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Chronomedizin Therapie im Takt des Körpers

Haben Sie heute schon ein Schmerzmittel eingenommen und sich gewundert, dass die Tablette nicht richtig wirkt? Warum manche Medikamente zu einem bestimmten Zeitpunkt besser anschlagen, damit beschäftigen sich Chronomediziner.

Von: Maike Brzoska

Stand: 24.01.2018

Chronomedizin ist, wenn der Zeit – griechisch: Chronos – eine besondere Bedeutung in der medizinischen Therapie zukommt. 2017 gab es für die Beschreibung dieses grundlegenden Mechanismus der inneren Uhr den Medizin-Nobelpreis – er ging an die amerikanischen Wissenschaftler Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young. Der Ausgangspunkt: Unser Körper arbeitet nicht immer gleich. Das gilt für unser Herzkreislaufsystem ebenso wie für unseren Stoffwechsel und unsere Organe. Vielmehr schwanken sämtliche Vorgänge rhythmisch, etwa im Tages- oder Jahresverlauf.

Wann hilft welche Behandlung in der Medizin?

Bluthochdruck

Blutdruck oder Herzfrequenz sind in der Nacht deutlich niedriger. Das sollten Mediziner bei der medikamentösen Behandlung berücksichtigen. Gegen drei Uhr nachts ist der Blutdruck normalerweise am niedrigsten. Schon bevor wir wach werden, steigt er leicht an. Kurze Zeit danach läuft unser Herzkreislaufsystem bereits auf Hochtouren. Die Therapie mit Medikamenten erfolgt daher am besten frühmorgens, möglichst noch auf der Bettkante, damit die blutdrucksenkende Wirkung der Mittel so früh wie möglich einsetzt.

Asthma

Auch bei Lungenerkrankungen gibt es deutliche zeitliche Muster. Viele Menschen leiden unter Asthma oder allergischen Reaktionen und die sind in der Nacht wesentlich ausgeprägter als am Tag. Bei der medikamentösen Therapie wird der Rhythmus der Lungenfunktion berücksichtigt. Medikamente gegen Asthma sollten besser abends genommen werden.

Antibiotika

Ein Arzneimittel wird vom Körper aufgenommen, verarbeitet und dann wieder ausgeschieden. In der Leber wird der Wirkstoff abgebaut. Medikamente wie Antibiotika, die wasserlöslich sind, werden über die Nieren ausgeschieden. Die Nierenfunktion ist am Tag wesentlich ausgeprägter als in der Nacht, deshalb werden solche Medikamente in der Nacht geringer ausgeschieden. Höhere Konzentrationen des Medikaments im Körper können nachts zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Daher besser am Tag einnehmen.

Schmerzmittel

Auch Schmerzen empfinden wir je nach Tageszeit unterschiedlich stark. Am Nachmittag ist das Schmerzempfinden am geringsten. Lokale Betäubungen, beispielsweise beim Zahnarzt, wirken dann bis zu drei Mal länger als morgens. In der Nacht hingegen sind wir sehr empfindsam, wenn es um Schmerzen geht. Das liegt auch daran, dass wir nachts weniger Endorphine im Blut haben, die den Schmerz ein Stück weit unterdrücken. Es macht also keinen Sinn nachts zwei, drei Schmerztabletten auf einmal zu nehmen, denn damit erhöht man nur die unerwünschten Wirkungen.

Impfungen

Bestimmte Impfungen bilden zu bestimmten Tageszeiten einen höheren Antikörper-Titer, haben also eine bessere Effizienz. Untersucht wurde das anhand der klassischen Grippeimpfung. Diejenigen, die die Impfung am Morgen verabreicht bekamen, hatten vier Wochen später einen besseren Schutz als diejenigen, die die Impfung am Nachmittag erhalten hatten.

Chemotherapie

Wie erklärt die Chronomedizin das Wachstum von Tumoren, also von schnellwachsenden Krebszellen? Bislang wissen die Forscher nicht, was zuerst da war: Der Tumor, der die innere Uhr der Zelle verrückt spielen lässt. Oder die aus dem Takt geratene innere Uhr, die zur Entartung der Zelle führt. Die Wissenschaftler sehen lediglich, dass es einen Zusammenhang gibt. Sie wollen sich diesen Zusammenhang zunutze machen und die Chemotherapie effektiver gestalten. Ziel ist es, ein Zeitfenster zu bestimmen, in dem die gesunden Zellen, die erhalten bleiben sollen, möglichst wenig aktiv sind. So erreicht man, dass bei der Therapie hauptsächlich die Tumorzellen zerstört werden.

