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Great Barrier Reef Korallenriff auf der Intensivstation

Das Great Barrier Reef ist das größte Korallenriff der Welt. Fische schätzen es als Kinderstube, Touristen als Ausflugsziel. Damit das Weltnaturerbe erhalten bleibt, sollen Gefahren wie gefräßige Seesterne abgewendet werden.

Stand: 13.09.2018

Dramatisches Korallensterben am Great Barrier Reef (Luftaufnahme) | Bild: picture-alliance/dpa

Das Unesco-Welterbekomitee hat das größte Korallenriff der Welt 1981 als Weltnaturerbe eingestuft. Der Zustand des Riffs verschlechterte sich aber seither so stark, dass dieser Status in Gefahr ist. Die Unesco drohte in den vergangenen Jahren immer wieder, das Riff auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes zu setzen.

Nachhaltigkeitsplan contra Rote Liste

Die australische Regierung stellte deshalb im September 2014 einen Katalog an Schutzmaßnahmen unter dem Titel "Riff 2050 Langzeit-Nachhaltigkeitsplan" vor und bringt seither erste Maßnahmen auf den Weg. Anfang Juli 2017 lenkte dann das zuständige Unesco-Komitee ein und setzte das Great Barrier Reef vorerst nicht auf die Rote Liste. Mit verschiedenen Maßnahmen soll das Ökosystem gemäß dem "Riff 2050 Langzeit-Nachhaltigkeitsplan" bis 2050 besser geschützt werden. Unter anderem will die Regierung umgerechnet rund 1,3 Milliarden Euro investieren, um die Wasserqualität zu verbessern und das Absterben der Korallen zu verhindern.

Forscher-Wettbewerb soll Korallenriff retten

Die australische Regierung hat eine weltweite Ausschreibung gestartet: Umgerechnet 1,3 Millionen Euro (zwei Millionen australische Dollar) an Fördergeldern gehen an den Wissenschaftler, der eine Methode zur Rettung des Great Barrier Reefs entwickelt. Die Lösung könnte aus jedem Bereich stammen. Ende Juli 2018 wurden sechs Ansätze ausgewählt, die nun getestet werden sollen. Mit dabei: Wolken mit Salzkristallen heller machen, damit sie die Sonnenstrahlen besser zurück ins All reflektieren. Eine weitere Idee: Das Meer soll mit einer biologisch abbaubaren schwimmenden Membran abgedeckt werden, das wie ein Sonnensegel funktioniert und das Riff vor Hitze schützt.

In der ersten Runde werden verschiedene Ideen mit je einer Viertelmillion australischer Dollar unterstützt. Nach der Entwicklungsphase werden die besten Lösungen zu Prototypen gemacht und dabei mit einer Million Dollar ein Jahr lang gefördert.

"Dies ist eine offene Einladung an die besten Köpfe unter unseren Wissenschaftlern."

Australiens Umweltminister Josh Frydenberg zum Forscher-Wettbewerb

Langfristiger Plan mit Ausnahmen

Der "Riff 2050 Langzeit-Nachhaltigkeitsplan" sieht unter anderem ein Verbot zur Entwicklung neuer Häfen im Fitzroy Delta, in der Keppel Bay und auf der Insel Curtis im Bundesstaat Queensland vor. Für zehn Jahre sollen zudem in und um das Korallenriff keine Aushubarbeiten für neue Häfen oder zum Ausbau bestehender Häfen vorgenommen werden dürfen. Allerdings sind Ausnahmen für als wichtig eingestufte Entwicklungsprojekte vorgesehen. Umweltorganisationen kritisierten den Plan als ungenügend. Auch die australische Akademie der Wissenschaften erklärte, die Pläne der Regierung berücksichtigten weder die Auswirkungen des Klimawandels, noch gäben sie eine Antwort auf die Probleme der Wasserqualität, der Küstenentwicklung und der Fischerei.

