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WM-Sammelleidenschaft wissenschaftlich Fans im Panini-Fieber geben Millionen aus

Eigentlich ist so ein Sammelbild von Mats Hummels nicht teuer. Eigentlich. Wenn es mir aber fehlt, um mein Album voll zu bekommen – dann kann es richtig teuer werden. Auch bei dieser Fußball-WM geben Fans viel Geld für winzige, klebende Fotos von Fußballern aus. Warum nur?

Stand: 07.06.2018

Panini-Sammelbilder zur FIFA Fußball-WM 2018 in Russland | Bild: picture alliance/ Geisler Fotopress

Auch Wissenschaftler fragen sich mittlerweile, warum Fußballfans so viel Geld für ein volles Panini-Album ausgeben. Warum bricht bei einer Fußball-WM regelmäßig das kostspielige Sammelfieber aus?

Hunderte Euro für ein volles Album

Wie die Tagesschau berechnet hat, kostet es einen Sammler im Schnitt 870,30 Euro oder durchschnittlich 967 Tüten mit fünf Bildern zu jeweils 90 Cent, um die 682 Stickerplätze des diesjährigen Albums zur Fußball-WM 2018 in Russland zu füllen. Zumindest, wenn man nicht tauscht. Werden die doppelten und dreifachen Sticker getauscht, wird es erheblich billiger. Der Preis liegt aber immer noch bei rund 283 Euro im Schnitt, wenn man mit zehn anderen Sammlern ins Geschäft kommt. Selbst im – nicht eintretenden – Idealfall, dass jedes Bild nur einmal gekauft werden muss, müsste ein Sammler mindestens 122 Euro zahlen, um sein Album zu füllen. Warum also, geben Fans so viel Geld für diese Alben aus?

Vorfreude mit Lerneffekt und ...

Tauschen bringt die Fans zusammen und hilft, den Jagdinstikt zu befriedigen, ohne immer mehr Geld auszugeben.

Der Fan lernt beim Sammeln alle Spieler kennen und das macht Spaß. Beim Anschauen, Tauschen und Einkleben lernt man nicht nur die Namen und Nationalitäten der Spieler. Man bekommt ihre Maße und Rückennummern gleich noch mitgeliefert. Ganz nebenbei bleiben selbst bei jungen Fußballfans die Nationalfarben und -flaggen im Gedächtnis hängen. So trägt das Sammeln durchaus zur Allgemeinbildung der Fans bei.

... Prahlfaktor

Zudem ist es ein tolles Gefühl, die Akteure im Spiel sofort zu erkennen, was einem bei anderen Fußballfans noch Pluspunkte bringt und als Insider outet. Gerade der Fußball zeigt immer wieder: Echte Fans definieren sich durch genaues Datenwissen. In welcher Minute welchen Spiels hat welcher Spieler in welchem Stadion und an welchem Tag ein Tor geschossen oder verhindert? Mit den Sammelbildern kann sich ein Fan schon einmal gebührend auf die FIFA-WM einstellen.

Erinnerung an eigene Kindheit und Ikea-Effekt

Verena Hüttl-Maack, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim, nennt weitere Gründe, warum die Fans ihr Geld für die Bildchen ausgeben: "Ein Faktor könnte die Nostalgie und die Erinnerung an die eigene Kindheit sein. Außerdem sieht sie bei den Alben auch den sogenannten Ikea-Effekt: "Die Leute halten einen Tisch für wertvoller, den sie selbst zusammengebaut haben, als wenn er ihnen fertig zusammengesetzt vor die Nase gesetzt wird", so die Wissenschaftlerin. "Die eigene Leistung lässt die Sache wertvoller erscheinen." Bedenkt man die Mühen und Anstrengungen, die es oft kostet, ein Album voll zu bekommen, lässt sich auch der Stolz der Besitzer nachvollziehen.

Reus oder nicht Reus?

Natürlich ist auch der Spieltrieb, die Neugierde beim Öffnen ein wichtiger Faktor, so Hüttl-Maack: "Es ist nachgewiesen, dass die Auflösung der Neugierde positive Emotionen erzeugt, auch wenn das Resultat am Ende gar nicht großartig ist. Man empfindet eine Art Belohnungseffekt." Das bestätigt auch Felix Klimm vom Lehrstuhl für Verhaltensökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung an der LMU-München. "Allein die Erwartung, dass Marco Reus in der Tüte sein könnte, freut jeden Fan ungemein", erklärt er.

"Wir, die Sammler"

Und auch der soziale Effekt ist nach Meinung Hüttl-Maacks eine wichtige Komponente: Als Sammler gehöre ich zu vielen. Gerade bei Kindern in der Schule werde da natürlich auch das Bedürfnis Dazuzugehören angesprochen. Für Felix Klimm spielen beim Sammeln der Aufkleber sowohl soziale als auch individuelle Aspekte eine Rolle: Neben dem Gruppendruck zählt auch das Tauschen von Stickern, das wiederum einen Nutzen schafft. Und wie beim Briefmarkensammeln gäbe es dazu eben auch eine individuelle Motivation.

"Hinzu kommt die Stückelung des Preises. Der ist auf die einzelnen Tüten aufgeteilt, so dass viele die Gesamtkosten nicht überblicken."

Felix Klimm, Lehrstuhl für Verhaltensökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung, LMU-München

Müsste man den Preis für ein komplettes Album auf einmal bezahlen, würden es wenige kaufen, "aber", so der Wissenschaftler, "in vielen kleinen Häppchen bezahlen die Leute den relativ hohen Preis dann doch." Und so werden auch dieses Jahr wieder Fußballfans in mehr als 130 Ländern die kleinen Tütchen kaufen – koste es was es wolle.

Künstlerische und witzigere Variante: Das Tschutti-Heftli

Übrigens gibt es zu den Panini-Alben eine sehr schöne Alternative aus der Schweiz: die Tschutti Hefli. Auch hier werden die Spieler der Fußball-WM 2018 in einem Album gesammelt, allerdings handelt es sich dabei nicht um die Fotos der Spieler, sondern um Illustrationen unterschiedlicher Künstler und Stile. Enstanden ist die Idee für die künstlerischen Sammelbilder zur EM 2008 in der Schweiz und in Österreich.


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