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Evolution "Hobbit" lebte früher als bisher angenommen

2003 machten Archäologen auf der indonesischen Insel Flores einen spektakulären Fund: Sie entdeckten Knochen eines Zwergmenschen, der dort vor 18.000 Jahren gelebt haben soll – parallel zum modernen Menschen. Doch nun mussten die Daten revidiert werden.

Stand: 08.06.2016

der indonesische Forscher Thomas Sutikna mit einem Schädel des Homo floresiensis | Bild: picture-alliance/dpa

Seit der Entdeckung der Knochen der "Hobbits" in einer Höhle streiten die Forscher über den Homo floresiensis, wie der Frühmensch wissenschaftlich korrekt heißt. War er ein moderner Mensch wie wir? Ein Homo sapiens, der unter Zwergwuchs litt? Oder gehörte er einer eigenen Art von Frühmenschen an und war somit nur ein naher Verwandter von uns, der inzwischen ausgestorben ist?

Fehler bei der Zuordnung von Erdschichten

Zunächst nahm man an, der Homo floresiensis habe vor etwa 100.000 bis 12.000 Jahren gelebt. Damit hätte der Homo floresiensis Zehntausende Jahre in Nachbarschaft mit dem Homo sapiens gelebt und vermutlich auch Kontakt gehabt. Der Homo sapiens besiedelte vor etwa 40.000 Jahren Flores, eine kleine indonesische Insel.

Nach Jahren der Untersuchung veröffentlichte ein internationales Forscherteam um Thomas Sutikna von der australischen University of Wollongong im März 2016 in "Nature", dass die ursprüngliche Datierung auf eine falsche Zuordnung von Erdschichten zurückgehe.

Steckbrief: Homo floresiensis

Fund und falsche Annahme

Insel Flores

Entdeckt wurden die ersten Knochenteile von sechs bis acht Individuen und Steinwerkzeuge im Jahr 2003 in Flores (Indonesien) in einer Höhle.
Da die Knochen von Feuchtigkeit aufgeweicht waren, konnte ihr Alter nicht mit der üblichen Radiokarbon-Methode direkt ermittelt werden. Doch das Alter der sie jeweils umgebenden Gesteinsschichten ließ sich bestimmen. Aufgrund einer mangelhaften Untersuchung ging man zunächst davon aus, dass die ältesten Knochenfunde in Schichten mit einem Alter von 94.000 Jahren lagen, die jüngsten datierte man auf ein Alter von nur 13.000 Jahren. Das wäre sehr jung für einen Urmenschen gewesen: Zu dieser Zeit lebte auch schon der Homo sapiens auf Flores.

Neue Erkenntnisse - Teil 1

Im März 2016 wurde bekannt, dass die frühere, wesentlich jüngere Datierung des Homo floresiensis auf eine falsche Zuordnung der Erdschichten zurückgeht. Demnach war ein Teil des Höhlenbodens erodiert und hatte sich mit jüngerem Erdmaterial gefüllt. Dies sei bei den ersten Ausgrabungen von 2001 bis 2004 nicht erkannt worden. Nach den neuesten Untersuchungen der Erdschichten werden die auf Flores entdeckten Knochen auf ein Alter von 60.000 bis 100.000 Jahren datiert. Damit hätten sie auf keinen Fall zeitgleich mit dem Homo sapiens auf der Insel gelebt. Das bestätigt auch Jean-Jacques Hublin, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der an dieser Studie aber nicht beteiligt war.

Neue Erkenntnisse - Teil 2

Die Hobbit- These unterstützt auch die Veröffentlichung von Yousuke Kaifu und Adam Brumm im Juni 2016 in der Fachzeitschrift "Natur". Die Wissenschaftler datieren den kleinwüchsigen Nachfahren des asiatischen Homo erectus auf ein Alter schon vor 700.000 Jahren. Sie hatten ein Unterkiefer-Fragment und sechs Zähne 2014 in Mata Menge gefunden, rund 70 Kilometer von der "Hobbit-Höhle" in Liang Bua entfernt. Dort waren 2003 erste Überreste gefunden worden. Diese gleichen denen des Homo floresiensis aus Liang Bua, was darauf hindeutet, dass der Zwergenmensch in den rund 600.000 Jahren zwischen den nun entdeckten Ahnen und ihrem zuvor gefundenen Verwandten in seiner Gestalt weitestgehend unverändert blieb - nur ein Meter groß und mit einem Gehirn von der Größe einer Orange.

Besonderheiten

Die Körper der Homo floresiensis waren nur einen Meter groß. Man geht von einem Körpergewicht von nur etwa 30 Kilogramm aus. Der Homo floresiensis zeichnete sich durch große, platte Füße und überlange Arme aus, das Gesicht war menschenähnlich. Das geringe Hirnvolumen entsprach ungefähr dem des Gehirns eines Schimpansen und weniger als einem Viertel des Homo sapiens-Gehirns. Der Gebrauch von Steinwerkzeugen und Feuer war dem Homo floresiensis bekannt.

