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Kopfball Balltrauma oder Balltraum

Ecke, Kopfball, Tor – so sieht man es in fast jedem Fußballspiel. Der Kopfball hat aber auch seine Schattenseiten. Ob da etwas bleibt, fragt sich nicht nur der Fußball-Fan.

Stand: 04.06.2018

Oliver Bierhoff brachte die deutsche Nationalmannschaft damit im Finale der Europameisterschaft 1996 wieder ins Spiel, Horst Hrubesch war dafür gefürchtet und Miroslav Klose rettete damit schon manches Spiel: gemeint ist der Kopfball. Und der hat seinen Preis. Obwohl ein Fußball höchstens 450 Gramm wiegen darf, entwickelt er eine ganz schöne Wucht, wenn ihn Spieler schießen. In manchen Spielen fliegt er sogar mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde über das Spielfeld.

Kein Knock-out

Der Knock-out durch den Kopfball bleibt den Fußballern normalerweise erspart. Verletzungen direkt nach einem Kopfball gibt es eher durch Ellbogen und Köpfe der anderen Spieler. Aber ob da nicht doch etwas bleibt? Und wenn ja, ab wann?

Kopfball – Studien zur Kopfarbeit

"Normale" Kopfbälle

Dass Kopfbälle, die Gehirnerschütterungen hervorrufen, schwere Folgen haben können, ist bekannt. Solche Verletzungen werden häufig verursacht durch das Zusammenrauschen zweier Spieler, entweder mit den Köpfen oder mit Kopf und Ellbogen. Sie können das Gedächtnis, die Augen, die Reaktionsgeschwindigkeit und Balance beeinträchtigen, wenn sie nicht behandelt werden. Schlimmstenfalls können sie eine Behinderung oder sogar den Tod herbeiführen. Deshalb müssen Spieler nach einem solchen Vorfall vom Platz.
Doch welche Auswirkungen haben ganz normale Kopfbälle auf die Gesundheit von Fußballern? Das wollen Sportmediziner aus Deutschland, der Schweiz und den USA in einer auf drei Jahre angelegten Studie herausbekommen. Derzeit untersuchen die Mediziner bei 50 Profi-Sportlern, wie oft und wie sie köpfen. "Insbesondere von Kopfbällen, die nicht zu Gehirnerschütterungen führen, wissen wir noch nicht sicher, ob sie auch langfristig das Gehirn schädigen", so der Leiter der Studie, der Paderborner Neurologe Claus Reinsberger. "Unklar ist insbesondere, ob es sich bei den Kopfbällen um wiederholte schädliche Mini-Erschütterungen des Gehirns handelt“, erklärt Reinsberger. Mit den Vortests hat das Forscherteam bereits vor der Saison 2017/18 begonnen und hochauflösende MRT-Untersuchungen, neurophysiologische Tests von Augen und dem Gleichgewichtsorgan und kognitive sowie neuropsychologische Tests (Aufmerksamkeit, Konzentration, Befinden etc.) durchgeführt. Im Training und in den Spielen wurden alle Kopfbälle per Video aufgezeichnet. Zum Teil wurden die Daten mit einem Beschleunigungsmesser aufgezeichnet. Anschließend werden die Spieler nochmals klinisch begutachtet. An der Studie, die bis 2020 abgeschlossen sein soll, beteiligen sich Spieler der U21 des Hamburger Sportvereins, des FC Basel und Spielerinnen des SC Regensburg. Frühere Studien gäben Anhaltspunkte dafür, dass die Kommunikation zwischen bestimmten Gehirnteilen gestört wird. "Klar ist schon, dass es Veränderungen und Anpassungserscheinungen des Gehirns gibt", so der Neurologe. Wie diese zu bewerten sind, sei aber noch offen.

Hirnforschung und Kopfball

Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der Harvard Medical School in Boston haben Veränderungen im Gehirn von Profifußballern festgestellt. In einer Studie verglichen sie die Gehirne von zwölf deutschen Fußballern mit denen von Profischwimmern. Die Unterschiede wurden bei einer besonders sensiblen Magnetresonanztomografie sichtbar: Bei den Fußballern hatte sich die weiße Substanz im Gehirn großflächig verändert. Die weiße Substanz ist für die Kommunikation zwischen den Neuronen verantwortlich. Bei einer Gehirnerschütterung kommen ähnliche Veränderungen vor, allerdings viel stärker. Ob sich die leichten Veränderungen beim Fußballer tatsächlich bemerkbar machen, muss noch erforscht werden. Dass sich das Gehirn mit häufigem Köpfen verändert, hat auch schon eine Studie 2011 festgestellt.

