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Elfmeter Titan oder Loser

Spätestens, wenn der Spieler am Elfmeterpunkt steht und der Torwart in die Hocke geht, dann bekommt ein Fußballspiel seinen dramatischen Höhepunkt. Um keine andere Spielszene gibt es so viel Mythen - und Forschung.

Stand: 16.03.2017

Elfmeter | Bild: BR

Der Elfer zum Gewinn der Weltmeisterschaft 1990

Ein Foul, der Spieler fällt im Strafraum, der Schiedsrichter pfeift und die Fans der einen Mannschaft fürchten das, was die der anderen hoffen: Elfmeter! Der Strafstoß gehört seit mehr als 100 Jahren zum festen Repertoire im Fußball. Als Elfmeterschießen in Pokal-, WM- und EM-Endrunden sorgt es für nervliche Zerreißproben nicht nur bei Schütze und Torwart.

Tipps für Spieler und Torhüter

Trugschluss beim Torschuss

Torhüter machen beim Elfmeterschießen gern den gleichen Fehler wie Glücksspieler: Sie erliegen bei der Wahl der Ecke, in die sie hechten, dem verführerischen "Spielertrugschluss". Das bedeutet: Schießen die Feldspieler vorzugsweise in eine Ecke, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Torwart beim nächsten Schuss in die entgegengesetzte Richtung springt.

Diesem sogenannten "Spielertrugschluss" liegt eine weit verbreitete, aber falsche Vorstellung von Zufall und Wahrscheinlichkeit zugrunde. Ursprünglich stammt der Begriff "Spielertrugschluss" aus der Erforschung von Glücksspielen. Am Roulettetisch beispielsweise erwarten die Spieler, dass nach häufigem "Rot" vermehrt "Schwarz" kommt. Doch das subjektive Gefühl eines ausgeglichenen Farbenverhältnisses ist ein Trugschluss. Die Wahrscheinlichkeit, ob die Kugel auf "Rot" oder "Schwarz" landet, bleibt bei jeder neuen Runde gleich. Die vorangegangenen Ergebnisse spielen für das Ergebnis keine Rolle.

Spieler nutzen Vorteil nicht

Die Parallelen zwischen der Eckenwahl des Torwarts und dem Glücksspiel entdeckten Wissenschaftler vom University College London bei der Analyse von 361 Schüssen aus 37 Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften zwischen 1976 und 2012. Wie Roulettespieler erwarten auch Torhüter demnach unbewusst, dass die Schüsse auf die linke und rechte Ecke des Tores zahlenmäßig in einem ausgeglichenen Verhältnis stehen.

"Überraschenderweise versäumen es die Schützen, diesen Vorteil zu ihren Gunsten zu nutzen", meint Erman Misirlisoy, einer der Autoren der Studie, die im August 2014 im Fachjournal "Current Biology" erschienen ist. Den Grund vermuten die britischen Forscher im großen Druck, der auf den Schultern der Schützen lastet. Die Spieler seien auf den Moment des eigenen Schusses fokussiert und weniger auf die Abfolge. Für die Torhüter haben Misirlisoy und seine Kollegen ebenfalls einen guten Ratschlag: Aus ihrer Sicht sei eine gute Strategie, sich vor dem Spiel für eine zufällige Abfolge von Ecken zu entscheiden und dieser im Ernstfall zu folgen, komme was wolle.

Den richtigen Fingerzeig geben

Mit kleinen Zeichen könnte der Torwart, den Schützen in ein Eck delegieren. Zumindest bei einem Experiment hat die Taktik funktioniert. Die Sportpsychologen Matthias Weigelt von der Universität Saarbrücken und Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln haben in einer Studie von 2010 überprüft, wie Gesten und der Standort des Torwarts die Schussrichtung beeinflussen. Dafür traten 81 Probanden, 41 Fußball-Experten und 40 Fußball-Novizen, zu jeweils mehr als 50 Elfmetern an. Das Ergebnis: Stand der Torwart nur ein paar Zentimeter rechts oder links von der Mitte, haben in 75 Prozent der Fälle die Fußballanfänger in die "offene" Torecke geschossen. Bei den Experten gab es sogar eine noch höhere Quote (80 Prozent). Also am besten eine Handbreit neben der Mitte stehen und den Ball so als Torwart in das gewollte Eck lenken. Ein leichtes Deuten in das entsprechende Eck verstärkt übrigens die Wirkung laut Studie noch.