Herkunft

Über die Evolution des Homo floresiensis wird noch immer diskutiert. Es gibt drei unterschiedliche Thesen:
1. Die winzigen Knochen und speziell der kleine Schädel weisen auf kranke, beziehungsweise behinderte Angehörige des Homo erectus oder des frühen Homo sapiens hin.
2. Die kleinen Menschen stammen von recht alten Frühmenschenformen wie Homo habilis oder sogar dem Vormenschen Australopithecus ab. Diese waren selbst nicht besonders groß.
3. Homo floresiensis ist eine eigene Menschenart, die sich aus dem damals bereits auf Java und anderen benachbarten Inseln heimischen Homo erectus entwickelte.

60.000 bis 100.000 Jahre alt

Die Forscher datierten Ablagerungen unter anderem mithilfe der sogenannten Thermolumineszenz. Drei Ellenknochen untersuchten sie mit einer Uran-Thorium-Methode. Dabei fanden sie heraus, dass die Knochen und die zugehörigen Erdschichten ein Alter von etwa 60.000 bis 100.000 Jahre haben. Steinwerkzeuge, die dem "Hobbit" zugeschrieben werden, haben ein Alter von etwa 50.000 bis 190.000 Jahren.

Wie die Forscher erklären, könnten Teile von Südostasien während dieser Zeit von Denisova-Menschen oder anderen Frühmenschen bewohnt gewesen sein. Moderne Menschen hätten Australien vor 50.000 Jahren erreicht.

"Aber ob H. floresiensis nach dieser Zeit überlebt hat oder modernen Menschen, Denisova-Menschen oder anderen Menschenarten auf Flores oder andernorts begegnet ist, bleibt eine offene Frage, die künftige Entdeckungen möglicherweise helfen zu beantworten."

Thomas Sutikna, University of Wollongong, in 'Nature' im März 2016

Für den Direktor des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie, Jean-Jacques Hublin, passt die neue Datierung wesentlich besser in das Gesamtbild. Er hatte nach eigenen Aussagen immer an der Datierung auf ein Alter von 18.000 Jahren gezweifelt.

"Bei seiner Ausbreitung um die Erde hat der Homo sapiens jede einzelne Menschenart auf seinem Weg verdrängt, etwa die Denisova-Menschen und die Neandertaler. Die Vorstellung, dass er mit dem Hobbit Zehntausende Jahre koexistiert haben soll, war einfach merkwürdig. Nun haben wir die Antwort. Ich bin froh, dass das Team die Schichtung in der Höhle geklärt hat."

Jean-Jacques Hublin, Direktor des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie

Zwergenwuchs als Streitthema

Schädel des homo floresiensis in einer Computeranimation

Um der Entwicklung des Homo floresiensis auf die Spur zu kommen, ist für die Forscher besonders das Gehirn und der Zwergenwuchs von Bedeutung. Denn die geringe Größe der Körper und des Hirnvolumens sind verantwortlich dafür, dass sich die Experten über die Evolution des "Hobbits" uneins sind.

Ein japanisches Forscherteam hat sich 2013 dieses Themas erneut angenommen und das Hirnvolumen neu vermessen. Forscher Daisuke Kubo und sein Team von der Universität Tokio analysierten den Schädel von LB1, dem ersten und vollständigsten Homo-floresiensis-Skelett mit einer hochauflösenden Computertomografie. Die Forscher wollten herausfinden, welche der drei unterschiedlichen Theorien zur Evolution des "Hobbits" am ehesten zutrifft, denn bei jeder der drei Thesen bleiben Fragen offen und zahlreiche Ungereimtheiten.

Theorien zur Evolution der "Hobbits"

1. Missgebildeter Zwerg

Zunächst nahmen Forscher an, dass die winzigen Knochen und vor allem der kleine Schädel von behinderten oder kranken Angehörigen der Frühmenschenart Homo erectus oder dem frühen Homo sapiens stammen. Allerdings wurde diese These größtenteils widerlegt. Denn der "Hobbit" wusste Werkzeuge herzustellen und sie zu nutzen. Dieses Können hätte sich bei einer gravierenden Hirnerkrankung kaum entwickelt.

2. Kleine Vorfahren

Eine zweite Theorie geht davon aus, dass die "Hobbits" von ebenfalls kleinen Vorfahren abstammen wie dem Homo habilis oder dem Vormenschen Australopithecus. Diese waren selbst klein von Wuchs und hatten ebenfalls recht kleine Gehirne. Sie würden also größentechnisch gut als Vorfahren passen.

Inselverzwergung

Die dritte These ist die beliebteste bei den Forschern. Sie geht davon aus, dass der Homo floresiensis eine eigene Menschenart war, die sich aus dem bereits auf Java und anderen benachbarten Inseln heimischen Homo erectus entwickelte. Lange Zeit isoliert auf dieser Insel, entwickelte sich ein Mini-Mensch, wie man es auch von Tieren wie Mini-Rentieren kennt.
Allerdings wiesen Kritiker immer wieder daraufhin, dass der robuste Homo erectus über ein relativ großes Gehirn von etwa 1.000 Kubikzentimeter Volumen verfügt. Sie schlossen deshalb aus, dass er der Vorfahre des winzigen Homo florensiensis mit nur bis zu 400 Kubikzentimeter Hirnvolumen war. Genau hier setzt die neueste Untersuchung an.

"Hobbit-Hirn" größer - Homo erectus kleiner

Das Volumen des "Hobbit-Hirns" ...