Langzeitkopfballer

1.000 bis 1.500 Kopfbälle im Jahr, ab dieser Menge leidet das Gehirn. Das ist das Ergebnis einer Studie von US-Wissenschaftlern um Michael Lipton von der New Yorker Yeshiva Universität, die im Dezember 2011 vorgestellt wurde. Dafür haben die Forscher 32 Amateurfußballer befragt, wie oft sie im Jahr Kopfbälle machen würden. Wer vermeintlich mehr geköpft hatte, das sah man auch später im MRT: Bei Spielern mit einer errechneten Menge von mehr als 1.000 bis 1.500 Kopfbällen im Jahr hatte sich das Gehirn wie bei einer Gehirnerschütterung verändert. Die Spieler mit den wenigsten Kopfbällen dagegen zeigten ein besseres MRT. Die Schlussfolgerung von Lipton: Wiederholtes Köpfen könnte zum Abbau von Hirnzellen führen.

Kopfballtraining

Ein Kopfballtraining macht aber noch keine Weichbirne. So könnte man die Erkenntisse zu einem Kopfballtraining zusammenfassen - zumindest wenn es um Gedächtnisleistung und Aufmerksamkeit geht. Sportwissenschaftlerin Petra Jansen von der Universität Regensburg hat 2011 rund 100 Studenten ein Kopfballtraining absolvieren lassen. 15 Minuten Köpfen hinterließen bei den weiblichen und männlichen Probanden keinen Schaden. Sie konnten die Tests zur Aufmerksamkeitsfähigkeit und der Gedächtnisleistung danach genauso gut lösen wie eine Nichtkopfballer-Gruppe. Die Kopfballerinnen klagten allerdings stärker als die Männer über Kopfschmerzen. Schon ein Jahr zuvor hatte der Sportmediziner Ingo Tusk Amateurfußballer 35 Minuten lang köpfen lassen. Ein Protein sollte darüber Aufschluss geben, ob dabei Nervenzellen verletzt wurden. Das Ergebnis: Die Werte nach dem Training stiegen nicht bedenklich an.

Einfach ist das Rätsel um die Kopfballfolgen nicht zu lösen. Denn was sich im Gehirn-MRT zeigt, muss sich laut Petra Jansen von der Universität Regensburg nicht unbedingt auf das menschliche Verhalten, zum Beispiel die Konzentrationsfähigkeit, auswirken. "Das Gehirn ist in der Lage vieles zu kompensieren", sagt die Sportwissenschaftlerin. Für Langzeitstudien wäre es deswegen wichtig, beides zusammenzuführen.

"Wenn man Gehirnmessungen mit kognitiven Messungen koppelt, dann würde man auch sehen, ob das zusammenhängt."

Petra Jansen, Universität Regensburg

Fußball-Torhüter Petr Cech trug ab 2006 einen Kopfschutz.

Letztendlich ist es auch eine Frage, ob man mit Köpfchen köpft. Denn um zu wissen ob ein Kopfball wirklich gefährlich ist, muss man auch sehen, welche Unterschiede es beim Köpfen gibt. Bei einem richtigen Kopfball muss der Nacken angespannt sein, das entlastet den Kopf. Und auch wie der Ball aufkommt, ist entscheidend - ob er zur Seite geköpft wird oder frontal.

Die Biomechanik

Unklarheiten

Um zu sehen, wie schädlich ein Kopfball ist, untersuchen Biomechaniker, wie groß die Kopfbeschleunigung dabei ist und wie lange sie wirkt. Klare Daten sind aus mehreren Gründen aber schwierig zu bekommen. Erst einmal haben Wissenschaftler noch nicht endgültig herausgefunden, was die Kopfbeschleunigung genau mit dem Gehirn macht, damit eine Verletzung entsteht. Und auch die Umstände, unter denen gemessen wird, führen zu unterschiedlichen Daten. "Im Training ist es ein sehr bewusster Kopfball, während es bei einem Spiel immer wieder vorkommt, dass jemand unbeabsichtigt getroffen wird", erklärt Klaus Schneider, Biomechaniker an der Universität der Bundeswehr in München.