Zwei Korallenbleichen in Folge

Nie wurde im Great Barrier Reef eine schlimmere Korallenbleiche registriert als 2016. Und sie geht weiter: Anfang März 2017 hatten Mitarbeiter der australischen Marineparkbehörde auf Kontrollflügen an Korallenstöcken über viele Kilometer hinweg erneut schwere Schäden entdeckt. Mitte April 2017 wurde eine Studie der australischen James Cook University veröffentlicht: Demnach betreffen die schwersten neueren Schäden den mittleren Teil des Riffs. Im vergangenen Jahr waren vor allem die Korallenstöcke im Norden des Riffs ausgebleicht. Jetzt sind sie nur noch im Süden weitgehend intakt. Die Korallenbleiche ist aber nicht der einzige Feind der Korallen: Schwere Schäden am Great Barrier Reef richtete auch der Zyklon Debbie an, der Ende März 2017 über das Riff hinwegfegte.

Great Barrier Reef von vierter Korallenbleiche gebeutelt

Der Lebensraum des Juwelen-Zackenbarschs ist in Gefahr: die Korallen des Great Barrier Riffs

Wissenschaftler John Kerry sagte, nach 1998, 2002 und 2016 sei dies nun bereits die vierte Korallenbleiche, von der das Ökosystem betroffen ist. Bislang lagen zwischen den Bleichen immer einige Jahre, in denen sich das Great Barrier Reef erholen konnte. Professor Terry Hughes von der James Cook University sagte dazu, es gebe "kaum noch Chancen auf Erholung". Das Riff lasse sich nur noch mit einem entschlossenen Kampf gegen den Klimawandel retten.

"Die Korallen haben 400 Millionen Jahre Veränderungen auf dem Planeten überlebt, aber wenn jetzt nicht weltweit deutlich mehr gegen den Klimawandel getan wird, haben wir im Jahr 2100 höchstens noch hier und da ein paar Korallen, aber keine Riffe mehr."

David Wachenfeld, bei der Marineparkbehörde (GBRMPA) für die Wiederherstellung des Riffs verantwortlich

Fragile Lebewesen unter Wasser

Steckbrief: Das Great Barrier Reef

Ein Paradies für Schnorchler und Taucher: das Great Barrier Reef.

Die Korallenriffe vor der Nordostküste Australiens sind die größten und artenreichsten weltweit. Sie erstrecken sich rund 2.300 Kilometer vom südlichen Wendekreis bis nach Papua-Neuguinea und dehnen sich über 345.000 Quadratkilometer aus. 1981 wurden sie in das Unesco-Weltnaturerbe aufgenommen.
Zum Great Barrier Reef gehören mehr als 3.000 Einzelriffe und 600 Korallen-Inseln. In der bunten Unterwasserlandschaft leben rund 1.500 Fischarten, 360 verschiedene harte Korallenarten, ein Drittel des weltweiten Bestands an weichen Korallenarten, 5.000 bis 8.000 Weichtierarten, 400 bis 500 Algenarten, sechs Meeresschildkrötenarten und viele weitere Pflanzen und Lebewesen. Die Korallenriffe sind Touristenattraktion und Wirtschaftsfaktor: Pro Jahr bringen die Besucher rund fünf Milliarden australische Dollar (ca. 3,5 Milliarden Euro) ins Land.

Warum die Korallen weiß und krank werden

Im Norden des Great Barrier Reefs ist die Korallenbleiche stark fortgeschritten.

Ausgelöst wird die Korallenbleiche von hohen Wassertemperaturen. Durch den Klimawandel und das Klimaphänomen El Niño hat sich das Meer zeitweise auf bis zu 33 Grad erwärmt. Dann produzieren Algen, die die Korallen normalerweise mit Nährstoffen versorgen und die bunten Farben erzeugen, Gift, und werden abgestoßen. Die Korallenstöcke werden weiß und anfälliger für Krankheiten.

"Der Klimawandel hat extreme Ozeantemperaturen ausgelöst. Bei der derzeitigen Entwicklung könnte es in 15 Jahren alle zwei Jahre eine Korallenbleiche geben."

