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Fabelwesen Drachen, Einhörner und ihre Vorfahren

Der europäische Drache gilt gemeinhin als böse und gefährlich. In Asien dagegen bringt er Glück. Das Einhorn springt als Glücksbringer durch Fantasyfilme. Sein Horn war im Mittelalter begehrte Medizin. Doch woher stammen diese Fabelwesen?

Stand: 30.01.2018

Drachenstich in Furth im Wald: Soldaten und Drache | Bild: Fred Wutz

Fabelwesen wie Einhörner oder Drachen regen unsere Fantasie an. Sofort kommen uns Bilder aus Filmen oder Sagen in den Sinn und wir sehen Helden wie Siegfried vor unserem geistigen Auge mit dem Drachen kämpfen. Diese Fabelwesen haben eine lange Geschichte. Und im Lauf der Jahrhunderte hat sich das Bild von ihnen und ihren Eigenschaften immer wieder gewandelt. Der Evolutionsbiologe Josef Reichholf hat ein Buch geschrieben, in dem er versucht, wissenschaftlich zu ergründen und zu begründen, was der Ursprung für diese Fabelwesen war. Beim Drachen tat er sich allerdings sehr schwer.

Problemfall Drache

Drache Fuchur aus "Die unendliche Geschichte"

Reichholf versucht, die ersten Quellen über das Fabelwesen aufzuspüren und herauszufiltern, welche Eigenschaften dem Fabeltier über all die Jahrhunderte zugeschrieben wurden. Doch beim Drachen war es für ihn nicht möglich, auf diese Weise ein Tier zu entlarven, das als Vorbild hätte dienen können. Nimmt man die Echsen zum Beispiel – sie waren viel zu klein und auch schon zu bekannt, um für ein Fabeltier zu taugen. Nimmt man das Krokodil, das in Ägypten zur Zeit der ersten Drachenbeschreibungen schon bekannt war, so haben Drache und Krokodil außer dem Maul und der Panzerung nichts gemein. Der Waran war zur Zeit der ersten Drachensagen noch gar nicht entdeckt. Dagegen waren Schlangen und ihre Wirkung nach Meinung des Forschers schon viel zu bekannt, um sie plötzlich umzudeuten.

Der Drache im Menschen

Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten der unterschiedlichsten Drachendarstellungen und -beschreibungen, kristallisierten sich folgende Eigenschaften heraus: Ein Drache ist sehr groß, und zwar so groß, dass er Menschen verspeisen kann. Drachen können Feuer speien und sie haben eine Vorliebe für Gold und Edelsteine. Sie leben meistens in Berghöhlen, in denen sie rumoren und sie terrorisieren das Land. Denn sie benötigen Menschenfleisch und ab und an eine Jungfrau.

Drachen waren verkleidete Menschen

Beweis

Seine These stützt der Evolutionsbiologe unter anderem darauf, dass die Drachensagen alle aus Urgesteinsgebirgen stammen, in denen es große Erzvorhaben gab. Aus Gegenden mit Kalkgebirgen, in denen keine Erze zu finden waren, sind ihm keine Drachensagen bekannt.

All diese Eigenschaften treffen auf kein Tier, doch nach Ansicht von Reichholf auf den Menschen zu. Für den Forscher sind die Schätze der Schlüssel zu dieser Erkenntnis: Für den Forscher stehen die Drachen für verkleidete Menschen aus fernen östlichen Ländern. Diese wurden in den Westen geschickt, weil sie sich mit dem Bergen von Gold und Erzen, also mit dem Bergbau auskannten. Sie kamen zum Beispiel aus dem Altaigebirge, das auch Goldgebirge genannt wird. Sie suchten in den Bergen nach Gold und Edelsteinen. Die Fremden waren der Bevölkerung gegenüber feindlich gesinnt, trafen aber immer wieder mit ihnen zusammen. Schließlich brauchten sie Nahrungsmittel und eben auch Frauen. Diese Bergleute kannten zudem eine besondere Art des Feuermachens mit einem Blasebalg, die den Leuten Angst machte.

Der chinesische Glücksdrache

Drachentanz durch die chinesische Stadt Dexing

Dass der Drache in Asien als Glücksbote gesehen wird, erklärt sich für den Forscher aus der Rückkehr der Gold- und Edelsteinsucher nach Zentralasien: Denn sie brachten ihren Kaisern auch die im Westen gefundenen Schätze mit. Noch heute symbolisiert der Drache in China Glück, Harmonie, Reichtum und Stärke.

