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Gesundheitsrisiko Feinstaub Krank durch dreckige Luft

Feinstaub macht krank - vor allem die ultrafeinen Partikel. Sie können Diabetes und Herzkrankheiten verursachen. Aber auch das Gehirn von Älteren und sogar Jugendlichen schädigen.

Stand: 05.11.2018

Die Feinstaubbelastung ist nicht nur in vielen deutschen Städten, wie hier in Stuttgart, an vielen Tagen zu hoch. Auf der ganzen Welt ist die Luft in Großstädten dreckig. | Bild: picture alliance / Sebastian Gollnow/dpa

Dreckige Luft - je kleiner die Feinstaubpartikel, desto leichter finden sie den Weg in unseren Körper, weil alle unsere Abwehrmechanismen versagen. Von der Lunge können sie über den Blutkreislauf tief in unseren Organismus gelangen.

Feinstaub dringt ins Fettgewebe: Diabetes bei Jung und Alt

Mögliche Abwehrmechanismen unseres Körpers gegen Feinstaub:

Flimmerhärchen in unseren Atemwegen:

Sie sorgen für den Abtransport von Partikeln oder Substanzen. Insbesondere bei Rauchern können diese Härchen aber beschädigt sein.

Sogenannte Fresszellen des Immunsystems:

Sie "stülpen" sich über die Feinstaubpartikel. In den Fresszellen werden die Partikel dann mithilfe zahlreicher Mechanismen aufgelöst und abgebaut.
Bei zu hoher Feinstaub- und Schadstoffkonzentration versagt dieses System allerdings. Die Lunge wird geschädigt.

Dringt Feinstaub in das Fettgewebe ein, können die kleinen Partikel dort Entzündungsreaktionen auslösen. Diese Entzündungen können dann zu einem gestörten Glucose-Stoffwechsel im Körper führen. Die ersten Belege hierzu stammen aus Tierversuchen.

Laut Annette Peters, Leiterin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München, haben Wissenschaftler mittlerweile auch beim Menschen eine derartige Reaktion beobachtet. So erkranken Kinder bei einer erhöhten Feinstaubbelastung häufiger an Typ 1-Diabetes. Und auch bei älteren Menschen ist das Risiko, an Diabetes zu erkranken, bei schmutziger Luft deutlich erhöht.

Feinstaub dringt ins Herz-Kreislauf-System: Herzinfarkt und Herzschwäche

Bluthochdruck ist häufiger und steigt schneller, wenn die Luft am Wohnort nicht sauber ist. Außerdem gibt es erste Belege, die einen Zusammenhang zwischen Feinstaub und Herzinsuffizienz, also Herzschwäche zeigen. Neuere Studien zeigen, dass auch Herzinfarkte durch den Feinstaub ausgelöst werden können.

Feinstaub im Gehirn: Demenz bei Älteren, niedriger IQ bei Jugendlichen

Eine Studie von der University of Southern California in Los Angeles konnte 2017 sogar belegen, dass bei älteren Frauen bei erhöhter Feinstaubbelastung das Risiko für eine Demenz um 92 Prozent höher ist als bei Frauen, an deren Wohnort der Grenzwert eingehalten wurde.

Aber nicht nur bei älterern Menschen führt eine hohe Feinstaubbelastung zu Veränderungen im Gehirn.

"Wir konnten durch eine Langzeitbeobachtung zeigen, dass Jugendliche in Süd-Kalifornien, die in Gegenden mit hoher PM2,5-Belastung leben, einen niedrigeren IQ haben und häufiger straffällig werden. Also:  eine tiefgreifende neurologische Schädigung über die gesamte Lebenszeit."

Professor JC Chen von der University of Southern California, eine Autorin der Studie

Wie der Feinstaub genau ins Gehirn gelangt und dort Schäden verursacht, dafür gibt es bislang zwei verschiedene wissenschaftliche Erklärungen: Feinstaubpartikel wandern über die Nase direkt ins Gehirn. Dies wurde in Laborexperimenten nachgewiesen. Eine andere Möglichkeit ist, dass Partikel die Lunge reizen und dort Entzündungsreaktionen verursachen. Diese werden dann von der Lunge über den Blutkreislauf ins Gehirn transportiert - was zu den beobachteten Hirnschäden führt.