Bei der Untersuchung stellten die japanischen Forscher fest, dass das Volumen des "Hobbit"-Hirns 426 Kubikzentimeter betrug und somit wesentlich größer war als bisher angenommen. Gleichzeitig berechnete das Team auch das Gehirn des frühen Homo erectus neu. Sie kamen dabei auf ein Hirnvolumen von etwa 860 Kubikzentimeter - also wesentlich weniger als bisher angenommen, aber noch doppelt so viel wie bei LB1.

Erklärungen für kleines Hirn

Das Gehirn des "Hobbits" war im Vergleich mit dem untersuchten Homo-erectus-Gehirn um zehn bis 29 Prozent kleiner, als es bei einer rein proportionalen Verkleinerung hätte sein dürfen. Diese Schrumpfung des Hirns ist aber noch durchaus in dem Rahmen, den man bei sogenannten Inselverzwergungen feststellen kann - einem Effekt, den man bei Tieren schon analysiert hat. So war das Gehirnvolumen des inzwischen ausgestorbenen Madagassischen Zwergflusspferdes auch um etwa 30 Prozent geringer als es seine Körpergröße erwarten ließ.

Kleines Hirn spart Energie

Das Expertenteam erklärt das verkleinerte Gehirn damit, dass der Körper durch Reduzierung der Hirnmasse Energie sparen wollte: Gibt es keine gefährlichen Fressfeinde, die einen bedrohen, braucht man nicht mehr so viel energiefressendes Hirngewebe, das nur eingesetzt wird, wenn man in Gefahr gerät.

So folgern die Forscher, dass die Entwicklung des frühen Homo erectus zum Homo floresiensis auch bezüglich der Hirngröße durchaus möglich war.

Studien: Wie der Mensch zum Menschen wurde

Orrorin tugenensis - "Millennium Man" aus Kenia

Orrorin tugenensis ist eine ausgestorbene Menschenaffenart, die vor sechs Millionen Jahren in Kenia vorkam. Das beweist die Untersuchung eines gut erhaltenen Oberschenkelknochens. Wegen seiner Entdeckung im Jahr 2000 wird der Menschenaffe auch als "Millennium Man" bezeichnet. Da Orrorin tugenensis bereits aufrecht gehen konnte, wird er von seinen Entdeckern in die Reihe der Gattung Hominini gestellt. Forscher gehen derzeit davon aus, dass O. tugenensis zwar noch Bäume erklomm, sich am Boden aber vor allem auf zwei Beinen fortbewegte. Der moderne Mensch hat sich allerdings wohl nicht direkt aus ihm entwickelt, wie von den Entdeckern zunächst angenommen.

"Ardi" bedeutet übersetzt "Bodenaffe"

Der Ardipithecus, kurz "Ardi", ist rund 4,4 Millionen Jahre alt und galt lange als ältester direkter Vorgänger des Menschen. Seine Knochen zeigen: Unsere frühen Vorfahren waren weniger affenähnlich als bisher vermutet. "Ardi" war etwa 1,20 Meter groß und wog rund 50 Kilogramm. Hände, Füße und Becken deuten darauf hin, dass er auf Bäume kletterte, aber auch auf zwei Beinen auf dem Boden lief. Sein Gehirn war noch klein wie das eines heutigen Schimpansen, die Schädelbasis ähnelte jedoch bereits der von späteren Vormenschen.

Australopithecus - der "Affenmensch"

Nach dem Ardipithecus kam der Australopithecus. Die Australopithecen waren etwa 1,20 Meter groß, fellbedeckt und anfangs reine Vegetarier. Ihr Gehirn war etwa so groß wie das heutiger Schimpansen. Als sich das Klima in Ostafrika änderte, entwickelte sich ein Zweig der grazilen Australopithecen zu robusten Nussknackern. Doch die einseitig auf hartfaserige Pflanzen ausgerichtete Speisekarte war eine Sackgasse: Als vor 1,2 Millionen Jahren das Klima erneut umschlug, starb dieser Zweig aus. Krisenfest waren nur diejenigen, die sich rechtzeitig zu Allesfressern gemausert hatten. Aus ihnen ging später die Gattung Homo hervor.

Ein Gesicht für Australopithecus anamensis

Es gab mehrere Arten von Australopithecen, die zum Teil überlappend, zum Teil nacheinander gelebt haben. Australopithecus anamensis ist der älteste von ihnen. Von ihm gibt es einen außergewöhnlichen Fund, ein fast vollständiges Schädelfossil, der nun eindeutig dieser Art zugeordnet werden konnte und dessen Gesicht im Computer nachgebildet worden ist.

Sein Alter von 3,8 Millionen Jahren beweise, so Forscher des Max-Planck-Instituts für Anthropologie im August 2019, dass A. anamansis rund 100.000 Jahre gemeinsam mit dem jüngeren A. afarensis gelebt habe. Der berühmte Fossilienfund "Lucy" gehört zur Art A. afarensis. Das würde bedeuten, dass der Stammbaum des Menschen möglicherweise umgeschrieben werden müsse. Bislang ist man davon ausgegangen, dass die jüngere Art aus der älteren hervorgegangen ist, die dann ausgestorben sei.