Gehirn im Schleudergang

Die Kopfbeschleunigung tritt immer dann in den Vordergrund, wenn ein Objekt mit dem Kopf kollidiert und sorgt dafür, dass das Gehirn im Kopf hin und her gebeutelt wird. Typisches Beispiel ist der Airbag. Wann es gefährlich wird, das zeigen Tabellen, die Grenzwerte aus der Dauer und der Größe der Beschleunigung errechnen. Wie hoch die Beschleunigung wirklich ist, wird übrigens in g gemessen. Das g steht für Erdbeschleunigung. 1 g ist deswegen die Beschleunigung bei einem Ball der einfach nur zu Boden fällt.

Bewusst oder unbewusst per Kopf

Wie gefährlich die Kopfbeschleunigung beim Fußball wird, hängt laut Schneider von verschiedenen Faktoren ab: der Schwere des Kopfes, der Geschwindigkeit des Balls, wo der Schädel getroffen wird und ob der Kopfball bewusst ausgeführt wird. Wer letzteres mache, der spanne die Nackenmuskeln an, erklärt er, und sei deswegen klar im Vorteil, "weil ich durch die Muskulatur die Stoßmasse vergrößere".

Zur Biomechanik

Die Kopfbeschleunigung ist immer wieder Thema in Fußball-Studien. So gaben australische Forscher der Universität Melbourne im "British Medical Journal" 2003 Entwarnung: Die Wucht eines normalen Kopfballes würde nicht ausreichen, um das Gehirn zu schädigen. Ihr Ergebnis: Bei einem Köpfer würde der Kopf auf weniger als 10 g beschleunigt. Aber erst bei 40 bis 60 g würde es Verletzungen geben. Andere Studien bringen andere Beschleunigungsdaten zum Vorschein. 2008 wurde so bei einer US-Studie zur Wirksamkeit vom Kopfschutz für Frauen und Männer im Fußball durchschnittlich rund 18 g bei den männlichen und 20 g bei den weiblichen Probanten gemessen.

Nebenwirkungen hat regelmäßiges Köpfen zumindest sicher: Die Halswirbelsäule wird weniger flexibel und das Rückenmark wird zunehmend gestaucht. Vor allem bei älteren Fußballern kennt man Probleme mit den Bandscheiben im Halswirbel-Bereich. Das betrifft auch Amateure. Was die Folgen für das Gehirn angeht, steht es übrigens auch unentschieden zwischen Profis und Hobbyfußballern: Profis trainieren zwar den Kopfball besser, sind ihm aber auch öfter ausgesetzt.

WM: Drei-Minuten-Regel wegen möglicher Gehirnerschütterung

Finale WM 2014 in Brasilien: Christoph Kramer wird ausgewechselt

Während der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien wurde der Uruguayer Àlvaro Pereira im Spiel gegen England vom Knie Raheem Sterlings schwer am Kopf getroffen. Pereira blieb zunächst benommen liegen, spielte später aber auf eigenen Wunsch weiter. Auch der deutsche Nationalspieler Christoph Kramer hatte im WM-Finale nach einem Zusammenstoß mit dem Argentinier Ezequiel Garay einen Blackout, spielte aber scheinbar desorientiert 15 Minuten weiter, bevor er ausgewechselt wurde.

Nach der WM hat der Internationale Fußballverband FIFA, genau wie der Europäische Fußballverband UEFA, die Drei-Minuten-Regel eingeführt. Das heißt, ein Spiel muss nach einem solchen Zwischenfall unterbrochen werden, damit der Mannschaftsarzt die Gelegenheit hat, den Betroffenen zu untersuchen. Nur wenn der Arzt eine Gehirnerschütterung ausschließt, darf der Spieler weitermachen. Das hatten vorher die Spieler selbst entschieden und sich dabei auch falsch eingeschätzt.


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