Konzentration auf das Ziel

André Schürrle legt den Ball auf den Elfmeterpunkt.

Immer schön auf das Tor konzentrieren, könnte der Rat einer Studie mit Universitätsstudenten von Forschern um Greg Wood sein. Die Wissenschaftler von der Universität von Exeter haben 2009 in einem Experiment herausgefunden: Spieler aus der Universitätsmannschaft, die nervös waren, tendierten eher dazu, den Torwart länger anzuschauen und ihren Schuss im Anschluss mittiger zu setzen. Für den Torwart erhöhten sich dadurch die Chancen. Die Erkenntnisse: Ein gezieltes Training mit Fokus auf die Torecken müsste her und der Torwart sollte besser komplett in der Strategie ausgeblendet werden.

Schneller als das Auge

Richtiges Eck geahnt

Dem Torwart hilft dagegen vermutlich diese Erkenntnis: Studien haben gezeigt, dass Spieler rund 0,3 oder 0,4 Sekunden Reaktionszeit vor dem Ballkontakt brauchen, um einen Schuss erfolgreich umzulenken. Für den Torwart bedeutet das dagegen, dass er rund 0,3 oder 0,4 Sekunden vor dem Schuss schon einmal loshechten kann, ohne aufzufliegen - theoretisch. Diese Zeit allerdings abzustoppen, dürfte etwas schwierig werden.

Die Hüfte im Blick

Klaas-Jan Huntelaar schießt.

Wohin ein Fußballer schießt, das kann man ihm sogar ansehen, sagen Forscher um Mark Williams. Das Ergebnis seiner Studie: Wer mit rechts auf die rechte Seite des Torwarts schießt, dessen linker Fuß zeigt auch auf diese Seite. Zu kompliziert? Einfacher ist das mit der Hüfte: Wenn die parallel zum Torwart steht, dann wird der Ball eher auf der rechten Seite des Torwarts landen. Laut Williams kann man das trainieren. Das Gute für die Linksfüßer: Die verräterische Hüfte gilt nur für Rechtsfüßer.

Tipps von Metin Tolan für Elfmeterschützen

Der Ball ist drin.

Der beste Tipp von Physiker Metin Tolan für den Schützen ist trivial - ins Eck schießen. "Der optimale Elfmeterschuss wäre hoch in die Ecke", sagt Tolan und dort zu treffen wäre für einen guten Spieler auch regelmäßig möglich - wenn da nicht die Nerven wären. Da ist das Eck dann auch ungünstig: "Dort ist die Wahrscheinlichkeit höher, drüber zu schießen", so Tolan.

Tipps von Metin Tolan für den Torhüter

Wenn der Torhüter wartet bis jemand schießt, hat er zu wenig Zeit, um in ein Eck zu springen. Spekulieren wäre hier eine Möglichkeit, aber keine optimale, sagt Tolan: "Spekulieren ist nicht wirklich eine Lösung". Die Probleme: Der Torschütze merkt bei schlechter Ausführung, wohin der Torhüter springt und die Chancen werden auch nicht größer, denn die Mitte und die anderen Ecken sind immer noch frei. Helfen würde dagegen etwas anderes: "Der Torhüter könnte die Regeln verletzen. Er kann den letzten Schritt, den der Schütze macht, auch nach vorne machen. Dann sind seine Chancen besser, weil der unerreichbare Bereich kleiner wird und er den Winkel verkürzt." Einige Torhüter wie Jens Lehmann würden das auch machen. Regelkonform sei das zwar nicht, aber: "Wenn der Torhüter das gut macht, dann passiert das in weniger als einer 1/10 Sekunde, also unter der Wahrnehmungsgrenze", sagt Tolan. Wer dagegen nicht schummeln kann oder mag, dem bleibt ein recht ernüchternder Tipp: "Ich würde stehen bleiben und versuchen, mein Bestes zu geben, dann hat man bessere Chancen, als wenn man vorher spekuliert."

Wenn der Gestrafte selbst schießt ...

