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Kartoffel-Geschichte Der Siegeszug der Teufelsknolle

Nicola, Sieglinde und Linda - wir hatten sie alle: Rund 60 Kilo Erdäpfel landen pro Jahr in unserem Magen. Danach sah es anfangs gar nicht aus: Lange galt die Kartoffel als Hexenpflanze - bis ihr sogar Goethe verfiel ...

Stand: 25.10.2018

Kartoffeln im Sack | Bild: colourbox.com

Wildformen der Kartoffel wurden schon vor 8.000 bis 10.000 Jahren gegessen. Davon zeugen Funde in der Gegend um den Titicacasee in der Hochebene der Anden und auf der Insel Chiloé vor der Küste Chiles. Vor mehr als 4.000 Jahren begannen verschiedene Andenvölker, die Kartoffel zu kultivieren. Die ältesten Nachweise für den systematischen Anbau der Knolle stammen aus dem ersten Jahrtausend nach Christus. Kunstvolle Keramikgefäße in Form der Kartoffel weisen auf ihre Bedeutung hin.

Anspruchsloses Gewächs

Rund um den Titicacasee hat sich die Kartoffel schon vor 8.000 bis 10.000 Jahren wohlgefühlt.

Die Kartoffel war so wichtig, weil Weizen, Mais und andere Getreidearten in den Anden nicht gediehen. Dort, in Höhenlagen von über 4.500 Metern, gibt es das ganze Jahr über Frost. Die Böden sind mager und lange Trockenperioden häufig. Für die Inka war daher die Kartoffel das Hauptnahrungsmittel. Ohne die Knolle hätten sie ihr Reich nie aufbauen können.

Gefriertrocknung mit Tradition

Die Indianer hatten ihre ganz eigene Methode, das gleichsam göttliche Geschenk haltbar zu machen: Sie ließen die Kartoffeln nach der Ernte auf dem Feld liegen und setzten sie dem Nachtfrost aus. Am nächsten Morgen trampelten sie mit bloßen Füßen auf den Knollen herum, um das Wasser herauszupressen. Tagsüber wurden sie von der Sonne getrocknet, nachts nochmal gefroren. Bis zu fünf Tage lang wurde diese Prozedur wiederholt. Das Endprodukt kennt Barbara Kosler, die das Münchener Kartoffelmuseum leitet: "Federleichte Kartoffeln, die fast kein Wasser mehr enthalten - und die kann man jetzt aufheben." Die harten, tischtennisballgroßen Knollen kann man wieder zubereiten: "Die muss man einweichen, dann saugen sie sich wieder voller Wasser. Die werden aber jetzt nicht groß, die werden nur wieder schwer." Diese Art der Gefriertrocknung wird in den Andenländern bis heute praktiziert. Doch Barbara Kosler warnt: "Keiner sollte so ein Experiment mit unseren Kartoffeln machen. Unsere dürfen keinen Frost kriegen. Mal kurz in die Gefriertruhe legen, funktioniert nicht."

Hexenpflanze mit berauschender Verwandtschaft

Tollkirsche | Bild: BR zur Bildergalerie mit Informationen Ahorn bis Zwiebel Die Tollkirsche

Auch wenn sie noch so verführerisch aussehen - essen sollte man die Beeren nicht, denn die Tollkirsche hat es in sich: Sie ist eine der giftigsten Pflanzen unserer Wälder. Ein Pflanzenporträt - in Text, Bild und Video. [mehr]

Vermutlich um 1560 brachten spanische Seefahrer die ersten Kartoffeln aus Südamerika mit nach Europa. Auf See schätzten sie sie, weil sie sich gut lagern ließen und Skorbut verhindern. Auf dem Festland dagegen stießen die Knollen zunächst auf Ablehnung. Das hatte verschiedene Gründe: Einer davon war, dass die Kartoffel ein Nachtschattengewächs ist. Andere Mitglieder dieser Familie sind das Bilsenkraut, die Tollkirsche, der Stechapfel und die Alraune. Die galten wegen ihrer - je nach Dosierung - berauschenden oder tödlich giftigen Wirkung als "Hexenpflanzen". Als Verwandte traf auch die Kartoffel der Bannfluch.

Was ist eigentlich ein Nachtschatten?

Tomaten im Schatten?

Kartoffeln auf dem Sortierband

Tomaten, Kartoffeln, Paprika, Chili und Auberginen sind Nachtschattengewächse. Gut. Aber warum heißen sie so? Wachsen sie gerne im Schatten - oder gar im Nachtschatten?

