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CO2-Kompensation Der Ausgleichsdeal beim Fliegen

Wer online einen Flug bucht, bekommt oft auch einen Betrag vorgeschlagen, der die verursachten Emissionen kompensieren soll. Woher kommt diese Summe - und was halten Klimawissenschaftler von diesem Ausgleichsdeal?

Stand: 04.04.2014

Flugzeug am Himmel | Bild: colourbox.com

Bei jedem Flug werden Treibhausgase ausgestoßen. Je nachdem, um welchen Flugzeugtyp es sich handelt, wie viele Passagiere an Bord sind, wie lang die zurückgelegte Strecke ist und wie viele Zwischenlandungen stattfinden, lässt sich grob berechnen, für wie viele Tonnen Kohlendioxid (CO2) ein einzelner Fluggast verantwortlich ist. "Das ist ganz einfach: Ein Kilogramm Kerosin verursacht ungefähr drei Kilogramm CO2-Emissionen durch die Verbrennung", erklärt Michael Dannenmann, Biogeochemiker vom Institut für Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen.

Treibhausgase beschleunigen die Erwärmung

Satellitenbild der Erde | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Der Treibhauseffekt Wie Gase unser Klima aufheizen

Der Treibhauseffekt ist ein natürliches Phänomen. Doch über Generationen hinweg haben wir es aus dem Gleichgewicht gebracht. Jetzt heizt sich unser Planet immer weiter auf. Der Brennstoff dafür: die Treibhausgase. [mehr]

Kohlendioxid trägt zur Erwärmung der Erdatmosphäre bei. Bei der Verbrennung des Kerosins entstehen zudem Stickoxide, die den Aufbau des Treibhausgases Ozon fördern. Bei jedem Flug gelangen außerdem Rußpartikel und Wasserdampf in die Atmosphäre. "Je nach Zustand der Atmosphäre - wie kalt, wie feucht sie ist - bilden sich Kondensstreifen, aus denen können sich dann Cirruswolken bilden. Die wirken wie ein Glasdach und tragen auch zum Treibhauseffekt und zur Erwärmung bei", erläutert Dannenmann. Die meisten Kompensationsanbieter rechnen mit einem Mittelwert pro Passagier und Kilometer diese drei Effekte mit ein: die CO2-Emissionen, die Stickoxide und die Partikel aus den Flugzeugtriebwerken.

Emissionen woanders einsparen

Die Kompensationszahlungen fließen zum Beispiel in nachhaltige Projekte. In diesem Fall in den Bau von Solarthermieanlagen in Bolivien.

Eine freiwillige Kompensation der Emissionen wird mittlerweile von vielen verschiedenen Organisationen angeboten. Wer möchte, kann dafür bezahlen, dass die entspechende Menge an verursachten Emissionen an anderer Stelle eingespart wird. Wie weit die beiden Vorgänge räumlich voneinander entfernt sind, ist dabei nicht wichtig: Wo genau Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen, ist für ihre Auswirkung auf das Klima unerheblich. Das gespendete Geld fließt zum Beispiel in den Ausbau von nachhaltigen Projekten zum Klimaschutz.

Sonnenkollektoren für Bolivien

Elektroingenieur Miguel Fernandez will die Kraft der Sonne Boliviens nutzen.

Unsere Autorin Jenny von Sperber hat sich angesehen, wofür zum Beispiel die Stiftung MyClimate das Geld verwendet: Es fließt nach Chochabamba, mit mehr als 600.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Boliviens. Energie wird hier nicht mithilfe der Sonnenstrahlung gewonnen, sondern aus fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas. Miguel Fernandez, Elektroingenieur und Gründer der Non-Profit-Firma Energetica, möchte das ändern - und die Kraft der bolivianischen Sonne nutzen: In den kommenden sieben Jahren will er dafür sorgen, dass 10.000 Familien sowie die Schwimmbäder in Chochabamba ihr Wasser mithilfe von Sonnenkollektoren erwärmen. CO2 entsteht so keines - in sieben Jahren könnte er den Ausstoß von rund 35.000 Tonnen Kohlendioxid vermeiden. Fernandez bekommt pro vermiedener Tonne CO2 Geld aus Europa, etwa zwölf Dollar, die unterstützend in das Projekt fließen.

Unvollkommene Klimaneutralität

Damit die Anlagen direkt in Chochabamba hergestellt werden können, muss Fernandez erst die nötige Infrastruktur schaffen.

