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Lawinen Schnee von heute, Risiko von morgen

Für Wissenschaftler und Bergwacht bedeutet Neuschnee vor allem: akute Lawinengefahr! Die weiße Pracht wird schnell zur zerstörerischen Kraft. Wie Lawinen entstehen und wie man sie vorhersagen kann, ist eine Wissenschaft für sich.

Stand: 07.01.2019

Staublawine (im Bild) - auf unpräparierten Pisten ist laut Lawinenforschung die Lawinengefahr am höchsten. | Bild: picture-alliance/dpa

Eine Schneedecke ist in unterschiedlichen Schichten aufgebaut. Wenn diese nicht gut miteinander verbunden sind und darüber hinaus instabil sind, dann steigt die Lawinengefahr. Jedes Jahr sterben allein im Alpenraum über 100 Menschen in Lawinen.

Schneedecke und Lawinenart: ein fester Zusammenhang

Je nach Beschaffenheit des Schnees gibt es eine andere Art der Lawine.

Die Forscher des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung im schweizerischen Davos gehören zu den weltweit führenden Experten in Sachen Schnee. In zahlreichen Versuchen gehen sie der Frage nach: Wann entsteht eine Lawine und wie kann man das vorhersagen? Je nach Aufbau der Schneedecke kommt es zu unterschiedlichen Lawinenarten:

Lawinenarten - Schneebrett und andere Arten

Schneebrett

Ein Schneebrett ist die Lawine, die Wintersportler am häufigsten selbst auslösen. Dabei löst sich von einer Kante ein Schneebrett und rutscht mit bis zu 80 Stundenkilometern zunächst zusammenhängend hinab ins Tal. Die Abbruchkante kann mehrere Meter lang sein. Wer so ein Schneebrett auslöst, wird in der Regel von ihm mitgerissen. Die meisten Opfer verletzen sich dann massiv, weil sie mit Felsen zusammenstoßen, Hänge hinunterstürzen oder ersticken. Schneebretter können aus lockerem oder nassem Schnee bestehen.

Staublawine

Die Staublawine ist die schnellste Lawinenform. Mit bis zu 300 Stundenkilometern Geschwindigkeit stürzt sie den Hang hinab und nimmt dabei immer mehr Schnee mit. Dabei wird sie mit Luft verwirbelt und staubt wie eine gigantische Wolke auf. Sie ist zwar eher selten, aber dafür äußerst gefährlich, weil sie gewaltige Luftdruckschwankungen hervorruft. Hinter ihr entsteht ein Sog, vor ihr eine wirbelsturmartige Druckwelle, die auch Fenster zerstören kann oder ganze Hausdächer wegreißt. Bekommt man das Schnee-Luft-Gemisch in die Lunge, kann man daran schnell ersticken.

Gleitschneelawine

Bei einer Gleitschneelawine bewegt sich die Schneedecke als Ganzes den Hang entlang. Das passiert, wenn die Hangoberfläche glatt ist, also bei einer Graswiese oder einer Felsplatte. Ins Rutschen gerät die Schneedecke, wenn der unterste Teil feucht oder nass ist. So eine Lawine kann lange Zeit sehr langsam rutschen, bevor sie dann auf einmal abgeht.

Lockerschneelawine

Eine Lockerschneelawine ist die ungefährlichste Variante. Dabei wird die Lawine an einem einzigen Punkt ausgelöst und weitet sich dann nach unten hin birnenförmig aus. Sie kann ebenfalls aus lockerem oder nassem Schnee bestehen. Trockene Lockerschneelawinen lösen sich häufig nach Neuschneefällen. Nasse Lockerschneelawinen entstehen meistens bei Sonneneinstrahlung. Dabei werden die oberen Schneeschichten instabil.

Lawinenart und ihre Gefahr: das Schneebrett

Schneebrettlawinen sind die typischen Skifahrerlawinen: Sie töten und verletzten rund 95 Prozent der menschlichen Lawinenopfer und werden häufig von diesen selbst ausgelöst. Sie sind darum so gefährlich, weil sie, einmal ausgelöst, enorme Mengen an Schnee in Bewegung setzen können. Dabei kann die Abbruchkante nicht nur waagerecht verlaufen, sondern auch den Hang hinauf von unten nach oben, wie Forscher des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffmechanik in Freiburg herausgefunden haben.

Der Auslöser ist immer eine poröse Schwachschicht, die zusammenbricht. Was dann passiert, nennen die Forscher des Fraunhofer-Instituts einen "Anti-Riss". An den Rändern der in sich zusammenstürzenden Schicht werden die Kräfte immer größer, die kollabierenden Bereiche weiten sich aus. Läuft ein "Anti-Riss", der innerhalb von Sekunden mehrere hundert Meter lang werden kann, den Hang hinauf, kann er oberhalb seines Entstehungsortes ein Schneebrett ins Rutschen bringen. Auch wenn ein Skifahrer Hunderte Meter weit entfernt ist, kann er so eine Lawine auslösen, die ihn dann auch mitreißt.

Schneebrettlawine - ihre Entstehung

Erhöhte Lawinengefahr bei Hanglage und spröder Schneeschicht

Für den Laien ist die Lawinengefahr oft schwer einzuschätzen.

