Wissen


4

Schockstarre Labormäuse fürchten männliche Forscher

Wenn Mäuse in ihren Käfigen sitzen und sich die Tür zum Labor öffnet, dann geschieht Seltsames: Sie werden ganz still, gehen quasi in Schockstarre, wenn ein Mann den Raum betritt. Und das kann Auswirkungen auf Studien haben.

Stand: 06.05.2014

Labormaus | Bild: picture-alliance/dpa

Es passiert tausend Mal am Tag in Laboren auf der ganzen Welt: Ein männlicher Forscher betritt den Raum, in dem die Versuchstiere gehalten werden. Und dann passiert etwas, was lange Zeit nur als Gerücht auf Kongressen kursierte und in Erzählungen geisterte: Die Mäuse werden ganz ruhig. Und obwohl sie eine Spritze bekommen, die Schmerzen hervorrufen soll, sieht man keine oder nur eine verminderte Schmerzreaktion. Zufall? Ein Wunder?

Jeffrey Mogil aus Kanada wollte das genauer wissen. Schon jahrelang erzählten ihm seine Studenten von diesem seltsamen Phänomen:

"Wir dachten zunächst, dass die Mittel schlecht geworden sind. Aber wenn meine Studenten die Überwachungskamera anschauten, nachdem sie den Raum verlassen hatten, hatten die Mäuse doch Schmerzen. Meine Studenten hatten das Gefühl, dass die Tiere nur darauf gewartet hätten, bis sie wieder allein waren."

Professor Jeffrey Mogil, Neurowissenschaftler, McGill Universität Manitoba, Kanada

Männer machen den Unterschied

Die Mäuse schienen nicht auf Menschen im Allgemeinen, sondern vor allem auf Männer zu reagieren. Doch Gerüchte und Anekdoten sind noch kein wissenschaftlicher Beweis, dachte sich Jeffrey Mogil und begann mit einer ganz speziellen Studie. Er wollte wissen, ob Schmerzen bei den Mäusen unterschiedlich stark waren, je nachdem, ob sich eine Frau oder ein Mann im Labor aufhielt.

Zunächst wurden den Mäusen Schmerzen im Knöchel zugefügt, einmal von einem Mann und später von einer Frau. Und alle Tiere zeigten beim Mann weniger Schmerzreaktionen. Die Forscher vermuteten, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass Männer und Frauen unterschiedliche Gerüche haben. Und siehe da: T-Shirts führten zum selben Ergebnis, je nachdem, ob sie vorher von Männern oder Frauen getragen worden waren.

Damit waren Jeffrey Mogil und sein Team des Rätsels Lösung ganz nahe - wahrscheinlich war der Auslöser das männliche Sexualhormon. Denn auch Streu, in dem andere männliche Säuger geschlafen hatten, sorgte für weniger Schmerz bei den Labormäusen.

Angst dämpft Schmerz

Jeffrey Mogils Schlussfolgerung: Die Mäuse im Labor hatten deswegen weniger Schmerzen, weil sie Angst hatten - und zwar vor Mäuserichen. Ein typischer Zusammenhang in der Fluchtreaktion: Wer unter allen Umständen weglaufen muss, weil er vor seinem Fressfeind steht, der spürt vorübergehend keinen Schmerz mehr. Das menschliche männliche Sexualhormon riecht offensichtlich sehr ähnlich, wie das von männlichen Mäusen, daher die Angstreaktion auf Forscher. Und das hat ganz allgemein Auswirkungen auf Studienergebnisse.

Einerseits spüren Labormäuse weniger Schmerzen, andererseits kommt es dann auch bei Verhaltenstests zu Veränderungen. Eine verängstigte Maus durchläuft ein Labyrinth nicht so schnell wie eine gelassene Maus.

Störfaktoren im Labor

Störfaktor Musik

Experimentatoren sollten im Labor lieber keine Musik hören, vor allem nicht immer wieder unterschiedliche Musik, wie beim Radiohören.

Chanel-No-5-Hypothese

"Es gibt ja diese Chanel-No-5-Hypothese, die besagt, dass man durch bestimmte Parfums durchaus Vesuchsergebnisse beeinflussen kann. Deswegen muss es gelten, dass man in einem Tierbereich absolut kein Parfum benutzt. Wie sie es bei einer Weinprobe auch nicht machen würden, weil sie dabei ihr Geruchssystem oder auch ihr Geschmackssystem stören würden." Professor Martin Hrabe de Angelis, Biologe am Helmholtz-Zentrum Neuherberg bei München.

Nicht erschrecken

Wenn man Tiere vor einem Verhaltenstest erschrickt, weil man laut und polternd auftritt, kann das ebenfalls das Experiment stören.

Genaue Ablaufpläne

Wer ein Experiment im Labor mit Tieren durchführt, muss sich penibel an die Versuchsanordnung halten, damit die Tests auch später vergleichbar und wiederholbar sind. Dabei ist es zum Beispiel wichtig, in welcher Reihenfolge bestimmte Dinge getan werden - wird also die Maus zuerst ins Labyrinth gesetzt oder kommt zuerst der Köder rein?

Warten heißt die Devise

Was ist also zu tun? Forscher sollen in Zukunft in ihren Studien angeben, ob Männer oder Frauen mit den Tieren gearbeitet haben. Darüber hinaus hilft auch Warten: Nach 30 bis 40 Minuten ist die Angstreaktion der Mäuse in der Regel wieder vorüber und es kommt wieder zu einer normalen Schmerzwahrnehmung. Wer dann die Daten erhebt, kann davon ausgehen, dass sie stimmen. Denn sonst gibt es nur noch eine andere, nicht ganz ernst gemeinte Lösung, sagt Jeffrey Mogil:

"Wir müssen halt alle Männer feuern. Oder sie zumindest jedesmal von Frauen begleiten lassen, wenn sie ins Labor gehen."

Professor Jeffrey Mogil, McGill Universität, Kanada

Link zur Studie


4