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Foul und Abseits Aus der Sicht der Unparteiischen

Der Job von Schiedsrichtern und Linienrichtern ist schwer. Ob Abseits oder Foul, die Entrüstung der Fans ist jedesmal groß - und wehe die Slow-Motion zeigt eine Fehlentscheidung. Aber irren ist menschlich, auch auf dem Fußballfeld.

Stand: 04.04.2017

Wenn es um die Einhaltung der Regeln geht, dann verlässt sich der Fußball immer noch auf den Menschen. In Gestalt der Linien-und Schiedsrichter soll er für Ruhe und Ordnung sorgen und erntet für seine Fehlentscheidungen doch jedes Mal Entrüstung.

Abseits erkennen ist tatsächlich schwer

Aufmerksamkeitstest

Wie schwierig es ist, Abseitssituationen zu erkennen, das hat die Deutsche Sporthochschule Köln mithilfe eines Aufmerksamkeitstests untersucht. "Der 'Attention Window Test' misst die maximale Aufmerksamkeitsbreite von Personen auf horizontaler, vertikaler und diagonaler Ebene", erklärt Stefanie Hüttermann vom Institut für Kognitions- und Sportspielforschung. Sie testete, bis zu welcher Entfernung Personen zwei unterschiedliche Reize wahrnehmen können, die an verschiedenen Rändern ihres Blickfeldes liegen.

Alles im Blick?

Fußballspieler müssen immer mehrere Reize gleichzeitig wahrnehmen: Der Stürmer sollte die gegnerischen Abwehrspieler, den Torwart, die Mitspieler und natürlich den Ball im Blick haben. Der Assistenzschiedsrichter an der Seitenlinie muss den Abstoß des Torwarts und die Offensivspieler in seiner Spielhälfte beobachten. Die Wissenschaftler wollten wissen, ob es Personen gibt, die mehr Signale wahrnehmen können und damit insgesamt eine bessere Aufmerksamkeitsleistung besitzen als andere.

Sportler sind aufmerksamer

Ende Januar 2014 haben die Wissenschaftler das Ergebnis ihres Aufmerksamkeitstests veröffentlicht. "Wir haben herausgefunden, dass die Aufmerksamkeitsleistung von Experten aus verschiedenen Mannschaftssportarten um 25 Prozent höher ist als die von Nichtsportlern", sagt Stefanie Hüttermann. Linienrichter müssen Winkel bis zu 100 Grad betrachten, um ein Abseits erkennen zu können. "Zum Vergleich: Die Experten unter unseren Probanden konten nur bis zu einem Blickwinkel von 35 Grad noch zwei Reize wahrnehmen." Abseitssituationen würden demnach ein viel größeres visuelles Aufmerksamkeitsfenster erfordern, als es die meisten Menschen leisten können.

Und jetzt?

Unklar ist noch, ob die Sportler wegen ihrer langjährigen Erfahrung besser abgeschnitten haben - oder ob die höhere visuelle Aufmerksamkeitsfähigkeit angeboren ist. Das sollen jetzt weitere Untersuchungen klären. Künftig könnte der "Attention Window Test" bei der Auswahl von Nachwuchssportlern helfen. Wissenschaftler wollen klären, wie sich die spezielle Beobachtungsgabe am besten trainieren lässt. Dann könnten ganz neue Inhalte in das Fußballtraining und in die Schiedsrichterausbildung einfließen.

Streitpunkt: Abseits

Ein Klassiker der Aufreger ist das Abseits. Die Regel ist kompliziert: aktives und passives Abseits lassen durchaus Interpretationsspielraum – selbst die FIFA denkt immer wieder über eine Regeländerung nach. Und im Stadion gibt es häufig mehr als eine Meinung. "Bist du blind?" schreit der entrüstete Fan dann manchmal, hat er doch nie im Leben ein Abseits gesehen. So unangebracht ist diese Frage laut wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht einmal.

Durch die Augen des Linienrichters

Träges Auge

Abwehrspieler, Ball und Angreifer gleichzeitig zu sehen ist für das Auge laut Untersuchungen schwierig. Das Fokusieren vom fliegenden Ball auf die letzten Abwehrspieler klappt nie gleichzeitig. Das Auge braucht für das Umschalten rund 640 Millisekunden. Und in der Zeit rennt der Spieler "ungesehen" weiter.

Knick in der Optik

Neben biologischen Problemen gibt es optische. Nur selten steht der Linienrichter genau auf der Abseitslinie, meistens steht er etwas hinter dem letzten Verteidiger. Nach Untersuchungen von Raoul Oudejans und seinen Kollegen von der Vrije Universität in Amsterdam verschiebt sich dabei die Perspektive so, dass die Linienrichter weiter entfernte Spieler eher und nähere seltener im Abseits sehen. Die Perspektive ist schuld.

