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Hanf als Schmerzmittel Australische Forscher sehen Cannabis skeptisch

Seit über 4.000 Jahren gilt Cannabis als Heilmittel. Seit 2017 darf es in Deutschland auf Rezept verordnet werden. Die Frage ist neu entbrannt, ob es als Schmerzmittel wirklich hilft. Der Nutzen sei gering, so eine aktuelle Studie aus Australien.

Von: Veronika Bräse

Stand: 23.07.2018

Australische Forscher sehen Cannabis skeptisch. Seit über 4.000 Jahren gilt Cannabis als Heilmittel.  | Bild: picture-alliance/dpa/Randall Benton

Hanf zählt zu den ältesten Nutzpflanzen überhaupt. Cannabinoide sind Substanzen aus dem Harz der Hanfpflanze.

Cannabis gibt es auf Rezept

Mit Inkrafttreten des Gesetzes zur "Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften" vom 10. März 2017 dürfen Ärzte Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen und bei fehlenden Therapiealternativen Cannabinoide auf Rezept verordnen: als getrocknete Blüten, standardisierte Extrakte oder synthetisch hergestellte Cannabis-Analoga.

Cannabis und Opiate sind mögliche Schmerzmittel

Der Schmerzpatient Michael Autrum hatte mehrere Bandscheibenvorfälle. In seinen Knochen sind Metallplatten verschraubt, was zu ständigen Schmerzen führt. Früher hat er bis zu 40 Tabletten täglich eingenommen mit erheblichen Nebenwirkungen. Vor allem sehr starke Schmerzmittel setzen ihm zu - solche, die Opiate enthalten. Michael Autrum galt wegen der Medikamente als unzurechnungsfähig und war auf den Rollstuhl angewiesen. Seit drei Jahren nimmt er stattdessen Cannabis ein, was sich positiv auf sein Leben auswirkt.

Cannabis kann im Einzelfall gegen Schmerzen helfen.

"Ich wollte mir zwei Mal das Leben nehmen, weil die Schmerzen mein Leben bestimmt haben. Ich habe früher wegen der heftigen Schmerzmittel mit imaginären Leuten gesprochen. Es kann sich keiner vorstellen, was da alles im Kopf passiert. Seit drei Jahren lebe ich wieder und bin glücklich."

Schmerzpatient Michael Autrum  

Patienten berichten positiv über Cannabis

Obwohl Michael Autrum viel Cannabis einnimmt, ist er wieder klar im Kopf und hat keine Halluzinationen mehr. Er darf sogar wieder Autofahren. Auch viele der 1.500 chronischen Schmerzpatienten, die an einer aktuellen australischen Studie teilgenommen haben, berichten über positive Wirkungen von Cannabis. Es habe beispielsweise dazu geführt, dass sie weniger Opiate brauchen. Eine Fehleinschätzung - laut Datenlage der australischen Studie.  

Viele Patienten sehen Cannabis sehr positiv.

"Als wir die Teilnehmer gefragt haben, ob sie wegen des Cannabis jetzt weniger Opiate brauchen, haben sie das bejaht. Aber als wir ihre Aufzeichnungen analysiert haben, in denen sie ihren Medikamentenverbrauch genau aufschreiben, haben wir festgestellt, dass das nicht stimmt. Sie haben nach wie vor gleich viele Opiate konsumiert."

Michael Farrell, Direktor des nationalen australischen Drogen- und Alkohol Forschungszentrums in Sydney

Cannabis entspannt und fördert den Schlaf

Für die australischen Wissenschaftler ist klar, dass Cannabis starke Schmerzmittel nicht ersetzen kann. Sie räumen lediglich ein, dass Cannabis für einen besseren Schlaf sorgt. So wie übrigens auch bei Patient Michael Autrum. Das geben die australischen Daten her, mehr nicht. Ähnlich negativ war bereits 2017 das Ergebnis einer deutschen Überblicksstudie aus Saarbrücken: Der Nutzen sei gering, nicht größer als bei einem Placebo.

Cannabis ist auf Rezept erhältlich.

"Cannabis hilft in der Palliativmedizin, den Appetit zu steigern. Bei einer Chemotherapie kann es die Übelkeit stillen. Aber durch Cannabis erreichen Sie keine langfristige Schmerzlinderung. Hier werden die Ergebnisse ein bisschen schöngeredet, weil eine ganze Armada von Herstellern bereitsteht. Es geht um ein Milliardengeschäft."

Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz am Klinikum der Universität München

Schmerzempfinden hängt von vielen Faktoren ab

Trotz der Zurückhaltung der Wissenschaftler, ist die öffentliche Meinung über Cannabis als Schmerzmittel sehr positiv. Wahrnehmung und Wissenschaft klaffen also auseinander. Was nicht heißen muss, dass Cannabis im Einzelfall nicht doch helfen kann. Denn das Schmerzempfinden ist ein komplexer Vorgang, der von vielen Faktoren abhängt und nicht statisch ist, sich also verändern kann - etwa durch ausreichend Schlaf. Patienten berichten, dass es ihre Muskulatur entspanne und dazu beitrage, Schmerzen besser zu akzeptieren.

Cannabis hilft, Schmerzen entspannter zu sehen.

"Weg sind meine Schmerzen auch mit Cannabis nicht, weil sie im Prinzip im Kleinhirn gespeichert bleiben. Aber ich lasse es nicht zu, dass der Schmerz hochkommt, weil ich dann wieder verrückt werde und gegen die Wand laufe."

Schmerzpatient Michael Autrum

Multimodale Schmerztherapie hilft bei der Schmerzbewältigung

Die innere Haltung, dem Schmerz im Leben wenig Raum zu geben, fördert auch ein Programm, das sich "multimodale Schmerztherapie" nennt. Ein mittlerweile etabliertes Verfahren, das in vielen Kliniken angeboten wird und neue Wege geht. Ziel der Schmerztherapie ist, von Tabletten jeder Art wegzukommen, weil sie abhängig machen können und eine Gewöhnung eintritt, so dass selbst hohe Dosierungen irgendwann nichts mehr bringen. Stattdessen sollen Entspannungsübungen, Hypnose oder Akupunktur helfen, das individuelle Schmerzempfinden Schritt für Schritt zu verändern.

  • Teufelskraut oder Wunderblüte? alpha-thema: Natürliche Medizin, 23.07.2019, 21:45 Uhr, ARD-alpha
  • Cannabis auf Rezept - Wie gut wirkt die Droge als Schmerzmittel? Gut zu wissen, 14.04.2019, 19:00 Uhr, BR Fernsehen

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