... dann ist nichts verloren. Den Mythos, dass der Gefoulte nicht schießen darf, hat unter anderem der Münchner Sportwissenschaftler Roland Loy in seinem Buch "Das Lexikon der Fussballirrtümer" entzaubert. Nach der Analyse von 2.000 Strafstößen war die Trefferquote von unbeteiligten Spielern und gefoulten Spieler gleich.

Buchtipp: Roland Loy "Über die Flügel zum Erfolg. Das Lexikon der Fußballirrtümer" , C. Bertelsmann

Elfmeter-Geschichte(n)

Chancentod Elfmeter

Zwei Männer, ein Tor und elf Meter sind die Zutaten, die Fans die Luft anhalten lassen. Ein High Noon im Fußball. Fair ist dieser Zweikampf aber nicht. Sobald angepfiffen wird, ist eigentlich immer der Spieler im Vorteil. Das beginnt schon mit der Torfläche. 78 Prozent des Tors, das hat der Dortmunder Physiker Metin Tolan im Buch "Manchmal gewinnt der Bessere. Die Physik des Fußballspiels" berechnet, hat der Fußballer zur Auswahl. Nur rund 22 Prozent kann der Torwart abdecken. Auch andere Anhaltspunkte bestätigen den Trend. "Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 25 Prozent, dass der Torwart hält", sagt Physiker Tolan.

Die Japanerin Ayumi Kaihori hält einen Elfmeter beim Endspiel der WM 2011.

Berechenbar ist der Elfmeter deswegen aber noch lange nicht. Denn auch gute Fußballspieler bekommen manchmal die Flatter, wenn es um den Elfer geht und schießen dann zwei Stockwerke drüber. Und manchmal springt der Torwart halt doch ins richtige Eck. Trotzdem gibt es einige Tipps aus der Wissenschaft.

Noch schlimmer als beim Strafstoß wird es allerdings, wenn es um das große Elfmeterschießen nach der Verlängerung geht. Bei Mannschaften wie der englischen sorgt dieses Spielelement gar für ein kollektives Trauma. Andere wie die Deutschen sind dabei fast ungeschlagen. Beschworen wird dabei zwar immer das vermeintliche Glück. Die Wissenschaft hat die höheren Zusammenhänge untersucht:

Mythos Elfmeterschießen

Das Losglück

Bei einem Elfmeterschießen entscheidet das Los, welche Mannschaft anfängt.

Beim Elfmeterschießen wird schon lange gemunkelt, die beginnende Mannschaft habe einen Vorteil. Das hat in der Vergangenheit auch Wirtschaftswissenschaftler interessiert. Immerhin bieten die Fußballdaten genug statistisches Material. Nach der Analyse von 269 Elfmeterschießen zwischen 1970 und 2008 schlossen Ignacio Palacios-Huerta von der London School of Economics und Jose Apesteguia von der Pompeu Fabra University im Jahr 2010: Die Mannschaft, die als erstes schießen darf, gewinnt mit rund 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit.

Das Losglück 2

Wissenschaftler der LMU München um Martin G. Kocher und Matthias Sutter kamen im gleichen Jahr zu einem anderen Ergebnis: Sie analysierten 262 Schießen von 1970 bis 2003 und stellten fest: Mit 53,3 Prozent ist der Vorteil irrelevant. Bewiesen ist jedenfalls Eines: Die Statistik trügt manchmal. Das dürfte dann auch Mannschaften wie der englischen angesichts ihrer Elfmeterstatistik wieder Mut machen.

Der Erste verliert

Erster Schütze, erstes Tor ...

Theoretisch ist für jeden Spieler die Situation bei seinem Elfer gleich, aber besonders wenn der erste Spieler verschießt, sieht man die Chancen deutlich schwinden. Das bestätigen die Wahrscheinlichkeitsrechnungen von Physiker Metin Tolan. Treffen relativ sichere Schützen aufeinander, dann ist nach dem ersten verschossenen Elfer einer Mannschaft die Partie schon mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 75 Prozent verloren.

Der Schwächste zuerst

Scheinbar sinnlos wirkt dagegen die Taktik, den schwächsten Spieler zuerst zu schicken und dann den zweitschwächsten… aber Tolan argumentiert: Da der Druck steigt, ist die Trefferwahrscheinlichkeit für fünf Treffer so am höchsten. Handfeste Beweise vom Fußballfeld fehlen aber noch.


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