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Kalk Der Stein, der lebendig war

Was haben der Eichstätter Dom, Tabletten, Papier und Knochen gemeinsam? Kalk! Und der ist alles andere als totes Material. Er erzählt von der Geschichte unserer Erde.

Stand: 15.09.2017

Kalk | Bild: Fredrik von Erichsen/picture-alliance/dpa

Wuchtige Mauern und Säulen, daneben filigran gemeißelte Altäre und Büsten - und das alles aus Kalkstein. Der Eichstätter Dom ist voll davon. "Das Mittelalter dachte ökonomisch, also hat man sich den Stein natürlich aus der Nähe geholt", erzählt die Eichstätter Kunsthistorikerin Claudia Grund. Der Eichstätter Dom stammt aus dem 8. Jahrhundert, wurde im 11. Jahrhundert im frühromanischen Stil umgebaut, ab dem 14. Jahrhundert in eine gotische Hallenkirche verwandelt und später mit Barock- und Renaissance-Kapellen und Sakristeien modernisiert. Der Kalkstein ist geblieben.

"Da findet man Algen, Korallen, aber auch Fische. Lebewesen, die wirklich nur noch hier wie in einem Bilderbuch oder Geschichtsbuch dokumentiert sind. Dieser Stein ist alles andere als totes Material - der erzählt sehr beeindruckend von der Geschichte unserer Erde. Das ist der Schöpfungsgedanke sicherlich, dass alles in einem großen Zusammenhang steht und sich alles kontinuierlich fortsetzt. Vielleicht ist das auch das Schöne, dass das alles hier weiterleben darf."

Claudia Grund, Eichstätter Kunsthistorikerin

Kathedralen aus Kalkstein

Im Kalk steckt Leben

Ungefähr fünf Prozent der Erdoberfläche bestehen aus Kalk. Chemisch gesehen setzt sich Kalkstein vorwiegend aus Calciumcarbonat in Form der Mineralien Calcit und Aragonit zusammen. Je nach Region kommen auch Ton, Quarz oder Gips darin vor. Kalkstein kann durch chemische Prozesse, sogenannte Ausfällungen, entstehen, meistens ist er aber biogener Herkunft: Was wir heute als Stein sehen, war irgendwann mal lebendig.

"Tag der Steine in der Stadt"

Jedes Jahr findet Mitte Oktober der bundesweite "Tag der Steine in der Stadt" statt. Dieses Jahr ist es am 18. Oktober so weit. Organisiert wird er vom Netzwerk "Steine in der Stadt", einem Zusammenschluss von Geologen, Steinmetzen, Architekten und Stadtplanern. Sie wollen das "Interesse an diesem vielfältigen Material wecken und zum Entdecken anregen", sagt Johannes Schroeder, emeritierter Professor für Geologie an der Technischen Universität in Berlin und Sprecher des Netzwerkes. An rund zwanzig Orten sind Aktionen, Führungen und Vorträge rund um den Stein in der Stadt geplant.

Versteinertes Meer

Vor rund 200 bis 145 Millionen Jahren glich Süddeutschland einer tropischen Meereslandschaft. "Im Jura, vor allem im oberen Jura, ist hier ein flaches Meer gewesen, mit Inseln, Lagunen und Riffen, die aus Schwämmen oder Korallen aufgebaut waren", weiß Axel Munnecke, Paläontologe vom Geozentrum der Universität Nürnberg-Erlangen. Wenn zum Beispiel die Schalen oder Skelette toter Schnecken, Muscheln, Krebse oder Korallen auf den Meeresboden sinken, werden sie zu Kalkschlamm, der mit der Zeit zu festem Kalkstein verhärtet. In den Steinbrüchen rund um Solnhofen werden immer wieder faszinierende Fossilien entdeckt: der Archaeopteryx ist der bekannteste Vertreter der zu Kalk gewordenen Lebewesen. "Omnis calx ex vivo", sagen die Experten: In jedem Kalk steckt etwas Lebendiges.

Carbonat kann Landschaften formen

Die Plitvicer Seen in Kroatien sind mithilfe von Kalk entstanden.

Das Carbonat im Kalkstein ist sehr löslich. Kalkstein verwittert deshalb schnell, verkarstet, bildet unterirdische Höhlensysteme. Das gelöste Carbonat wiederum baut neue Gesteinsformen auf: Kalktuff oder Kalksinter. "Es gibt sogar Sinterterrassen, in vielen Bächen, die kalkgesättigt sind. Überall, wo ein Kalkgebirge ist, wird durch die Verkarstung, durch die Lösung, das Wasser mit Kalk gesättigt. Es wird hart, woraus der Härtegrad der Trinkgewässer stammt. Und wenn es dann über eine Kante sprudelt, dann entgast es wieder und es entstehen kleine Terrassen, Sinterterrassen", erzählt der Mineraloge Roman Koch. Ein bekanntes Sinter-Areal sind die Plitvicer Seen in Kroatien. 16 kleine Seen haben sich dort in den Kalkstein gefressen, unterirdisch sind sie durch Karst-Kanäle verbunden.