Australopithecus sediba - das Mischwesen

2008 wurden in Südafrika rund zwei Millionen Jahre alte Fossilien des Australopithecus sediba entdeckt. Er besitzt sowohl Merkmale der Australopithecinen als auch späterer Menschenarten. Sedibas oberer Brustkorb war eng und ermöglichte die zum Klettern nötigen Bewegungen des Schulterblattes. Becken, Hände und Zähne ähnelten menschlichen Verwandten. Möglicherweise stammt Sediba nicht von der ostafrikanischen Australopithecus afarensis-Linie ab, sondern bildet mit Australopithecus africanus eine südafrikanische Schwestergruppe. Peter Schmid von der Universität Zürich meint: "Die zahlreichen Gemeinsamkeiten mit Homo erectus lassen vermuten, dass Sediba die geeignetste Vorform der Gattung Homo darstellt."

Gattung Homo älter als gedacht

Frühmenschen der Gattung Homo könnten neueren Analysen zufolge schon vor 2,8 Millionen Jahren gelebt haben. Damit wären sie 400.000 Jahre älter als bislang angenommen. 2013 wurde das Knochenfragment eines Unterkiefers gefunden, das aus einer linken Unterkieferhälfte mit fünf Zähnen besteht. Die Form des Kiefers und der Zähne lässt vermuten, dass es sich bereits um einen Vertreter der Gattung Homo handelt. Wie der Frühmensch aussah, wissen die Forscher nicht. Klar ist nur, dass er auf zwei Beinen lief und in einem Grasland mit Büschen und Wäldern lebte. Ob der Frühmensch ein Jäger war und Fleisch aß, wissen die Forscher nicht, denn die frühesten Werkzeuge, die bisher gefunden wurden, sind 2,6 Millionen Jahre alt. Auch ob er Feuer machen oder sich Behausungen bauen konnte, ist unbekannt.

Homo habilis - der geschickte Ostafrikaner

Er lebte vor 1,8 bis 1,4 Millionen Jahren in Afrikas Osten. Mit 650 Kubikzentimetern Volumen erreicht sein Hirn schon fast die halbe Größe unseres Gehirns. Seine Finger ähneln noch denen eines Schimpansen, doch sein Daumen ist dem modernen Menschen vergleichbar. Ob er aber wirklich schon zu den Hominiden zu zählen ist oder eigentlich noch ein Australopithecus ist, ist bis heute umstritten.

Homo rudolfensis

Der etwa 1,50 Meter große Homo rudolfensis gilt als das älteste eindeutig menschliche Wesen. Belegt ist, dass er von vor 2,5 bis vor 1,8 Millionen Jahren gelebt und Werkzeuge hergestellt hat. Mit den scharfkantigen Steinen schlitzte er anfangs wohl nur harte Schalen auf. Später nutzte er sie aber auch, um sich verendete Tiere in mundgerechte Happen zu säbeln.

Homo erectus

Der Homo erectus ist vor etwa zwei Millionen Jahren aufgetreten. Gekühlt von Schweißdrüsen war er bereits ein ausdauernder Läufer. Weil er keinen Pelz mehr hatte, war er wahrscheinlich dunkel pigmentiert, um vor der Sonne geschützt zu sein.

Homo erectus - erster Großwildjäger

Der Homo erectus gilt außerdem als erster Großwildjäger. Spätestens seit 1,2 Millionen Jahren jagen Menschen in Gruppen und brauchten schon allein deshalb keine Gegner mehr fürchten. Weil ihn seine Schweißdrüsen kühlten, konnte er auch in der Tageshitze aktiv sein. Damit schlug er den großen Pelztieren ein Schnippchen, die um diese Zeit ruhten - und dann entweder selbst zum Opfer oder zumindest um ihre Beutetiere beraubt wurden.

Homo erectus - Gehirnschmalz

Der Homo erectus brachte es auf ein Gehirnvolumen von 950 Kubikzentimetern - doppelt so viel wie die Australopithecinen. Mit pflanzlicher Nahrung allein hätte das Gehirn gar nicht so schnell wachsen können. Auf das energiereiche Fleisch hatte sich auch der Verdauungsapparat des Homo erectus eingestellt: Er besaß bereits den kleinen, kurzen Dickdarm des heutigen Menschen.

Homo heidelbergensis

Aus dem Homo erectus ging vor etwa 600.000 bis 200.000 Jahren der Homo heidelbergensis hervor. Benannt wurde dieser Typus nach seinem Fundort: Mauer bei Heidelberg. Dort wurde der fossile Unterkiefer 1907 entdeckt. Vor etwa 300.000 bis 150.000 Jahren war das Klima in Europa geprägt von einem Wechsel zwischen kurzen Warm- und langen Eiszeiten. Vor allem in den Kaltphasen war der Homo heidelbergensis von seinen Artgenossen in Asien und Afrika abgetrennt. In Europa entwickelte er sich um diese Zeit zu einer eigenen Menschenform: dem Neandertaler.
Anfang Dezember 2013 berichteten Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie von einer weiteren Verwandtschaftsbeziehung: Sie entzifferten das Erbgut eines rund 400.000 Jahre alten Homo heidelbergensis, der in einer nordspanischen Höhle gefunden wurde. Der Analyse zufolge ist er mit dem Denisova-Menschen verwandt, der vor rund 30.000 bis 80.000 Jahren in Asien lebte. Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass der Homo heidelbergensis vor rund 700.000 Jahren einen gemeinsamen Vorfahren mit dem Denisova-Menschen gehabt habe. Die genetische Nähe zwischen den Homini aus Nordspanien und den Denisova-Menschen sei sogar größer als die zu Neandertalern. Weitere Studien sollen die Verwandtschaft zwischen den Homininen aus Nordspanien, den Denisova-Menschen und den Neandertalern klären.