Alles Hexerei

Chilischoten

Als Nachtschattengewächse werden die "Solanaceae" bezeichnet, zu denen viele giftige Arten wie die Tollkirsche gehören. Sie enthalten Gifte, die Halluzinationen hervorrufen, und waren angeblich bei Hexen beliebt. Vermutlich verdankt das magische Kraut diesem "Nachtschaden" seinen Namen.

Bauchweh und Atemnot

Schöne Blüten, aus denen sich giftige Früchte entwickeln.

Auch sonst sprach vieles gegen die Kartoffel. Bei den meisten bekannten Pflanzen gingen die essbaren Früchte aus den Blüten hervor. Auch die Kartoffel hatte oberirdische kirschgroße Früchte, doch deren Verspeisen rief Bauchschmerzen, Schweißausbrüche und Atemnot hervor. Wurzelgemüse wie Rüben, Radieschen und Zwiebeln hingegen hatten einen zweifelhaften Ruf: Sie galten als aphrodisierend. Eine unterirdische, braune Knolle, die man vor dem Verzehr auch noch kochen musste, galt da erst recht als dubios. Und dann mit keinem Wort in der Bibel erwähnt. Da dachte manch einer: "Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass die Menschen Kartoffeln essen, wäre das ja wohl überliefert!"

Kartoffeln im Übermaß bei Rehau

In Deutschland wurden die Kartoffeln auf eigenen großen Feldern erstmals in Bayern angebaut - zumindest kurzzeitig: 1647 in Pilgramsreuth bei Rehau, das bezeugen Gerichtsakten, in denen sich die dortigen Bauern verpflichten mussten, "die Übermaß von solch neu eingeschlichenen Erdäpfeln in der ganzen Pfarr abzuschaffen".

Mit List zur Gemüselust

Illustration Kalenderblatt: Friedrich II. empfiehlt Kartoffeln   | Bild: BR/Angela Smets zum Audio mit Informationen 24. März 1756 Friedrich II. empfiehlt Kartoffeln

Während die Reichen im 18. Jahrhundert schlemmten, sollten die Armen doch wenigstens nicht verhungern, fand der Alte Fritz. Und erließ den "Kartoffelbefehl", mit dem er den einfachen Leuten die bislang ungeliebte Knolle schmackhaft machen wollte. Autorin: Isabella Arcucci [mehr]

Noch zweihundert Jahre nach ihrer Ankunft in Europa waren Kartoffeln fast ausschließlich in den botanischen Gärten sowie in den Lust- und Ziergärten der Fürstenhöfe zu finden. Mit den hübschen weißen, rosa oder lila Blüten schmückten die noblen Frauen ihre Haare. Essen wollte die Erdäpfel hingegen so gut wie niemand. Noch im 18. Jahrhundert sträubte sich das Volk in Preußen dagegen. Friedrich der Große schrieb den Bauern schließlich per Gesetz vor, auf einem Zehntel ihres Ackerlandes Kartoffeln anzubauen, um so die wiederkehrenden Hungersnöte im Land zu bekämpfen. Angeblich ließ er auch Kartoffeläcker von Soldaten bewachen und zwar nur, um die Landbevölkerung neugierig auf die unbekannte Feldfrucht zu machen.

Armenspeise mit allem, was rumliegt und fort muss

Ende des 18. Jahrhunderts spielte der Erdäpfel eine wichtige Rolle bei der Münchener Armenspeisung: Benjamin Thompson, ein Amerikaner, der in Bayern vom Kurfürsten zum Grafen Rumford geadelt wurde, kreierte 1795 eine stärkende Suppe, die noch heute als Rumfordsuppe bekannt ist. Damit versorgte er festgenommene Bettler und Obdachlose, die in seinem "Militärischen Arbeitshaus" in der Münchener Au schuften sollten. Das ursprüngliche Rezept bestand aus Graupen, Erbsen und altem Brot - "alles, was rum liegt und fort muss", unkten Spötter. Später wurde ein Teil der Graupen durch Kartoffeln ersetzt - das sparte pro Portion nochmal einen Pfennig. Die Kartoffel hatte Graf von Rumford nach Bayern gebracht. Er legte auch den Englischen Garten an.

