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Künstliche Befruchtung Ein Baby mithilfe der Medizin

Rund jedes zehnte Paar hat Schwierigkeiten, Nachwuchs zu bekommen. Viele werden dank künstlicher Befruchtung Eltern. Möglich gemacht hat das der britische Mediziner Robert Edwards. Am 25. Juli 1978 kam das erste Retortenbaby zur Welt.

Stand: 03.07.2018

Künstliche Befruchtung: Ein Monitor zeigt eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Bei der Behandlung wird einer Eizelle ein Spermium injiziert. | Bild: picture alliance/Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/ZB

Was vor einigen Jahrzehnten noch zwiespältige Gefühle auslöste und eine hitzige Diskussion entfachte, ist heute medizinische Routine: Auf die Geburt des ersten sogenannten Retortenbabys 1978 folgten weltweit bislang mehr als acht Millionen Babys im Anschluss an eine Fruchtbarkeitsbehandlung. Jährlich kommen insgesamt mehr als eine halbe Million Babys nach einer künstlichen Befruchtung zur Welt. Diese Zahlen veröffentlichte die Europäische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie (ESHRE) am 3. Juli 2018.

Daten zur künstlichen Befruchtung

Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (ESHRE)

Die Europäische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (kurz ESHRE) wurde 1985 von Robert Edwards von der Universität Cambridge und dem Pariser Forscher Jean Cohen in London gegründet. Die multidisziplinäre Fachgesellschaft widmet sich der Fortpflanzungsmedizin und Embryologie. Seit 2004 ist der Hauptsitz der Gesellschaft im belgischen Gimbergen.

Die folgenden Zahlen zur künstlichen Befruchtung wurden beim ESHRE-Jahreskongress am 3. Juli 2018 in Barcelona vorgestellt.

Fruchtbarkeitsbehandlungen in Europa

Insgesamt gab es den ESHRE-Daten zufolge 2015 europaweit rund 800.000 Behandlungszyklen, aus denen 157.449 Babys hervorgingen.

Allerdings sind nicht alle europäischen Länder bei der Auswertung berücksichtigt, es fehlt zum Beispiel Großbritannien.

Fruchtbarkeitsbehandlungen nach Ländern

In diesen Ländern wurden 2015 besonders viele Fruchtbarkeitsbehandlungen durchgeführt:
Spanien: 119.875 Therapiezyklen
Russland: 110.723 Therapiezyklen
Deutschland: 96.512 Therapiezyklen
Frankreich: 93.918 Therapiezyklen

Berücksichtigt sind dabei In-vitro-Fertilisationen (IVF), Intrazytoplasmatische Spermien-Injektionen (ICSI) und die - in Deutschland verbotenen - Eizellspenden.

Häufigste Methode der künstlichen Befruchtung

Am häufigsten wird inzwischen die sogenannte Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI) angewandt.
Die ICSI kommt bei Fruchtbarkeitsproblemen des Mannes zum Einsatz, etwa bei zu wenigen oder schlecht beweglichen Spermien. Zur Befruchtung wird eine Samenzelle unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle gespritzt.

Erfolgsrate

Der 2018 vorgestellten Statistik zufolge kommt es bei 36 Prozent der Embryotransfers zu einer Schwangerschaft. Die Chancen stehen besser, wenn der Embryo im Alter von fünf statt drei Tagen in die Gebärmutter übertragen wird.

Weil inzwischen häufiger nur ein Embryo eingesetzt wird, entstehen seltener Zwillingsschwangerschaften: Für 2015 lag die Rate bei etwa 14 Prozent.

Robert Edwards erforscht die Befruchtung im Reagenzglas

Robert Edwards

  • geboren am 27. September 1925
  • gestorben am 10. April 2013
  • studierte zunächst Landwirtschaft, dann Genetik
  • entwickelte In-vitro-Fertilisation
  • erhielt 2010 den Nobelpreis für Medizin

Rund jedes zehnte Paar hat Schwierigkeiten, auf natürlichem Weg ein Kind zu bekommen. In den 1960er-Jahren beschloss der britische Mediziner Robert Edwards, ihnen zu helfen. Er erforschte das Prinzip der Befruchtung und arbeitete ab 1968 zusammen mit seinem Kollegen Patrick Steptoe an einer Methode der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas, der sogenannten In-vitro-Fertilisation. Ab 1972 gelang es den beiden, Embryonen in ihre Mütter zu transplantieren, was aber nicht zu Schwangerschaften führte. Erst 1977 sollten die beiden Mediziner damit erfolgreich sein.