Neandertaler

Vor mehr als 200.000 Jahren hat sich in Europa der Neandertaler entwickelt: parallel zum Homo sapiens in Afrika, aus einem gemeinsamen afrikanischen Vorfahren der Gattung Homo. Untersuchungen der fossilen Neandertalerknochen und -zähne lassen spannende Schlüsse zu: Unter dem Mikroskop wiesen einige Knochen Löcher in der Knochensubstanz auf. Diese bilden sich, wenn ein verletzter Knochen nicht mehr richtig belastet wird, aber noch lebt. Ein Hinweis darauf, dass Neandertaler ihre Verwundeten gepflegt haben - viele scheinen sogar schwere Knochenbrüche überlebt zu haben. Nur selten finden Forscher hingegen Tumore in Fossilien. Vor allem, weil unsere Vorfahren sehr viel jünger starben als wir heute. US-Forscher aus Philadelphia erkannten jetzt in der Rippe eines 120.000 Jahren alten Neandertalers einen gutartigen Tumor.

Neandertaler-Spezialwerkzeuge

Die Neandertaler haben möglicherweise die ersten Spezialwerkzeuge aus Knochen in Europa geschaffen. In zwei altsteinzeitlichen Ausgrabungsstätten im Südwesten Frankreichs haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie Leipzig und der niederländischen Universität Leiden besondere Werkzeuge aus Knochen entdeckt: Sie wurden aus den Rippen von Rotwild hergestellt und ähneln sogenannten Lissoirs - Schleifgeräten, die noch heute zur Bearbeitung von Leder verwendet werden.

Für Shannon McPherron vom Leipziger Max-Planck-Institut beweisen die Werkzeuge, dass die Neandertaler über eine Technologie verfügten, die bislang dem modernen Menschen zugeschrieben wurde. Womöglich haben die modernen Menschen sogar von ihnen gelernt.

Erste Höhlenkunst

Neandertaler nutzten ihre Werkzeuge vermutlich auch, um Kunstwerke herzustellen. In einer Höhle in Gibraltar fanden Wissenschaftler kreuzförmige Einkerbungen, die fast 40.000 Jahre alt sind. Höhlenkunst wurde bisher dem modernen Menschen (Homo Sapiens) zugeschrieben. Der war zu dieser Zeit allerdings noch nicht in der Gegend angekommen.

Dass die Muster zufällig entstanden sind, schließen die Wissenschaftler um Ruth Blasco und Clive Finlayson aus. In einem Versuch zerschnitten die Forscher vom Gibraltar-Museum Schweinehaut auf Kalkstein, der auch am Boden der Höhle vorkommt. Die dabei entstandenen Rillen unterschieden sich allerdings deutlich von den gefundenen Felsgravuren. Außerdem schätzen die Wissenschaftler, dass über 300 Schläge nötig waren, um die Einkerbungen zu erstellen. Sie folgern daraus, dass es sich um ein absichtlich erstelltes Muster handelt, gemacht, um vom Neandertaler-Künstler und den anderen Höhlenbewohnern gesehen zu werden.

Neandertaler-Fortpflanzung

Aus mehreren Studien ist bekannt, dass Menschen, die heute in Europa leben, ein bis vier Prozent Neandertaler-DNA in sich tragen. Im Februar 2016 berichteten Forscher vom MPI, dass Neandertaler und moderne Menschen wohl schon vor etwa 100.000 Jahren gemeinsame Kinder hatten. Zuvor war man davon ausgegangen, dass sie sich vor rund 47.000 bis 65.000 Jahren vermischt haben könnten. Die Wissenschaftler hatten im Genom eines Neandertalers aus dem Altai-Gebirge in Zentralasien Erbgutspuren von modernen Menschen entdeckt. Aus dem Alter der untersuchten Knochen und der Beschaffenheit des Erbguts schlussfolgerten sie, dass die Liebeleien vor rund 100.000 Jahren stattgefunden haben. Im Erbgut der Knochen von zwei Neandertalern, die in europäischen Höhlen gefunden wurden, wurden keine solchen Spuren gefunden. "Das bringt uns zu dem Schluss, dass die Vermischung im asiatischen Raum stattgefunden hat", sagt Martin Kuhlwilm vom MPI.

Neandertaler-Fortpflanzung II

Woran lag es, dass Neandertaler und Homo sapiens trotz einiger sexueller Beziehungen nicht mehr gemeinsamen Nachwuchs hatten? Der Grund dafür könnten bestimmte Erbanlagen auf dem Y-Chromosom, dem männlichen Geschlechtschromosom, der Neandertaler-Männer gewesen sein. Paläontologe Fernando Mendez von der Universität Stanford (USA) und sein internationales Forscherteam denken, dass sich das Immunsystem der schwangeren Homo sapiens gegen männliche Föten mit diesen Neandertaler-Genen gewehrt haben könnte. Die möglichen Folgen: Fehlgeburten und weniger überlebensfähige oder fruchtbare Nachkommen.

