantonio Cinzano und Fabio Falchi, damals an der Universität Padua, in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen National Geophysical Data Center (NOAA), dass ein Fünftel der Menschheit die Milchstraße gar nicht mehr sehen kann.

"Man schätzt, dass in Europa die Lichtverschmutzung so durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr zunimmt. Und das ist eine extreme Steigerung, denn das bedeutet unterm Strich: Die nächste Generation wird in ganz Europa keine einzige Stelle mehr finden, an der die Milchstraße mit bloßem Auge zu sehen und zu erkennen ist und das ist dramatisch."

Harald Bardenhagen, Astronom (2014)

Sternenparks zum Schutz der Dunkelheit

Dark Sky

"Dark Sky" ist eine Initiative der Vereinigung der Sternfreunde e.V. gegen Lichtverschmutzung. Es engagieren sich dort professionelle und Hobbyastronomen, Volkssternwarten, Planetarien und astronomische Vereine. Ziel ist es, Gebiete, in denen noch ein nahezu natürlicher dunkler Himmel beobachtet werden kann, zu bewahren. Dadurch soll nicht nur die Dunkelheit und damit die astronomische Beobachtung geschützt werden. Vielmehr geht es auch um den Schutz nachtaktiver Tiere und darum Energie zu sparen.

Dark Sky Parks

Im April 2014 ist der Nationalpark Eifel zum "Dark Sky Park" ernannt worden. Jeder Sternenpark benötigt ein spezielles Beleuchtungskonzept. So sollten abgeschirmte, blendfreie Leuchten eingesetzt werden, die horizontal montiert sind. Dadurch ist das Licht nach unten gerichtet. Zudem muss die Lichtfarbe stimmen: gelblich-orange ist ideal. Ein Blauanteil darf nicht vorhanden sein und das Licht sollte regelbar sein.
Auch im Umfeld des Sternenparks muss künftig Lichtverschmutzung vermieden werden, denn der Titel ist nur vorläufig und an Auflagen geknüpft. Zudem verpflichtet sich ein Sternenpark auch, Besucher und das Umfeld über Astronomie und die Lichtverschmutzung zu informieren.

Dark Sky Reserves

Im Februar 2014 wurde dem Naturpark Westhavelland der Titel "International Dark Sky Reserve" in Silber verliehen, nach vier Jahren Vorbereitung. Vergeben werden die Titel von der "International Dark-Sky-Association", je nach Grad der Dunkelheit in Bronze, Silber und Gold. "Dark Sky Reserven" verpflichten sich, ebenfalls entsprechende Beleuchtung zu installieren, die nur nach unten strahlt. Die ausgezeichneten Gebiete verpflichten sich, eine Kernzone mit dunklem Himmel durch eine umliegende Schutzzone abzusichern.

Neben dem Westhavelland haben der Mont Méganitic im kanadischen Quebec, das NaibRand Natrue Reserve oder der Arraki Machenzie in Neuseeland diese Auszeichnung erhalten. Insgesamt gibt es nur acht Dark Sky Reserves weltweit.

Dark Sky Communities

Das sind ganze Kommunen, die aufgrund entsprechender Maßnahmen wie vernünftig gerichteter Beleuchtung, wenig Leuchtreklame oder nächtlicher Außenbeleuchtung versuchen, die Dunkelheit zu schützen.

Lichtverschmutzung bringt Ökosysteme aus dem Gleichgeweicht

Unser Licht stört auch ganze Ökosysteme: Tagaktive Organismen – wie auch der Mensch – leiden unter den zu hellen Nächten, weil sie sich nicht mehr richtig regenerieren können. Und nicht nur nachtaktive Vögel und Insekten werden in ihrem Rhythmus oder bei der Orientierung gestört.

Wenn Tieren die Nacht geraubt wird

Hotel statt Meer

Schlüpft eine Meeresschildkröte aus ihrem sorgfältig in den Sand gelegten Ei, rennt sie sofort los: zum hellsten Punkt. Denn der war früher immer das Meer. Heute sind es jedoch die hellerleuchteten Hotels und Strandpromenaden, die für die Schildkrötenbabies immer öfter zur Todesfalle werden.

Irrfahrt im Licht

Unseren Schiffen weisen sie den Weg in den sicheren Hafen. Doch Zugvögel schicken sie auf eine endlose Irrfahrt: Denn statt sich am Sternenzelt zu orientieren auf ihrem Weg ins Winter- oder Sommerquartier, kreisen Zugvögel häufig um Leuchttürme oder über hellen Städten.

Totentanz-Laternen

Motten umkreisen das Licht. Aber dass sie inzwischen in dichten Schwärmen unter unseren Straßenlaternen flattern, war im Plan der Natur nicht vorgesehen. Eigentlich ist es der Mond, der die Nachtfalter anzieht und ihnen Orientierung gibt.

Finstere Räuber

Thomas Davies von der britischen Universität Exeter hat in einer im April 2013 veröffentlichten Studie festgestellt, dass das Leben von Bodenkleintieren durch Lichtverschmutzung bei Tag und Nacht beeinflusst wird. Sein Versuch mit Bodenfallen in einem mit Gras bewachsenen Seitenstreifen beleuchtet von Straßenlaternen zeigte: Im Licht sammelten sich insgesamt mehr räuberische und aasfressende Insekten als andere Tiere. Laufkäfer, Weberknechte und bestimmte Spinnenarten waren auch tagsüber dort zu finden. Davies folgerte daraus: Die Insektengemeinschaft wird durch Straßenlaternen dauerhaft verändert.

Brücke im Weg

Lachse schwimmen tausende Kilometer flussaufwärts, um sich zu paaren. Doch beleuchtete Brücken versperren ihnen den Weg: Sie wirken wie eine Barriere, die Fische verweilen dort lange. Zu lange, um rechtzeitig anzukommen? Das wird gerade untersucht.

Licht ins Dunkel

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt untersucht erstmals die Auswirkungen der Lichtverschmutzung auf ganze Ökosysteme: Seit Juni 2010 widmet sich "Verlust der Nacht" der zunehmenden Erhellung und deren Folgen für Mensch, Astronomie und Ökologie.

Wie Straßenlaternen die Liebe der Vögel beeinflussen

Wenn Sie morgens eineinhalb Stunden früher als gewohnt vom Geträller eines Buchfinks geweckt werden – nicht wundern! Den armen Kerl hat zu viel Licht aus dem Rhythmus gebracht. Was Forscher des Max-Planck-Instituts sonst noch über das erhellte Liebesleben der Vögel herausfanden:

  • LED-Lampen machen die Nacht zum Tag: 24.11.2017, 18.05 Uhr, IQ-Wissenschaft und Forschung, Bayern 2.
  • Verlust der Dunkelheit - Die Gefahren der Lichtverschmutzung: 09.01.2017, Unkraut, BR Fernsehen.

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