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Reformpädagogik Idee der Jenaplanschulen

In der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der Jenaplanschule gibt es keine Klassen, sondern Stammgruppen, in denen drei Jahrgänge zusammengefasst werden. Ähnlich wie in einer Familie steht das gegenseitige Helfen im Mittelpunkt.

Stand: 12.08.2016

Jenaplankinder feiern ihre Schule.  | Bild: Jenaplan-Schule Nürnberg

Jeder Schüler lernt von jedem, es gibt weder Klassenbeste noch Klassenletzte. Durch den jährlichen Austausch einer Jahrgangsgruppe erleben Kinder, was es heißt Jüngster, Mittlerer und Ältester zu sein. Der Lehrer hat drei Jahre Zeit die Entwicklung eines Kindes zu begleiten.

Die Rolle der Gruppe bei Jenaplan

Die Gruppe

Debattiert wird im Kreis

In der Lebensgemeinschaftsschule Peter Petersens gehören das Gespräch, die Arbeit, das Spiel und die Feier zu den Grundformen des Lernens und Zusammenlebens. Nicht zuletzt, weil auch in den Spiel-, Lebens- und Arbeitsgemeinschaften der erwachsenen Menschen gesprochen, gearbeitet, gespielt und gefeiert wird. Niemand kann das in der Regel für sich alleine tun, weshalb die Gruppe in Jenaplanschulen einen so großen Stellenwert hat.

Das Gespräch

Beim Kreisgespräch dominiert niemand.

Das Gespräch findet meist im Kreis statt, wo jeder jeden sieht und niemand dominiert. Neben der Übung des freien Sprechens kommt dem Kreisgespräch vor allem eine soziale Funktion zu: Die Kinder können ihre Freude oder Ängste zum Ausdruck bringen, tauen auf und können sich unbeschwert auf den Unterricht einlassen. Der Kreis am Montagmorgen dient der Planung, zum Abschluss der Woche wird Rückschau gehalten.

Das Spiel

Pausenspiele auf dem Schulhof

Das Spiel hat einen festen Platz im Unterrichtsalltag. Für Petersen ist das Lernen ein einziges Kinderspiel: "Gerade weil der Schüler, eingefangen vom Spiel, als ganzes Lebewesen hineingeht, nimmt er um so tiefer und fester auf, lernt er also um so besser." An einer Jenaplanschule gibt es Lernspiele, Gesellschaftsspiele, Spielkreise und Spiele auf dem Hof. Auch mit dem Computer wird spielerisch gelernt - eines der wenigen Spiele, die nicht in der Gruppe gespielt werden.

Die Arbeit

Arbeiten am Tisch

Die Arbeit als Grundlage des Lernens wird in Form von Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit bis hin zu Wochenplan- und Projektarbeit geleistet. In der Projektarbeit lernen Schüler, an die Lösung eines Problems heranzugehen. Ergebnisse werden im Kreis der Gruppe oder auch im Rahmen von Feiern präsentiert. Beim Einüben der Grundfähigkeiten können die Schüler individuell oder gemeinsam arbeiten, mit einem selbst gewählten Partner oder in Kleingruppen.

Die Feier

Theaterspiel als Höhepunkt des Schullebens

Die Feier ist die Krönung des Schulalltags. Die Wochenabschluss-Feiern sind in der Stammgruppe ein Gemeinschaftserlebnis von der Planung und Vorbereitung bis zur Durchführung. Der jeweiligen Situation entsprechend ist die Art der Feier unterschiedlich. Geburtstagsfeiern werden meist von den Kindern selbst gestaltet. Bei größeren Feiern wie Schulfesten nehmen die Eltern die Sache in die Hand. Schüler wie Lehrer sind mit Aufführungen in die Feste eingebunden und machen sie zu echten Höhepunkten der Schulgemeinschaft.