Die Forscher haben für ihre Studie zum ersten Mal das Y-Geschlechtschromosom eines Neandertalers – eines Mannes, der vor rund 49.000 Jahren im heutigen Spanien lebte – ausführlich analysiert. Die DNA des Neandertaler-Y-Chromosoms sei nie im modernen Menschen nachgewiesen worden, so die Forscher. "Wegen der genetischen Unvereinbarkeiten könnte die Fortpflanzung zwischen Neandertalern und frühen Menschen weniger erfolgreich gewesen sein, als innerhalb der beiden Gruppen", erklärt Sergi Castellano vom Leipziger Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie, der an der Studie mitgewirkt hat. Um das genau herauszufinden, müsste aber noch mehr geforscht werden. Laut der Studie lebten die letzten gemeinsamen Vorfahren vor rund 590.000 Jahren. Das stehe im Einklang mit den bisherigen Werten zwischen 400.000 und 800.000 Jahren, so Castellano. Die Veränderungen im Y-Chromosom der Neandertaler seien wahrscheinlich in der langen Zeit entstanden, in denen die Gruppen getrennt waren. Als sie wieder aufeinandertrafen, zeugten sie Nachkommen. Die Studie erschien im April 2016 im „American Journal of Human Genetics“.

Neandertaler-Fortpflanzung III

Auch eine Studie von März 2018 kommt zum Schluss, dass sich Neandertaler vorallem untereinander fortgepflanzt haben. Dazu haben Forscherinnen und Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig Genanalysen von Knochen und Zähnen angefertigt. Diese stammten von fünf Neandertalern aus dem heutigen Belgien, Frankreich, Kroatien und dem russischen Kaukasus. Sie lebten vor rund 39.000 und 47.000 Jahren und gehören zu den späten Neandertalern. Alle stammten von einem gemeinsamen Vorfahren ab, der vor rund 150.000 Jahren in Sibirien gelebt haben muss. Je näher diese Neandertalergruppen beieinander lebten, desto stärker war die genetische Vermischung. So sind die Neandertaler aus dem Kaukasus am wenigsten verwandt mit denen der anderen Länder. Erbgut von allen fünf Neandertalern findet sich übrigens auch im Genpool des heutigen Homo Sapiens, aber nicht umgekehrt. Es gab also nur wenige Kreuzungen zwischen Neandertalern und Homo Sapiens - und wenn, dann wurden Gene nur Richtung des Homo Sapiens übertragen.

Neandertaler-Kultur

Die Art, wie entdeckte Neandertalerknochen angeordnet waren, verrät etwas über ihre Kultur: 1908 wurde in Frankreich ein fast vollständig erhaltenes Skelett mit angewinkelten Beinen entdeckt. Forscher vermuten, dass der Tote bestattet wurde. Das legt nahe, dass die Urmenschen bereits Emotionen wie Trauer kannten und eine Vorstellung vom Jenseits hatten. Der Barium-Gehalt eines Kinderzahns zeigte, dass das Neandertaler-Kind gut sieben Monate lang voll gestillt wurde, dann eine Weile zusätzlich feste Nahrung bekam und mit rund eineinviertel Jahren vollständig abgestillt wurde. Barium ist in hoher Konzentration in Muttermilch vorhanden, in fester Nahrung ist der Gehalt geringer. Das chemische Element lagert sich im Körper unter anderem im Zahnschmelz ab. Die zeitliche Zuordnung ermöglichten die Wachstumsringe des Zahnes. Ein Rätsel aber bleibt, warum der Neandertaler vor rund 30.000 bis 40.000 Jahren von der Bildfläche verschwunden ist.

Wann genau ist der Neandertaler verschwunden?

Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95,4 Prozent seien die Neandertaler vor 41.030 bis 39.260 Jahren aus Europa verschwunden. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die Studie eines internationalen Forscherteams um Tom Higham von der englischen Universität Oxford aus dem August 2014. Diese Zeitspanne legten die Wissenschaftler anhand von fast 200 Analysedaten fest. Fundstücke aus rund vierzig Orten von Spanien bis Russland wurden ausgewertet.

Ihre Ergebnisse seien präziser als frühere Datierungen, weil sie mit einer verbesserten Radiocarbon-Methode mittels Beschleuniger-Massenspektrometrie gearbeitet hätten. Auch seien die Möglichkeiten verbessert worden, neuzeitliche Verunreinigungen von prähistorischen Proben zu entfernen. Der Studie zufolge bewohnten Neandertaler und der moderne Mensch 2.600 bis 5.400 Jahre lang gemeinsam dieselben Gegenden Europas. Untersuchungen weiterer Proben aus Europa sollen folgen.

Neandertaler-Ernährung

Die heutigen, anatomisch modernen Menschen verdrängten die Neandertaler in Europa. Einer Hypothese zufolge waren die Neandertaler in der Wahl ihrer Nahrung zu stark eingeschränkt. Aus Knochen isoliertes Kollagen lässt Rückschlüsse auf ihre Ernährung zu: Sie bestand demnach hauptsächlich aus Fleisch - große pflanzenfressende Tiere wie Pferde, Bisons, Mammuts oder Wollnashörner standen häufig auf dem Speiseplan. Der moderne Mensch nutzte dagegen ein breiteres Nahrungsangebot, darunter auch Fisch. Diese Flexibilität soll ihnen den entscheidenden Vorteil gegenüber den Neandertalern verschafft haben. Doch der Fund von rund 45.000 Jahre alten Lachsgräten in einer Höhle im Kaukasus belegt: Neandertaler hatten einen vielseitigeren Speiseplan als bisher angenommen. Anhand von Knochenanalysen konnten Hervé Bocherens von der Universität Tübingen und seine Kollegen im September 2013 zeigen, dass der Neandertaler der Lachs-Esser gewesen sein muss - und nicht Tiere wie Höhlenbär oder Höhlenlöwe. Damit kann ein zu enger Speiseplan der Neandertaler nicht der Hauptgrund für ihren Untergang gewesen sein.

