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Urbane Bienen Schwärmen für die Stadt

Ab April, Mai beginnt es in der Luft zu summen: Bienenvölker sind dann auf der Suche nach einem neuen Zuhause - und fühlen sich inzwischen in Städten oftmals wohler als auf dem Land. In Städten wie Berlin, Paris oder München werden deshalb immer öfter Bienen gehalten.

Stand: 18.05.2016

Grafik: Biene auf einer Blüte in der Stadt | Bild: BR

Nach Jahren des Rückgangs ist die Zahl der Imker in Deutschland inzwischen wieder auf knapp 120.000 gestiegen (Stand 02.01.2018, Deutscher Imkerbund). Dabei kommt fast jeder fünfte Imker aus Bayern.

Besonders in den Städten gibt es viele Bienenliebhaber, die Bienenvölker aufstellen - allerdings nicht immer mit Schulung und fachlichem Wissen. Mangelnde Pflege kann zum Befall des Stocks mit der Varroa-Milbe führen und im schlimmsten Fall das gesamte Bienenvolk vernichten. Neben den schwarzen Schafen gibt es aber etliche begeisterte Imker, die für ihr Hobby brennen und sich für eine bienenfreundliche Landschaft ohne Pestizide einsetzen.

Bienenfreundliche Pflanzen

Um dem Bienensterben entgegenzuwirken, will das Bundeslandwirtschaftsministerium die Menschen dazu ermuntern, mehr blühende Balkone und Gärten anzulegen, in denen die Insekten Nektar finden. Deshalb hat das Ministerium ein kostenloses Bienen-Pflanzenlexikon als App entwickelt. Sie können es sich aber auch als Dokument herunterladen. Es erklärt einfach, welche Pflanzen bienenfreundlich sind und wo sie am besten wachsen.

Neue Heimat in urbaner Lage

Wenn sich Trauben von bis zu 20.000 Honigbienen an einem Ort versammeln, ist das ein Signal dafür, dass der Platz im alten Heim für ein Bienenvolk zu eng geworden ist. Ein Teil der Bienen schwärmt mit einer neuen Königin zur Suche nach einer neuen Heimat aus - und das ist immer öfter auch einmal eine Stadt. Die Honigbiene "Apis mellifera" weiß inzwischen urbanes Flair zu schätzen. Und das liegt an den vielen Beeten und Parks mit ihrer Blumenvielfalt.

Honigbienen in der großen Stadt

"In der Stadt gibt es einen bunten Speisezettel für Bienen. Auf dem Land fehlt diese Vielfalt oft", sagt Jürgen Tautz, Bienenexperte an der Universität Würzburg. Gründe dafür sind laut Tautz die vielen Monokulturen auf den Feldern.

Auch der Speiseplan der Bienen über die Jahreszeiten hinweg sei in der Stadt oftmals besser. Der Grund: Felder und Wiesen werden zu oft abgemäht und die wertvolle Nahrung mit Wiesenblumen gleich mit. Die Folge laut Jürgen Tautz: "Bienen auf dem Land verhungern manchmal sogar im Sommer."

Stadtimker sind "in"

Ganz alleine hat die Honigbiene den Sprung in die Stadt allerdings nicht geschafft. Das Interesse für die Imkerei ist in Städten gewachsen. "Ein Grund ist sicherlich, dass eine Reihe von Institutionen inzwischen stärker die Werbetrommel für Bienenhaltung rühren", sagt Jürgen Tautz. Schulen sind interessiert, Altenheime, aber auch Privatpersonen. In Berlin und München gibt es Stadtimkernetzwerke. In Nürnberg wurden Bienen auf dem Dach des Neuen Museums angesiedelt.

Zu Besuch bei Stadtimkern in Nürnberg

Honigbienen auf dem Dach

Die Bienen stört es nicht, wenn Marc Schüller und seine beiden Söhne über den Dächern von Nürnberg eine Kaffeepause machen, und auch die drei lassen sich nicht stören, wenn die Bienen auf ihrer Terrasse starten und landen. Sie sind Hobbyimker in der Stadt. Im Stadtgebiet blühen fast über das ganze Jahr verteilt Stadtbäume, Balkonpflanzen und Wildblumen auf den Seitenstreifen und in den Betonritzen. Nektar und Pollen gibt es für die Bienen hier genügend. Und zwar von Februar bis Oktober oder November, erzählt Marc Schüller.