Amanda McKenzie, Vorsitzende des unabhängigen Klimarats von Australien

Riffe können sich regenerieren, aber ...

Wenn die Wassertemperatur sinkt und sich neue Algen ansiedeln, können Korallen überleben. Der Süden des 2.300 Kilometer langen Naturwunders ist von der Korallenbleiche weniger betroffen als der Norden. "Dort sollten sich die Riffe bald wieder erholen", meinte Meeresbiologe Terry Hughes von der James Cook University im australischen Queensland. Im Norden könnte es wegen des massiven Korallensterbens 10 bis 15 Jahre dauern, bis die Korallendecke wieder wächst, schätzen Experten.

Üble Stürme und gefräßige Seesterne

Dornenkronen können am Tag ein faustgroßes Stück Koralle verschlingen.

Tropenstürme, die wegen des Klimawandels immer stärker werden, und Dornenkronen (Acanthaster planci), korallenfressende Seesterne, setzen dem Great Barrier Reef ebenfalls zu. Die Seesterne haben bis zu 23 Arme und erreichen einen Durchmesser von bis zu 30 Zentimetern. Wenn ihre natürlichen Feinde wie Riesenmuscheln und -schnecken fehlen, fallen sie zu Tausenden über Steinkorallen her und hinterlassen weiße Korallenskelette. Die Riffe brauchen Jahre, um sich von einer solchen Attacke zu erholen.

Dornenkronen in Fallen gelockt

Korallenrettung: Gefräßige Seesterne sollen in die Falle gehen.

Meereskundler suchten daher schon länger nach Wegen, die Verbreitung der korallenhungrigen Dornenkronen einzudämmen. Und glauben, jetzt eine Möglichkeit gefunden zu haben, damit die Seesterne in die Falle gehen. Eine Erbgut-Analyse brachte Wissenschaftler aus Australien und Japan auf die Idee: Forscher um Michael Hall vom Australian Institute of Marine Science (AIMS) analysierten Dornenkronen-Seesterne vom Great Barrier Reef und Exemplare aus dem mehr als 5.000 Kilometer entfernten Okinawa in Japan. Trotz der Entfernung ähneln sich die Tiere genetisch sehr. Wenn sie sich zur Vermehrung versammeln oder miteinander verständigen, geben die Tiere Botenstoffe wie Proteine ins Wasser ab. Die Forscher konnten die Tiere mittels der Botenstoffe dazu veranlassen, sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Durch solche Signalstoffe in Ködern angelockt, ließen sich die Dornenkronen anschließend recht einfach beseitigen, schreiben die Forscher.

Mini-Roboter tötet gefräßige Seesterne

Tauchroboter hilft im Kampf gegen Seesterne

Forscher der Queensland University of Technology (QUT) haben im September 2018 eine neue Erfindung vorgestellt: kleine Killer-Roboter, die die Dornenkronen-Plage eindämmen soll. Sogenannte RangerBots, Meeresdrohnen, die Mini-U-Booten ähneln, wurden in Zusammenarbeit mit der Great Barrier Reef Foundation und Google entwickelt. Der Unterwasserroboter kann per Tablet durch komplexe Korallenriffe navigiert werden, um dort Dornenkronen-Seesterne aufzuspüren. Dann schießt der Apparat eine tödliche Injektion aus Essig oder Gallensalz auf den Seestern. Das Riff soll dabei unversehrt bleiben.

Der gelbe Unterwasserjäger könne die dornigen Seesterne mit einer Zuverlässigkeit von 99,4 Prozent erkennen, sagt sein Erfinder, der QUT-Ingenieur Matthew Dunbabin. Der 15 Kilogramm schwere und 75 Zentimeter lange Roboter kann pro Batterieladung bis acht Stunden tauchen und auch nachts im Einsatz sein, selbst in Gewässern mit Haien und Krokodilen.

"Wir haben den RangerBot so trainiert, dass er Dornenkronen erkennt - und zwar nur diese korallenzerstörenden Seesterne -, ähnlich wie Menschen lernen, zwischen verschiedenen Meereslebewesen zu unterscheiden."

