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Geschlechtskrankheiten Kehren Syphilis, Tripper, HIV und Chlamydien zurück?

Spricht man mit Experten, ist das die falsche Frage, denn Geschlechtskrankheiten waren nie ganz weg. Bedenklich: Inzwischen steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder rapide an. Woher kommt das?

Stand: 16.05.2018

Tabu-Thema Geschlechtskrankheiten | Bild: picture alliance-dpa Themendienst

Sexuell übertragbare Krankheiten sind ein schambesetztes Thema. Deshalb werden sie totgeschwiegen. So bleibt im Verborgenen, wie weit verbreitet Geschlechtskrankheiten in unserer Gesellschaft sind - und wie unterschätzt. Syphilis beispielsweise. Die Infektionskrankheit ist neben HIV und akuter Hepatitis die einzige sexuell übertragbare Erkrankung, die meldepflichtig ist. Deshalb ist die Datenlage vergleichsweise gut: Von 2009 bis 2015 stieg die Zahl der Syphilismeldungen um 149 Prozent. Im Jahr 2016 erkrankten 7.178 Menschen an der Geschlechtskrankheit.

Neun weitere EU-Länder und die USA berichten von deutlichen Anstiegen der Syphilis-Infektionsraten, sagt das Robert Koch Institut. Auch die Geschlechtskrankheiten Tripper, wissenschaftlich Gonorrhoe genannt, und Chlamydien-Infektionen sind vor allem unter Jugendlichen und Twens verbreitet.

Geschlechtskrankheiten sind gut behandelbar

Das Fatale an Syphilis, Gonorrhoe und Chlamydien ist, dass Infektionen eigentlich gut behandelbar wären. Nur: Oft verlaufen die Krankheiten unbemerkt, weil sie erst spät zu Symptomen führen. Unbehandelt können sie Unfruchtbarkeit verursachen oder Fehlgeburten und Ansteckungen von Mutter auf Kinder. Zudem erhöhen Infektionen mit sexuell-übertragbaren Krankheiten das Risiko, sich auch eine HIV-Infektion zuzuziehen. Sind die Schleimhäute durch Syphilis und Gonorrhoe angegriffen, hat es das HI-Virus leichter sich einzunisten.

Geschlechtskrankheiten im Überblick

Oral- und Analverkehr

Kondome schützen vor sexuell übertragbaren Krankheiten.

An der Tabuisierung von Geschlechtskrankheiten hat sich nichts geändert, an den Sexpraktiken schon. Oral- und Analverkehr werden häufiger praktiziert als früher und sind gängige Ansteckungswege. Doch schon mit "Handarbeit" allein steigt das Ansteckungsrisiko, man muss nicht einmal Sex haben: Hat man die Bakterien an den Fingern und verteilt sie auf der Mund- oder Augen-Schleimhaut, kann man sich infizieren.

"Das zeigt auch, dass es einen Wandel in den sexuellen Praktiken gegeben hat. Vor 50 oder 60 Jahren hat - ich weiß nicht, wer Oralverkehr gemacht hat - es waren doch nicht viele. Heute ist Oralverkehr für die meisten der Einstieg in sexuelle Aktivitäten. Also natürlich erstmal Fingerspiele, anfassen, streicheln. Aber wenn es dann mal ein bisschen ernster wird, ist sicherlich Oralverkehr für die meisten der Einstieg in sexuelle Aktivitäten."

Professor Norbert Brockmeyer, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Leiter des 'Zentrums für sexuelle Gesundheit' an der Dermatologischen Klinik des St. Josef-Hospitals, Ruhr-Universität Bochum

Tests senken Infektionsraten

Christian Knoll von der Münchner Aidshilfe rät sexuell aktiven, homosexuellen Männern, sich ein bis zweimal im Jahr testen zu lassen. Bei Heterosexuellen hängt es vom Sexualverhalten ab. Wer ein "hochfrequentes Sexualleben" betreibt, sollte sich auch öfters testen lassen.

Regelmäßig testen lassen, damit der Spaß am Sex bleibt.

Dass regelmäßige Tests helfen, zeigen erste Studien aus London. Im Zuge eines Programms bekommen homosexuelle Männer ein HIV-Medikament, dass sie vor einer HIV-Infektion schützen soll, die sogenannte Präexpositions-Prophylaxe (PrEP). Die Männer selbst sind nicht HIV-positiv, haben aber zum Beispiel einen HIV-positiven Partner, sind Prostituierte oder gehören einer anderen Risikogruppe an. Wer PrEP bekommt, muss regelmäßig seine Nierenwerte testen lassen. Dabei werden die Teilnehmer auch auf andere Geschlechtskrankheiten getestet. Im Zuge des Programms gingen die HIV-Neuinfektionen um 40 Prozent zurück und die Zahl der sexuell übertragbaren Krankheiten stagniert. Verzichten Männer, die PrEP nehmen, auf Kondome und regelmäßige Tests, steigt das Infektionsrisiko für Geschlechtskrankheiten wieder.

Gesellschaft ist zu wenig aufgeklärt

Neben mehr Daten über Geschlechtskrankheiten wünschen sich Forscher einen Impfstoff gegen Gonokokken. Eine gegen den verwandten Erreger, die Meningokokken, gibt es schon. Unerlässlich ist eine bessere Aufklärung über das tabuisierte Thema Geschlechtskrankheiten für Kinder und Teenager:

"Also zu sagen: Wir wollen unsere Kinder behüten, dass da bloß nichts passiert, keine schlafenden Hunde wecken. Das ist Quatsch, weil Kinder und Jugendliche neugierig sind und was zu dem Thema wissen wollen. Eine altersgerechte Informationen ist unterstützend. Das schadet nicht. [...] Die Vorwürfe, die da gemacht werden, sind manchmal ein bisschen anstrengend und sie kommen auch aus einer politisch rechten Ecke."

Stefan Kempf, Sozialpädagoge proFamilia-Neuhausen, München


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