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Mikroplastik in der Umwelt Mehr Mikroplastik durch Autoreifen und Schuhe als durch Kosmetik

Plastik verschmutzt unsere Umwelt, unsere Seen und Flüsse. Vor allem Mikroplastik bereitet Sorgen. Doch woher kommt es? Laut Fraunhofer-Institut in Oberhausen spielen bei den Mikroplastik-Emissionen Reifenabrieb, die Abfallentsorgung, aber auch der Schuhabrieb unrühmliche Rollen.

Von: Anja Bühling

Stand: 04.09.2018

Abgefahrene Altreifen lagern auf dem Gelände der Mülsener Rohstoff- und Handelsgesellschaft mbH in Mülsen.  | Bild: dpa-Bildfunk/Hendrik Schmidt

Für die Studie zum Mikro- und Makroplastik in der Umwelt hat das Fraunhofer-Institut für Umwelt- Sicherheits- und Energietechnik in Osnabrück (UMSICHT) bislang 51 verschiedene Quellen für Mikroplastik ausgewertet. Insgesamt haben die Forscher errechnet, dass pro Jahr in Deutschland 330.000 Tonnen Mikroplastik zusammenkommen – pro Person sind das gut vier Kilogramm. Von den insgesamt 446.000 Tonnen Kunststoff-Emissionen pro Jahr in Deutschland macht Makroplastik wie leere Plastikflaschen oder -tüten nur ein gutes Viertel aus. 74 Prozent der Emissionen sind dagegen Mikroplastik.

Reifenabrieb als größter Mikroplastik-Produzent

Bei ihrer Analyse haben die Forscher festgestellt, dass der größte Anteil nicht, wie vielleicht oft angenommen, aus der Kosmetik und den Textilien stammt, sondern vom Abrieb der unterschiedlichsten Reifen. Die Studie bringt einige unerwartete Erkenntnisse zutage: Zum Beispiel, wie hoch die Mikroplastik-Emission bei Sport- und Spielplätzen oder beim Schuhabrieb ist.

Die Top Ten der Mikroplastik-Quellen laut UMSICHT-Studie

  1. Abrieb von Reifen: 1.228,5 Gramm pro Jahr – inklusive Autos (998,0 Gramm pro Jahr) Lastwagen (89,0), Skateboards (17,9), Fahrrädern (15,6) und Motorrädern (8,0)
  2. Freisetzung bei der Abfallentsorgung: 302,8 Gramm pro Jahr – inklusive Kompostierung (169), die Zerkleinerung von Bauschutt (27,6) oder das Kunststoffrecycling (101)
  3. Abrieb von Bitumen in Asphalt (228,0)
  4. Pelletverluste (182,0)
  5. Verwehungen von Sport- und Spielplätzen ( 131,8) – dabei sind die Kunstrasenplätze mit 96,6 Gramm pro Jahr ganz weit vorn.
  6. Freisetzungen von Baustellen (117,1)
  7. Abrieb der Schuhsohlen (109,0)
  8. Abrieb von Kunststoffverpackungen (99,1)
  9. Abrieb von Fahrbahnmarkierungen (91)
  10. Faserabrieb bei Textilwäsche (76,8) – Haushaltswäsche und Waschsalon

Das bekannte Beispiel Mikroplastik in der Kosmetik findet sich in dieser Liste mit 19 Gramm pro Jahr erst auf Platz 17. Auch die Experten des Umweltbundesamts sind auf ein ähnliches Ergebnis gekommen. Dennoch wird dieses Beispiel häufig in den Medien und der Fachliteratur erwähnt. Wahrscheinlich, weil es "aber auch am einfachsten zu vermeiden" ist, so der Sprecher des Bundesamtes, Felix Poetschke.

Woher stammen die Daten – zum Beispiel beim Schuhabrieb?

Mikroplastik: Der Schuhabrieb liegt an 7. Stelle der Studie, was die Mikroplastik-Emission in Deutschland angeht.

