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Pollenallergie Pollenflug: immer früher, immer mehr

Keine Verschnaufpause für Heuschnupfen-Geplagte: Die Pollenbelastung steigt europaweit an, in den Städten noch mehr als auf dem Land. Wissenschaftler warnen bereits vor einem regelrechten Allergie-Boom.

Stand: 25.03.2019

Heuschnupfen | Bild: colourbox.com

Warum Heuschnupfen und andere Allergien so stark zunehmen, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Hier die häufigsten Erklärungsansätze:

Ursachen von Heuschnupfen

Übertriebene Hygiene

Das menschliche Immunsystem ist dafür ausgelegt, ständig gegen krankmachende Keime zu kämpfen. Weil die Menschen heute aber seltener mit Krankheitserregern in Kontakt kommen, kommt das Immunsystem ins Ungleichgewicht und sucht sich neue Gegner.

Umweltgifte

Der Körper nimmt immer mehr Giftstoffe wie Pestizidrückstände, Zusatzstoffe in Lebensmitteln und Luftschadstoffe auf. Die Schadstoffe "bahnen" sozusagen den Weg für die allergische Reaktion. "Das heißt, sie verändern einmal die Natur, den Pollen, und machen diesen aggressiver. Auf der anderen Seite machen sie uns Menschen empfänglicher für die Entwicklung von Allergien", so Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann, Umweltmedizinerin, TU München. Der Hintergrund: Feinstaub und Stickoxide führen zu Entzündungsreaktionen, die das Entstehen von Allergien begünstigen können.

Antibiotika

Der zunehmende Gebrauch von Antibiotika schon bei kleinen Infekten und ab dem frühen Kindesalter schwächt das Immunsystem.

Vererbung

Allergien sind vererbbar. Kinder von Allergikern haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst an Allergien zu erkranken.

Die Menschen in Europa müssen sich auf eine höhere Allergiebelastung einstellen. Mittelfristig könnte sogar knapp die Hälfte der Bevölkerung von Allergien betroffen sein, Nahrungsmittelallergien eingeschlossen. Allergien drohen zur Volkskrankheit Nummer eins zu werden, so Anthony Frew, der frühere Präsident der "Europäischen Akademie für Allergologie und klinische Immunologie". Vor allem bei Kindern nähmen Allergien stetig zu. In den 1950er-Jahren waren lediglich zwei bis fünf Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen.

Die Pollenmenge steigt

In den vergangenen Jahren ist die Pollenmenge europaweit deutlich gestiegen. Zu diesem Ergebnis gelangte ein Forscherteam der TU München im Jahr 2012. Städte seien besonders betroffen: Im Durchschnitt sei die Pollenmenge in städtischen Gebieten drei Prozent im Jahr gewachsen, in ländlichen Gegenden ein Prozent pro Jahr. Der Klimawandel werde diesen Trend noch verstärken.

Tagesaktueller Pollenflugkalender

Welche Pollen aktuell in allen Regionen Deutschlands fliegen, sehen Sie in diesem Pollenkalender vom Deutschen Wetterdienst (DWD) und der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst:

Kohlendioxid lässt Grünes sprießen

Wahrscheinlichste Ursache sei die steigende CO2-Konzentration, so das Forscherteam. In Labor- und Freilandversuchen konnten sie zeigen, dass eine höhere Kohlendioxid-Konzentration das Pflanzenwachstum und damit die Pollenproduktion beschleunigt. Mildere Temperaturen und zugewanderte Pflanzenarten sorgen zudem für eine längere Pollenflugsaison.

Besondere Bedingungen in Städten

Die Temperatur in der Stadt liegt durch die dichte Bebauung um ein bis drei Grad höher als außerhalb von Städten. Auch die CO2-Konzentration ist in Ballungsgebieten oft höher. Eine Entwarnung für Landbewohner bedeutet dies allerdings nicht.

Türöffner für neue Allergene

Für Allergiker bedeutet das, dass die pollenfreie Zeit im Jahr immer kürzer wird. Schon jetzt dauert die Heuschnupfenzeit für besonders Geplagte mitunter von Dezember bis einschließlich September. Doch der Klimawandel hat noch einen weiteren Effekt: Er ermöglicht es, dass Pflanzen aus anderen Regionen bei uns Fuß fassen. Ein prominentes Beispiel ist die Pflanze Ambrosia aus Nordamerika, auch bekannt als Beifuß-Ambrosie, Traubenkraut oder "Ragweed" - ein Hauptallergen in den USA und inzwischen auch in Deutschland.

Pollen ist nicht gleich Pollen

Nicht die Anzahl der Pollen ist für die Beschwerden eines Allergikers relevant, sondern wie viele Allergene sie transportieren.

Eine Studie am Münchner Zentrum für Allergie und Umwelt ergab, dass nicht die Anzahl der umherfliegenden Pollen entscheidend für das Ausmaß der Beschwerden eines Allergikers ist, sondern die Anzahl der Allergene, die sie bilden. Das sind die Stoffe, die die Allergie auslösen. Die Menge, die die Pollen davon abgeben, ist unterschiedlich. Die Allergiebelastung kann von Tag zu Tag bis zum Zehnfachen variieren - bei gleichem Pollenflug. Der Allergengehalt hängt vom Reifegrad der Pollen ab und von Faktoren wie beispielsweise der Herkunft der Pollen, dem Wetter oder der Bodenbeschaffenheit. Ärzte raten inzwischen dazu, bei der Begrünung von Städten auf Birken, Erlen, Pappeln und Weiden zu verzichten, das sie teils als hochallergen gelten.

Pollenmenge und Allergengehalt messen

Um eine zuverlässige Vorhersage für Allergiker zu schaffen, reicht es also nicht aus, nur die Pollenmenge zu messen, auch der Allergengehalt der Pollen muss untersucht werden. Das Wissen, welche Allergene in welcher Menge in der Luft sind, könnte eine echte Hilfe für Allergiker sein. Denn viele meiden bei starker Belastung einen Aufenthalt im Freien. So können sie die Anzahl der Medikamente, die sie einnehmen, reduzieren.


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