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Der IQ-Test Völlig überschätzt oder echt wichtig?

Neben Reichtum und Schönheit ist wohl keine Eigenschaft so hoch angesehen wie die Intelligenz. Jene geistige Flexibilität, mit Wissen schnell und zielorientiert umgehen zu können. Können Intelligenztests diese Fähigkeit messen?

Stand: 05.07.2018

Schülerin beim Nachschlagen einer mathematischen Frage in einer kleinen Formelsammlung | Bild: picture-alliance/dpa/Mirko Milovanovic / CHROMORANGE

IQ-Messungen an ein- und zweieiigen Zwillingen haben bewiesen, dass die Intelligenzunterschiede von Menschen in unserem Kulturkreis mindestens zu 50 Prozent genetische Ursachen haben. Der andere Teil wird von Umweltfaktoren bestimmt, von Geschwistern, der Peer-Group und prägenden Ereignissen. Der Mensch kommt also nicht als fertiges Wesen auf die Welt, sondern hat noch viel Entwicklungspotenzial.

Fitnesstraining für die Intelligenz

Ist Intelligenz vererbbar? Diese Frage wurde inzwischen beantwortet: zu fünfzig Prozent.

Intelligenzforscher unterscheiden zwischen kristalliner und fluider Intelligenz. Die kristalline Intelligenz ist das Wissen, das man beispielsweise in der Schule erwerben kann. Sie kann ein Leben lang wachsen. Die fluide Intelligenz ist die Fähigkeit, auf neue Anforderungen angemessen zu reagieren. Dieser fluide Teil der Intelligenz wird als in hohem Maße angeboren betrachtet und sinkt bereits mit 20 Jahren. Für Professor em. Walter Perrig von der Universität Bern bedeutete diese Art von Intelligenz vor allem, unbekannte Probleme lösen zu können. Mit einem speziellen Training konnte er beweisen, dass sich nicht nur die Leistung des Arbeitsgedächtnisses eines Menschen verbessern, sondern auch seine Gesamt-Intelligenz steigern lässt.

Was ist Intelligenz?

Intelligenztests

Intelligenz ist das, was sich mit IQ-Tests messen lässt. Manche Tests ermitteln die Geschwindigkeit, mit der Probleme gelöst werden. Andere spüren dem Sprachverständnis, dem Allgemeinwissen, dem räumlichen Vorstellungsvermögen oder dem logischen Denken nach.

Erblichkeit von Intelligenz

Verkürzt heißt es häufig, die Anlage für Intelligenz sei zu mindestens 50 Prozent erblich. Erreicht ein Mensch in einem Intelligenztest 100 Punkte, heißt das aber nicht, dass er 50 Punkte seinen Genen und 50 Punkte der Umwelt zu verdanken hat. Intelligenz ist keine absolute Größe.

Abhängig von Alter und Kulturkreis

Die Erblichkeit von Intelligenz ist nur in einer homogenen Gruppe mit gleichaltrigen Personen aus dem gleichen Kulturkreis messbar. Man vergleicht dabei die relativen Unterschiede jedes Einzelnen vom Durchschnittswert 100 - das entspricht dem Intelligenzquotienten.

Kluge Hirne filtern besser

Forscher der University of Rochester wollten herausfinden, ob sich die optische Wahrnehmung bei Menschen je nach Intelligenz-Quotient unterscheidet. Das Ergebnis des IQ-Tests hat selbst sie überrascht: Probanden mit einem hohen IQ konnten zwar schneller erkennen, dass sich ein Bild mit Streifen bewegte. Ging es allerdings darum, etwas im Hintergrund zu erkennen, waren sie deutlich langsamer als Personen mit niedrigerem IQ. Die US-Forscher deuten das so: Bei intelligenteren Menschen filtere das Hirn unwichtige Informationen heraus. Diese würden erst gar nicht verarbeitet. Bisherige IQ-Tests kranken oft daran, dass sie verbale Aufgaben enthalten und spezifisch für Menschen aus unserem Kulturkreis zugeschnitten sind. Der neue Test könnte daher eine kulturunabhängige Methode sein, um die Intelligenz eines Individuums zu testen, so die Forscher.

Wer den Streifentest einmal selbst machen möchte, kann ihn mit diesem Video ausprobieren:

Eine Intelligenz oder viele?

Was ist Intelligenz? "Intelligenz ist das, was der Intelligenz-Test misst",  lautete die Definition des Biochemikers und Science-Fiction-Autors Isaac Asimov (1920-1992). Lange glaubte man an einen einheitlichen "Intelligenzfaktor", dann unterteilten Wissenschaftler die Intelligenz in Teilbereiche (mathematische, emotionale, sprachliche Intelligenz). Doch auch die Theorie der "multiplen Intelligenz" des US-Psychologen Howard Gardner ist umstritten.

