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Zum Tod von Eibl-Eibesfeldt Ein streitbarer Forscher mit unermüdlichem Antrieb

Seine Werke gelten als Bibel der Verhaltensforschung, seine Thesen haben häufig für Diskussionen gesorgt. Am 2. Juni 2018 ist der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.

Stand: 04.06.2018 | Archiv

Irenäus Eibl-Eibesfeldt beobachtete und erforschte zunächst die Tiere und kam über sie zum menschlichen Verhalten als Forschungsfeld. Er entwickelte eine eigene Disziplin in der Verhaltensforschung: die Humanethologie. Selbst in hohem Alter dachte der umtriebige Forscher nicht an Ruhestand. Vielmehr lockten ihn die Galapagosinseln und ein Exemplar einer seltenen Schildkrötenart. Am 15. Juni 2018 wäre er 90 Jahre alt geworden.

Eibl-Eibesfeldt hinterlässt auch 350 Kilometer Film

Forschungsfeld von Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Die Galapagosinseln und deren Bewohner.

Eibl-Eibesfeldt war Schüler des Medizin-Nobelpreisträgers und Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Seit 1956 war er für die Max-Planck-Gesellschaft in Andechs tätig, saß dort auch noch mit weit über 80 Jahren in seinem Büro: Der gebürtige Wiener, der mit seiner Frau Eleonore am Starnberger See lebte, arbeitete noch Material aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit und das früherer Generationen auf. Insgesamt veröffentlichte Eibl-Eibesfeldt weit über 600 Publikationen und mehr als 20 Bücher. Von seinen Reisen brachte er rund 350 Kilometer Filmmaterial mit, das inzwischen beim Frankfurter Senckenberg-Museum liegt. Irenäus Eibl-Eibesfeldt kannte die Galapagosinseln wie kaum ein anderer Forscher.

Galapagos als Meilenstein

Meeresbiologe Hans Haas reiste mit Eibl-Eibesfeldt zu den Galapagos-Inseln.

1954 reiste er als 26-Jähriger erstmals gemeinsam mit dem Meeresbiologen Hans Hass zu den Inseln. Er erforschte die drachenartigen Meerechsen, die Elefantenschildkröten und flugunfähige Kormorane. Er entdeckte hier, wie Schildkröten sich von Grundfinken nach Zecken absuchen lassen und beschrieb diese Symbiose als Erster. Und er beobachtete, dass Meerechsen zum Tauchen Steinchen schlucken, sich an Land mit der Zunge orientieren und Wassernebel aus der Nase sprühen.

"Die starken Eindrücke, die ich auf dieser Reise empfing, prägten meine Liebe zu ihrer Lebenswelt, um deren Schutz ich mich in der Folge auch bemühte."

Irenäus Eibl-Eibesfeldt in seinem Buch 'Galapagos'

Irenäus Eibl-Eibesfeldt (geboren 1928 in Wien; verstorben am 2. Juni 2018 in Starnberg) war ein österreichischer Zoologe, Evolutionsbiologe, Verhaltensforscher und Gründer des Fachs Humanethologie. | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Irenäus Eibl-Eibesfeldt Galápagos - die Arche Noah im Pazifik

Er begründete die Humanethologie, sein Werk gilt als Bibel der Verhaltensforschung. Bei Expeditionen in den 50er Jahren verlor der streitbare Zoologe sein Herz an die faszinierende Tierwelt der Galápagos-Inseln. [mehr]

Lange bevor Arten- und Naturschutz in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, sah der Verhaltensforscher das Paradies in Gefahr und wandte sich an die UNESCO. Die schickte ihn auf eine Expedition. Dank seiner Erkenntnisse wurden die Inseln unter Schutz gestellt und eine Forschungsstation eingerichtet.

Begründer der Humanethologie

Yanomami in Brasilien

Mit seinem Werk "Grundriss der Vergleichenden Verhaltensforschung" schrieb Eibl-Eibesfeldt 1967 das erste Lehrbuch zur Ethologie. Von nun an widmete er sich vor allem der Untersuchung des menschlichen Verhaltens. 1984 begründete er die Humanethologie. Einer seiner Forschungsschwerpunkte dabei: Welche Verhaltensmuster sind dem Menschen angeboren und welche sind kulturell bedingt? Um das herauszufinden, reiste er zu Urvölkern in Südamerika, Afrika und Neuguinea und filmte die Rituale und den Alltag der Menschen.

"Wer seine Wurzeln verliert, kann nicht gedeihen."