Die Forscher sind nach eigenen Aussagen von der Gesamtzahl der pro Jahr in Deutschland verkauften Schuhe ausgegangen. Die durchschnittliche Schuhgröße, die Sohlenfläche und rund fünf ausgesonderte Paar Schuhe pro Kopf und Jahr gingen weiter in die Berechnungen ein. Die Zahlen der Wissenschaftler liegen, wie sie selbst einräumen, im Vergleich zu anderen Studien "eher im oberen Bereich", da man mehr Quellen berücksichtigt habe. Die Wissenschaftler haben frühere Studien ausgewertet und Produktions- und Verbrauchsdaten auf die Emissionen von Mikroplastik heruntergerechnet.

Primäres und sekundäres Mikroplastik

Die Studie unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik. Sekundäres Mikroplastik entsteht laut der der Forscher durch Zersetzung und Verwitterung von Makroplastik. Etwa wenn sich Plastikflaschen und -tüten oder Schiffsnetze auflösen. Primäres Mikroplastik (Typ A und B) sind dagegen Partikel, die bereits bei der Herstellung von Produkten eingesetzt werden. Beispiele sind Reibkörper in der Kosmetik, polymere Strahlmittel, Lasersinterpulver für den 3-Druck oder Kunststoffpellets. "Die Freisetzung dieses Mikroplastiks Typ A kann intendiert, bewusst in Kauf genommen oder durch einen Unfall verursacht sein“, so die Studie.

89 Prozent des Mikroplastiks durch Nutzung oder Verwitterung von Plastik

Das primäre Mikroplastik Typ B entsteht dagegen erst in der Nutzungsphase. Dazu zählen der Reifenabrieb, beim Waschen freigesetzte synthetische Fasern oder die Verwitterung von Farbe. Mikroplastik Typ B ist schwer zu vermeiden. Bisher gibt es laut der Studie auch kaum Forschung zu dem Thema. Aber gerade dieser Typ B gelangt – so die Studie – in großem Umfang in die Umwelt: Es soll rund 89 Prozent des gesamten Mikroplastiks, das in die Umwelt gelangt, ausmachen. Dabei stammen 62 Prozent dieser Emissionen aus den Bereichen Verkehr, Infrastruktur und Gebäude.

Die Autoren der Studie sehen die Verantwortlichkeiten für eine Reduzierung des Mikroplastiks klar verteilt: Während die Vermeidung von primärem Mikroplastik in der Verantwortung der Hersteller liegt, müssten die Verbraucher und der Staat sich um die Verminderung von sekundärem Mikroplastik, also Plastikverpackungen und -tüten etc., in der Umwelt kümmern. Dadurch könnten auch die Emissionen von sekundärem Mikroplastik vermieden werden.

Handlungsanweisung zu Vermeidung von Mikro- und Makroplastik in der Umwelt

Am Ende ihrer Studie geben die Autoren Jürgen Bertling, Ralf Verlting und Leandra Hamann noch eine kleine Handlungsanweisung. Unter "Take-home-message" fordern sie, dass jeder persönlich aktiv wird und weniger Plastik verwendet:

"Wir müssen unsere jährlichen Kunststoffemissionen von 5.400 auf 200 Gramm pro Kopf reduzieren, um weitere Umweltschäden zu vermeiden."

Fraunhofer UMSICHT, Studie

Weniger Kunststoff in der Umwelt

Dazu fordern sie jeden auf, keine Abfälle einfach wegzuwerfen, sondern einzusammeln. Sie nicht über das Wasser zu entsorgen, langlebige Reifen zu nutzen und defensiv zu fahren sowie Produkte mit Mikrokügelchen zu vermeiden. Die Politik und Kommunen fordern sie auf, Pfandsysteme auszuweiten, Wegwerf-Produkte zu verbieten und Anreize für besseres Recycling schon in der Produktion zu schaffen. Forschung und Industrie sollen abriebs- und verwitterungsarme Kunststoffe entwickeln, die Abbaubarkeit und die Recyclebarkeit von Kunststoffen verbessern und neue Filtersysteme entwickeln.

Und die Autoren empfehlen dringend eine Optimierung und Intensivierung der Straßenreinigung, bessere Rückhaltesysteme, verbesserte Niederschlagsentwässerung sowie weniger Kunststoff in Klärschlämmen.

  • "Was tun gegen die Plastikflut": "W wie Wissen", ARD-alpha, am 5.09.2018, um 16.30 Uhr
  • "Plastik überall – Wie stoppen wir das Müllproblem": "Quarks", ARD-alpha, am 21.09.2018, 17.00 Uhr

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