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Folgen des Klimawandels Neue Stadtbäume braucht das Land

Ulme, Linde, Esche, Eiche oder Platane - diese Bäume prägen das Bild unserer Städte. Doch unsere altbekannten Baumarten leiden. Sie kämpfen mit den Folgen des Klimawandels. Deshalb suchen Forscher nach geeigneten Baumarten für die Zukunft.

Von: Anja Bühling

Stand: 19.03.2018

Eine Esche mit abgestorbenen Ästen | Bild: picture-alliance/dpa

Strenger Frost im Wechsel mit Hitze und Trockenheit. Die Folge: Immer öfter reißen die Stämme der Bäume. Unsere bekannten Stadtbäume wie Linden, Kastanien und Ahorn-Sorten werden anfälliger für Krankheiten und Schädlinge. Deshalb wird nach neuen Baumarten gesucht, die besser mit den veränderten Bedingungen zurechtkommen. Getestet werden sie auch in dem langfristig angelegten Forschungsprojekt "Stadtgrün 2021" der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim.

Das Leiden der Stadtbäume

Trägt auch zum Leiden der Stadtbäume bei: der Urin der Hunde

Schadstoffe in der Luft, belastete und versiegelte Böden, fehlende Nährstoffe, Salzeinsatz im Winter, Hundeurin und Verletzungen durch Bauarbeiten und Unfälle gefährden unsere Stadtbäume. Besonders empfindlich reagieren sie auch auf Wassermangel, der zum einen durch versiegelte Böden und zu wenig Raum für die Wurzeln kommt. Zum anderen fällt zu wenig Niederschlag und die Temperaturen steigen kontinuierlich an. Gerade diese Probleme haben sich in den letzten Jahren in Deutschland extrem verstärkt.

Gefahr: Schädlings- und Pilzbefall

Eine weitere Folge des Klimawandels: Bestimmte Baumarten leiden verstärkt an Pilz- und Schädlingsbefall.

Baumarten und "ihre" Schädlinge

Massaria-Pilz

Platanen-Allee in Wiesbaden

Von der trocken-heißen Witterung und dem damit verbundenen Wassermangel profitieren Pilze wie der Massaria-Pilz, der Platanen befällt. Bei älteren Platanen bildet sich dadurch verstärkt Totholz, das leichter bricht. Bis vor zehn Jahren war der Massaria-Pilz in Deutschland noch unbekannt. Doch in den letzten Jahren hat er durch die veränderte Witterung massiv zugenommen.

Kastanienminiermotte

Von Kastanienminimiermotte geschädigter Baum

In den letzten Jahren ist aus Süd-Ost-Europa die Kastanienminiermotte zugewandert. Sie ist in der Wahl ihres Wirts sehr spezialisiert: Bisher hat sie fast ausschließlich der weißblühenden Rosskastanie zugesetzt. Befallen die Raupen über mehrere Jahre einen Baum, bekommen seine Blätter nicht nur braune Flecken und Löcher, auch der gesamte Baum verliert an Kraft und kämpft ums Überleben.

Eschentriebsterben

Esche mit abgestorbenen Ästen

Gerade in Bayern wurden viele Eschen von einem Schlauchpilz befallen, der für ein erschreckendes Eschensterben sorgte und sorgt. Der Pilz befällt nicht nur Jungpflanzen, sondern setzt auch den älteren Eschen zu. Vor allem die jungen Triebe der Bäume werden befallen.

Eschenbaumschwamm

Stamm einer Robinie

Früher galt die Robinie als idealer Stadtbaum, geeignet auch für ungünstige Standorte. Doch mittlerweile hat sich ein Pilz auch in Deutschland ausgebreitet, der den Robinien schwer zu schaffen macht: der sogenannte Eschenbaumschwamm. Meist bildet sich der Pilz am Wurzelwerk oder unteren Stamm und lässt den Laubbaum langsam von unten faulen.

Ulmensterben

Eine abgestorbene Ulme

Eine andere Baumart, die gefährdet ist: die Ulme. Fast 90 Prozent aller Ulmen in deutschen Städten mussten in den letzten zehn Jahren gefällt werden, weil sie ebenfalls von einem Pilz befallen waren. Außer gegen den asiatischen Schlauchpilz kämpfen die Ulmen vor allem noch mit zwei Käferarten: dem Kleinen und dem Großen Ulmensplintkäfer, die beide zu den Borkenkäfern gehören.

