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Studie mit Frühchen-Lämmern Biobeutel als Starthilfe ins Leben

Eine merkwürdige Vorstellung: Ein Frühgeborenes soll, damit es sich gut entwickelt, in einer Art Plastikbeutel ähnlich wie in einer Gebärmutter heranreifen. In Philadelphia haben Mediziner dies gerade mit Frühchen-Lämmern ausprobiert.

Stand: 25.04.2017

Was früher undenkbar war, ist mittlerweile möglich: Heutzutage können selbst Frühchen überleben, die nach 22 Schwangerschaftswochen mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm geboren werden. Zum Vergleich: Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen und die Babys haben ein Geburtsgewicht von 3.000 bis 3.500 Gramm. Abweichungen sind möglich und ab der 36. Schwangerschaftswoche drohen den Kindern meist keine schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden. So die Regel.

Vor der Geburt nicht ausgereift: die Lungen

Die Überlebenschancen extremer Frühchen sind gestiegen. Komplikationen drohen dennoch.

Doch obwohl die Überlebenschancen von Frühchen in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sind, müssen Eltern und Baby nach der Geburt kritische Wochen überstehen. Besonders die Lungen von zu früh geborenen Kindern sind noch nicht ausgereift und nicht bereit für eine selbstständige Atmung. Wissenschaftler um Emily Partridge vom Children's Hospital in Philadelphia suchten deshalb nach einer Möglichkeit, Frühgeborene für ein paar Wochen in einem möglichst natürlichen Umfeld außerhalb des Mutterleibs heranreifen zu lassen.

Der Versuch an frühgeborenen Lämmern

Die US-Forscher haben ihre Idee an Frühchen-Lämmern getestet. Diese sind dabei in einem flüssigkeitsgefüllten Beutel eingeschlossen, ihre Nabelschnur ist mit einer Maschine verbunden, die Sauerstoff und Nährstoffe liefert. Acht Lämmer wurden nach einer Tragzeit von 105 bis 120 Tagen (statt der üblichen 145 Tage) per Kaiserschnitt geboren. Ihr Entwicklungsstand entspricht etwa dem von menschlichen Frühgeborenen im Alter von 23 bis 24 Wochen. Die Lämmer wurden an die künstliche Plazenta angeschlossen und lebten in dem Plastikbeutel, in dem das künstlich erzeugte Fruchtwasser ständig erneuert wurde.

Altersgerechte Entwicklung der Tiere

Die Illustration zeigt ein Lamm in dem "Bio-Beutel", einer Art künstlichen Gebärmutter.

Das Herz der Lämmer pumpte das Blut selbstständig über die Nabelschnur nach außen zu einer Maschine, die die Aufgabe der Plazenta übernahm. Wesentlich dabei ist, dass das System ohne Pumpe auskomme, schreiben die Forscher. Dadurch verringere sich das Risiko, dass das winzige kindliche Herz durch einen Überdruck geschädigt wird. Die acht Lämmer lebten drei bis vier Wochen in dem "Biobag" und entwickelten sich altersentsprechend, ohne erkennbare Schäden an Herz oder Hirn zu nehmen. Nach vier Wochen wurden die Experimente aus Tierschutzgründen abgebrochen.

Gefahren beim Menschen nicht absehbar

Studienleiter Alan Flake vom Children's Hospital of Philadelphia

Allerdings ist das, was bei Lämmern zu funktionieren scheint, nicht ohne Weiteres auf menschliche Frühchen zu übertragen. Das betonen die Forscher um Studienleiter Alan Flake. Menschliche Föten seien kleiner als die Lämmer zu einem vergleichbaren Entwicklungszeitpunkt. Auch verlaufe die Gehirnentwicklung beim Menschen anders. Noch ist nicht klar, wie die Verknüpfung zwischen Nabelschnur und Maschine erfolgen könnte. Eine Unterversorgung mit Sauerstoff würde schon nach wenigen Minuten zu irreparablen Schäden am menschlichen Gehirn führen. Flake schätzt, dass es noch rund zehn Jahre dauern wird, bis das System für Frühgeborene zur Verfügung steht. Zielgruppe seien Babys, die zwischen der 23. und 25. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen; keinesfalls noch jüngere Frühchen.

Der Jurist

"Ein Verbot, menschliche Frühgeborene außerhalb des Mutterleibes weiterzuentwickeln, gibt es im deutschen Recht derzeit nicht. Versuche zur Verwendung eines 'Biobags' bei menschlichen Frühchen sind dann zulässig, wenn aufgrund ausreichender Tierversuche die berechtigte Erwartung besteht, dass der Nutzen für das Kind größer ist als eventuelle Risiken."

Jochen Taupitz, geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Biomedizin der Universitäten Heidelberg und Mannheim

Der Mediziner

"Aus heutiger Sicht der Fetalchirurgie ergeben sich durch das System zunächst einmal keine besonderen Vorteile, da die meisten Schwangerschaften nach vorgeburtlichen Eingriffen ja über Wochen bis Monate weitergeführt werden. Knapp 90 Prozent 'unserer’' Kinder werden nach Vollendung von 30 Wochen, die Hälfte sogar erst ab der 34. Schwangerschaftswoche geboren. Ab beiden Zeitpunkten lassen sich die Babys mit nur geringem Risiko für das Auftreten schwerer Frühgeburtskomplikationen behandeln."

Prof. Dr. Thomas Kohl, Leiter des Deutschen Zentrums für Fetalchirurgie & minimal-invasive Therapie (DZFT), Gießen

Der Ethiker

"Sollte der 'Biobag' es eines Tages ermöglichen, extrem früh geborenen Kindern sanfter durch die kritische Phase der Lungenreifung zu helfen, könnte dies ein schwieriges Dilemma in der Neonatalmedizin mildern. Die Entscheidungen über Frühchen an der Grenze der Lebensfähigkeit fordern Eltern, das therapeutische Team und mit Recht und Ethik Beschäftigte in kognitiv und emotional schier kaum zu ertragender Weise."

Prof. Dr. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie/Ethik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen, und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, Berlin


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