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Von der Pionierarbeit zur Routineoperation 50 Jahre Herztransplantation

Es ist eine Sensation, als Christiaan Barnard im Dezember 1967 in Kapstadt in Südafrika das erste Herz eines Menschen verpflanzt. Im Februar 1969 wird in Deutschland die erste Herztransplantation durchgeführt. Doch eine Erfolgsgeschichte wird es erst, als es wirksame Medikamente gegen die Abstoßung der neuen Organe gibt.

Von: Yvonne Maier

Stand: 13.02.2019 | Archiv

Der südafrikanische Herzchirurg Christiaan Barnard, hatte in den USA in Virginia beim berühmten Herzchirurgen Norman Shumway gelernt, wie Herztransplantationen vonstatten gingen - bei Hunden. Christiaan Barnard brachte 1958 von dort eine Herz-Lungen-Maschine mit, als er zurück nach Kapstadt kam. Bis er jedoch erstmals ein Herz auswechselte, verging noch fast ein Jahrzehnt. Ende 1967 führte Barnard die erste Herztransplantation durch.

Seit Wochen wartete er mit seinem herzkranken Patienten Louis Washkansky auf ein Spenderorgan. Zwei vollständige Operationsteams, 31 Personen, waren in ständiger Ruf-Bereitschaft. Eines für die Entnahme, eines für die Transplantation des Herzens. Die Teams hatten sich penibel vorbereitet. Am 3. Dezember 1967 war es soweit.

Erste gelungene Herztransplantation in Kapstadt

Der weltweit erste herztransplantierte Patient Louis Washkansky mit seiner Frau

Als erstes musste Louis Washkansky an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden. Christian Barnard entnahm das kranke Herz und setzte das Neue ein. Die Herz-Lungen-Technikerinnen erhöhten langsam die Temperatur des Blutes von 21 auf 32 Grad, eine Klammer wurde gelöst - es kam wieder Sauerstoff in das Herz. Das Herz begann sofort zu schlagen. Die Sensation war perfekt. Am 3. Dezember 1967 wurde Medizingeschichte geschrieben: Ein Spenderherz klopfte in Louis Washkanskys Brust. Nach der Sensation wurde Christiaan Barnard berühmt. Und das Groote Schuur Hospital  in Kapstadt blieb für zehn Jahre das wichtigste Zentrum weltweit für Herztransplantationen.

Der Chirurg Christiaan Barnard (M) mit seinem zweiten Herztransplantations-Patienten Philip Blaiberg (l).

18 Tage nach der Operation verstarb der aus Litauen stammende Gemüsehändler Louis Washkansky mit 54 Jahren. Er hatte sich eine unentdeckt gebliebene Lungenentzündung eingefangen. Dazu erhielt er Medikamente, die sein Immunsystem unterdrückten, damit er das neue Organ nicht abstieß. Bei der Obduktion kam heraus, dass es keine Abstoßung des Spenderherzen gegeben hatte. Im Januar 1968 transplantierte das Team aus Kapstadt das nächste Herz. Dieser zweite transplantierte Patient, Philip Blaiberg, überlebte 18 Monate. Christiaan Barnard wurde endgültig zum Star.

Herzchirurg Bruno Reicharts erfolgreiche Arbeit in München

Herzchirurg Norman Shumway

Einer, der in Deutschland Pionierarbeit geleistet hat und zu den besten Herzchirurgen der Welt gehört, ist Professor Bruno Reichart. Mitte der 1980er-Jahre hat er sogar als Nachfolger von Christiaan Barnard in Kapstadt Herzen transplantiert. Zur Herzchirurgie kam er durch einen Zufall. 1971 war Reichart junger Assistenzarzt bei Rudolf Zenker am Klinikum Großhadern in München. Nur wenig später ging er an die kalifornische Stanford University. Er durfte dem berühmten Pionier der modernen Herztransplantation, Norman Shumway, bei der Arbeit zusehen.

Herzspezialist Bruno Reichart

Die Herztransplantationen weltweit stockten damals, weil die Abstoßungsreaktionen nicht zuverlässig in den Griff zu bekommen waren. Als Bruno Reichart zurück nach München kam, begann er einen intensiven Austausch mit dem Chirurgen Walter Brendel, der ebenfalls in München am Klinikum Großhadern arbeitete. Er war der Entwickler eines der wichtigsten Immunsuppressiva (Medikamente, die eine immunologische Reaktion unterdrücken) seiner Zeit, das Christiaan Barnard auch bei seiner zweiten, erfolgreichen Herztransplantation an Philip Blaiberg 1968 eingesetzt hatte.

Das Team um Christiaan Barnard führte die erste Transplantation eines menschlichen Herzens durch.

