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Delfine Unser Ebenbild im Wasser

Wenn Intelligenz etwas mit Hirnmasse zu tun hat, schlägt der Mensch nur knapp den Delfin. Der Meeressäuger hat ganz schön was auf dem Kasten. Und er ist nicht nur schlau, sondern auch selbstbewusst und mitfühlend.

Stand: 05.11.2018

Wissenschaftler sind stets bemüht, nachvollziehbare Parameter für ihre Thesen zu finden. Um die Intelligenz von Säugern zu bestimmen, setzen sie die Größe des Gehirns in Relation zur Größe des Tieres beziehungsweise des Menschen. Beim Gorilla oder Schimpansen ist das Hirn doppelt so groß wie das durchschnittliche Hirn von anderen Tieren dieser Größe. Das Hirn der Delfine (auch: Delphine) ist fünfmal größer, der Mensch besitzt sogar die siebenfache Hirngröße bezogen auf seine Körpergröße.

Weniger Masse - mehr Klasse

Tag der Ozeane

Am 8. Juni ist Welttag der Ozeane. Der Aktionstag wurde 2008 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen. Wissenschaftler und Umweltschützer betonen dann die Bedeutung der Weltmeere für die Nahrungsversorgung und das globale Überleben. Sie warnen vor Klimawandel, Umweltverschmutzung und Überfischung.

Damit landet der Menschenaffe beim Kampf um den klügsten Kopf abgeschlagen auf Platz drei. Dem Delfin kann er nicht das Wasser reichen. Besonders pikant ist im Vergleich zwischen Mensch und Meeressäuger noch ein anderes Detail: Gemessen an ihrer Größe haben Delfine zwar etwas weniger Hirnmasse als der Mensch. Dafür ist ihr Hirn stärker gefaltet und hat eine größere Oberfläche.

Vielfalt unter den Delfinen

Delfine besitzen zwar weniger Hirnmasse als der Mensch. Schlauer als Schimpansen sind sie aber allemal.

Übrigens gibt es nicht den Delfin, sondern etwa 35 verschiedene Delfinarten. Sie leben in allen Weltmeeren und sogar in einigen Flüssen. Und so unterschiedlich wie ihre Verbreitungsgebiete sind, so unterschiedlich sind auch ihr Aussehen und ihre Ernährungsgewohnheiten. Delfine sind Säugetiere: Nach einer Tragzeit von rund zwölf Monaten bringen die Weibchen ihren Nachwuchs zur Welt und tragen ihn zum Atmen gleich an die Oberfläche. Delfine sind außerdem eng mit den Walen verwandt. Beide gehören zur Ordnung der Waltiere. Urahn der Delfine ist der Mesonyx. Der behaarte Paarhufer erinnert an einen Wolf, sein Lebensraum waren die Sümpfe. In Röntgenaufnahmen zeigt die Delfinflosse auch heute noch Ähnlichkeit mit einem Arm. Delfine haben außerdem Überreste von Beckenknochen, an denen früher die Beine ansetzten.

Mach' den Spiegeltest

Beim Gehirn des Delfins betrifft die Faltung vor allem den Neocortex, den Teil der Großhirnrinde, den nur Säugetiere besitzen und der komplizierte Denkvorgänge und das Selbstbewusstsein steuert. Mensch und Delfin sind im Alter von einem Jahr in der Lage, sich selbst im Spiegel zu erkennen. Nach heutiger Kenntnis befinden sich die Meeressäuger damit mindestens auf dem geistigen Niveau eines Kleinkindes. Herausgefunden hat das die US-Forscherin Lori Marino von der Emory Universität in Atlanta. "Delfine verstehen Begrifflichkeiten. Sie tun all das, was Schimpansen tun und was Bonobos können", erklärte die Neurowissenschaftlerin und Delfin-Spezialistin im Jahr 2012. "Tatsache ist, dass sie so anders sind als wir und gleichzeitig so ähnlich."

Delfine haben ausgezeichnetes Gedächtnis

Delfine besitzen viele Eigenschaften, die wir auch haben.

Delfine können sich auch nach zwanzig Jahren noch an einen ehemaligen Gefährten erinnern. Sie erkennen ihren Artgenossen an seinem individuellen Namenspfiff, selbst wenn sie ihn viele Jahre nicht gehört haben. Das beschreibt der US-Forscher Jason Bruck von der Universität von Chicago. Insgesamt untersuchte er 43 Große Tümmler (Tursiops truncatus). Ihr Gedächtnis funktioniert damit in diesem Bereich ähnlich gut wie das des Menschen, betont Bruck. Geschlecht und Verwandtschaftsgrad hätten dabei keinen Einfluss auf das Gedächtnis.

Wissenswertes und Kurioses über Delfine

Rhythmusgefühl

Anfang Mai 2013 haben Forscher mithilfe der Delfine im Nürnberger Tiergarten nachgewiesen, dass die Meeressäuger Rhythmusgefühl besitzen. Bis vor wenigen Jahren wurde noch angenommen, dass das nur Menschen haben, teilte der Nürnberger Tiergarten mit. Das Verständnis von Rhythmus sei eine wichtige Vorstufe zum Erlernen von Sprache, sagte der Beauftragte für Artenschutz Lorenzo von Fersen. Mittlerweile weiß man, dass auch Elefanten und einige Papageienarten ein besonderes Gespür für Rhythmus haben.

