Wissen


20

Kehlkopf Mit ihm fühlt sich unsere Stimme stimmig an

Atmen, schlucken, sprechen, singen, husten, lachen, seufzen und stöhnen - dafür brauchen wir den Kehlkopf. Er hilft uns beim Artikulieren - wenn wir ihn samt unserer Stimmbänder pfleglich behandeln.

Stand: 22.05.2017

Uns allen steckt ein Kloß im Hals. Ein knorpeliges Gebilde, das kein Überbleibsel vom Mittagessen ist, sondern ein Meisterwerk der Evolution: der Kehlkopf. Ihm verdanken wir es, dass wir atmen und schlucken sowie Laute bilden können. Als Pförtner schützt er unsere Lunge vor Fremdkörpern.

Kehlkopf rutscht tiefer

Bevor der Mensch vor rund 100.000 Jahren zu sprechen begann, war der Kehlkopf nur dafür zuständig, das Atmen und Schlucken zu regulieren. Er befand sich noch ganz oben an der Verbindung von Speise- und Luftröhre. Im Laufe der Evolution senkte er sich tiefer hinab. Das Sprechen wurde anatomisch möglich: Mit einem tiefer angeordneten Kehlkopf lassen sich - zusammen mit Zunge, Gaumen und der richtigen Atmung - die verschiedensten Laute bilden. Diesen Vorgang können wir heute noch im Zeitraffer beobachten: Bei Säuglingen befindet sich der Kehlkopf zunächst höher als die Speiseröhre. So können sie gleichzeitig atmen und schlucken. In den ersten drei Monaten senkt sich der Kehlkopf dann ab, diese Fähigkeit geht verloren, dafür kommt die Lautbildung in Schwung.

Kehlkopf und Stimmlippen

Aufbau des Kehlkopfs

"Das Kehlkopf-Gerüst besteht im Wesentlichen aus zwei größeren Knorpeln - dem Ringknorpel unten und dem Schildknorpel oben. Oben ist der Kehlkopf am Zungenbein aufgehängt, unten an der Luftröhre. Dann haben wir noch zwei kleinere Stellknorpel. Die sind notwendig, damit wir innen die Stimmlippen bewegen können", erklärt Johannes Zenk, Chefarzt in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Klinikum Augsburg. Die Stimmlippen, mit Schleimhaut überzogene, elastische Bänder, sind waagrecht im Kehlkopf verankert. Sie bilden eine Art kleinen Mund, der im Kehlkopf die Luftröhre nach oben abschließt. Beim Ein- und Ausatmen sind die Stimmlippen entspannt und geöffnet, sodass Luft durchkommt.

Wir tönen, wenn die Stimmlippen schwingen

Wir erzeugen einen Ton, wenn sich die Stimmlippen schließen und eng aneinander legen. Dann presst aus der Lunge strömende Luft gegen die geschlossenen Lippen und sie beginnen zu schwingen. Je nachdem, ob wir einen starken oder schwachen Luftstrom gegen die Stimmlippen fließen lassen, ist der erzeugte Ton laut oder leise. Johannes Zenk, Chefarzt in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Klinikum Augsburg, veranschaulicht diesen Prozess:

"Sie haben einen Kochtopf mit Deckel. Sie machen das Wasser heiß. Der Dampfdruck wird stärker und hebt den Deckel irgendwann hoch, er klappert. So kann man sich ungefähr auch die Stimmerzeugung herleiten: Der Luftstrom, der von unten durch die Lunge hochgepresst wird, versetzt die Stimmlippen in Bewegung. Dadurch kommt es dann zu einem Ton und zur Möglichkeit, zu sprechen."

Johannes Zenk, Chefarzt in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Klinikum Augsburg

Das flatterhafte hohe C

Bei hohen Tönen haben unsere Stimmlippen richtig was zu tun!

Der Luftstrom von unten wird durch die auf- und zuflatternden Stimmlippen laufend unterbrochen. Schallwellen entstehen. Die Stimmlippen schwingen umso rascher, je weiter die Töne in die Höhe steigen. Rund um das hohe C öffnen und schließen sie sich mehr als 1.000 Mal in der Sekunde. Bei tiefen Tönen bleiben die Stimmlippen dagegen relativ locker, die Schwingungsfrequenz ist niedriger.

Männlicher Kontrabass gegen weibliche Geige

Dass Männerstimmen tiefer klingen als Frauenstimmen liegt daran, dass die Stimmlippen bei Männern im Schnitt ein Viertel länger sind als bei Frauen. Sie schwingen dann langsamer - beim Sprechen rund 100 Mal pro Sekunde - und klingen tiefer. Die weiblichen Stimmlippen schwingen mehr als doppelt so schnell. Vorstellen kann man sich das wie bei den Saiten eines Kontrabasses, die im Vergleich langsamer schwingen und damit tiefer klingen als die einer Geige.

Vom Hochleistungssport zur Heiserkeit

Wer lange mit viel Kraft gegen Lärm anreden muss, tut seiner Stimme keinen Gefallen.