Erstaunliche Quellen des Feinstaubs

Braunkohlekraftwerk | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Feinstaub Klein, aber gefährlich

Feinstaub ist winzig, doch gerade deswegen gefährlich. Aber was ist Feinstaub eigentlich, wo kommt er her und warum sind die Partikel schädlich für die Gesundheit? [mehr]

Ultrafeinstaub kommt unter anderem aus einer Quelle, an die man nicht zuerst denkt: moderne Benzin-Motoren mit Direkteinspritzung. Für Dieselfahrzeuge sind heute Partikelfilter vorgeschrieben – nicht aber für die sogenannten bezinbetriebenen GDI-Fahrzeuge mit Direkteinspritzung. Die Folge: Die kleinen, besonders krebserregenden Partikel, die bei der Direkteinspritzung nicht vollständig verbrennen, werden in die Luft geblasen und gefährden unsere Gesundheit.

Auch wer Holz im Kaminofen verbrennt, trägt erheblich zur Luftverschmutzung bei. Denn das Verbrennen von Holz - insbesondere, wenn es nicht gelagert ist - verursacht viel schädlichen Feinstaub. Nicht selten kommt so im Winter in ländlichen Gebieten mehr Feinstaub aus Holzöfen als aus dem Straßenverkehr. Und auch Tierställe blasen mit ihren Ammoniak-Emissionen viel schädlichen Feinstaub in die Luft.

Kampf um sauberere Luft: Nicht jeder will mitmachen

Feinstaub-Kategorien:

- PM10 (Teilchen, kleiner als 10 Mikrometer)
- PM2,5 (Teilchen, kleiner als 2,5 Mikrometer)
- UFP (ultrafeine Partikel, kleiner als 0,1 Mikrometer)

Mögliche Zusammensetzung des Feinstaubs: Metalle, Ruß, flüchtige Kohlenstoffe (wie Kohlenwasserstoff), anorganische Salze, aber auch biologische Materialien (ungefährlich)

Erlaubte Jahresdurchschnittsbelastung (Grenzwerte):

Für PM10:
40 Mikrogramm (= Tausendstel Milligramm) pro Kubikmeter
Für PM2,5: 25 Mikrogramm pro Kubikmeter
Empfehlung der WHO für PM 10: 20 Mikrogramm, für PM2,5: 10 pro Kubikmeter

Außerdem: Feinstaub macht an der Grenze nicht Halt. Wer die Luft in Deutschland sauberer machen will, muss also zwangsläufig dafür sorgen, dass niedrige Grenzwerte auch in den Nachbarländern gelten. Und genau hier liegt ein weiteres Problem: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) und zahlreicher anderer Experten sind schon die heute geltenden Grenzwerte viel zu hoch, um nicht gesundheitsgefährdend zu sein. Die Werte müssten also weiter gesenkt werden. Der hierfür notwendige Konsens aller Mitgliedstaaten der EU ist aber in nächster Zeit eher nicht zu erwarten. Gerade in Osteuropa, wo die Feinstaubkonzentration oft besonders hoch ist, erscheint eine Einigung auf niedrigere Grenzwerte derzeit schwer vorstellbar, behaupten Beobachter.

Fehlende Grenzwerte und keine finanziellen Anreize

Und: Längst nicht für jeden Feinstaub, der die Luft verschmutzt und unsere Gesundheit belastet, gibt es schon Grenzwerte. Der gefährliche Ultrafeinstaub ist nur ein Beispiel dafür. Er darf nach wie vor grenzenlos in die Luft geschleudert werden, obwohl die kleiner als 0,1 Mikrometer großen Teilchen besonders leicht in unseren Organismus gelangen und dort Schäden verursachen können.

Für bestimmte Feinstaub-Quellen scheitert eine sinnvolle Regelung hingegen aus anderen Gründen. So werden Baumaschinen, die viel dreckige Luft ausstoßen selten mit einem luftreinigenden Filter ausgestattet. Der Einbau ist schlichtweg zu teuer.

  • Dicke Luft - wie schädlich ist Feinstaub?: am 16. August 2018 um 15.05 Uhr in "radioWissen", Bayern 2

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