Doch warum verbinden sich manche Schneeschichten besser miteinander und andere schlechter? Dabei kann das Wetter eine Rolle spielen, haben die Forscher aus Davos festgestellt. Wichtigster Faktor ist dabei der Wind, der den frischen Schnee in mächtigen Wächten und Überhängen als sogenannten "Triebschnee" verfrachtet. Dabei werden die Schneeflocken zertrümmert - es entsteht unter Umständen eine sehr instabile, spröde Schneeschicht, die bei der kleinsten zusätzlichen Belastung in sich zusammenbricht und den ganzen Hang zum Rutschen bringen kann. Triebschnee kann weich oder hart sein und ist für den Laien darum schwierig zu erkennen. Er bleibt gefährlich, sogar wenn es zu einem späteren Zeitpunkt wieder darüber geschneit hat.

Je schwerer die oberste Schneeschicht, desto höher die Gefahr für ein Schneebrett. Das heißt, wenn es regnet oder viel schneit, kann das Gewicht der Schneedecke selbst eine Schwachschicht zum Zusammensturz bringen und ein Schneebrett auslösen.

Lawinengefahr bei dauerhaft niedrigen Temperaturen und Neuschnee

Eine andere Gefahr ist die Umgebungstemperatur, bei kalten Wetter verbinden sich die Neuschneeschichten nur sehr langsam mit dem alten Schnee, dann steigt die Lawinengefahr. In vielen Fällen bricht die instabile Schicht sogar ganz ohne fremdes Zutun ein. Wird der Schnee wärmer als Null Grad, steigt kurzfristig die Lawinengefahr - friert es aber kurz danach wieder, stabilisiert sich die Schneedecke schnell wieder. Das bedeutet: Am stabilsten wird eine Schneeschicht auf lange Sicht, wenn sie abwechselnd wärmer und wieder kalt wird.

Lawinen und ihre Entstehung: Abhängigkeit von Wetter und Hangneigung

Die Hanglage wirkt sich auf die Entstehung von Lawinen aus: Je steiler der Hang, umso größer die Lawinengefahr.

Je steiler der Hang, desto größer die Lawinengefahr. Zwischen 25° und 45° entstehen die meisten gefährlichen Lawinen. Wenn der Hang zu steil ist, ist die Lawinengefahr geringer, weil hier immer wieder kleinere Lawinen abgehen, so dass es nur selten zu großen Schneeansammlungen kommt. Nordhänge sind auf unserer Hemisphäre gefährlicher als Südhänge, weil hier im Winter keine Sonne darauf scheinen kann, der Neuschnee dadurch kälter bleibt und sich dadurch schlechter mit dem alten Schnee verbinden kann. Das gilt aber hauptsächlich für den Hochwinter - im Frühjahr werden Hänge, die von der Sonne aufgewärmt werden, schneller instabil und es kommt zu Nasslawinen.

Der Bergwald ist eine der wichtigsten Maßnahmen gegen Schneebrettlawinen, doch er kann Staublawinen, die oberhalb der Baumgrenze entstehen, nicht aufhalten.

Lawinengefahr: akutelle Infos von den Schneeexperten aus Davos

Die Forscher aus Davos studieren anhand von Videos sowie Messdaten aus Thermobildkameras, Laserscannern und anderen Geräten, wie sich große Lawinen bewegen und wie Dörfer und Straßen am besten zu schützen sind.

Die europäische Lawinengefahrenskala unterscheidet fünf Gefahrenstufen:

  • Stufe 1 - gering: Die Schneedecke ist allgemein stabil, mit wenigen Ausnahmen an extrem steilen Hängen herrschen sichere Verhältnisse.
  • Stufe 2 - mäßig: Eine Auslösung von Lawinen ist vor allem bei großer Zusatzbelastung etwa durch Skifahrergruppen an Steilhängen mit einer Neigung von mehr als rund 30 Grad möglich.
  • Stufe 3 - erheblich: Eine Auslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung (einzelner Skifahrer, Snowboarder oder Schneeschuhgeher) vor allem an gefährdeten Steilhängen mit nur mäßig verfestigter Schneedecke möglich. Spontan (ohne menschliches Zutun) sind bereits einige auch große Lawinen zu erwarten.
  • Stufe 4 - groß: Eine Auslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung an zahlreichen Steilhängen wahrscheinlich. Spontan können viele große, mehrfach auch sehr große Lawinen abgehen.
  • Stufe 5 - sehr groß: Spontan sind viele sehr große, mehrfach auch extrem große Lawinen selbst in mäßig steilem Gelände unter 30 Grad zu erwarten.
  • Gleitschneelawinen. nano, 28.01.2019 um 17:45 Uhr, ARD-alpha
  • Weiße Naturgewalten - Lawinen, Eis und Schnee: am 17.01.2019 um 17 Uhr in Quantensprung, ARD alpha
  • Notizen aus Davos: Lawinen - faszinierend und tödlich: am 14.05.2018 um 13.05 Uhr, B5 aktuell
  • Gefährlicher Schnee - Unterwegs mit den bayerischen Lawinenwarnern: am 12.10.2017 um 19.30 Uhr, ARD alpha

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