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Geisternetze im Meer Gefährliche Plastik-Fischernetze im Meer kaum zu recyclen

Sie sind tödliche Fallen für die Meerestiere und verschmutzen die Ozeane mit Tonnen von Plastikpartikeln: Verloren gegangene Fischernetze sind ein riesiges ökologisches Problem, das – so der WWF – nicht einfach zu lösen ist.

Stand: 09.04.2018

Biologen der Univsersity of Guam Marine Lab retten eine Wasserschildkröte aus einem Geisternetz. | Bild: David Burdick/Marine Photobank

Im Rahmen des internationalen Projekts "Marelitt Baltic" hat die Umweltstiftung WWF verschiedene Methoden getestet, mit denen aus dem Meer geborgene Kunststoffnetze aus dem Fischfang wiederverwertet werden sollen. Doch die Resultate sind ernüchternd: Es hat sich herausgestellt, dass ein Recycling der Geisternetze aufwändig und teuer ist.

Geisternetze: Plastikmüll, Mikroplastik und gefährliche Fallen für Meerestiere

Nach Angaben von Greenpeace landen jährlich bis zu 25.000 Fischernetze in europäischen Meeren. Gemäß einer polnischen WWF-Studie sollen allein in der Ostsee jährlich 5.000 bis 10.000 Netze und Netzteile verloren gehen. Sie treiben als Plastikmüll umher, sinken auf den Meeresboden und werden zu tödlichen Fallen für Meeresbewohner. Zudem zersetzt sich das Plastik nur sehr, sehr langsam. Größere Plastikstücke und -teile werden immer kleiner und feiner und belasten das Meer schließlich als Mikroplastik. Über Meerestiere gelangen diese Mikroteilchen auch in die menschliche Nahrungskette.

Materialmix der Geisternetze erschwert Recycling

Ein Taucher befreit Meerestiere aus einem Geisternetz in der Ostsee.

Tests hätten gezeigt, dass schon die Vorsortierung und Reinigung der aus dem Meer geborgenen Netze extrem schwierig ist, so Andrea Stolte vom WWF-Ostsee-Büro. So enthielten Stellnetze giftiges Blei, das vor der Verwertung aussortiert werden muss, erklärte die Expertin. Zudem würden die Polyamidfasern von Netzen bei der Verarbeitung so zerfasern, dass sie später schlecht zu Granulat eingeschmolzen werden können. Aber auch organische Materialien wie Fischgräten, Sand und Schlick müssten aus den geborgenen Netzen erst entfernt werden, bevor sie recycelt werden können. Ein weiteres Problem: Ein Netz wird nicht aus einer einzigen Kunststoffart hergestellt, sondern aus einem Mix von bis zu vier verschiedenen Kunststoffen: Polypropylen, Polyethylen, Polyamid und PET.

Wasserstoff für Brennstoffzellen aus Geisternetzen

Es sei schwierig, das Recycling praktisch und ökonomisch vertretbar umzusetzen, sagte Stolte. Als bislang einzig vertretbare Alternative habe sich das Erhitzen und schließlich Verdampfen der Netze bei sehr hohen Temperaturen von über 1.000 Grad Celsius herauskristallisiert. Nur bei diesen Temperaturen würden die organischen Moleküle vollständig aufgespalten und dadurch giftige Emissionen vermieden. Durch die Zugabe von Wasser während der Reaktion entstehe ein Gas, das zur Herstellung von Wasserstoff für Brennstoffzellen genutzt werden könne.

Bei manchen Fischfangmethoden landen besonders viele Tiere als Beifang im Netz. Dieser Delfin hat sich in einem Fischernetz verfangen. | Bild: picture-alliance/dpa zur Bildergalerie Fischfangmethoden Nicht nur Fische gehen ins Netz

Gefischt wird nicht nur, was nachher auf unserem Teller landet. Schätzungen zufolge werden weltweit jedes Jahr 38 Millionen Tonnen Meerestiere unbeabsichtigt mitgefangen. Wie viele Tiere tot oder verletzt zurückgeworfen werden, entscheidet auch die Fangtechnik. [mehr]

"Marelitt Baltic"-Projekt

Das "Marelitt Baltic"-Projekt, an dem Fischereigemeinden, Forschungsinstitute und Umweltverbände aus Schweden, Estland, Polen und Deutschland beteiligt sind, untersucht, wie die Kunststoffnetze aus dem Meer geborgen und wiederverwertet werden können und ob sie sich eventuell so markieren lassen, dass man sie wiederfindet. Der WWF beteiligt sich seit November 2015 an dem Projekt. Die polnische Umweltorganisation erstellt zudem einer Karte für alle vier Projektländer, auf der Orte mit besonders vielen Geisternetzen markiert sein sollen.

Aufspüren von Geisternetzen mit Sonar

Geisternetze in der Ostsee:

Methoden, wie diese verloren gegangenen Netzte überhaupt wieder gefunden werden können, werden derzeit vor Rügen getestet. Eingesetzt wird dabei auch ein sogenanntes Seitensicht-Sonar, das sich schon vor der US-amerikanischen Küste bewährt hat. Wie Gabriele Dederer vom WWF Deutschland erklärte, arbeitet die US-Methode in größerer Tiefe und damit näher am Meeresboden als bekannte Sonargeräte. Untersucht wird, wie gut sich Geisternetze etwa an Steinen oder Wracks damit ausfindig machen lassen.

5,2 Tonnen verlorene Netze in der Ostsee

Netzharke

Die Netzharke ist eine spezielle Konstruktion, wie eine Egge, die von einem Boot aus über den Meeresboden geschleppt wird. Sie ist dreieckig und am Kopf sind Bälle angebracht – dadurch rollt die Egge über den Boden. Am Ende sind zwei Harken mit Zinken, die die Netze aufnehmen sollen.

Allein in den Jahren 2016 und 2017 seien in der deutschen Ostsee nach Angaben von Susanne Dederer rund 5,2 Tonnen verlorene Netze durch Taucher oder mit speziellen Netzharken geborgen worden. Fischer hatten auf die möglichen Fundplätze aufmerksam gemacht. Im Vergleich zur polnischen Küste ist dies wenig. Dort waren allein mithilfe der Netzharke im Jahr 2015 rund 270 Tonnen Netze geborgen worden.

Taucher auf der Suche nach Geisternetzen

Netzharke auf dem Meeresgrund

Dass diese Methode in den deutschen Gewässern nicht so erfolgreich sei, könne damit zusammenhängen, dass sich vor der deutschen Küste die Netze nicht wie in den Gewässern vor Polen in sogenannten Hotspots konzentrierten, sagte Dederer. Mit einem Sonar könne, so die Hoffnung, nun eine große Fläche abgescannt werden. Experten könnten dann gezielt zu den Fundorten tauchen.

  • "Plastikmüll: Wie wir die entlegensten Inseln verdrecken": in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2, am 19.05.2017, um 18.05 Uhr
  • "Expedition Geisternetze": zum "Thementag Ostsee", ARD-alpha, am 26.05.2016, um 16.00 Uhr

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