Wissen


14

Immer auf dem Sprung Das unterschätzte Eichhörnchen

Es braucht viel Ruhe, das Eichhörnchen, denn sein Leben ist anstrengend: Der Nager ist ständig auf Futtersuche, muss Bäume hinauf- und hinunterklettern, Vorräte anlegen und sie dann auch noch wiederfinden. Und dabei ist es wesentlich geschickter als viele denken.

Stand: 07.09.2018

Es scheint immer auf dem Sprung, das Sciurus vulgaris. Dabei mag das Europäische Eichhörnchen gar keinen Stress. Eigentlich lebt es viel lieber entspannt in seinem Revier, bevorzugt im Nadelwald. Am besten mit Baumkronen, die so aneinander stehen, dass der kleine Nager von Baum zu Baum springen kann, ohne den Boden zu berühren. Denn sie mögen es eigentlich gar nicht, den Boden zu berühren.

Ein Eichhörnchen mit bis zu 3.000 Vorratslagern

Eichhörnchen lieben das Leben in Baumkronen.

Eichhörnchen ernähren sich das ganze Jahr über von Baumsamen, die sie in Zapfen von Lärchen, Fichten und Tannen finden. Jedes Tier muss täglich 20 bis 30 Zapfen bearbeiten, um die kleinen, knapp linsengroßen geflügelten Samen herauszuholen und so den eigenen Tagesbedarf zu decken. Daneben frisst es auch Nüsse, die fast alle im Herbst reif sind – und genau deshalb hat das Eichhörnchen dann richtig viel zu tun. Es sammelt Wal- oder Haselnüsse, Bucheckern und Eicheln als Wintervorräte, die es auf seine schier unzähligen Verstecke verteilt. Nach zwei Monaten kann sich ein Eichhörnchen immerhin noch an bis zu 60 Prozent seiner bis zu 3.000 Verstecke erinnern, so Eichhörnchen-Experte und Buchautor Peter Lurz.

Größere Gehirne und besseres Gedächtnis

Baumhörnchen haben, so Experte Stefan Bosch, nachgewiesener Maßen größere Gehirne, weil sie sich die Verstecke merken können. Und manche Eichhörnchen kontrollieren sogar ihre Vorräte, um eventuell schimmlige Nüsse oder Samen zu entfernen und damit sicherzustellen, dass sie mit ihrer Nahrung über den Winter kommen. Zudem ist es für die Natur gar nicht so schlecht, wenn die Eichhörnchen nicht all ihre vergrabenen Samen wiederfinden, denn so wachsen aus den vergessenen wieder neue Bäume.

Winterruhe der Eichhörnchen

Dass Eichhörnchen so viele Vorräte horten, liegt daran, dass sie keinen Winterschlaf machen, sondern im Winter nur ruhen. Eichhörnchen sind gleichwarme Säugetiere, also Tiere, die bei Kälte ihre Körpertemperatur aufrechterhalten können. Sie werden träger und haben einen eingeschränkten Energieverbrauch. Ihr Ruhe- und Schlafbedürfnis wird größer, allerdings reduziert sich ihr Stoffwechsel nicht so stark wie bei den klassischen Winterschläfern. Sie ziehen sich in den Kobel, ihr Nest aus Reisig, zurück, rollen sich zusammen, decken sich mit dem Schwanz zu und schlafen ein paar Tage, ohne dass die Körpertemperatur sonderlich stark absinkt. Dann wachen sie auf und müssen fressen, weil sie sozusagen immer nachheizen müssen.

Eigentlich sind Eichhörnchen Einzelgänger, die sich nur in der Paarungszeit mit einem Partner zusammentun. Aber bei viel Kälte kann es dann auch durchaus vorkommen, dass sich die Tiere gemeinsam in einen Kobel legen, um sich gegenseitig zu wärmen.

Der Mythos vom verdrängten roten Eichhörnchen

Um den Bestand unseres heimischen Eichhörnchens muss man sich noch nicht sorgen. Ganz anders sieht es in Großbritannien aus. Dort gefährdet das aus Nordamerika stammende Grauhörnchen (Sciurius carolinesis) die heimischen roten Eichhörnchen. Bei uns hat sich das Grauhörnchen nie angesiedelt. Dennoch verwechseln viele unser Europäisches Eichhörnchen mit den Grauhörnchen, weil es unter den Europäischen Eichhörnchen durchaus viele Farbvariationen geben kann, von hellrot bis buntschwarz, von grau bis schwarz.

Grauhörnchen als Plage

Das im 19. Jahrhundert in Großbritannien eingebürgerte Grauhörnchen ist mittlerweile zur Plage geworden. Das Grauhörnchen unterscheidet sich vor allem auch in der Statur vom Eichhörnchen: Es ist größer und stärker und es hat im Winter keine Ohrenpinsel. Zudem lebt es lieber in Laub- oder Mischwäldern.

Kampfansage an Grauhörnchen

Einwanderer aus den USA: das Grauhörnchen

In Großbritannien wird befürchtet, dass das Eichhörnchen vom eingewanderten Grauhörnchen immer mehr verdrängt wird. Cathleen Thomas von der Eichhörnchen-Schutz-Organisation "Red Squirrels United" erklärt: "Der Grauhörnchen-Bestand wird heute auf 2,5 Millionen geschätzt, während es noch etwas 140.000 Eichhörnchen gibt." Ein Nebeneinander der beiden Arten ist nicht möglich, weil Grauhörnchen einen Pockenvirus in sich tragen. "Während sie selbst keine Symptome zeigen, können Eichhörnchen innernhalb von zehn Tagen daran sterben", so Thomas. Um ihre Population zu retten, haben einige Briten nun drastische Maßnahmen ergriffen: Sie stellen Grauhörnchen-Fallen auf und machen die gefangenen Tiere unfruchtbar oder töten sie. Einige Restaurants setzen die Tiere dann sogar auf ihre Speisekarte.

Gegner dieser Maßnahmen, wie John Byrant von der Tierschutzorganisation Humane Wildlife Deterrence Association halten diese Maßnahmen für Unfug. Er findet der Mensch solle nicht in den Wettkampf der Arten eingreifen und irgendwann mal, war auch das Rote Eichhörnchen in England ein Einwanderer. Peter Lurz, der auch in England über Eichhörnchen forscht, ist gemeinsam mit Stefan Bosch der Meinung, dass es gut wäre, Wälder entsprechend zu gestalten: So wäre es sinnvoll, eben die Bäume anzupflanzen, die für Eichhörnchen geeigneter sind als für Grauhörnchen.

"Das vergessliche Eichhörnchen": in "Welt der Tiere", BR Fernsehen, 04.03.2017, 09.30 Uhr
"Das Eichhörnchen - kletternde Kobolde": in "radioWissen", Bayern 2, 05.11.2015, 09.05 Uhr und 26.11.2015, 15.05 Uhr
"Annas Blog: Nüsse für die Eichhörnchen" in "Anna und die wilden Tiere" / "Tracks", BR Fernsehen 01.09.2017 00.00 Uhr


14

Kommentare

Inhalt kommentieren

Mit * gekennzeichnete Felder sind verpflichtend.

Bitte geben Sie höchstens 1000 Zeichen ein.

Spamschutz * Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Aufgabe als Zahl ein: