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Hypnose Operieren ganz ohne Narkose?

Von einer Operation möchten wir Patienten am liebsten so wenig wie möglich mitbekommen, darum gibt es ja die Narkose. Doch manche Operationen sind sogar unter Hypnose möglich - mit einem wachen, sprechenden Patienten.

Von: Veronika Bräse/Yvonne Maier

Stand: 29.05.2017

Menschen, die an Parkinson erkrankt sind, bekommen einen Hirnschrittmacher eingesetzt, wenn die Medikamente nicht mehr wirken. Dabei sollen die typischen Symptome wie zittrige Hände, Zuckungen oder Muskelstarre unterdrückt werden. Die besondere Herausforderung bei der Operation: Damit der Hirnschrittmacher individuell genau eingestellt werden kann, muss der Patient im entscheidenden Moment wach sein.

Momentan verläuft eine solche Operation folgendermaßen: Die Patienten bekommen eine leichte Narkose, die Chirurgen bohren den Schädel auf, setzen den Hirnschrittmacher ein und lassen die Patienten rasch aufwachen - die dann zum Beispiel wieder zittern. Jetzt kann der Schrittmacher fein eingestellt werden.

Hellwach aber schmerzfrei

Operation unter Hypnose.

Das Problem: Betäubungsmittel können das Zittern nachträglich noch unterdrücken, darum wissen die Operateure manchmal nicht, ob der Schrittmacher richtig eingestellt ist. Forscher aus Jena haben darum eine ganz andere Technik entwickelt: Operationen unter Hypnose. Denn unter Hypnose ist man hellwach und das parkinsontypische Zittern ist auch sofort wieder da.

"Die Kopfhaut wird vorher in örtlicher Betäubung berührungsunempfindlich gemacht, das Schädelaufbohren tut nicht weh, da hat man keinen Schmerz, das ist nur unangenehm."

Prof. Rupert Reichhart, Uniklinik Jena

Störungen sind eingebaut

In der Praxis teilen sich die Ärztinnen und Ärzte die Aufgaben bei einer solchen Operation. Rupert Reichhard, der Oberarzt an der Klinik für Neurochirurgie in Jena zum Beispiel versetzt den Patienten in Trance, sein Kollege operiert. Alles, was die Hypnose während der Operation stören könnte, wird eingebaut:

"Der Klassiker ist, wenn man den Schädel aufbohrt, dass man dann für den Patienten einen Hubschrauber landen lässt. Oder wenn es feucht wird, man macht die Sterilisation, dann schwimmt man eben gerade auf dem Wasser."

Neurologe Rupert Reichhard, Uni Jena

Vier Stunden dauert es, bis so ein Hirnschrittmacher eingesetzt ist. Rupert Reichhard muss sich eine Menge einfallen lassen, damit ein Patient so lange in Hypnose bleibt. Im Vorgespräch erfragt er darum auch, wo dieser sich am wohlsten fühlt oder sich gut auskennt.

"An dem Wohlfühlort kann er sich umgucken und umhören. Wenn die Hypnose länger dauern soll, dann begibt man sich mit ihm auf eine Reise. Also zum Beispiel, beim letzten Patienten, das war ein Bäckereiausfahrer, da sind wir die ganzen Stationen abgefahren, wo er seine Semmeln verkauft."

Neurologe Rupert Reichhard, Uni Jena

Betäubungsmittel sind nicht nötig

Natürlich stehen zur Sicherheit Betäubungsmittel bereit, doch so lange die Trance oder Hypnose anhält, werden die nicht gebraucht. Das hat auch eine Studie der Uniklinik Regensburg herausgefunden. Dort werden Hirntumore unter Hypnose entfernt. Auch hier sollte der Patient während der Operation ansprechbar sein. Zum Beispiel weil der Eingriff in der Nähe des Sprachzentrums ist. Wenn sich während der Operation unter Hypnose die Sprechfähigkeit verschlechtert, kann der Chirurg oder die Chirurgin sofort reagieren.

Doch auch unwillkürliche Körperfunktionen kann man mit Hypnose unterdrücken:

"Ein Therapeut kann eine Geschichte erzählen, eine Suggestion geben und dann ändert sich die Durchblutung. Und zwar nicht nur in der Haut, das kann sich darauf auswirken, wie viel ein Patient bei einer Operation blutet."

Anästhesist Ernil Hansen, Uniklinik Regensburg

Unwillkürlich werden die Blutgefäße verengt - ähnlich wie wenn wir rot oder blass im Gesicht werden. Helfen kann das Patienten, die zum Beispiel Blutverdünner nehmen und sonst bei einer Operation stark bluten würden.

Immer noch nicht Standard

Obwohl die medizinische Hypnose ein seit 2006 wissenschaftlich anerkanntes und durch viele empirische Studien überprüftes Verfahren ist, wird es in Operationssälen noch selten angewendet.

"Hypnose, das Wort allein, ist sehr belastet. Aus der Vergangenheit als das eine sehr autoritäre und manipulative Funktion hatte und man muss erst einmal deutlich machen und erklären, dass Hypnose heute ganz anders funktioniert. Also nicht mehr der Therapeut, der Magier, steht im Mittelpunkt und überträgt von außen Kraft, sondern dass es um die Fähigkeit des Patienten geht, die aber eingeleitet und gefördert werden muss."

Anästhesist Ernil Hansen, Uni Regensburg

Wichtig ist es dabei, an seriöse Hypnotiseure zu gelangen. Der Begriff selbst ist nicht geschützt. Doch die klinische Hypnose ist nach einem festgelegten Lehrplan zu erlernen und zwar für Menschen mit einem Medizin- oder Psychologiestudium und einer mehrjährigen Facharztweiterbildung oder als klinischer Psychologe. In Deutschland gibt es vier große Hypnose-Fachgesellschaften, die sich an diese Qualitätsstandards halten.

  • "Mysterium Narkose": nano, 26.10.2018, 17.45 Uhr.
  • Zum Thema "Hypnose im OP" und "Trance als Therapie" berichtet IQ-Wissenschaft und Forschung am 29.05.2017 und am 30.05.2017.

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