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30 Jahre Krebsmaus Erstes patentiertes Tier war eine Maus

Am 12. April 1988 wurde die gentechnisch veränderte Harvard-Krebsmaus als erstes Lebewesen in den USA patentiert. Seitdem wurden Tausende Patentanmeldungen auf Tiere beantragt. Nur das Klonschaf Dolly war als Versuchstier prominenter.

Stand: 12.04.2018

Philip Leder von der Harvard-Universität präsentiert eine gentechnisch transformierte weißen Maus | Bild: picture-alliance/dpa

Die Wissenschaftler Philip Leder und Timothy A. Stewart von der Harvard-Universität hatten im Jahr 1984 menschliche Brustkrebsgene in Mäuse-Embryonen übertragen. Die genetisch veränderten Tiere und ihre Nachkommen erkrankten daraufhin mit einer höheren Wahrscheinlichkeit an Krebs als gewöhnliche Mäuse. An der sogenannten Krebsmaus, dem ersten patentrechtlich geschützten Säugetierorganismus, sollten neue Therapiemethoden getestet werden. Der Erfolg für die Forschung blieb allerdings gering: Die Maus hatte nur ein einziges Krebs-Gen - es gibt aber Dutzende verschiedener Brustkrebsarten bei Frauen.

Die erfundene Krebsmaus: Türöffner für Tierpatente

Philip Leder am 15. April 1988 mit einer gentechnisch veränderten Maus, einer sogenannten Krebsmaus.

Am 12. April 1988 wurde in den USA der Schutz für die Harvard-Krebsmaus erteilt. Das Europäische Patentamt (EPA) hat das Patent für Europa am 13. Mai 1992 unter der Nummer EP 169672 zunächst vorläufig erteilt und 2004 bestätigt. Die Entscheidung ebnete den Weg für eine ganze Welle von Patentanmeldungen auf Tiere: Greenpeace veröffentlichte im Oktober 2014 einen Bericht, wonach bislang etwa 5.000 Patentanmeldungen auf Tiere beim EPA eingingen, rund 1.400 wurden erteilt. Mithilfe der Patente auf ganze Tiere, Zellen oder Gene sollen Medikamente gegen Krebs, Epilepsie oder Immunerkrankungen getestet werden. Christoph Then vom Institut Testbiotech, das sich mit der Folgenabschätzung von Biotechnologie befasst, sagte 2017, das Patent auf die Krebsmaus sei ein Türöffner für all diese Patente gewesen und habe die Zahl der Tierversuche massiv nach oben getrieben. Christoph Then leitete früher den Bereich Gentechnik und Landwirtschaft bei Greenpeace.

"Das ist ein kommerzieller Anreiz, immer noch mehr Tierversuche zu machen."

Christoph Then, Institut Testbiotech

Experimente am lebenden Objekt

Patente gefährden Freiheit der Forschung

2004 protestierten Gegner der Tierpatente vor dem Europäischen Patentamt in München.

Die Erforschung und Bekämpfung von Krebs zum Wohl der Menschheit seien von übergeordneter Bedeutung, argumentierte das EPA, als es am 13. Mai 1992 das zunächst abgelehnte Patent auf die Maus doch erteilte. Gegner argumentieren, Patente auf Versuchstiere könnten die Entwicklung sogar behindern, weil sie die Freiheit der Forschung blockieren. Von der sogenannten Onkomaus machten Forscher vermutlich auch wegen der Lizenzgebühren nur wenig Gebrauch.

Krebsmaus-Patent längst abgelaufen

Dolly und die Onkomaus

Die Harvard-Krebsmaus gehört mit dem Klon-Schaf Dolly zu den bekanntesten Versuchstieren der Welt.

Gegen das Krebsmaus-Patent gab es 17 Einsprüche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Verfahren zogen sich über ein Jahrzehnt hin. Als das EPA dann im Juli 2004 das Patent endgültig bestätigte, war der Patentschutz schon erloschen. Er besteht nach der Erstanmeldung 20 Jahre – und diese stammte vom 22. Juni 1984.

Medizinischer Nutzen hat Vorrang

Das Europäische Patentamt betont auf seiner Webseite, dass die eingereichten Patentanmeldungen auf Tiere meist genetisch modifizierte Mäuse und Ratten betreffen, die für medizinische Forschungszwecke verwendet werden. Das EPA würde berücksichtigen, ob die Erfindung das Tier leiden lässt - dann wird nur ein Patent darauf erteilt, wenn Menschen oder Tiere davon einen "erheblichen medizinischen Nutzen" hätten.

Kein Patent auf konventionelle Züchtungsverfahren

Die EU-Kommission erklärte Ende 2016, dass in der EU Patente auf gentechnisch veränderte Organismen gewollt seien, nicht aber auf traditionelle Zucht und daraus resultierende Organismen. Über Jahre hatte es Proteste gegen Patente auf Pflanzen und Tiere gegeben. Im Juni 2017 reagierte die Europäische Patentorganisation (EPO), die 38 Vertragsstaaten beschlossen neue Regelungen: Pflanzen und Tiere sollen nicht mehr patentiert werden, wenn sie konventionell mit biologischen Methoden, also rein durch Kreuzung und Selektion, gezüchtet wurden. Dies war zuvor möglich, wenn Kriterien wie Neuheit oder erfinderische Tätigkeit erfüllt waren. Jetzt dürfen nur noch gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere patentiert werden - der technische Vorgang muss klar im Mittelpunkt stehen. Gegner argumentieren jedoch, dass es große Schlupflöcher gebe: Mit den entsprechenden Formulierungen könnten viele traditionell gezüchtete Pflanzen und Tiere weiterhin patentiert werden.

Patente provozieren Proteste

Proteste gegen die Krebsmaus vor dem Europäischen Patentamt in München 1995.

Werden Pflanzen und Tiere patentiert, können sie von anderen Züchtern nur noch nach Erlaubnis beziehungsweise Bezahlung der Patentinhaber genutzt werden. Kirchen, Umwelt- und Tierschützer, Züchter und Bauern warnen vor Monopolen von Patentinhabern, Kartellen großer Konzerne und der Konzentration von Marktmacht. Bauern gerieten in Abhängigkeit, mittelständische Züchter würden aus dem Markt gedrängt, Patentgebühren könnten Lebensmittelpreise auch in der Dritten Welt hochtreiben.


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