Halbschlaf

Wenn Delfine schlafen, dann nur halb: Eine Gehirnhälfte der Meeressäuger ist stets wach. Das schützt die Tiere wahrscheinlich vorm Ertrinken im Schlaf. So können sie auch während des Schlummerns aufmerksam bleiben und an die Wasseroberfläche tauchen, um Luft zu holen. Und es hilft ihnen, tagelang ununterbrochen aufmerksam zu sein. Im Oktober 2012 haben US-Wissenschaftler herausgefunden, dass sie das mindestens 15 Tage am Stück können. Der Halbschlaf ermöglicht es ihnen wohl auch, mit ihren Artgenossen zusammenzubleiben und Feinde in der Umgebung rechtzeitig ausfindig zu machen. Die Wissenschaftler hatten festgestellt, dass die Tiere über Tage kontinuierlich Echolot-Signale aussenden und Objekte aufspüren können. Daraus schlossen sie, dass sich die Hirnhälften von Delfinen beim Schlafen abwechseln und die Tiere quasi immer halbwach sind. Aus menschlicher Sicht erscheine die Fähigkeit zur tagelangen, ununterbrochenen Wachsamkeit extrem, schrieben die Forscher. Für Delfine sei dies jedoch normal. Schließlich garantiere ihnen diese Eigenschaft das Überleben.

Echoortung

Ähnlich wie Fledermäuse nutzen Delfine ein Echoortungssystem. Sie senden Ultraschall-Signale aus, die von Objekten im Wasser zurückgeworfen werden. Die Tiere fangen das Echo wieder auf und machen sich dadurch ein räumliches Bild ihrer Umgebung. So können sie sich orientieren, Beutetiere aufspüren oder Feinden aus dem Weg schwimmen.

Cliquen

Wie Menschen bewegen sich Delfine am liebsten unter Gleichgesinnten. Sie bilden bevorzugt Cliquen mit Artgenossen, die bei der Jagd das gleiche Werkzeug benutzen. Das haben amerikanische Biologen im Juli 2012 vor der Westküste Australiens beobachtet. Dort, vor der Shark Bay, haben einige Delfine gelernt, einen Schwamm ins Maul zu nehmen und damit den Meeresboden aufzuwühlen. So scheuchen sie kleinere Meerestiere auf, die sie dann fressen. Die Wissenschaftler stellten fest, dass Tiere mit dieser Jagdstrategie bevorzugt sozialen Kontakt mit Delfinen pflegen, die diese besondere Technik ebenfalls beherrschen. Die ausgefuchsten Jäger hätten zwar auch Kontakte mit Nicht-Schwammjägern, am häufigsten und engsten aber mit Gleichgesinnten. Auch wurde bereits beobachtet, dass Delfine Bündnisse eingehen, um gemeinsam Krieg zu führen und Weibchen anderer Gemeinschaften zu entführen.

Retter

Delfine haben bereits Menschen vor Haien oder dem Ertrinken gerettet. Dabei verhalten sie sich genau so, wie sie das auch gegenüber Artgenossen tun würden. Eine Theorie besagt, dass Delfine, wenn sie einen kraftlosen Schwimmer bemerken, in erster Linie ein Säugetier sehen, das sich nicht an der Oberfläche halten kann. Sie würden den Wärmeverlust eines Organsimus erkennen und reflexartig darauf reagieren.

Kommunikation

Große Tümmler erkennen einen individuellen Pfeifton als den eigenen Namen und rufen sich gegenseitig beim Namen. Sie scheinen also ein Selbst- und Fremdbewusstsein zu haben. Beobachtet wurde auch schon, dass ein Trainer einen Delfin anwies, in ein benachbartes Becken zu schwimmen und den Delfin, der sich dort aufhielt, zu holen. Was der Delfin auch tat. Er schien also nicht nur zu verstehen, was der Trainer von ihm wollte, sondern es auch einem anderen Tier zu vermitteln. Andere Versuche zeigten, dass Delfine nicht nur lernen, Wörter zu verstehen, sondern auch die Syntax eines Satzes. Wenn bei einem Satz mit vier oder fünf Wörtern die Reihenfolge verändert wird, merkt ein Delfin den Unterschied. Die Tiere scheinen Adverbien, Verben und Substantive auseinanderhalten zu können. Insgesamt lassen solche Beobachtungen auf ein beträchtliches Kommunikationsvermögen schließen.

Menschenähnliche Wesen mit Gefühl

Ich-Bewusstsein, das Lösen komplexer Aufgaben, planvolles Handeln, eine Symbolsprache, sogar Krankheiten - für den Ethik-Professor Thomas White von der Loyola Marymount Universität in Los Angeles erfüllen Delfine alle Voraussetzungen, um als Individuum definiert zu werden. Positive und negative Empfindungen, die Möglichkeit, Zuneigung offen zu zeigen oder auch körperlich und gefühlsmäßig lange leiden zu können, zeichnen sie für White als "unser Ebenbild im Meer" aus. Delfine interagierten und verstünden das Befinden und die Gefühle anderer Delfine so schnell, als ob sie miteinander verbunden wären, sagt Delfin-Forscherin Lori Marino.

"Nicht vermarkten, nicht fangen"

Thomas White geht noch einen Schritt weiter: Aus der großen Menschenähnlichkeit der Meeressäuger folgert er, dass Delfine nicht für Tiershows vermarktet werden dürften. Außerdem fordert er gar eine eigene "Delfin-Ethik", die Delfinfänge im östlichen Pazifik gänzlich verbietet.

  • Delphin und Mensch – eine Beziehungsgeschichte. Newton, 17.06.2019 um 16:30 Uhr, ARD-alpha
  • Die Delfine von Shark Bay. Länder-Menschen-Abenteuer, 12.02.2019 um 20:15 Uhr, ARD-alpha
  • Delfine - Schlau, sozial und rätselhaft: radioWissen, 11.01.2019, 9.05 Uhr, Bayern 2

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