Multitalent Kalk

Kalkungen per Hubschrauber sollen Waldgebiete stabilisieren.

Kalk ist in der Regel hell: weiß-grau bis gelblich. Er kann aber auch rot oder sogar schwarz sein, je nachdem, welche anderen Minerale beigemischt sind. Hochreiner Kalk ist schneeweiß. Er wird in der Farbenindustrie benutzt, für Dispersionsfarben. Die Arzneimittelindustrie greift bei der Tablettenherstellung darauf zurück. In der Papierindustrie wird er als Füllstoff für die ganz weißen Papiere verwendet. In der Glasindustrie wird Kalk für die Glasschmelze benötigt, in der Hüttenindustrie für die Schlackenbildung. Land- und Wasserwirte benutzen Kalksteinmehl, um Böden und Gewässer zu entsäuern: Das Calciumcarbonat sorgt für einen ph-Wert von 5,0 bis 7,0. Auch als Düngemittel wird Kalk eingesetzt. Im Forstbereich dient er als Bodenschutz: Mit Flugzeugen oder Hubschraubern wird dann tonnenweise großflächig Kalkpulver verteilt, um den Nährstoffgehalt im Waldboden zu verbessern und eine Versauerung zu mildern. Durch die hohe Alkalinität - die Fähigkeit, Säuren zu entschärfen - wird Kalk auch bei der Rauchgasentschwefelung eingesetzt: In Kraftwerken oder Müllverbrennungsanlagen wird den freiwerdenden Schwefelverbindungen Kalk zugefügt, dadurch werden die Schadstoffe weitestgehend neutralisiert.

Wenn Kalk krank macht

Weil Kalk so hoch alkalisch ist, kann er dem Menschen auch gefährlich werden: Haut und vor allem Schleimhäute werden verätzt, wenn sie mit Kalkpulver in Berührung kommen. Im Ersten Weltkrieg wurden deshalb Kalkbomben auf Städte abgeworfen. Im menschlichen Körper spielt Kalk eine ambivalente Rolle: Einerseits ist Kalk in Form von Calcium ein lebensnotwendiger Mineralstoff, den wir unter anderem für die Festigkeit unserer Knochen und Zähne brauchen. Bei Calciummangel kann es zu Osteoporose kommen. Nicht so gern gesehen ist Kalk in Form von Kalziumkarbonat: Zu hohe Kalkrückstände in Knochen oder Gefäßen können zu massiven Erkrankungen führen, etwa Demenz. Deswegen heißt es umgangsprachlich auch oft, jemand wäre "verkalkt".

Gut für Raumklima und Akustik

Bei Räumen dagegen ist es ganz gut, wenn sie verkalkt sind: Hierfür wird gemahlener Kalk mit tonigen Materialien vermischt, zu Zement gebrannt, aus dem wiederum Beton hergestellt wird. Unsere Betonböden, -decken und -wände bestehen zu großen Teilen aus ehemaligem Kalkstein. Heute kommt Kalkputz bequem aus dem Baumarkt, noch vor fünfzig Jahren brannten Maurer und Maler den Kalk selbst. Maler und Farbdesigner Stefan Pixner ist spezialisiert auf das überlieferte Arbeiten mit Kalkputz. Für ihn ist Kalk ein Kulturgut, das gut tut:

"Wenn ich heute ein Haus mit Kalk mache, dann kann ein Feuchtigkeitsaustausch stattfinden, das Raumklima kann optimal wirken. Wenn Sie eine Oberfläche sehen, dann hat die meistens irgendeine Farbe. Aber sie hat mehr, sie hat auch Tiefe, sie wirkt anziehend oder abstoßend, sie kann uns berühren, wenn wir uns lassen, und wenn ich das natürliche Pigment nehme aus der Erde und in das Bindemittel Kalk gebe, dann ergeben sich immer Töne, die was mit uns zu tun haben und uns nicht fremd sind."

Stefan Pixner, Maler und Farbdesigner aus Münsing

So wuchtig der Eichstätter Dom wirkt, so fein ist seine Akustik.

Auch Martin Bernreuther, Organist im Eichstätter Dom, ist vom Kalk im Innenraum begeistert: "Wir haben hier optimale akustische Verhältnisse. Dazu trägt auch dieser Stein bei, weil er den Klang etwas absorbiert. Es wäre hier wahnsinnig hallig, wenn das alles glatt verputzt wäre. Der Kalkstein absorbiert aber auch nicht zu viel, er lässt noch genügend Raum stehen, so circa sechs, sieben Sekunden, insofern ist das eine optimale Akustik zum Sprechen und Musizieren."


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