Darüber hinaus brachte die Analyse von alten Kotresten im Juni 2014 heraus: Zumindest im heutigen Spanien machten Pflanzen einen größeren Teil der Nahrung von Neandertalern aus als bislang angenommen. Die Kotfunde in den Höhlen von El Salt im Osten Spaniens werden auf rund 50.000 Jahre datiert. Die Forscher um Ainara Sistiaga vom MIT in Cambridge hatten die menschlichen Hinterlassenschaften auf Stoffe untersucht, die für die Aufnahme von Fleisch bzw. Pflanzen typisch sind. Ein Großteil der Neandertalerkost bestand demnach tatsächlich aus Fleisch, der Anteil der pflanzlichen Nahrung sei aber höher gewesen als bisher angenommen.

Denisova-Mensch

Bei einer ersten Untersuchung des Denisova-Menschen analysierten die Forscher 2010 nur die Erbinformation der Mitochondrien in den Knochenzellen eines Fingerknochens aus der Denisova-Höhle. Diese lässt sich leichter isolieren und entziffern, da sie nur aus 16.500 Bausteinen besteht, nicht aus drei Milliarden wie die eigentliche menschliche DNS. Zudem gibt es in jeder Zelle 8.000 Mitochondrien - zahlreiche Kopien also, die Lesefehler verringern helfen. Die DNS der untersuchten Mitochondrien wich an 385 Stellen von der beim modernen Menschen ab. Neandertaler-Mitochondrien unterscheiden sich dagegen von unseren nur an rund 200 Stellen. Die von Schimpansen an knapp 1.500. Eine genauere DNS-Analyse ließ die Forscher schließen: Der Denisova-Mensch ist eine eigene Urmenschenform, neben dem Neandertaler aber der nächste Verwandte des Menschen. Da das Fundstück in einer Schicht gefunden wurde, die auf ein Alter von 30.000 bis 50.000 Jahre geschätzt wird, muss der Mensch damals gelebt haben. Weitere Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass er in einem Gebiet zwischen Südostasien und Sibirien verbreitet war.

Homo sapiens - Out of Africa

Die ältesten Funde des Homo sapiens sind laut einer Studie von Juni 2017 rund 300.000 Jahre alt. Von Afrika aus eroberte er die übrigen Kontinente: Hierfür nahm er wahrscheinlich schon vor mehr als 100.000 Jahren eine südliche Route über die Arabische Halbinsel in Richtung Asien. Das teilte die Universität Tübingen im April 2014 mit. In Zusammenarbeit mit Forschern vom Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment, der Universität von Ferrara in Italien und dem Nationalmuseum für Naturgeschichte in Frankreich überprüften die Wissenschaftler verschiedene Ausbreitungsszenarios, Schädelformen und Erbgutinformationen. "Sowohl die anatomischen Schädelvergleiche als auch die genetischen Daten sprechen für mehrfache Auswanderungswellen", berichtet Katerina Harvati vom Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen. Eine erste Gruppe unserer Vorfahren brach demnach vor rund 130.000 Jahren aus Afrika auf und wanderte an der Küste der Arabischen Halbinsel entlang bis nach Australien und in das Gebiet des Westpazifiks (grüner Pfeil). Eine zweite Ausbreitungswelle ins nördliche Eurasien erfolgte ihren Untersuchungen zufolge vor rund 50.000 Jahren (roter Pfeil). Bisherige Studien gingen von einer einzigen Wanderungsbewegung vor 50.000 bis 75.000 Jahren aus. Die Tübinger Forscher wollen ihre Ergebnisse durch weitere Feldstudien und Fortschritte in der Genetik weiter absichern.

Schädel verbindet Kontinente

Computertomographische Version des Schädels, im Hintergrund die Tropfsteinhöhle | Bild: Gerhard Weber, Universität Wien

In Europa kam der moderne Mensch wohl frühestens vor 45.000 Jahren an. Die Zeit zwischen dem Verlassen Afrikas und der Ankunft in Europa lag bis zu den im Januar 2015 veröffentlichten Untersuchungsergebnissen im Dunkeln: In einer Höhle beim Dorf Manot im Norden Israels wurde das Oberteil eines rund 55.000 Jahre alten Schädels gefunden. Das passt zeitlich in die bislang unbekannte Phase der Auswanderung. Gerhard Weber vom Department für Anthropologie der Universität Wien hat den Schädel mituntersucht und erklärt: "Die Gestaltanalysen zeigen ganz eindeutig, dass Manot ein moderner Mensch war. Das Interessante ist, dass die ähnlichsten Schädel in unseren Vergleichsdaten einerseits von heute lebenden Afrikanern stammen und andererseits von jenen modernen Menschen, die vor circa 20.000 bis 30.000 Jahren bei uns in Mitteleuropa lebten." "Manot" ist etwa 10.000 Jahre älter als die Überreste aller modernen Menschen, die in Europa gefunden wurden, und er lebte 5.000 bis 10.000 Jahre nach der Zeit, die Genetiker für die Entstehung unserer direkten Ahnen in Afrika annehmen.