Denn Intelligenz ist noch mehr: Auch Kreativität, musikalische Fähigkeiten oder sportliches Können sind Arten von Intelligenz. Ob Menschen mit diesen Begabungen aber auch erfolgreich sind, hängt noch von ganz anderen Faktoren ab. Menschen, die Erfolg auf kreativem oder musikalischem Gebiet haben wollen, müssen in der Lage sein, ihre Stärken optimal zu nutzen, ihre Schwächen auszugleichen und aus ihren Fähigkeiten das Beste zu machen. Erst dann führt ihre spezielle Intelligenz auch zum Erfolg.

Wo sitzt die Intelligenz?

Im Gehirn findet sich kein Intelligenzareal oder sonst etwas Konkretes, das man vermessen könnte und das allein unsere Intelligenz bestimmt, betont die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Auch in den Genen findet sich kein bestimmter Ort, an dem die Intelligenz zu Hause wäre. Es existiert nicht das eine Intelligenz-Gen. Es scheint eine extrem komplexe Interaktion zwischen unterschiedlichen Genen zu geben, die zur Ausprägung der Intelligenz beitragen.

"Eine sehr hohe Intelligenz ist das Ergebnis glücklicher Zufälle bei der Bildung von Eizellen und Spermien sowie der Befruchtung. Deshalb ist das Kind hochintelligenter Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger intelligent als diese. Umgekehrt können auch weniger intelligente Eltern Erbsubstanz in sich tragen, die ihrem Nachwuchs in einer gerechten Gesellschaft zu ungeahnten Höhenflügen verhilft."

Elsbeth Stern, Lehr- und Lernforscherin an der ETH Zürich

Intelligenz ist objektiv nicht messbar

Gute Testergebnisse in einem IQ-Test kann man nicht per Zufall erzielen, sehr wohl aber schwächere.

Seine Intelligenz zu trainieren ist eine Sache, aber sie zu messen, eine andere. So hat zum Beispiel der neuseeländische Intelligenzforscher James Robert Flynn 1984 herausgefunden, dass die Menschen der Industrienationen seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Durchschnitt immer klüger werden - gemessen an dem in IQ-Tests errechneten Intelligenzquotienten (Flynn-Effekt). Aber werden sie wirklich klüger oder haben die Menschen einfach gelernt, in der Logik der Tests zu denken? Selbst der Erfinder der Intelligenztests, der französische Psychologe Alfred Binet, hat schon um 1900 zugegeben, dass Intelligenz nicht messbar sei. Viele andere Kritiker folgten ihm, wie etwa der renommierte Biologe und Evolutionsforscher Stephen Jay Gould. Er ist überzeugt: "Die Messergebnisse, die ein IQ-Test liefert, sind weiter nichts als statistische Artefakte."

"Die Komplexität der modernen Welt erfordert eine Anpassung unserer Gehirne und lässt damit den IQ steigen. In den vergangenen hundert Jahren hat der IQ zugenommen."

James Flynn befasst sich seit Jahrzehnten mit der Bewertung von Intelligenztests.

Gewagte These: Die Menschen werden immer dümmer

Der amerikanische Entwicklungsbiologe Gerald Crabtree von der Stanford University behauptet, die durchschnittliche Intelligenz des Menschen schwinde allmählich. Seine Begründung: Vor tausenden Jahren, als die Menschen noch in kleinen Gruppen durch die Wildnis streiften, hätten die Klügsten die höchsten Überlebenschancen gehabt. Doch seitdem die Menschheit Ackerbau betreibe und in größeren Gemeinschaften zusammenlebe, sei die Intelligenz des Einzelnen weniger wichtig geworden. Die menschliche Intelligenz hatte ihren Gipfel möglicherweise vor etwa 6.000 bis 2.000 Jahren erreicht – von da an ging's kontinuierlich bergab, meint Crabtree. Er vermutet sogar, dass ein Bürger des antiken Athen uns heutigen Menschen geistig deutlich überlegen war.
==> Provokantes Gedankenspiel: Sehen Sie das auch so? Diskutieren Sie in den Kommentaren mit!

Intelligent und individuell

Nicht nur Menschen sind intelligent. Es gibt auch schlaue Tiere, die uns in manchen Situationen durchaus das Wasser reichen können, beispielsweise Delfine, Raben und - mit ihrer kollektiven Intelligenz - auch Bienen.

Aber auch Pflanzen kommunizieren untereinander und rufen sogar "um Hilfe", wenn sie angegriffen werden. Sie sind erstaunlich intelligent und sensibel.