Herzinfarkte eher im Winter

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Der 24-Stunden-Rhythmus unseres Körpers, auch zirkadianer Rhythmus genannt, ist der wichtigste, wenn es um die zeitabhängige Wirkung von Medikamenten geht. Daneben existieren aber auch Schwankungen im Jahresverlauf. Was zum Beispiel zu vermehrten Herzinfarkten in den Wintermonaten führt. Oft wird das mit niedrigeren Temperaturen begründet, die dazu führen, dass sich Gefäße stärker zusammenziehen, so dass die Arterien des Herzmuskels schneller verstopfen. Aber das spielt womöglich nur eine untergeordnete Rolle. Denn auch in wärmeren Regionen haben Forscher eine Häufung von Herzkreislauf-Notfällen in den Wintermonaten beobachtet. Das heißt, die äußere Temperatur spielt keine so große Rolle, sondern eine innere jahreszeitliche Uhr beeinflusst das Phänomen.

Anpassung an die innere Uhr

Inzwischen weiß man, dass mehrere Gene an der inneren Uhr beteiligt sind. Wobei von einer Uhr zu sprechen eigentlich falsch ist. Vielmehr müsste es heißen: Billionen von Uhren. Denn jede einzelne Zelle unseres Körpers hat ihre eigene. Die Uhren folgen im Körper einer Art Hierarchie. Diese Konstellation macht es erst möglich, dass wir uns an einen neuen Hell-Dunkel-Rhythmus anpassen können, zum Beispiel wenn wir in eine andere Zeitzone fliegen. Die Hauptuhr in unserem Gehirn synchronisiert dann gemäß dem neuen Hell-Dunkel-Rhythmus alle inneren Uhren unseres Körpers neu. Allerdings dauert das ein paar Tage, weshalb wir erst mal unter einem Jetlag leiden.

Eulen und Lerchen - die beiden Chronotypen

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Eine der künftigen Herausforderungen auf dem Gebiet der Chronomedizin wird es sein, den optimalen Zeitpunkt einer Therapie für Patienten individuell zu bestimmen. Der Chronobiologe Achim Kramer und sein Team an der Berliner Charité haben deshalb einen Bluttest entwickelt, mit dem sie den jeweiligen Chronotyp bestimmen können. Chronotypen unterscheidet man nach ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus. Sogenannte "Lerchen" gehen gerne früh ins Bett und stehen früh auf, "Eulen" dagegen lieben die späten Abendstunden. Aus Studien wissen die Forscher, welche Gene zu welcher Tageszeit aktiv sind. Und können letztlich daraus schließen, welcher Chronotyp der Mensch ist. Solche Tests könnte man dafür nutzen, Probanden für Medikamentenstudien gezielter auszuwählen.

Problematische Medikamententests

Nicht nur die Dosis eines Medikaments entscheidet über seine Wirksamkeit. Auch der Zeitpunkt der Einnahme.

Auch Björn Lemmer, emeritierter Pharmakologe an der Universität Heidelberg, kritisiert, dass die Chronobiologie in der Pharmaforschung nicht genügend beachtet wird. Allerdings ist er der Ansicht, noch problematischer seien die Versuchstiere, die bei Medikamententests üblicherweise eingesetzt werden. Die meisten Medikamentenuntersuchungen an Tieren werden an nachtaktiven Nagern, Ratten und Mäusen, gemacht. In der Pharmaindustrie wird aber nur tagsüber gearbeitet. Das bedeutet, die Wirkstoffe werden genau dann an den Tieren getestet, wenn diese eigentlich schlafen. Wenn man also die Chronobiologie der Tiere vernachlässigt, könnte das zur Folge haben, dass man die Dosis der benötigten Medikamente falsch einschätzt. Denn: Nicht nur die Dosis macht das Gift. Sondern auch der Zeitpunkt der Einnahme.

  • "Chronomedizin - Therapie im Takt des Körpers": IQ - Wissenschaft und Forschung, 25. Januar 2018, 18.05 Uhr, Bayern 2

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