Trotzdem kann auch seine Solarthermieanlage nicht vollkommen klimaneutral sein. Biogeochemiker Michael Dannenmann erklärt, warum: "Sie müssen den ganzen Produkt-Lebenszyklus berücksichtigen: Wie viel Energie steckt in der Herstellung der Solarthermieanlagen, wie viel im Transport? Kommt das Produkt aus dem Land, wo es auch installiert wird, oder vom anderen Ende des Globus? Auch die Langlebigkeit muss berücksichtigt werden. Erst dann können Sie sagen, wie viele fossile Energieträger oder Emissionen letztlich wirklich eingespart werden." Fernandez versucht, die Solarthermieanlagen für sein Projekt in kleinen Betrieben vor Ort herstellen zu lassen. Die Infrastruktur muss er erst schaffen: "Bisher gibt es Betriebe, die 400 Anlagen pro Jahr installieren. Aber um unser Ziel zu erreichen, müssen es 2.000 pro Jahr sein. Um das zu ermöglichen, müssen die Elektrobetriebe erst eine hohe Ausbildungsarbeit leisten", erzählt Fernandez. 1.400 Dollar kostet eine Anlage - viel Geld für bolivianische Familien. Damit sich die Anlagen nicht nur wenige wohlhabende Bolivianer leisten können, muss Fernandez auch günstigere Anlagen aus China anbieten.

Rechnen mit den ungünstigsten Bedingungen

Eine vor Ort produzierte Solarthermieanlage können sich nur die reichen Familien in Bolivien leisten.

Das macht die Berechnung der Emissionen schwierig. Trotzdem würde die Rechnung in etwa stimmen, meint Biogeochemiker Michael Dannenmann: "Es sind natürlich Annäherungen und sie basieren auf dem bekannten Wissen. Aber man muss den Kompensationsanbietern zugutehalten, dass die eingesparten Emissionen immer sehr konservativ berechnet wurden. Eigentlich immer unter Annahme der für die Projekte ungünstigsten Bedingungen, sodass mit relativ großer Sicherheit gesagten werden kann, man spart mindestens diese Emissionen ein."

Treibhausgas-Emissionen

In Deutschland produzieren wir jedes Jahr rund elf Tonnen Treibhausgase - pro Kopf. Weltweit sind es etwa sieben Tonnen. Um den Klimawandel effektiv einzudämmen, müsste der Schnitt auf 2,5 Tonnen pro Kopf sinken.

Vermeiden statt kompensieren

"Ich denke, der Begriff 'klimaneutral' gibt eigentlich ein falsches Signal. Eigentlich sollte die Vermeidung das oberste Ziel sein. Wenn der Begriff dazu führt, dass alle möglichen unnötigen Emmissionen kompensiert werden und Leute denken, sie können sich da von ihrer Verantwortung zur Treibhausgasemission freikaufen, dann gibt er sicherlich das falsche Signal."

Michael Dannenmann, Biogeochemiker, Institut für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Partenkirchen

Auch, wenn die Kompensationszahlung sinnvoll verwendet wird und dadurch tatsächlich Emissionen ausgeglichen werden: "Klimaneutral", wie auf vielen Webseiten gepriesen wird, wird der Flug damit nicht. Dazu müssten schon Solarflugzeuge eingesetzt werden - und davon sind wir noch weit entfernt. Bis dahin wäre die klimafreundlichste Lösung, Emissionen von vornherein zu vermeiden - statt sie zu verursachen und wieder zu kompensieren. Sich der Emissionen bewusst zu werden, die man bei jedem einzelnen Flug in die Atmosphäre pustet, ist der erste Schritt.

Eigene Emissionen berechnen und ausgleichen

Berechnen

Jedes Jahr bläst jeder von uns rund elf Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre. Damit liegen wir über dem weltweiten Pro-Kopf-Aufkommen von rund sieben Tonnen. Klingt nach ganz schön viel? Geht aber schnell: Wer zum Beispiel von München aus nach Fuerteventura in den Urlaub fliegt, verursacht mit dem Hin- und Rückflug einen CO2-Ausstoß von circa 1,83 Tonnen. Wollen Sie wissen, wie es um Ihre eigene CO2-Bilanz bestellt ist? Das Umweltbundesamt bietet einen wissenschaftlich fundierten CO2-Rechner an:

Ausgleichen

Wenn Sie Ihre Emissionen ausgleichen wollen: Informieren Sie sich, welche Organisation hinter dem Angebot zur freiwilligen CO2-Kompensation steckt. Ist es eine gemeinnützige Organisation, die bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllt? In welche Projekte fließt wie viel von Ihrem Geld? Wird damit tatsächlich so viel CO2 reduziert, wie Sie verursacht haben? Beim Umweltbundesamt gibt es viele Hintergrundinformationen, Leitfäden und Tipps zur Beurteilung von Angeboten:

Durchblicken

Das Angebot für die CO2-Kompensation von Flugreisen ist groß und nur schwer zu durchschauen. Die Verbraucherallianz "fürs klima" hat das Angebot im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands 2010 untersucht. Was getestet wurde - und welche Dienstleister empfohlen wurden:


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