Zusammengenommen ergeben die winzigen Schwingungsbewegungen im Millimeterbereich mehrere Kilometer am Tag. Wenn die Stimmbänder jedoch pausenlos und mit zu viel Kraft in Aktion sind, ist das auch für sie ungesunder Hochleistungssport. Oft bekommen Menschen, die täglich über Stunden hinweg sprechen und sich dabei womöglich gegen Lärm behaupten müssen, Probleme mit ihrer Stimme und sind dauerheiser. Heiser wird man, wenn die Stimmlippen nicht mehr richtig und harmonisch schwingen und sich nicht mehr vollständig schließen.

Unregelmäßigkeiten auf den Stimmlippen

An einer heiseren Stimme können Veränderungen auf den Stimmlippen schuld sein: "Kleine Unregelmäßigkeiten der Oberfläche, kleine Tumore, Polypen oder so. Dann kommt es nicht mehr zu einem vollständigen Stimmbandschluss und nicht mehr zu einer gleichen Schwingung beider Stimmlippen. Und dann hört man schon eine heisere Stimme. Es kann aber auch passieren, dass sich Narben auf den Stimmlippen, auf der sehr dünnen Oberfläche befinden, auf dieser Schleimhaut. Auch dann ist die Schwingung nicht mehr gleichmäßig und es kann zu Problemen kommen bei der Stimmbildung", erklärt Johannes Zenk, Chefarzt in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Klinikum Augsburg.

Heiser? Vielleicht atmen Sie nicht tief genug?

Grundlage fürs richtige Sprechen: die richtige Atmung.

Oft hat Heiserkeit jedoch eine banale Ursache: die falsche Atemtechnik. "Das können Sie mal ausprobieren: Wenn Sie den Bauch einziehen, dann reden Sie mal. Dann geht die Stimme nach oben und ist gar nicht die normale Sprechstimme. Machen Sie das mal ein paar Stunden, dann geht's los. Dann schließt die Stimme nicht mehr", erläutert Agnes Habereder-Kottler, Sängerin und Professorin für Gesang am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg. Die Stimm-Expertin empfiehlt, ganz tief zu atmen. "Wenn ich das mache, dann kann ich anfangen zu reden, ohne Punkt und Komma. Ich kann laut werden und ich kann leise werden. Und ich hab immer noch Atem und kann sprechen. Und die hören mich - und es ist egal, ob das eine Gruppe von 35 oder zwei Leuten ist. Die hören alles. Wenn man das als Lehrer nicht kann, geht das in die Hose." Wer tief in den Bauch atmet, kann beim Sprechen dagegen aus dem Vollen schöpfen und den Luftstrom an den Stimmlippen besser dosieren.

Was tun bei Heiserkeit?

  • Stimme schonen.
  • Nicht räuspern! Es verstärkt die Beschwerden, weil die Stimmlippen dabei aneinanderreiben.
  • Nicht flüstern! Zum Flüstern müssen die Stimmlippen kraftvoller gespannt werden als beim Sprechen.
  • Wenn sie länger als drei Wochen anhält: einen Arzt aufsuchen. Dahinter könnte eine Erkrankung stecken.

Für Sprecher und Zuhörer nicht anstrengend

Jeder Mensch hat eine bestimmte Tonhöhe, in der er mühelos sprechen kann. Auf dieser Stimmlage schwingt die Stimme idealerweise wellenartig auf- und abwärts. Sowohl der Sprecher als auch die Zuhörer empfinden sie als angenehm, weil sie dann relativ sonor und entspannt klingt. Entfernt sich die Stimme dauerhaft aus diesem Bereich, wirkt der Redner auf sein Publikum aufgeregt oder sogar aggressiv.

Die ideale Stimmlage finden

  • Genießerisch Summen: "hmmmmm..."
  • Bewusst gähnen: Die Stimmmuskulatur entspannt sich, die Stimmbänder schwingen anschließend freier. Beim Gähnen senkt sich außerdem der Kehlkopf, der Resonanzraum wird erweitert, der Klang klarer und tiefer.
  • Ausreichend trinken. Das hält die Stimmlippen geschmeidig.

Keinen Ton mehr raus bringen

Der Kehlkopf sitzt nicht nur an der entscheidenden Stelle zwischen Atem- und Speiseweg. Er ist auch eine Verbindung zwischen Körper und Psyche. Was uns bewegt, wie wir gestimmt sind, das macht sich am Kehlkopf bemerkbar. "Es ist dann buchstäblich so: Man bringt keinen Ton mehr raus. Wenn Sie Emotion haben, dann können Sie in der Regel gar nicht richtig in den Körper rein atmen. Da kann sich nichts mehr in Richtung feinen Stimmschluss bewegen, dann ist das alles nur mit Krampf und Druck verbunden", sagt Agnes Habereder-Kottler. Die Stimme ist ein Spiegelbild unserer Seele. Auch wir selbst sollten gut auf sie hören. Macht uns und unser Leben stimmiger.

  • Die Macht der Stimme - Was Sprecher charismatisch macht: W wie Wissen, 08.05.2019, 16.30 Uhr, ARD-alpha
  • "Nicht ohne meinen Kehlkopf! Sprechen, Schlucken, Stöhnen": am 26. Mai 2017, um 9.05 Uhr, in radioWissen, in Bayern2.

20