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NABU-Aktion Insektensommer Insekten zählen für die Wissenschaft

Täuscht der Eindruck oder sind weniger Grillen zu hören? Summen weniger Bienen und Hummeln um uns herum, flattern weniger Schmetterlinge? Genaue Zahlen zu bekommen, ist nicht einfach. Darum sind jetzt Sie gefragt.

Stand: 13.07.2018

Maikäfer (Feldmaikaefer, Melolontha melolontha) auf einem Blatt. | Bild: picture-alliance/blickwinkel

Wenn sie nicht gerade mit bunten Flügeln um die Blüten gaukeln oder fleißig Honig sammeln, dann sind sie uns meist lästig: Insekten. Doch es ist kein Grund zur Freude, dass ihre Zahl in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken ist: Wir erleben ein fortschreitendes Insektensterben, das weitreichende Folgen haben wird. Es zu erforschen, seine Ursachen festzustellen und Gegenmaßnahmen zu entwickeln ist mühsam, denn es ist schwierig, belastungsfähige Zahlen zum Insekten-Schwund zu bekommen.

Bürgerforscher zählen Insekten

Auch die Hainschwebfliege gehört zu den Insekten, die der NABU zählen lassen will.

Erst im Jahr 2017 erschien eine Studie mit genauen Zahlen - und die waren erschreckend. Demnach sind in Teilen Deutschlands drei Viertel aller Fluginsekten verschwunden. Wichtige Voraussetzung für diese Studie war die Arbeit von ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern, die über Jahrzehnte hinweg Insekten zählten.

Insekten zählen für den NABU: 3. bis 12. August 2018

Auch der Naturschutzbund NABU will mithilfe von Hobby-Forschern Daten über Insekten sammeln. 33.000 verschiedene Insektenarten gibt es in Deutschland, aber über die meisten von ihnen laut NABU keine Daten. Bei einer groß angelegten Aktion sollen Bürger Schmetterlinge, Hummeln, Fliegen und Co. zählen. Aber keine Sorge: Sie sollen nicht jahrelang Sechsbeiner zählen, sondern nur eine Stunde lang - irgendwann zwischen dem 3. und 12. August 2018.

So funkioniert's

Wählen Sie zwischen dem 3. und 12. August einen sonnigen, warmen Tag und zählen Sie eine Stunde lang alle Insekten, die Sie von Ihrem Beobachtungsplatz aus sehen können. Dabei dürfen Sie gerne auch mal einen Stein umdrehen, einen Zweig hochheben oder in einen Blumentopf linsen. Ganz egal, ob Sie gerade im Park sitzen, am Seeufer liegen, über eine Almwiese spazieren oder auf einer Verkehrsinsel gestrandet sind. Von jeder Art zählen Sie die größte gleichzeitig wahrgenommene Zahl. So vermeiden Sie selbst am Rande einer Ameisenstraße, dass Sie gleiche Exemplare innerhalb der einen Stunde mehrfach zählen. Bei der Bestimmung hilft die Webseite des NABU oder auch seine Insekten-Bestimmungs-App für Smartphones.

Ergebnis der ersten Etappe

An der ersten Phase der Zählaktion "Insektensommer" im Juni beteiligten sich knapp 6.000 Bürgerforscher, die in der Mehrzahl im heimischen Garten zählten. Meist gezähltes Insekt im Juni war die Steinhummel. Der NABU vermutet, dass der blütenbesuchende Brummer schlicht schneller auffällt. Deshalb: Gucken Sie diesmal ruhig auch mal unter die Blätter!

Der NABU hofft, durch die Aktion "Insektensommer" bundesweite Zahlen über Insekten zu generieren. Als kontinuierliche Aktion, die Jahr für Jahr wiederholt wird, entstehen im Laufe der Zeit aussagekräftige Daten darüber, welche Arten seltener werden.

Vorbild-Aktion Vögel zählen

Die Unterseite der Mehlschwalbe ist weiß, der Schwanz dunkler und gegabelt. Die Mehlschwalbe ist ein Siedlungsfolger und lebt in unseren Städten und Gemeinden. Doch die Mehlschwalbe wird immer seltener gesehen, da sie kaum noch Material und Platz für ihre Schwalbennester findet. Auch sie kann man bei der "Stunde der Gartenvögel", der Vogelzählung, melden. | Bild: LBV/Markus Gläßel zur Bildergalerie mit Informationen "Stunde der Gartenvögel" 2018 Mitmachen und Vögel zählen

Wie geht's dem Mauersegler und der Mehlschwalbe? Finden sie bei uns genügend Nahrung und Nistmöglichkeiten? Das soll die Aktion "Stunde der Gartenvögel" klären. Vom 10. bis 13. Mai können Sie wieder mitmachen und eine Stunde lang Vögel zählen. [mehr]

Der NABU hofft auf ähnlich gute Ergebnisse wie bei seinen Vogelzählaktionen. "Wir haben natürlich ein Interesse an den Daten, denn je mehr Leute mitmachen, desto aussagekräftiger sind sie", sagt NABU-Mitarbeiterin Annette Schröter. Rund 130.000 Menschen hätten bei der letzten Aktion mitgemacht und ihre Vogelsichtungen über die Webseite gemeldet. Die Wissenschaft profitiert davon: Ornithologen werten die über Jahre gesammelten Daten aus und können so Trends und Entwicklungen aus der Vogelwelt erkennen. Die Daten dienen dann als Belege, um etwa für bestimmte Arten strengere Schutzbestimmungen einzufordern.

Technik hilft bei Citizen Science

In vielen Bundesländern gibt es Portale, bei denen Bürger Beobachtungen melden können. Über achtzig sogenannte Citizen Science-Projekte finden sich auf der Plattform buergerschaffenwissen.de, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

Für Insektenforscher Matthias Nuß kommt es beim Beobachten nicht darauf an, ob jemand Laie oder Experte ist. "Die Grundfrage muss sein: Mit welchen Methoden wird gearbeitet und sind die Ergebnisse nachvollziehbar?" sagt Nuß, der sich am Senckenberg Museum für Tierkunde in Dresden vor allem mit Schmetterlingen beschäftigt.

Ob Insekten in Sachsen, Feldhasen in Berlin, Alpensteinböcke in Bayern oder Schweinswale an Elbe- und Weserstrand - an vielen Orten können Naturfreunde entsprechende Daten zu Tieren sammeln. Die Technik schaffe dafür neue Möglichkeiten, sagt Insektenforscher Nuß. Das bedeute aber nicht, dass automatisch neue Zielgruppen für den Naturschutz gewonnen würden. "Kurz gesagt, bei Ü40 funktioniert es, bei U20 nicht." Jüngere Menschen zu erreichen, sei schwierig. Dafür seien vielleicht andere pädagogische Konzepte nötig, meint Nuß.

"Der Vorteil von Citizen Science für die Wissenschaft besteht aus zwei Komponenten: Der großen Fläche und der hohen Artenzahl. Ohne die vielen Menschen, die es in ihrer Freizeit machen, könnten wir sie gar nicht zählen."

Matthias Nuß, Senckenberg Museum für Tierkunde Dresden


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