Buchsbaumzünsler

Vom Buchsbaumzünsler befallen

Dem Buchsbaum setzt eine gefräßige, giftige grüne Raupe zu: der Buchsbaumzünsler. Das Insekt wurde aus Asien eingeschleppt, vernichtet seit 2006 die hiesigen Buchsbäume und breitet sich ungestört aus. Natürliche Feinde hat der Schädling hier noch nicht. Zuerst werden die Blätter abgenagt, dann die Rinde bis aufs Holz. Alle Pflanzenteile oberhalb davon sterben ab.

Eichenprozessionsspinner

Setzt Mensch und Eiche zu: der Eichenprozessionsspinner

Egal ob Stiel-, Trauben- oder Roteiche: Alle bayerischen Eichenarten werden vom Eichenprozessionsspinner befallen. Der liebt trockene Wärme und bevorzugt lichte Eichenwälder, Bestandsränder und Einzelbäume. In Trockenjahren vermehrt er sich in Massen. Früher war er in Bayern eher selten, doch seit 1995 nimmt der Schmetterling vor allem in Unter- und Mittelfranken sowie im westlichen Oberfranken stark zu. Neben den Fraßschäden am Baum versucht die giftigen Haare seiner Raupe stark allergische Reaktionen beim Menschen.

Asiatischer Laubholzbockkäfer, kurz ALB

Asiatischer Laubholzbockkäfer (ALB)

Vermutlich wurde der asiatische Laubholzbockkäfer mit Paletten aus Asien eingeschleppt. Der bis zu vier Zentimeter große, schwarze Käfer hat bei uns keine natürlichen Feinde und ist extrem gefährlich, denn seine gefräßigen Larven befallen völlig gesunde Laubbäume. Wo er aufgetreten ist, wie in Murnau, Kelheim, Neubiberg oder Ziemtshausen, wird im Umkreis von 100 Metern um einen befallenen Baum das Gehölz entfernt und verbrannt.

"Stadtgrün 2021"

Um dem Baumleiden und -sterben in deutschen Städten Einhalt zu gebieten, suchen Forscher nach alternativen Baumarten, die das Stadtklima der Zukunft besser vertragen sollen. So testet die Biologin Susanne Böll von der Bayerischen Landesanstalt für Wein und Gartenbau unterschiedliche Baumarten auf ihre Eignung. Sie arbeitet an dem groß angelegten Forschungsprojekt "Stadtgrün 2021" in drei bayerischen Städten: in Kempten, Hof/Münchberg und Würzburg. Bis 2021 wird geprüft, ob die ausgewählten Versuchsbaumarten den für unsere Städte prognostizierten Klimabedingungen trotzen können.

Drei bayerische Städte – unterschiedliche Klimabedingungen

Die drei Städte wurden ausgewählt, weil sie urbane Standorte mit verschiedenen klimatischen Bedingungen repräsentieren: Während das wärmebegünstigte Würzburg überdurchschnittlich hohe Trockenperioden und Temperaturbedingungen hat, wird Münchberg bei Hof mit seinem kontinentalen Klima mit viel Frost auch als "bayerisch Sibirien" bezeichnet. Kempten zeichnet sich dagegen durch ein gemäßigtes Voralpenklima mit ausreichend Niederschlägen aus.

Der neue Stadtbaum

Auch Gingkobäume werden getestet

Auf der Suche nach dem Baum der Zukunft hat Susanne Böll zunächst zwanzig neue Baumarten gepflanzt: Zürgelbäume aus Nordafrika, der Französische Ahorn, die spanische Eiche, die nordamerikanische Zelkove, den asiatischen Gingkobaum oder auch den japanischen Dreizahn-Ahorn.

"Also der Dreizahn-Ahorn ist eine asiatische Baumart, die aus den Bergwäldern von Japan stammt. Man weiß, dass er eine relativ hohe Frosttoleranz hat und vor allem sehr gut mit Trockenstress zurecht kommt. Dieser Baum wird sehr sehr oft in Japan – ich glaube, in Tokio ist es sogar die häufigste Baumart – als Stadtbaum angepflanzt."