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Kommentare

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Alfred, Mittwoch, 19.Juni 2019, 12:30 Uhr

16.

Und dabei behauptet die Testlogik weiter, den Aspekt der Entwicklung, nämlich gerade vorderhand der verschieden zu gewichtenden (Intelligenz)Altersstufen, sehr wohl mit der angemessenen Sensibilität zu berücksichtigen und insgesamt in ihre Wertungen mit einzubeziehen. Mindestens eine Ahnung dessen, daß Entwicklung eine ganz wesentliche Rolle in diesem Themengebiet auszuspielen hat, schimmert hier demnach durch.

Alfred, Mittwoch, 19.Juni 2019, 12:29 Uhr

15.

(obwohl es alles Wirklichkeiten sind einer offensichtlich mehrdimensionalen Angelegenheit namens Intelligenz, die weder in unserer zum Thema gedachten Formel enthalten sind noch diese letztere durch eine vollkommen objektive Autorität, die es natürlich niemals gibt noch geben wird, angestoßen.)
All dies Ergänzende braucht es aber auch nicht, um klar einzusehen, daß das Postulat „Intelligenz ist, was der Inteligenztest mißt“ nicht allein in sich selbst widersprüchlich, sondern schon von seinen konzeptionellen Grundannahmen her, die ein starr in sich festgefügtes Weltbild zur Voraussetzung machen, nicht als widersinnig ist.

Alfred, Mittwoch, 19.Juni 2019, 12:28 Uhr

14.

Und damit wäre freilich noch keine Aussage getroffen über die kategorische Erweiterung des Konzepts zum Beispiel über die Schule der multiplen Intelligenzen; es blieben aus unserer Behandlung ausgeklammert die technischen Unzulänglichkeiten des inneren Aufbaus eines solchen Tests, die ihm in einer relativen Welt jederzeit irgendwo anhaften müssen; nichts über die (gerade gesundheitlichen) Vorprägungen, die Schwankungen des Allgemeinbefindens der Testprobanden, ihre subjektive Einschätzung eines vermeintlich richtigen, doch so von den Aufgabenstellern vielleicht nicht vorgesehenen und vielleicht übersehenen Lösungsweges, bis hinauf zu den von unseren allgemeinen Vorgaben dessen, was Intelligenz bedeutet, im gesellschaftlichen Durchschnitt weit abstehenden Mentalitäten anderer Länder, deren räumlich-kulturelles Eigenleben also, haben wir bislang flüchtig angerissen

Alfred, Mittwoch, 19.Juni 2019, 12:27 Uhr

13.

Schon mit diesem Blick erkennen wir also, daß Intelligenz niemals lediglich „das, was der Intelligenztest mißt“ sein kann. Es muß geradezu zwangsläufig ebenso eine Form von Nicht-Meßintelligenz, beziehungsweise ungemessene Intelligenz geben: denn wie sonst hätten auch der Test selbst, alle Tests, ja Sprache, Symbole und Ideen überhaupt erst entstehen können? Und selbst die Wissenschaft wagt im Übrigen überhaupt nicht mehr anzuzweifeln, mit keinem Wort, daß nicht auch die Tierwelt selbst-bewußte Wesenheiten hervorgebracht hat und sich laufend neu erschafft!
Intelligenz und Entwicklung sind kaum voneinander abzutrennen, folgern wir weiter, es müßten denn die Hilfmittel zu ihrer Bestimmung nicht gleichfalls ihrem Gesetz unterliegen.

Alfred, Mittwoch, 19.Juni 2019, 12:26 Uhr

12.

Es dürfte also billig gar nicht heißen: „Intelligenz ist, was der Intelligenztest mißt“, sondern vielmehr richtiger: „Unsere Begrifflichkeit von Intelligenz ist, was der Intelligenztest (der natürlich wiederum ein Konstrukt darstellt) mißt.“ Das erscheint soweit trivial: denn wie angedeutet, ließe sich diese Richtigstellung auf fast alle Dinge in unserem Universum mit einigermaßen gleichem Recht anwenden. Doch hier liegen die Umstände noch einmal etwas anders, nämlich insofern, als schon in die sich über ein ungefähres Jahrhundert bereits erstreckende Entwicklung unseres heutigen Teststandards die Zugrundelegung von Ideen und Urteilen, kurz Anschauungsweisen über die Intelligenz einmal geradezu ungeheuer bedingte und noch heute bedingt. Das fließt natürlich notwendig wiederum in Konzeption und Auswertung dieses Tests hinein, aber auch umgekehrt geht die Formel auf.