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Hirnforschung Gipsarm macht Linkshänder

Wenn ein Rechtshänder nach einer Verletzung den rechten Arm nicht bewegen kann, beginnt das Gehirnareal zu wachsen, das seine linke Hand steuert, und zwar erstaunlich schnell.

Stand: 01.01.2017

Junge mit Gipsarm | Bild: colourbox.com

Neuropsychologen an der Universität Zürich haben im Jahr 2012 für ihre Studie zehn Rechtshänder mit gebrochenem rechten Oberarm untersucht. Wegen des Gipsverbands oder einer Schlinge konnten diese die rechte Hand kaum oder gar nicht bewegen. Daher mussten sie mit der linken Hand essen, schreiben und sich die Zähne putzen.

Zweimal in die Röhre

Dieses Areal des Gehirns nahmen die Wissenschaftler genau in Augenschein.

Bei allen Probanden wurde das Gehirn zweimal mit einem Magnet-Resonanz-Tomografen untersucht: Das erste Mal 48 Stunden nach der Verletzung, das zweite Mal, nachdem der rechte Arm 16 Tage lang ruhiggestellt war. Anschließend verglichen die Neurowissenschaftler auf den Aufnahmen die Entwicklung der weißen und der grauen Hirnsubstanz. Außerdem untersuchten sie bei den Testteilnehmern Änderungen der feinmotorischen Fähigkeiten der linken Hand.

Wachstum im Gehirn

An den rot markierten Stellen wuchs die Hirnsubstanz deutlich.

Schon nach zwei Wochen hatten die graue Hirnsubstanz (die Nervenzellen) und die weiße Hirnsubstanz (die Nervenfasern) in den Arealen der linken Hirnhälfte abgenommen, die für die motorische Steuerung der rechten Hand zuständig sind. In der rechten Hirnhälfte wuchs hingegen die Hirnsubstanz in dem Gebiet, das die linke Hand kontrolliert. Auch deren Feinmotorik verbesserte sich innerhalb dieses kurzen Zeitraums deutlich.

Entscheidende Millimeter

Die beobachteten Wachstum der Großhirnrinde der rechten Hirnhälfte betrug zwar nur wenige Millimeter, dennoch sind derartige Wachstums- und Schrumpfprozesse innerhalb so kurzer Zeit erstaunlich. Was genau dabei im Gehirn passiert, ist noch nicht bekannt. Neue Nervenzellen konnten die Wissenschaftler dort nicht entdecken. Möglicherweise handelt es sich um kleine Verbindungen zwischen den Neuronen, die sich neu bilden.

Folgen für Therapien

Ein ruhiggestellter Arm sollte so bald wie möglich mobilisiert werden.

Die schnelle Anpassungsfähigkeit des Gehirns hat aber eine Kehrseite: Zwar wächst die rechte Seite schnell, wenn sie die linke Hand stärker gefordert wird. Doch gleichzeitig schrumpft die linke Seite, wenn die rechte Hand brach liegt. Diese Erkenntnis hat praktische Auswirkungen auf Therapien, beispielsweise von Schlaganfallpatienten. Wenn diese halbseitige Lähmungen haben, wird oft der gesunde Arm künstlich ruhiggestellt, um den kranken, gelähmten Arm wieder zum Gebrauch zu stimulieren. Doch dadurch schrumpfen die gesunden Areale der anderen Hirnhälfte. Verbesserungen in der einen Hemisphäre werden also mit Verschlechterungen in der anderen erkauft. Das bestätigt eine unter Neurowissenschaftlern verbreitete These: Ein verletzter Arm oder ein verletztes Bein sollte so kurz wie möglich und nur so lange wie notwendig ruhiggestellt werden.


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