Louise Brown, das erste Retortenbaby der Welt

Mediziner und Nobelpreis-Träger Robert Edwards, Lesley Brown und deren Tochter Louise Brown mit Sohn Cameron, 2008

Neun Jahre lang hatten Lesley und John Brown vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen - dann wandte sich das verzweifelte Paar an die Mediziner Robert Edwards und Patrick Steptoe. Was zuvor nur bei Tieren gelang, führte nun zum ersten Mal auch beim Menschen zum Erfolg. Lesley Brown wurde eine Eizelle entnommen. Diese wurde gemeinsam mit Spermien ihres Mannes in eine spezielle Lösung eingelegt, in der sich die Eizelle teilen sollte. Nach zwei Tagen wurde Lesley das befruchtete Ei wieder eingepflanzt. Und im Gegensatz zu anderen Paaren zuvor, hatten die Browns Erfolg: Am 25. Juli 1978 kam ihre Tochter Louise Joy Brown gesund zur Welt. Selten wurde einem Baby bei der Geburt so viel Aufmerksamkeit zuteil wie Louise: Sie war das erste durch künstliche Befruchtung entstandene Kind weltweit - und die Eltern überglücklich.

Methoden zur künstlichen Befruchtung

IVF

Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) nimmt die Frau zunächst Hormonpräparate, um das Reifen der Eizellen anzuregen. Die Eizellen werden entnommen und im Labor mit den Samenzellen des Mannes zusammengebracht. Im Reagenzglas finden die Spermien selbst den Weg in die Eizelle. Der entstehende Embryo wird in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt. Die In-vitro-Fertilisation wird seit 1978 unter anderem bei Fruchtbarkeitsproblemen der Frau, wie etwa einem Eileiterverschluss, durchgeführt.

ICSI

Die Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI) wird inzwischen am häufigsten angewendet. Sie wird seit den frühen 1990er-Jahren durchgeführt. Der Ablauf ist zunächst derselbe wie bei der IVF. Zur Befruchtung wird jedoch eine Samenzelle unter einem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert. ICSI kommt vor allem bei Fruchtbarkeitsproblemen des Mannes zum Einsatz, wenn etwa die Spermien zu wenige oder zu unbeweglich sind.

Embryonenschutzgesetz

In Deutschland sind durch das Embryonenschutzgesetz eine Eizellspende und eine Leihmutterschaft verboten. Eine Samenspende dagegen ist erlaubt. Dass überzählige Embryonen abgetötet oder für die Embryonenforschung verwendet werden, ist nicht erlaubt. Embryonen, die nicht in die Gebärmutter einer Frau eingesetzt werden, können in flüssigem Stickstoff konserviert und für eine spätere Behandlung aufbewahrt werden.

Das erste Retortenbaby sorgt für Diskussionen

Was ist medizinisch machbar? Wie weit dürfen Mediziner gehen, um menschliches Leben zu ermöglichen? Die Geburt der ersten Retortenbabys löste eine heftige öffentliche Diskussion über die medizinische Machbarkeit und Allmacht aus. Geklonte Menschen spukten ebenso in den Köpfen der Gegner herum wie missgebildete Kinder, die nie von der Gesellschaft akzeptiert werden. Besonders die Kirche kritisierte die künstliche Befruchtung und befürchtete schlimme Folgen für die Retortenbabys.

Künstliche Befruchtung in Deutschland

Vor den 1980er-Jahren war eine künstliche Befruchtung in Deutschland nicht möglich. Das erste deutsche Retortenbaby kam am 16. April 1982 in Erlangen auf die Welt: Oliver. Sieben Jahre lang hatten Olivers Eltern vergeblich auf Nachwuchs gewartet. Dann begab sich das oberfränkische Paar in die Hände des wissenschaftlichen Teams um Professor Siegfried Trotnow an der Erlanger Uniklinik. Immer wieder hatten die Ärzte an Tieren ein Verfahren zur künstlichen Befruchtung durchgeführt: Mäusen und Kaninchen wurden Eizellen durch die Bauchhöhle entnommen, im Reagenzglas befruchtet und in die Gebärmutter eingesetzt. Doch erst mit der Geburt Olivers 1982 wurde das Verfahren auch zum ersten Mal in Deutschland erfolgreich bei Menschen angewandt.

Künstliche Befruchtung ist heute medizinische Routine

Robert Edwards hat dafür, dass bei Schwangerschaften künstlich und erfolgreich nachgeholfen werden kann, 2010 den Nobelpreis für Medizin bekommen. Inzwischen ist die künstliche Befruchtung eine gängige Behandlung geworden und im medizinischen Repertoire vieler gynäkologischer Praxen fest verankert. Doch trotz aller medizinischen Möglichkeiten kann nicht jedes Paar erfolgreich behandelt werden. Bei vielen Menschen bleibt der Kinderwunsch nach wie vor unerfüllt.

  • "Retortenbaby - Louise Brown wird 40": 25.07.2018, 06.05 Uhr, radioWelt, Bayern 2.
  • "Lohnen sich Kinder? Die künstliche Befruchtung boomt": 27.03.2018, 17.30 Uhr, odysso, ARD-alpha.
  • "Wie wichtig ist Sex?" 08.06.2016, 19.30 Uhr, W wie Wissen, ARD-alpha.
  • "Das Geschäft mit dem Kinderwunsch": 17.06.2015, 21 Uhr, Kontrovers, BR Fernsehen.
  • "Kinderwunsch um jeden Preis": 23.07.2014, 21 Uhr, Kontrovers, BR Fernsehen.

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