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Im Schutz der Bäume Der Bergwald als Schwamm

Ein intakter Bergwald bietet dem Menschen viel Schutz: vor Lawinen, Steinschlag, Hochwasser. Er dient als Schneebremse, Felsbarriere und Schwamm. Am Internationalen Tag des Berges steht der Wald im Mittelpunkt des Interesses.

Von: Wolfram Porr

Stand: 09.12.2011 | Archiv

Meinhard Süß zeigt eine Humusschicht | Bild: BR/Konvalin

"Die Natur kennt keine Straße", sagt Forstbetriebsleiter Meinhard Süß von den Bayerischen Staatsforsten. Was er damit meint? Der Natur, dem Wald ist's egal, ob am Fuße eines Berges Menschen siedeln oder Straßen verlaufen. Um also Siedlungen oder Infrastruktureinrichtungen vor Naturschäden wie Lawinen oder Hochwasser zu sichern, muss der Mensch regulierend eingreifen.

Nur ein gesunder Wald schützt

Sieht dauerhaften Handlungsbedarf: Forstbetriebsleiter Meinhard Süß

Dabei geht es (auch) um die Wasserrückhaltefähigkeit der Landschaft. Der Wald wirkt in der Tat wie ein Schwamm - allerdings nur dort, wo es wenig Frei- und Kahlflächen, keine Monokulturen, keine überalterten Baumbestände und einen möglichst nährstoffreichen Waldboden gibt. Besonders wichtig ist Süß, der unter anderem für das Gebiet rund um Ettal in den Ammergauer Alpen zuständig ist. das Prinzip des Dauerwaldes. Will heißen: Es gehe nicht nur darum, den Bestand in Ordnung zu bringen. Vielmehr sei eine der dringendsten Aufgaben, dafür zu sorgen, "dass wir keine neuen sanierungsbedürftigen Wälder kriegen". Die Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, sind vielfältig. Sicher ist: Nur ein nachhaltig strukturreicher Bergwald bietet den größtmöglichen Schutz.

Gesunder Bergwald - Probleme und Maßnahmen

Kahlflächen

Das Problem: Wo es Frei- und Kahlflächen gibt, können Schnee, Lawinen, Muren und Steine ungehindert ins Tal abgehen. Die Wasserrückhaltefähigkeit ist gering, denn es bilden sich keine Humusschichten. Und wo sich kein Humus bildet, gibt es auch keine "Schwammfunktion".

Maßnahmen: Je dichter ein Wald desto mehr Schutz bietet er. Auflichtungen, also Kahl- und Freiflächen soll es daher nach Möglichkeit nicht geben. Hier werden neue Baumgruppen gepflanzt oder zumindest Schutzmaßnahmen (Stahlnetze, Dreibeinböcke etc.) ergriffen. Wo es überalterte, kranke Bäume gibt, werden ebenfalls neue Baumgruppen angesetzt. Diese brauchen für ihr Wachstum Licht, so dass mitunter auch gesunde Bäume gezielt gefällt werden. Diese Verjüngung des Waldes soll dafür sorgen, dass Kahlflächen gar nicht erst entstehen.

Baum-Mix

Das Problem: Monokulturen - im bayerischen Alpengebiet vorwiegend reine Fichtenwälder - fördern den Schädlingsbefall (Stichwort: Borkenkäfer) und haben dafür gesorgt, dass es den Waldböden an bestimmten Nährstoffen mangelt.

Maßnahmen: Spätestens seit den großen Borkenkäferplagen wird wieder auf strukturreiche Wälder, also Mischwälder gesetzt. Ideal sind etwa Sie gewährleisten einen nährstoffreichen Boden und einen guten, teils durchwurzelten Humus. Meinhard Süß: "Je mächtiger ein Humuspaket ist, umso mehr Wasser kann gespeichert werden."

Wildbestand / Jagd

Das Problem: Ein unausgewogener Wildbestand sorgt auch für ein Ungleichgewicht in den Wäldern. Aufgrund von Straßenbau, Landversiegelung etc. zieht es die Tiere nicht mehr wie früher in die Auwälder, sondern vermehrt in die bayerischen Bergwälder, um speziell im Winter Nahrung zu finden und zu überleben. Rotwild, Rehwild und Gämswild sind hier beheimatet - allesamt Pflanzenfresser. Rehe schätzen insbesondere Tannen als Delikatesse. Wildverbiss ist die Folge. Förster fordern deshalb höhere Abschusszahlen. Dem entgegen stehen die Interessen der Jäger. Jagdpächter bezahlen viel Geld und haben nicht so sehr das natürliche Gleichgewicht im Blick.

Maßnahmen: Wildschutzzäune sorgen dafür, dass neu gesetzte Baumgruppen von Wildverbiss verschont bleiben und in Ruhe wachsen können. Im Dauerstreit zwischen Förstern und Jägern sind die Fronten verhärtet und kein zufriednstellender Kompromiss in Sicht: "Da würden wir uns eine konsequentere Handhabung wünschen", so Süß.

Freistaat finanziert Langfristkonzept

Quer liegende Bäume sollen die B 23 zwischen Oberau und Ettal schützen

Die Erkenntnis, dass die Bergwälder an dieser Stelle eine wesentliche Schutzfunktion einnehmen, ist noch gar nicht so alt. Der Freistaat Bayern finanziert Maßnahmen zur sogenannten Schutzwaldsanierung erst seit 1986. Immerhin 74 Millionen Euro sind laut dem Bayerischen Landwirtschaftsministerium seitdem geflossen - durchschnittlich also knapp drei Millionen Euro jährlich. Für die Bayerischen Staatsforsten, die lediglich einen Teil des Verwaltungsaufwandes selbst mittragen, ist das ein ganz wichtiger Punkt: "Es geht ja ums Gemeinwohl. Und da sind wir auf einem sehr guten Weg, zumal es keine formalen oder materiellen Hemmnisse gibt", so Süß. Schwerpunkt der langfristig ausgelegten Maßnahmen ist Oberbayern, und dort der Alpen- und Voralpenraum. Wichtige Verbindungsstraßen und Infrastruktureinrichtungen gilt es hier zu schützen.

Schutzwald-Schwerpunkte in Bayern

  • Ettaler Berg / B 23 Oberau - Ettal
  • Wank (Südseite) / B 2 Garmisch-Partenkirchen - Mittenwald
  • Fahrenberg / B 11 Seestraße Walchensee
  • Hagenberg / Spitzingstraße
  • Weißwand /Queralpenstraße bei Schneizlreuth

Brennpunkt Partenkirchen: Wank hält mehr Wasser zurück

Die Kanker verläuft nur noch bis zum Ortseingang oberirdisch

Eine ähnliche Geologie wie in Ettal findet sich am Wank oberhalb von Partenkirchen. Hier wurde nach den verheerenden Überschwemmungen von 1999 und 2005 eine Reihe von Hochwasserschutzmaßnahmen veranlasst. Neben einem neuen, leistungsstarken Rückhaltebecken für die Kanker, der unterirdischen Umleitung mehrerer Bergbäche durch den Markt und einen "Beipass" in die Partnach wurde als begleitende Maßnahme auch der Bergwald auf der Wank-Südseite fit gemacht. Vorwiegend Lärchen und Bergkiefern wurden neu gepflanzt, der Wald so verdichtet. Die Hoffnung: Der Berg soll mehr Wasser als bisher zurückhalten.

Schmid: "Wir fühlen uns sehr sicher"

Sieht Garmisch-Partenkirchen gewappnet: Bürgermeister Thomas Schmid

"Wir wissen das sehr zu schätzen", sagt Bürgermeister Thomas Schmid. "Jede Investition in den Schutzwald ist für uns sehr, sehr viel wert." Das Maßnahmenpaket, das nach dem 1999er-Hochwasser angeschoben wurde, habe sich bereits - wenn auch nur bei einem kleineren Hochwasser - bewährt. Garmisch-Partenkirchen sieht sich heute dennoch deutlich besser gewappnet als noch vor zehn Jahren. "Wir fühlen uns sehr sicher", so Schmid. Hundertprozentige Sicherheit, dass wissen auch die Partenkirchener, gibt es freilich nie. Ab einem bestimmten Punkt versagen alle Schutzmechanismen. Und da hilft dann auch kein intakter Bergwald mehr.

Internationaler Tag des Berges

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den 11. Dezember zum Internationalen Tag des Berges deklariert. Damit soll das Bewusstsein für die enorme Wichtigkeit der Bergwelt geweckt bzw. gestärkt werden. Der diesjährige "International Mountain Day" soll das Interesse insbesondere auf die Bergwälder lenken und deren bedeutende Rolle bei Maßnahmen gegen den Klimawandel.


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