Eine verwegene These, könnte man meinen. Doch bietet sie die Möglichkeit zur Nachprüfung: Forscher könnten zum Beispiel das Gold und die Edelsteine der Kronschätze mit heutiger Technik untersuchen, um zu bestimmen, woher die Materialien ursprünglich stammten. Damit ließe sich die These Reichholfs eben widerlegen oder bestätigen.

Das Einhorn, das ein Zweihorn war

Wurde aus ihr das Einhorn? Die Oryxantilope

War die Suche nach einem tierischen Vorbild beim Drachen unergiebig, so wurde Reichholf beim Einhorn fündig. Auch hier suchte er nach den Eigenschaften, die dem Einhorn ursprünglich zugesprochen wurden und fand sie bei der arabischen Oryxantilope.

Das Einhorn aus der Wüste

Merkmale

Das Einhorn ist groß wie ein kleines Pferd.
Es hat gespaltene Hufe.
Es ist sehr schnell, sodass man es nicht fangen kann.
Es flieht in die Wüste und kann dort nur von einer Jungfrau gefangen werden. Der legt es den Kopf in den Schoß und folgt ihm.
Es hat mindestens ein Horn, es könnten aber auch zwei sein.
Man kann es nicht zähmen.
Es kämpft sogar erfolgreich gegen Löwen.

Das trifft auf die arabische Oryxantilope zu.

Horn - Hörner

Nach Reichholf sind die ältesten Darstellungen des Einhorns altägyptische Reliefs. Sie stellen zweidimensionale Seitenansichten einer Antilope dar, die missgedeutet wurden. Die Hörner der Oryxantilope liegen eng beieinander. Von der Seite gezeigt, liegen sie aufeinander und man sieht nur ein Horn.

Jungfrau

Das Einhorn flieht in die Wüste und lässt sich dort nur von einer Jungfrau fangen. Dieses Bild ist im Mittelalter auch in die Marienikonografie eingeflossen.

Diese Eigenschaft trifft sehr konkret auf die männlichen arabischen Oryxantilopen zu: Die Antilopenböcke werden von weiblichen Sexualhormonen angezogen. Sie finden demnach auch junge, gerade menstruierende Frauen "anziehend".
Ansonsten lassen sich die Tiere nicht zähmen.

Nicht bezähmbar

Die Oryxantilope kann wochenlang ohne Wasser auskommen, dadurch ist sie unabhängig von Wasserstellen. Sie lässt sich also auch nicht zähmen, wenn man ihr Wasser anbietet. Sonst wäre sie, so genügsam wie sie ist, das ideale Haustier für Hirtennomaden gewesen.

So wurde die Antilope auch zu einem Fabelwesen, weil man ihr nicht Herr wurde.

Gilt nicht: Ein als Einhorn verkleidetes Pferd

Das Einhorn wurde im Mittelalter wiederentdeckt, als auch die antiken Schriften wieder gelesen wurden. Allerdings wurde es uminterpretiert: Entweder das Einhorn war nun das eine Horn des indischen Panzernashorns, das als Gegenmittel gegen Schlangenbisse helfen sollte. Oder es handelte sich um den Stoßzahn des Narwals, dem ebenfalls heilende Wirkung zugesprochen wurde. Zugleich wurde die heidnische Sage im Mittelalter mit kirchliche Legenden verwoben und in die christliche Mythologie miteingebunden. So wurde aus dem Einhorn auch ein Symbol der Reinheit und Keuschheit, das stets in Verbindng mit der Marienverehrung gebracht wurde. Das Einhorn war dazu da, gegen das Böse vorzugehen, deshalb war es auch meist reinweiß.

Josef Reichholf

ist Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe.
Er wurde 1945 in Aigen am Inn geboren.
1974 bis 2010 Leiter Ornithologie der Staatsammlung München
2007 mit dem Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für seine allgemein verständlichen Beiträge zur Ökologie.
Autor zahlreicher Bücher, darunter 2012: "Einhorn, Phönix, Drache: Woher unsere Fabeltiere kommen", Fischer Verlag, Frankfurt a. M.

  • "Phönix, Einhorn und Co: Vom Leben der Fabeltiere": radioWissen am Nachmittag, 27.07.2017, 15.05 Uhr
  • "Phönix, Einhorn und Co: Vom Leben der Fabeltiere": radioWissen, Bayern 2, 07.07.2017, 09.05 Uhr
  • "Mythos Drachen: Schuppenpanzer, Krallenklaue, Feuertod": radioWissen, Bayern 2, 01.10.2015, 09.05 Uhr
  • "Gespräch mit Zoologe und Buchautor Josef Reichholf": Notizbuch, Bayern 2, 02.01.2013, 10.05 Uhr



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