Wahrscheinlich führte eine Migrationsroute von Afrika nach Europa durch das heutige Israel. Die ersten Menschen könnten dabei auf Neandertaler getroffen sein, sodass sie sich vielleicht schon auf dem Weg nach - und nicht erst in - Europa vermischt haben. Schließlich tragen wir noch heute ein bis vier Prozent Neandertalergene in uns.

Cro-Magnon-Mensch

Mit dem Erscheinen des europäischen Homo sapiens - nach seinem Fundort in Frankreich auch Cro-Magnon-Mensch genannt - werden die Werkzeuge auffallend hoch entwickelt. Auch die Sprechfähigkeit könnte in diese Zeit fallen. Das Gehirn ist deutlich größer, das Skelett graziler geworden: Der Schädel ist abgerundeter, die Stirn höher, das Kinn prägnanter, es gibt keine Überaugenwülste mehr.

Homo sapiens in Asien

In China wurde 2003 der sogenannte Tianyuan-Mensch gefunden, benannt nach der Fundhöhle in der Nähe Pekings. Er ist das asiatische Pendant zum Cro-Magnon-Menschen. Untersuchungen des Erbguts des Tianyuan-Menschen zeigen, dass sich die europäische und die asiatische Linie dieser frühmodernen Menschen schon vor über 40.000 Jahren getrennt haben müssen. Mehrere Jahrtausende lebte der Homo sapiens parallel zum Neandertaler. Durchgesetzt hat sich schließlich der Homo sapiens.

Oder war es doch ganz anders?

Der Fund eines Schädels in Dmanisi in Georgien könnte dieser frühmenschlichen Artenvielfalt widersprechen. Er ist 1,8 Millionen Jahre alt und der intakteste Schädel eines Frühmenschen, der jemals gefunden wurde. Auch die Kombination aus einer kleinen Gehirnkammer, großen Zähnen und einem langgezogenen Gesicht ist bislang einmalig. Es wurden noch Überreste von vier anderen Frühmenschen entdeckt, die unterschiedlich groß waren, aber alle zur selben Zeit lebten. Diese Verschiedenheit stütze eine von zwei Theorien über unsere frühe Evolution: nämlich, dass ihr Verlauf eher einem Baum als einem Busch ähnelt. Seit Jahren vertreten einige Wissenschaftler die Theorie, dass sich die Menschen nur aus einer oder zwei Arten entwickelt haben, so wie die Äste aus einem Baumstamm. Andere gehen von mehreren Frühmenschen-Arten aus, wie bei einem Busch mit mehreren Seitenzweigen. Sogar Anhänger dieser Theorie sagen nun, dass die Funde auf eine einzige Frühmenschen-Art vor fast zwei Millionen Jahren in Georgien hinweisen. Dies erlaube jedoch nicht die gleiche Schlussfolgerung für andere Orte.
David Lordkipanidze, Direktor des Nationalmuseums von Georgien und leitender Autor der Studie, betont, dass "Danny DeVito, Michael Jordan und Shaquille O'Neal" auch zu einer Spezies gehören. Es sei wahrscheinlich, dass die zumeist als Bruchstücke an verschiedenen Orten in Afrika gefundenen Schädel auch nicht von verschiedenen Arten stammten, sondern es sich um Variationen einer Spezies handele. Weitere Entdeckungen und Untersuchungen werden es zeigen.


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Klaus Benthin, Samstag, 02.April 2016, 12:22 Uhr

2. Studien: Wie der Mensch zum Menschen wurde

Auf Tafel 15 muss es im 1. Satz doch wohl heißen: "Pflanzten sich zwei Neandertaler miteinander fort (...)".
Vielen Dank für den Hinweis, haben wir geändert. Redaktion Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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Uwe R., Mittwoch, 30.März 2016, 19:47 Uhr

1. Der normale Gang der Wissenschaft

Eine wissenschaftliche Hypothese oder gar eine teilweise gesicherte These gilt solange, bis man es besser und umfangreicher weiß. Mittlerweile gilt auch die Hypothese einer einförmigen Entwicklung der Menschen als widerlegt, weil man in Südafrika Funde ausgegraben hat, die der bisherigen Hypothese der linearen Entwicklung der Menschen aus einem Urstamm widersprechen. Man geht gegenwärtig von vielen verschiedenen Stämmen aus, die sich mehr oder minder im Laufe von Jahrtausenden vermischten und zur Entwicklung der heute vorherrschenden Menschenart führten. Das wird solange gelten, bis auch die Out-of-Africa-Hypothese widerlegt sein wird. Schließlich kann man die verschiedenen Menschenvariationen (Afrikaner, Asiaten, Europäer) nicht so ganz schlüssig aus der Genetik erklären. Das liegt u.a. auch daran, dass man ganz unwissenschaftlich mit Prozentsätzen arbeitet und daraus dann gar Schlüsse zieht. Die Prozentrechnung gehört jedoch nur in den kaufmännischen Bereich und sonst nirgends hin.