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Studie der Hochschule Kempten Autonomes Fahren und der Stress auf der Straße

Wenn Computer das Fahren eines Fahrzeugs übernehmen, kann sich der Fahrer entspannt zurücklehnen und einen Film schauen. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Das haben Forscher an der Hochschule Kempten herausgefunden.

Stand: 20.03.2018

Ein Känguru springt in einer Computersimulation vor ein fahrendes Auto. Wissenschaftler der Hochschule Kempten testen Fahrerassistenzsysteme mittels Computersimulationen. | Bild: dpa-Bildfunk/Karl-Josef Hildenbrand

Autofahren bedeutet Stress - meistens zumindest. Zu viele Fahrzeuge auf der Straße, Staus in der Stadt und auf Autobahnen. Da scheint es fortschrittlich, wenn automatisierte Fahrsysteme dem Autofahrer die Arbeit abnehmen und das Steuer übernehmen. Das bedeutet nicht nur stressfreieres Fahren. Studien aus den vergangenen Jahren lassen auch vermuten, dass es bei einer höheren Verbreitung von autonomen Fahrzeugen weniger Verkehrstote geben wird. Ausgehend von dem Gedanken, dass ein Computer weniger fehleranfällig ist als der Mensch. Doch diese Berechnungen sind nicht unumstritten.

Entlasten Fahrassistenzsysteme den Fahrer?

Bernhard Schick von der Hochschule Kempten an einem mit Messgeräten ausgestatteten Auto.

Wissenschaftler an der Hochschule Kempten gehen der Frage nach, ob die Menschen schon bereit für die automatisierten Fahrsysteme sind. Diese Systeme müssen zunächst eine Reihe von Tests am Computer bestehen. Dort werden Alltagssituationen auf der Straße simuliert, wie Niederschläge oder auf die Fahrbahn springende Tiere. Anschließend prüfen Testfahrer die neuen Technologien in einem Fahrsimulator.

"Wir wollen herausfinden, wie das Auto der Zukunft aussehen muss, damit die Menschen entspannt ihrem Auto vertrauen können."

Bernhard Schick vom Forschungsbereich Fahrerassistenzsysteme an der Hochschule Kempten im Allgäu

Starker Stress beim Fahrer

An der Studie haben insgesamt 50 Teilnehmer mitgemacht, 36 Männer und 14 Frauen im Alter von 18 bis 65 Jahren. Ihre Aufgabe bestand darin, den Spurhalteassistent im realen Straßenverkehr zu testen. Der Spurhalteassistent erkennt Fahrbahnbegrenzungen und greift dann regulierend ein, wenn ein Fahrer durch Unachtsamkeit oder Müdigkeit von der Fahrbahn abzukommen droht.

Die Studienteilnehmer waren mit bis zu 160 Kilometer pro Stunde auf Bundesstraßen und Autobahnen unterwegs, jeweils mit und ohne Assistenzsystem. Dabei wurde ihr Stresslevel überprüft, indem Puls, Atmung und die Schweißproduktion der Hände aufgezeichnet wurden. Das Ergebnis der Untersuchung: Die Probanden waren deutlich gestresster, wenn der Spurhalteassistent eingeschaltet war. Das ließ sich leicht an feuchten Händen, Herzrasen und einem gesteigerten Puls feststellen.

"Im Durchschnitt waren die Probanden deutlich weniger gestresst, wenn sie bei einer Geschwindigkeit von 160 Stundenkilometern ohne Spurhalteassistent fuhren, als bei 120 Stundenkilometern mit Spurhalteassistent."

Psychologin Corinna Seidler von der Hochschule Kempten im Allgäu

Angst vor Kontrollverlust

Wissenschaftler der Hochschule Kempten testen Fahrerassistenzsysteme mittels einer Computersimulation.

Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens falle es den Fahrern schwer, die Verantwortung fürs Fahren an einen Computer abzugeben. Zum anderen sei die Technik noch nicht so ausgereift, dass sie nicht auch mal ausfallen könne. Damit fehlt den Fahrern das Sicherheitsgefühl. Das heißt für den Autofahrer, er muss in ständiger Bereitschaft sein, das Steuer wieder zu übernehmen. "Im Moment ist die Technik noch nicht so weit, dass Unfälle komplett vermieden werden können", so Schick. Das hat auch der tödliche Unfall mit einem autonomen Uber-Fahrzeug am 19. März 2018 in der Stadt Tempe in Arizona gezeigt.

Haftungsfragen neu geklärt

Das neue Straßenverkehrsgesetz in Deutschland, das am 21. Juni 2017 in Kraft trat, erlaubt inzwischen das Fahren autonomer Autos auf unseren Straßen. Hat der Computer die Verantwortung im Auto übernommen, darf sich der Fahrer abwenden. Sollte er vom System aber dazu aufgefordert werden, muss er jederzeit bereit sein, die Steuerung wieder zu übernehmen. Auch die Haftungsfragen wurden geklärt: Solange der automatisierte Modus das Fahrzeug steuert, liege die Haftung beim Hersteller, so der damalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt.

Bau einer Teststrecke im Unterallgäu

Einige autonom gesteuerte Fahrzeuge sind bereits auf einzelnen Autobahnen zu Testzwecken unterwegs. In Bayern gibt es auf der A9 zwischen München und Nürnberg das "Digitale Testfeld Autobahn". Hier sind ab und an selbstfahrende Autos unterwegs, bei denen die Fahrer die Hände in den Schoß legen.

Im Allgäu bei Memmingen soll bis 2019 ein "Institut für Fahrerassistenz und vernetzte Mobilität" (IFM) entstehen. Die Gesamtinvestitionssumme, mit der sich das Land Bayern an dem Projekt beteiligt, beträgt 15,3 Millionen Euro. Die Förderung läuft über fünf Jahre. Auf dem ehemaligen Fliegerhorst wird ein Testgelände errichtet, auf dem Autobahnfahrten simuliert werden können. Hier will die Hochschule Kempten weitere Studien zum autonomen Fahren durchführen.


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