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Hunde- und Katzenzucht Vom Menschen verformt

Sollen Hund oder Katze den Vorstellungen des Züchters entsprechen, kommt manchmal kein schönes, sondern ein krankes Tier heraus: Tiere mit kurzer Schnauze wie Möpse und Perserkatzen leiden oft unter gefährlicher Atemnot.

Stand: 13.10.2017

Mops auf Wiese | Bild: picture-alliance/dpa

"Macht die Rassezucht Hunde und Katzen krank?" Das fragen sich nicht nur Tierfreunde oder -ärzte. Denn die Tierzucht hat sich verändert: Früher wurden Hunde meist als Nutztiere gezüchtet. Hüte-, Jagd- oder Schlittenhunde werden aber kaum noch gebraucht. Bei der Rassezucht steht daher heute meist die "Schönheit" im Vordergrund: Äußere Merkmale wie Körpergröße, Farbe und Beschaffenheit des Fells, die Form der Ohren und des Schwanzes sollen einem bestimmten Ideal entsprechen.

Kurzer Kopf, süßer Hund

Ein Ziel der Zucht war und ist bei vielen Hunderassen den Schädel zu verkürzen. Der Fachbegriff dafür lautet brachyzephale Rassen (von griechisch für "brachis", kurz und "cephalus", Kopf). Besonders Nase und Unterkiefer wurden im Laufe der Zeit immer kürzer. Bei den großen Bulldog-Rassen wurden diese Eigenschaften bereits im Mittelalter gezüchtet. Die Tiere sollten als Kampfhunde besser zubeißen können. Bei kleinen Hunden wie dem Mops war hingegen ein möglichst niedliches Aussehen das Ziel. Kurze Nase und kurzer Unterkiefer lassen auch erwachsene Tiere wie Welpen aussehen. Dieses Kindchenschema weckt die fürsorglichen Instinkte des Menschen.

Menschengemachte Erbkrankheit

Ein Shi-Tzu mit Bademantel, der vor Erkältungen schützen soll.

Übertreiben es Züchter aber bei der Zuchtauslese, entsteht eine extreme Form der Kurzköpfigkeit. Folge ist oft das sogenannte Brachycephalie-Syndrom, eine unnatürliche Verengung der oberen Atemwege. Diese menschengemachte Erbkrankheit kann zu schwerer Atemnot führen. Betroffen sind hauptsächlich der Mops, französische und englische Bulldoggen, daneben auch Shi-Tzu, Pekinesen, Boston Terrier und Boxer. Auch Rassekatzen wie Perserkatzen und "Exotic Shorthair" können darunter leiden.

Schnarchen mit offenen Augen

Schnarchende Atemgeräusche, besonders in wachem Zustand, sind ein Hinweis darauf, dass der Hund nicht richtig atmen kann. Hunde mit Brachycephalie-Syndrom hecheln oft, können schlecht bis gar nicht durch die Nase atmen und sind nicht belastbar. Viele haben Atemprobleme beim Schlafen. Manche Tiere haben Schwierigkeiten beim Fressen, da sie während der Futteraufnahme nicht ausreichend Luft holen können. Einige Hunde würgen mehrere Male am Tag Futter hervor. Bei Belastung, Stress oder Wärme und in fortgeschrittenen Fällen können Tiere ohnmächtig werden und umfallen.

Kleine Nase macht hitzeempfindlich

Hunde brauchen ihre Nase zur Regulierung der Körpertemperatur.

Die Beschwerden kurznasiger Hunde können bei warmen Umgebungstemperaturen dramatisch zunehmen und sogar lebensbedrohlich werden. Brachyzephale Tiere haben derart verkleinerte und kaum belüftete Nasenmuscheln, dass sie ihre Körpertemperatur nicht mehr regulieren können. Hunde brauchen dazu im Gegensatz zum Menschen unbedingt eine funktionstüchtige Nase.

Erschreckendes Umfrageergebnis

Auch Perserkatzen können unter einer gestörten Atmung leiden.

Eine von Veterinärmedizinern der Kleintierklinik der Universität Leipzig initiierte Umfrage unter 82 Besitzern von Hunden mit extremer Brachyzephalie ergab ein erschreckendes Bild: 73 Prozent der befragten Hundebesitzer gaben an, dass ihr Tier Atemprobleme beim Schlafen hat. 29 Prozent versuchen im Sitzen zu schlafen, da sie im Liegen keine Luft bekommen. 13 Prozent haben Erstickungsanfälle im Schlaf, 77 Prozent der Tiere haben Probleme beim Fressen, 23 Prozent erbrechen mehr als einmal am Tag. 33 Prozent der Tiere sind schon einmal aufgrund von Atemnot umgefallen und über die Hälfte von ihnen hat dabei das Bewusstsein verloren.

#Züchtenumzuatmen

Um bei Tierliebhabern in Großbritannien ein Bewusstsein für die Gefahren dieser Züchtungen zu entwickeln, hat die Vereinigung der britischen Veterinäre (British Veterinary Association, kurz BVA) im Januar 2018 die Kampagne #BreedtoBreathe, #Züchtenumzuatmen, ins Leben gerufen. Gerade bekannte Stars wie Lady Gaga oder David Beckham hätten die kurzköpfigen Tiere in Mode gebracht – ohne darüber nachzudenken, welche gesundheitlichen Folgen die Züchtung für die Tiere hat, so die BVA. Mit ihrer Kampagne möchten die Tierärzte erreichen, dass die Nachfrage an diesen Tieren sinkt – dann würden Züchter auch wieder davon ablassen, so die Hoffnung.

  • "Tierquälerei - Warum Bulldoggen und Möpse überzüchtet werden": am 17.01.2018 um 18:05 Uhr, "IQ-Wissenschaft und Forschung", Bayern 2

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