Matthew Dunbabin, Ingenieur an der Queensland University of Technology

Korallen auf Eis gelegt

Größte Korallenbank der Welt

Die Zukunft des Great Barrier Reef liegt möglicherweise in Dubbo, einem kleinen Ort nordwestlich von Sydney, tief im trockenen Binnenland Australiens. Dort befinden sich in einem Tank voll mit flüssigem Stickstoff Samen und Embryozellen von Korallen aus dem Riff, eingefroren bei minus 196 Grad. Seit 2011 haben australische Forscher hier die größte Korallenbank der Welt aufgebaut.

Tiefgefroren im Labor

Um an das wertvolle biologische Material zu gelangen, entfernen Forscher die Korallen kurzzeitig vom Riff. Sie nehmen die Tiere mit in ein Labor in Townsville an der Nordostküste Australiens, um sie dort laichen zu lassen. Dann frieren sie Samen und Embryozellen ein und schicken sie knapp 1.500 Kilometer nach Dubbo, wo sich Experten und Spezialausstattung befinden.

Wettlauf mit der Zeit

Mehrere hundert Milliarden Zellen sind dort inzwischen konserviert. Mit diesen Zellen können die Forscher nun bei Bedarf neue Korallenkolonien gründen. Allerdings ist den Wissenschaftlern die Vielfalt in ihrer Korallenbank noch zu gering. Sie wollen möglichst schnell möglichst viel Material sammeln und aufbewahren, denn der Artenreichtum im Great Barrier Reef sinkt kontinuierlich.

Unsichere Zukunft

Korallen - Meeresblumen aus Kalk

Korallen sind Nesseltiere, die kalkartige Außenskelette bilden. Die Organismen wachsen über Jahrhunderte und lagern dabei, ähnlich wie Bäume, Jahresringe aus Kalk an. An ihnen lässt sich das Wachstum ablesen.

Den Korallen setzen jedoch nicht nur hohe Wassertemperaturen, Stürme und gefräßige Seesterne zu, sondern auch die Wasserverschmutzung durch die Schifffahrt und die Landwirtschaft in Küstennähe. Australien selbst setzt Unmengen an Treibhausgasen in seiner riesigen Kohleindustrie frei: Pro Kopf gemessen ist es einer der weltweit größten Klimasünder. Klimaforscher gehen davon aus, dass aufgrund der Klimaerwärmung extreme Wetterlagen weltweit künftig häufiger auftreten als in der Vergangenheit. Insgesamt keine guten Aussichten für das Great Barrier Reef.

"Bei den globalen Anstrengungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen spielt Australien eine entscheidende Rolle."

Amanda McKenzie, Vorsitzende des unabhängigen Klimarats von Australien

Korallensterben begann bereits im 19. Jahrhundert

Untersuchungen eines Forscherteams um George Roff von der australischen Universität von Queensland haben gezeigt, dass die Korallen sich in küstennahen Gebieten bereits am Ende des 19. Jahrhunderts verändert haben. Die Zerstörung begann mit den europäischen Siedlern, die sich um 1870 an der Küste von Queensland niedergelassen hatten. Infolge der Landwirtschaft und Viehhaltung gelangten mehr Nährstoffe, Sedimente und Düngemittel ins Meer. Dies schädigte die Korallen nachhaltig und machte sie anfälliger für Stürme und andere schädliche Umwelteinflüsse. Roff und sein Team bestimmten die Artenzusammensetzung sowie das Alter der Korallen: Ihr Korallenarchiv reicht bis ins 3. Jahrhundert zurück. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts haben vor allem Steinkorallen der Gattung Acropora die Riffe aufgebaut. Zwischen 1920 und 1955 ist ein Großteil dieser Korallenart abgestorben. Gleichzeitig traten schwere Tropenstürme auf, die eine Erholung dieser Korallen verhindert habe, so die Forscher.

Dieser Artikel entstand aus folgenden Sendungen:


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