Bei der ersten Herztransplantation in München am 13. Februar 1969, war der Patient nur 27 Stunden nach der Operation verstorben. Ab August 1981 konnte das Team um Bruno Reichart schließlich beweisen, wie man erfolgreiche Herztransplantationen macht. Einer der ersten zehn Herztransplantierten lebt noch heute, mehr als 35 Jahre nach der Operation im Mai 1983. Im gleichen Jahr nahm Bruno Reichart in München die erste Herz-Lungen-Transplantation in Deutschland vor. 1997 verpflanzte er erstmals bundesweit Herz, Lunge und Leber gleichzeitig. Diese Patientin lebte danach elf Jahre, ein Zeichen für die Fortschritte in der Transplantationsmedizin.

Mangelnde Bereitschaft zur Organspende

In den vergangenen 50 Jahren hat sich rein chirurgisch bei Herztransplantationen kaum etwas verändert. Die größte Herausforderung für Herzchirurgen ist nicht eine chirurgische, logistische oder pharmazeutische. Das größte Problem ist der Organmangel. Derzeit warten rund 700 Menschen in Deutschland auf ein Spenderherz, rund 10.000 auf ein Spenderorgan. Viele Herzpatienten sterben, während sie noch auf der Warteliste stehen.

Das erste Kunstherz am 4. April 1969

15 Jahre nach Christiaan Barnards Pioniertat pflanzte Chirurg William DeVries am 2. Dezember 1982 im Krankenhaus der University of Utah in Salt Lake City dem schwer herzkranken 62-jährigen Zahnarzt Barney Clark das weltweit erste dauerhafte Herzimplantat ein. Clark überlebte 112 Tage.

Rund 13 Jahre vorher, am 4. April 1969, wurde die erste Kunstherz-Implantation am Texas Heart Institute in Houston durch Denton A. Cooley vorgenommen. Der 47-jährige Patient Haskell Karp erhielt ein von Kunstherz, das nach 65 Stunden durch ein natürliches Herz ersetzt wurde. Kurz nach der Herztransplantation verstarb Karp.

Heute dient das Kunstherz, eine kleine Maschine, hauptsächlich als Ergänzung des natürlichen Herzens. Es wird vor allem als Überbrückungsmaßnahme eingesetzt, solange ein Patient auf ein Spenderherz wartet.

Xenotransplantation als neuer Ansatz

Xenotransplantation: Spenderherzen von genveränderten Schweinen beim Menschen einsetzen?

Es gibt neuere Ansätze, dem Organmangel zu begegnen. Bruno Reichart forscht an einem von ihnen. Dabei handelt es sich um sogenannte Xenotransplantationen. Also um Spenderherzen von genveränderten Schweinen, die Menschen eingesetzt werden. Die Mindestvoraussetzung für eine Zulassung: Der Test muss im Tierversuch funktionieren. Nach 25 Jahren Stillstand hat es in den vergangenen zwei Jahren Fortschritte gegeben: Ein Pavian hat zumindest drei Monate mit einem arbeitenden Schweineherz überlebt. Dann wurde der Versuch abgebrochen und das Tier eingeschläfert. Im Dezember 2018 veröffentlichte Bruno Reichart eine Folgestudie: Dabei überlebten zwei Paviane sogar über ein halbes Jahr mit genmodifizierten Schweineherzen. Der Forscher kann sich vorstellen, in drei Jahren schon erste Versuche mit Menschen zu beginnen.

Doch selbst wenn es technisch-chirurgisch in Zukunft gelingen kann, tierische Herzen in menschliche Patienten zu verpflanzen, sind die ethischen Fragen noch lange nicht gelöst. Wollen Menschen wirklich Schweineherzen in ihrem Körper haben? Und dürfen wir Tiere nur für ihre Organe züchten?

  • 50 Jahre Herztransplantationen in Deutschland: radioWelt, 13.02.2019, 06.05 Uhr, Bayern 2
  • 50 Jahre Herztransplantationen in Deutschland: nano, 08.02.2019 um 17:45 Uhr, ARD-alpha
  • Herz-Transplantation – Hoffnung auf eine 2. Chance! Planet Wissen, 08.02.2019 um 18:15 Uhr, ARD-alpha
  • Organtransplantation - Von Machbarkeit und Ethik. alpha-thema Gespräch, 11.02.2019 um 21:00 Uhr, ARD-alpha
  • 50 Jahre Herztransplantation - Eine Erfolgsgeschichte?: IQ-Wissenschaft und Forschung, 30. November 2017, 18.05 Uhr, Bayern 2
  • Herzchirurg Bruno Reichart - Habe die Ehre: BR-Heimat, 10.01.2018, 10 Uhr

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