Die effektive Knolle

Große kleine Knolle

Würde man auf einem Feld von der Größe eines Küchenbalkons im Frühjahr dreißig oder vierzig Saatkartoffeln in die Erde stecken, könnte man im Herbst rund 150 Kartoffeln ernten. Würde man auf dem gleichen Balkon Getreide anbauen, könnte man aus dem Mehl später ein Brot backen, das nicht einmal drei Pfund schwer ist.

Den Durchbruch für die Kartoffel brachte das rasche Bevölkerungswachstum: Seit der Ankunft der Erdäpfel aus Südamerika hatte sich die Zahl der Bewohner Europas fast verdoppelt. Die Industrialisierung setzte ein, die Städte wuchsen und waren immer stärker auf die landwirtschaftlichen Produkte angewiesen. Doch obwohl auf immer größeren Flächen Getreide angebaut wurde, verschlechterte sich die Versorgungslage zusehends. Rettung kam von der Kartoffel: Mit ihr ließen sich Ackerflächen weit intensiver nutzen.

Tödliche Fäulnis

Besonders erfolgreich war die Kartoffel in Irland. Für einen großen Teil der Bevölkerung war sie das Grundnahrungsmittel. Daher kam es dort auch zur Katastrophe, als der Erreger der Kraut- und Kartoffelfäule auf die Insel einfiel und die Knollen in Matsch verwandelte: Rund eine Million Menschen verhungerten in den Jahren nach 1845 und mehr als 1,5 Millionen Menschen wanderten aus.

Resistenz gesucht

Dieses Blatt ist von der Kartoffelfäule befallen.

Heute werden weltweit jährlich über zwei Milliarden Dollar für chemische Mittel zur Bekämpfung der Kraut- und Kartoffelfäule ausgegeben. Ausrotten kann man sie damit nicht. Die Hoffnung der Kartoffelerzeuger ruht daher auf neuen Sorten, die gegen den Erreger resistent sind. Hierfür greift man auf den Gen-Pool zurück, der in der peruanischen Hauptstadt Lima lagert, im Internationalen Zentrum der Kartoffel. Hier sind alle wild wachsenden Kartoffeln gesammelt. Daraus holen sich auch die deutschen Züchter ihr Material, wenn sie Resistenzzüchtungen betreiben wollen. Mit einer gentechnischen Veränderung hat das jedoch nichts zu tun. Die gibt es nur bei einer Sorte, der Amflora.

Morgens, mittags, abends

Inhaltsstoffe

Kartoffeln haben es in sich: Sie sind kalorienarm, reich an Ballaststoffen, Vitaminen (C, B1 und B2), Mineralien (Magnesium, Kalium, Eisen, Phosphor), Proteinen - und Giftstoffen. Besonders die "Augen" und die grünlichen Verfärbungen enthalten Solanin, das tödlich wirken kann, deshalb immer großzügig wegschneiden. Erdäpfel müssen außerdem vor dem Verzehr abgekocht werden. Die oberirdischen Triebe der Knolle dürfen nicht gegessen werden.

Mittlerweile ist die Kartoffel aus Europa nicht mehr wegzudenken. Doch mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von etwas mehr als sechzig Kilo im Jahr liegen die Deutschen weit unter dem EU-Durchschnitt. Iren, Letten, Maltesen und Polen verdrücken etwa die doppelte Menge. "Die Kartoffel ist sehr stark vitaminisiert, eines der gesündesten Nahrungsmittel überhaupt. Nicht gesund sind dann die Butter und die Soßen und alles, was dazu kommt", sagt Johann Dittenhauser, Kartoffelliebhaber und Vizepräsident des deutschen Kartoffelhandelsverbandes.

Das Kartoffelmuseum

Das Münchener Kartoffelmuseum ist weltweit das einzige Museum, das sich der Kartoffel ausschließlich in kunst- und kunsthistorischer Hinsicht widmet.

Auch Museumsleiterin Barbara Kosler ist vom Erdapfel begeistert: "Die Kartoffel ist das einzige Nahrungsmittel, mit dem ich mich mein Leben lang so gut wie ausschließlich ernähren kann, ohne Mangelerscheinungen zu kriegen." Goethe widmete der tollen Knolle im August 1814 sogar einen Tagebucheintrag: "Morgens rund, mittags gestampft, abends in Scheiben, dabei soll's bleiben, es ist gesund."

  • "Kartoffel - Die nahrhafte Knolle": 26.10.2018, 9.05 Uhr, radioWissen, Bayern 2.

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