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Fans Alles für die Heimmannschaft

Die Südkurve jubelt. Die Auswärtsfans trommeln dagegen. Es steht erst 1:1. Da könnte noch was gehen. So oder so ähnlich passiert es in fast jedem Stadion an jedem Spieltag.

Stand: 03.06.2014

Fans | Bild: BR/ Max Hofstetter

Ohne die Fans wäre nicht nur die Kasse der Fußballklubs ziemlich leer, sondern auch die Stadien. Alleine der 1.FC Nürnberg hat über 600 offizielle Fanklubs. In der Saison 2013/14 besuchten rund 43.500 Menschen im Durchschnitt Spiele der Ersten Bundesliga. Was das Fansein ausmacht, beschäftigt viele Wissenschaftler. Sie interessiert das Wesen des Ultras, die Ursachen der Gewalt im Stadion, aber auch die soziokulturelle Herkunft der Fans und ihre "Rituale" im Stadion.

"Fußball ist meine Religion"

Stadion statt Kirche

Nach Ansicht des Sporthistorikers Nils Havemann bietet der Fußballbetrieb beim Ausleben der Religiösität ähnliche Vorzüge wie Kirchen: Er ermöglicht Gemeinschaft unter Gleichgesinnten, entwickelt feste Rituale, die das Gefühl von Heimat verstärken, gibt dem Leben eine sinnvolle zeitliche Struktur abseits der alltäglichen Verpflichtungen und ist weit unterhaltsamer "als die monotone Sonntagsliturgie, deren tieferer Sinn sich immer weniger Menschen erschließt", so Havemann.

Ersehnte Spiritualität

Havemann sieht im religiösen Charakter, den Fußball für viele Fans hat, einen Beleg für das menschliche Bedürfnis nach Spiritualität. Ausdruck für dieses Bedürfnis ist, dass Stadien als "Kathedralen" bezeichnet werden, Paare im Heimstadion heiraten oder Menschen sich auf Fan-Friedhöfen beerdigen lassen. Für den Forscher deutet dies auf eine latente Sehnsucht hin "in der Nüchternheit der Welt einen Raum für irrationale Gedanken, ekstatische Erlebnisse, rituelle Handlungen und in diesem Sinne religiöse Vollzüge zu erhalten."

Weibliche Fans

Weibliche Werder-Fans

Laut einer Erhebung aus den Jahren 2008/09 vom Marktforschungsinstitut Sport+Markt sind 33 Prozent der Anhänger von Topklubs weiblich. Befragt wurden Fans in 16 europäischen Ländern. Nicht mit eingerechnet waren die Fußballanhängerinnen und -anhänger der Frauenmannschaften. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) schätzte 2011 den weiblichen Anteil an Fans in deutschen Bundesligastadien auf ein Viertel - Tendenz steigend. Doch noch immer gehören in den Fankurven und an den Stammtischen Vorbehalte gegen das weibliche Fußballverständnis leider dazu.

Atmosphäre hausgemacht

Der echte Fußballfan sitzt nicht nur ruhig auf seinem Platz, wenn sein Team spielt. Von der La-Ola-Welle über den Klatschrhythmus bis zum Fangesang macht der Fan mit, beziehungsweise bestimmt, was im Stadion passiert. Echte Fans opfern viel Zeit und Geld für ihre Leidenschaft und erarbeiten aufwendige Choreografien. Vor allem der Fangesang hat auch Musikwissenschaftler wie Georg Brunner von der Pädagogischen Hochschule in Freiburg interessiert.

"Grundsätzlich kann man sagen, man singt um seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Und im Stadion möchte man auch Macht ausüben. Auf der einen Seite möchte man den eigenen Verein unterstützen und auf der anderen Seite den gegnerischen Verein demoralisieren."

Georg Brunner, Pädagogische Hochschule Freiburg

Singende Bayern-Fans

Für das, was die Fans akustisch von sich geben, gibt es streng wissenschaftliche Unterteilungen  - von Rufen und Pfeifen, über rhythmisches Klatschen und Kurzgesänge bis zu den Liedern. Und auch wann was eingesetzt wird, wurde schon von Wissenschaftlern unter die Lupe genommen. Ein Beispiel von Georg Brunner: "Die Klatschrhythmen und Kurzgesänge sind anzutreffen beim Unentschieden oder beim knappen Rückstand". Wenn der Vorsprung dagegen entscheidend sei, gebe es besonders viele Lieder.

Warum Singen wir: Theorie des Singens fürs Stadion ausgelegt

Ein Löwenfan mit bestickter Jacke

Die Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez und Guido Brink berufen sich in ihrem Buch "Fußballfangesänge. Eine FANomenologie" auch auf einen Volkskliedforscher. Der hatte zwar vermutlich mit dem Fußball wenig am Hut, entwickelte aber eine "Theorie des Singens" für Naturvölker. Demnach gehören besondere Rahmenbedingungen dazu, um Götter - auch singend - anzurufen. Die Paralelen zum Stadion sind laut Kopiez und Brink unverkennbar:

1. Das nicht-alltägliche Getränk (im Stadion: Alkohol)
2. Die nicht-alltägliche Bewegung (im Stadion: Hüpfen, La-Ola-Welle)
3. Die nicht-alltägliche Kleidung (im Stadion: Fanschals, Westen)

"Guantanamera" und "Yellow Submarine"

Das Lied-Repertoire der Vereine kann sehr unterschiedlich sein, und immer wieder können neue Gesänge dazukommen. Das Rezept, laut Brunner, für einen neuen Stadionschlager: "Es muss etwas Rhythmisches sein, es muss eine eingängige Melodie sein und wahrscheinlich muss es auch ein origineller Text sein." Auch ein möglicher Klatschrhythmus sei der Garant für den Erfolg. Die Beschreibung würde auch für einen Bierzeltschlager passen.

Nürnberg-Fans

Während dort aber jedes Jahr zumindest neue Melodien dazukommen, zählen in Fußballstadien vor allem neue Texte. Die Melodien seien laut Brunner oft schon da. "Bemerkenswert ist, dass fast keine aktuellen Songs vorkommen, sondern es handelt sich tatsächlich unter anderem um Oldies, Karnevalslieder oder Kirchenlieder." "Guantanamera" und "Yellow Submarine" sind als Vorlage Dauerbrenner und auch "An der Nordseeküste" oder die "Schlümpfe" werden dazu bemüht. Und dabei darf der Gegner natürlich nicht vernachlässigt werden. Für den gibt es von Gesängen bis zur offenen Diffamierung alles im Repertoire. Und dann fehlt nur noch die passende Choreographie.

Hüpfende Fans als Zusatzlast für die Tribüne

Wenn Fans im Stadion im Takt hüpfen, dann leidet die Stadiontribüne. Durch das Springen vergrößert sich nämlich das Gewicht, dass die Tribüne aushalten muss. Dynamische Last nennt man das. Gefährlich wird es zusätzlich, wenn der Rhythmus stimmt. Brücken aber auch Stadiontribünen haben nämlich eine bestimmte Eigenfrequenz, bei der sie selbst zu schwingen anfangen. Wenn die hüpfenden Fans genau diese Frequenz treffen, dann schwingt die Tribüne immer stärker - im schlimmsten Fall bricht sie zusammen. Probleme hatte zum Beispiel schon Nürnberg mit den Tribünen in seinem Easy-Credit-Stadion.

Mehr Fankultur

Für alle Fans, Fußballkulturforscher und Spielphilosophen bietet die Deutsche Akademie für Fußballkultur weiteres Untersuchungsmaterial: Vom besten Spruch des Jahres bis zur Fan-Choreographie.


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