Biologin Susanne Böll, Bayerische Landesanstalt für Wein und Gartenbau

Gleiche Bedingungen für alle

Anpflanzung der amerikanischen Ulmenart Ulmus reobona bei "Stadtgrün 2021"

Im März 2015 sind nochmals zehn neue Testbaumarten dazugekommen. Sie alle sollen besser mit dem Frost und der Trockenheit klarkommen. Um die Entwicklung der Bäume vergleichen zu können, wurden die ersten 20 Arten gleichzeitig im Herbst 2009 und Frühling 2010 an vorher ausgewählten Standorten gepflanzt. Alle Bäume waren aus demselben Quartier der Baumschule, hatten einen ähnlichen Umfang. Sie wurden in Reihen gepflanzt und werden alle gleich gepflegt. Außerdem werden Mittel gegen Pilzbefall getestet. Zudem wachsen in der Versuchsbaumschule noch über 200 weitere fremde Arten.

"Unser Ansinnen ist überhaupt nicht, die alten Stadtbaumarten zu ersetzen. Da, wo sie funktionieren, ist es wunderbar. Wir wollen weiterhin unsere Linden, Ahornbäume und Kastanien in den Städten haben. Aber da, wo es eben nicht mehr funktioniert, ist es wichtig, dass wir neue Baumarten an der Hand haben."

Biologin Susanne Böll, Bayerische Landesanstalt für Wein und Gartenbau

Erste Ergebnisse: Der Silberlinde ist es in Hof zu kalt

Mittlerweile hat der Test auch schon einige nützliche Erkenntnisse gebracht: So gilt die Silberlinde, die Tilia tomentosa "Brabant", als eine echte Stadtbaum-Alternative, denn die Linde aus Südosteuropa und Kleinasien erträgt auch große Trockenheit gut. Allerdings ist sie zum Beispiel am kältesten Testort Hof zurückgefroren.

Könnte eine Alternative als Stadtbaum sein: Die Morgenländische Platane Platanus orientalis

Der bei uns seltene Guttaperchabaum aus Mittel- und Westchina ist der einzige "Gummibaum" im gemäßigtem Klima und erweist sich als sehr gesunde Baumart, für die bisher keine Schädlinge oder Krankheiten bekannt sind. Und für die zunehmend von Schädlingen geplagte Platane Platanus x hispanica könnte die Morgenländische Platane Platanus orientalis eine mögliche Alternative sein.

Neue Stadtbäume auch Zuhause für Bienen, Falter, Käfer und Spinnen?

Doch, was nützt es, wenn die getesteten Bäume zwar geeignet sind für das Klima, unseren heimischen Insekten, Vögeln und anderen Tieren aber keine Heimat und Nahrung bieten? Um herauszufinden, wie viele Arten sich in den neuen Stadtbäumen ansiedeln, hat die Biologiestudentin Rosa Albrecht 2017 für ihre Abschlussarbeit eine Vegetationsperiode lang die Artenvielfalt in den Baumkronen der in Würzburg gepflanzten Zukunftsbäume untersucht.

Erzwespe von einem Testbaum in Würzburg

Dabei wendete sie drei verschiedene Fangmethoden an: Fliegende Insekten wie Käfer, Zikaden und Wanzen wurden über Fensterfallen eingefangen. Bei der Klopfprobe, also dem Abklopfen von Ästen mit einem Holzstock, wurden alle nicht fliegenden Insekten wie Raupen und andere Larven sowie räuberische Spinnen erfasst. Und über eine Gelbtafel, vergleichbar einer Fliegenfalle, gingen auch Nützlinge wie Zwergwespen auf den Leim.

"Schon jetzt lässt sich sagen, dass sich unsere nicht heimischen Stadtbäume nicht verstecken müssen."

Biologiestudentin Rosa Albrecht

Auch wenn die Endergebnisse noch ausstehen, so wurden insgesamt auf den 30 untersuchten Bäumen über die Saison über 100.000 Tiere gefangen, wie ein erster Überblick zeigt. Diese hohen Individuenzahlen belegten, welch wichtigen Lebensraum Straßenbäume für Insekten und Spinnen darstellen, so Albrecht. 

  • "Stadtbäume im Wandel: Amerikanische Ablöse für die Linde": in "Abendschau", BR Fernsehen, am 05.05.2017, um 18.00 Uhr
  • "Blum und Blümchen (3): Laubbäume": im Schulfernsehen, ARD-alpha, am 25.02.2016, um 13.45 Uhr und 23.02.2018, um 06.15 Uhr
  • "Bäume im Stress - Trockenheit und Pilze stressen die Stadtbäume": in "nano", ARD-alpha, 21.04.2015, 16.30 Uhr
  • "Exoten als Straßenbäume - Spanische Eiche und Amberbaum kommen": "nano", ARD-alpha, 25.09.2013, 16.45 Uhr

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