Wochenarbeitsplan statt Stundenplan

Kennenlernen in der Stammgruppe

Der Lehrer unterrichtet die Stammgruppe, je nach Bedarf im Team mit Sozialpädagogen, Erziehern und Therapeuten, nicht im Dreiviertelstundentakt. Jeder Schüler bearbeitet einen rhythmisierten Wochenarbeitsplan. Projektorientierte Phasen für den Kernunterricht in der Stammgruppe wechseln sich ab mit leistungsdifferenzierten Kursphasen sowie Gemeinschaftsaktivitäten.
Der Kernunterricht bestimmt eine rhythmisierte Schulwoche. In weltorientierten fächerübergreifenden Projekten bewältigen die Kinder praktische Lebensaufgaben. Die Themen bringen in erster Linie die Schüler ein und bearbeiten sie mithilfe des Lehrers über einen längeren Zeitraum hinweg.
Im Kursunterricht, der um den Kernunterricht angeordnet wird, ist die Stammgruppe aufgelöst. Aber auch hier setzt sich der Kurs nach Können und nicht nach Alter zusammen. Im Kursunterricht trainieren die Kinder Arbeitstechniken und Basiswissen wie Schreiben und Rechnen.

Die Fragen des Kindes stehen im Mittelpunkt

Jenaplan-Schülerinnen beim Basteln

Zentrales Anliegen der Pädagogik Petersens ist es, Bedingungen für das Lernen des Kindes, eine "pädagogische Situation" zu schaffen. Brennende Fragen und das Interesse des Kindes stehen dabei im Mittelpunkt. Indem der Schüler versucht, einer für ihn spannenden Frage tatsächlich nachzuforschen, ist er in seiner ganzen Persönlichkeit und Emotionalität gefordert. Der Schüler lernt dabei seine Umwelt und sich selbst zu erkennen, zu benennen, zu verstehen und zu deuten.
Aus diesem Grund wird der Unterricht lebensnah und am Kind orientiert gestaltet. Der Lehrer steht als Helfer und Begleiter seinen Schülern unterstützend zur Seite. Er geht auf ihre Fragen ein und sorgt dafür, dass Lernprozesse in Gang kommen und zu Ende gebracht werden. Er liefert Material, vermittelt Methoden für selbstständiges Entdecken und Forschen und begleitet Schüler bei ihren Lernprozessen.

Jenaplankinder gehen in eine Leistungsschule

Neben den Lehrern kümmern sich auch Sozialpädagogen um die Kinder.

Jenaplankinder gehen gern zur Schule. Das liegt auch daran, dass es weder Sitzenbleiber noch Noten gibt. Lernentwicklungsberichte ersetzen die Notenzeugnisse. Solche Berichte über Lernfortschritte umfassen soziales Verhalten und den Leistungsstand des Schülers. Im Konzept der Peter-Petersen-Schule Köln steht: "Die Leistungen der Kinder sind Ausdruck ihrer individuellen Persönlichkeit, unterschiedlich und unvergleichbar. Deshalb können und wollen wir sie nicht benoten."
Trotzdem steht die Förderung der Leistung, der individuellen Fähigkeiten wie der sozialen Kompetenzen, an vorderster Stelle. Die familiäre Arbeitsatmosphäre der Schule weckt in den Schülern Motivation und Leistungsbereitschaft. Indem jeder seinen Begabungen entsprechend gefördert und gefordert wird, lässt sich auch Hochbegabten wie Förderkindern gerecht werden. Rückschläge werden produktiv genutzt und Fehler nicht als Mängel der Person, sondern als besondere Anlässe für effektives Lernen behandelt.

Jenaplanschulen

Nach der Schließung von Peter Petersens Universitätsschule 1950 in Jena wird 1953 die Volksschule "Am Rosenmaar" in Köln eine Peter-Petersen-Schule. Zehn Jahre später öffnet die erste in den Niederlanden. Heute gibt es dort etwa 250 Schulen, die sich Jenaplan- oder Petersenschulen nennen. Einen Boom lösen nach der Wende in den neuen Ländern Pädagogen aus, die vom reglementierten Schulwesen der DDR frustriert sind. 1991 nimmt die erste ihren Betrieb auf, es ist die Jenaplanschule in Jena. Sie ist die einzige bundesweit, die als integrierte Gesamtschule bis zum Abitur führt. Neben den Jenaplanschulen in Deutschland, den Niederlanden und Belgien gibt es weltweit Lehrer, die nach der Pädagogik Peter Petersen arbeiten. Kinder der Jenaplanschulen in Bayern mussten bislang nach der vierten Klasse auf eine Hauptschule, eine Realschule oder auf ein Gymnasium wechseln. Im Schuljahr 2010/2011 startete das Jenaplan-Gymnasium Nürnberg, das erste in Bayern, das nach der 12. Klasse mit dem Abitur abschließt.


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