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Geschichte der Eisenbahn Der "Adler" - Pilotprojekt mit Hindernissen

Viele Schwierigkeiten galt es bis zur Eröffnung der Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth am 7. Dezember 1835 zu überwinden. So hatte auch die Dampflok schon eine lange Reise hinter sich - allerdings in Einzelteilen!

Stand: 16.03.2017 | Archiv

Detail der Geschichte der Eisenbahn: Rad des "Adler" | Bild: picture-alliance/dpa

Auch wenn sich in Nürnberg und Fürth immer mehr Menschen für die Eisenbahn aussprachen und die Aktien der neugegründeten Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft guten Absatz fanden: Noch gab es viele Fragezeichen und eines der schwierigsten Probleme, das es zu lösen galt, war die fehlende Technik. Nach langer Überlegung wurde Kontakt mit dem englischen Dampflokpionier Robert Stephenson aufgenommen, dem einzigen, der dieses Problem lösen konnte.

Made in England

George Stephenson

Als die Gesellschaft in Nürnberg ihre Arbeit aufnimmt, fehlt ihr das Wesentliche: eine Lok. Noch gibt es in Deutschland keinen Hersteller, der den Bau einer funktionsfähigen Lokomotive garantieren könnte. Deshalb wird der Auftrag nach England, an den erfolgreichsten Eisenbahnbauer vergeben: an Robert Stephenson und seinen Sohn George in Newcastle. Für 13.000 Gulden erwirbt die Gesellschaft eine Lokomotive mit Tender und zwei Wagen.

Technische Daten

Lokomotive des "Patentee Typs" mit der Fabriknummer 118, Achsfolge 1A1 und einem Schlepptender; Rahmen: aus blechverkleidetem Holz; ausgerüstet mit zwei Nassdampfzylinder, die als Innenzylinder die Räder der mittleren der drei Achsen antrieben.

  • Spurweite: 1.435 Millimeter entspricht der heutigen Normalspur
  • Gewicht: etwa 14 Tonnen, Lok allein rund 6 Tonnen
  • Leistung: 29 KW (41 PS)
  • Geschwindigkeit: Bei normaler Fahrt mit 6 bis 9 angehängten Wagen: 24 bis 30 km/h
  • Spitzengeschwindigkeit: 60 km/h

Ausstattung:

  • 3 Wagen der 1. Klasse: verglaste Fenster, Polstersitze, vergoldete Türklinken, blaues Tuch
  • 4 Wagen der 2. Klasse: Vorhänge statt Glasfenster, Dach aus Segeltuch
  • Wagen der 3. Klasse: offen mit einfachen Sitzbänken
  • Passagiere: insgesamt 230

Hilfe aus München: Paul Camille Denis

Georg Zacharias Platner

Doch auch das Know-how in der Umsetzung eines Eisenbahnprojekts fehlt. Stephenson bietet an, einen englischen Ingenieur nach Deutschland zu schicken - doch der soll samt Übersetzer unglaubliche 10.000 Gulden im Jahr erhalten. Da lernt Direktor Georg Zacharias Platner in München zufällig den königlichen Bezirksingenieur Paul Camille Denis kennen. Eine glückliche Fügung, wie sich bald zeigen wird. Denn Denis, Absolvent der Pariser Polytechnischen Hochschule, hatte in offiziellem Auftrag eine Bildungsreise ins Ausland gemacht: In England und Nordamerika hatte er den Bau von Eisenbahnstrecken studiert.

Der richtige Mann zur rechten Zeit

Platner wirbt um Denis als Projektleiter und dieser wird von der bayerischen Regierung freigestellt. Im Juli 1834 beginnt der Ingenieur mit der Detailplanung: vom Abtrag bis zur Oberbaukonstruktion der Bahn sowie der Vermessung entlang der Chaussee von Nürnberg nach Fürth. Es sollte sich später herausstellen, wie hervorragend Denis alles vorbereitet hatte.

Schließlich beginnen die Bauarbeiten im Mai 1835. Nach einem halben Jahr werden die Schienen überwiegend auf Sandsteinblöcken, zum Teil auch auf Holzschwellen auf einer Länge von 6,05 Kilometern verlegt. Hergestellt wurden sie nach englischem Vorbild bei Neuwied.

Eine Lok auf Reisen

"Adler"- Rekonstruktion

Von Stephenson kommt schließlich die Meldung, dass die Lokomotive in England fertig sei und verschickt werden könne. Dazu muss sie wieder in ihre Einzelteile zerlegt und in 19 Kisten verpackt werden. Eine abenteuerliche Route beginnt: Zunächst werden die Kisten nach Rotterdam verschifft. Dort trifft die kostbare Fracht Mitte September ein und soll per Schiff auf dem Rhein weitertransportiert werden. Doch niedriger Wasserstand macht dieses Vorhaben zunichte. Am Ende müssen die Kisten wieder an Land gebracht und nach einigen Zoll- und Umladeaktionen per Fuhrwerk nach Nürnberg transportiert werden.

Hier treffen die Teile am 26. Oktober 1835 ein. Mit ihnen kommt auch der englische Dampflok-Experte William Wilson, der nicht nur den Zusammenbau der Lok leiten, sondern auch als Lokomotivführer die erste Fahrt mit dem "Adler" machen und den Nachwuchs schulen sollte.

Der Nürnberger Industrielle Johann Wilhelm Spaeth

Gefertigt werden die neun Wagen des "Adler" in Nürnberg, Fürth und Lohr am Main. Nach drei Wochen ist die Lokomotive in den Werkstätten von Johann Wilhelm Spaeth montiert und die Probefahrten können beginnen. Dabei muss Wilson mit seinen Kollegen vor allem das Anfahren und Bremsen üben. Außerdem werden verschiedene Brennstoffmischungen ausprobiert. Schon die Probefahrten sind ein voller Erfolg und Wagemutige zahlen einen hohen Preis, um dabei zu sein. Mit großer Spannung wird der Tag der Eröffnung erwartet!

  • "Das bayerische Jahrtausend - 19. Jahrhundert: Fürth": am 4. September 2017 um 17.15 Uhr, ARD-alpha
  • "Vom Adler zum ICE": am 24. Februar 2016 um 14.15 Uhr, ARD-alpha

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