Vorne sehen

Außerdem wird der Linienrichter verdächtigt bei schnellen Bewegungen der Spieler einfach schon ein bisschen weitsichtiger zu sein - im wahrsten Sinne des Wortes. "Flash-Lag-Effekt" heißt das. Dabei soll das Linienrichtergehirn unterbewusst die Position des Stürmers in Bewegung schon ein bisschen vorausberechnen und so den Stürmer schneller im Abseits sehen. Das ist umso ärgerlicher, weil es im Regelwerk heißt: "Im Zweifel für den Angreifer".

Mehr Abseits gesehen

Welche wohl die ausschlaggebende Fehlerquelle ist, das haben auch Sportwissenschaftler noch nicht geklärt. Bisher hat sich gezeigt, dass Schiedsrichter bei Untersuchungen von Abseitsentscheidungen deutlich öfter ein falsches Abseits gesehen haben als eines übersehen.

Foul! Nicht Foul? Wie viel Foul?

Bibiana Steinhaus gibt in der Zweiten Bundesliga die Rote Karte

Der zweite Aufreger ist das Foul. War es überhaupt eines? Wurde der Ball gespielt? War es Absicht? Viel Zeit hat der Schiedsrichter für seine Entscheidung nicht, und dann kommen noch Unwägbarkeiten dazu. Die Spieler bewegen sich schnell und manchmal verdecken sie die Situation. Ralf Brand, Sportpsychologe von der Universität Potsdam geht davon aus, dass Entscheidungsprozesse von Schiedsrichtern beim Foul intuitiv ablaufen. Damit sei aber nicht das Bauchgefühl gemeint: "Eine intuitive Entscheidung ist eine, bei der in kürzester Zeit Expertenwissen abgerufen werden kann."

Schiedsrichter-Entscheidungs-Training

Ralf Brand hat mit anderen Forschern aus Heidelberg und Potsdam ein Video basiertes Entscheidungs-Training für Foulszenen entwickelt. Die Idee: Schiedsrichter treffen über eine Online-Plattform per Video viele Entscheidungen und lernen durch das unmittelbare Feedback "falsch" oder "richtig", bessere Entscheidungen zu treffen. "Es gibt überzeugende Ergebnisse, die zeigen, dass sich dieses Training positiv auf die Entscheidungsqualität insgesamt auswirkt", so Brand. Bisher ist das aber nur für das Online-Training erwiesen. Bei Fußballschiedsrichtern wird das Training laut DFB nicht eingesetzt, allerdings gibt es eine angepasste Version für Basketball, die von Bundesligaschiedsrichtern benutzt wird.

Aufwärmphase für Gelb

Im Gegensatz zum Abseits haben Schiedsrichter beim Foul aber auch noch die Wahl zwischen einer ganzen Palette von Folgen – von der Verwarnung bis zur Roten Karte. Dass sie deswegen erst einmal eine Aufwärmphase brauchen, haben Forscher um Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln herausgefunden. Demnach tendieren Schiedsrichter in den ersten Minuten dazu, weniger Gelbe Karten zu geben, weil sie ihr Bewertungssystem noch justieren müssen. Aber auch später sind sie nicht vor Beeinflussung gefeit.

Wer aber jetzt in der Fankurve aufmuckt, dem hält Sportpsychologe Ralf Brand von der Universität Potsdam entgegen:

"Schiedsrichter können nicht besser urteilen, als es dem Menschen möglich ist. Und sie urteilen wesentlich präziser als die meisten Menschen."

Ralf Brand, Universität Potsdam

Auf über 80 Prozent schätzt er den durchschnittlichen Anteil der richtigen Entscheidungen. Und weil Fans auch genauso Menschen sind, sollten auch sie ihrer Wahrnehmung nicht immer trauen:

Mein Team hat immer Recht

Ein Fan rauft sich verzweifelt die Haare.

Forscher der University of Queensland und des Queensland Brain Institutes haben in einem Experiment Versuchspersonen zwei unterschiedlichen Teams zugeteilt. Bei einem Wettbewerb sollten sie dann die Schnelligkeit des eigenen und des gegnerischen Teams beurteilen. Das Gehirn reagierte beim eigenen Team anders. Das Ergebnis: Das eigene wurde als schneller erkannt, obwohl beide gleich schnell waren. Die Wahrnehmung war unterbewusst zu Gunsten des eigenen Teams manipuliert.


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