Irenäus Eibl-Eibesfeldt

Herbe Kritik an seiner "Fremdenscheu"-Theorie

Stark kritisiert wurde Eibl-Eibesfeldt für seine Überzeugung, es gebe eine angeborene Fremdenscheu. Daraus leitete er ab, dass Zuwanderung begrenzt werden müsse. Dies brachte ihm den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit ein. Eibl-Eibesfeldt verteidigte seine These. Für ihn ist jeder Mensch gegenüber dem Fremden scheu, vollkommen unabhängig von seiner Kultur. Fremdenhass sei dagegen anerzogen. Und das müsse man wissen, um die Gründe für ein fremdenfeindliches Verhalten zu verstehen.

Weltsprache Kunst

Irenäus Eibl-Eibesfeldt dachte nicht an Ruhestand.

So wie Eibl-Ebesfeldt erforschte, ob es eine universelle menschliche Sprache der Gesten und der Mimik gibt, so interessierte ihn auch Kunst und Kultur als elementarer Ausdruck des Menschen. Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin und Kollegin Christa Sütterlin verfasste er ein Buch zur Natur- und Kunstgeschichte bildlicher Kommunikation. Darin verwiesen die beiden auf grundlegende, abstrakte Ähnlichkeiten in der Kunst, zum Beispiel bei der Darstellung einer Frau in bronzezeitlichen Felsmalereien, in einer Zeichnung heutiger Ureinwohner West-Neuguineas und einer "Figure" des spanischen Malers Joan Miró.

Das Verhalten des Menschen in der Stadt

Ein weiteres Thema im Repertoire des Forschers: die "Stadtethologie". Dabei ging es ihm um das Verhalten des Menschen in der Stadt: Was passiert mit dem Menschen, der von seinen Verhaltensmustern aus auf ein Leben in der Gruppe ausgerichtet ist, in einer anonymen Stadtgesellschaft?

"Er war ein Mann, der nie mit dem Strom geschwommen ist und der sich auch eingemischt hat in die politische Diskussion. Er war ein Titan in seiner Fähigkeit der Beobachtung und in seiner Kraft der wissenschaftlichen Synthese."

Wulf Schiefenhövel, Mediziner und Humanethologe, der die Arbeit Eibl-Eibesfeldts in Seewiesen am Max-Planck-Institut für Ornithologie weiterführt

Sein größter Wunsch

Seinen runden Geburtstag hatte er im Kreise seiner Familie feiern wollen, Freunde und Kollegen aus aller Welt wurden erwartet. Dazu ist es nun nicht mehr gekommen. Sein größter Wunsch war bereits zu seinem 85. Geburtstag, dass sein Fach weiter gepflegt wird.

"Wir verlieren einen großartigen Menschen, Wissenschaftler, Mentor und Freund, der viele Leben in einem gelebt hat, engagiert, unermüdlich und stets neugierig. Er war einer der letzten großen Naturforscher, der Wissenschaft auch als Abenteuer betrieben hat."

Christa Sütterlin, seine langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin

Irenäus Eibl-Eibesfeldt

  • Geboren: 15. Juni 1928 in Wien.
  • Student und Dissertation bei Konrad Lorenz.
  • 1953 und 1957 mit Hans Hass auf Reisen in die Karibik und zu den Galapagosinseln. Auf seine Initiative hin werden Schutzgebiete und die Charles-Darwin-Forschungsstation dort eingerichtet.
  • Reisen nach Afrika, Südamerika und Ostasien zur Erforschung universeller menschlicher Gemeinsamkeiten bei Gefühlen wie Trauer, Erstaunen, Furcht, Freude oder Verlegenheit.
  • Ab 1956: tätig am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen (Bayern).
  • Ab 1963: Lehrauftrag an der Ludwig-Maximilians-Universität München, 1969 bekommt er dort eine Professur für Zoologie, (1996 emeritiert).
  • Ab 1970: Leiter der Arbeitsgruppe für Humanethologie in Seewiesen.
  • 1972 gründet er gemeinsam mit weiteren Verhaltensforschern wie Konrad Lorenz, Bernhard Grzimek und Horst Stern die "Gruppe Ökologie".
  • Ab 1975 leitet er die Forschungsstelle für Humanethologie in Seewiesen, aus der 2004 das Max-Planck-Institut für Ornithologie hervorgeht.
  • Insgesamt veröffentlicht Eibl-Eibesfeldt weit über 600 Publikationen und mehr als 20 Bücher.
  • 2. Juni 2018: Irenäus Eibl-Eibesfeldt stirbt nach kurzer, schwerer Krankheit.

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