Imkern im Reihenhaus

Auch Dr. Lienhardt Barz imkert in der Stadt, in einem kleinen Reihenhausgarten im Nürnberger Norden. Eine Hand voll Völker hat er auf seinem eingewachsenen Grundstück stehen. Mit den Nachbarn kommt der Imker trotzdem gut klar. Zum einen bekommen die sonst gar nicht so viel mit von seinen Bienen, weil das Grundstück so hoch eingewachsen ist, die Bienen also quasi senkrecht aus dem Garten starten und über das Haus wegfliegen. Zum anderen sind sie selbst froh um die wertvollen Bestäuber. Und nicht zuletzt sind die meisten auch seine Kunden, berichtet Dr. Lienhardt Barz. 

Bienenhaltung als Schulprojekt

Auf einem Schulhof halten Nürnbergs jüngste Imker ihre Bienen. Sie sind Schüler an der Geschwister-Scholl-Realschule. Biologielehrer Jens Heber ist selbst Hobbyimker und bietet an der Ganztagsschule seit einigen Jahren einen Bienenkurs an. Den Stadtbienen ging es in den vergangenen Jahren auf dem Schulhof so gut, dass sie sich fleißig vermehrt haben. Den Schul-Bienen wird ein abwechslungsreiches Pollen- und Nektarangebot geboten. Gleich neben dem Schulhof liegt eine Schrebergartenkolonie - in der Stadt blüht immer irgendetwas. Die Honigwaben sind gefüllt.

Bienenstöcke beim Quelleturm

Fünf Bienenstöcke hat Hobby-Imker Günter Scheuermann nur wenige Meter von seiner Terrasse in Eberhardhof, direkt beim ehemaligen Quellegelände, aufgestellt. Seine Nachbaren haben kein Problem mit den Bienen. "Dazu schmeckt ihnen der Honig viel zu gut", meint Günter Scheuermann, der schon seit 30 Jahren Bienen hält. Welche Note der Honig bekommt, ist jedes Mal eine große Überraschung. So vielfältig ist das Blütenangebot in der Stadt.

Imker Jean Paucton auf der Opéra Garnier in Paris

Bienenstöcke stehen auf Dächern der Stadt - manchmal in bester Lage. So schwärmen Bienen inzwischen in Paris vom Dach der Opéra Garnier zur Futtersuche aus und in Berlin im Rahmen der Initiative "Berlin summt" vom Dach des Abgeordnetenhauses.

Leckerer Honig aus der Stadt?

Zum Anbeißen: Honigbrot

Verkehr, Feinstaub, Stress - wird die Qualität des Honigs durch das Stadtleben beeinflusst? Stefan Berg glaubt das nicht. Er ist stellvertretender Leiter des Fachzentrums Bienen der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau und sagt: "Das ist relativ unwahrscheinlich." Auch bei Überprüfungen in der Nähe von Flughäfen hätte es keinen Hinweise gegeben, dass sich Schwermetalle in der Luft auf den Honig auswirken: "Selbst dort ist es so, dass sich nicht die Belastungen im Honig widerspiegeln."

Der Unterschied zwischen Stadt- und Landhonig liege in einer größeren Blütenvielfalt, die in den Honig eingehen könne. Und vielleicht produziert die Stadtbiene auch mehr Honig - das legt zumindest eine frühere Studie des französischen Imkerverbands nahe: Die Stadtbienen hatten mehr Honig produziert als ihre Landverwandtschaft.

Bienen ohne Ortskenntnis

Diese Honigbienen hatten sich vor einem Münchner Supermarkt am 9. Mai 2011 eingenistet.

Gerade im Frühsommer kann das Bienenleben aber mit dem Großstadtflair kollidieren. Bis zu zwanzig Mal am Tag wird dann die Feuerwehr in München wegen Bienenschwärmen gerufen. Angst vor Bienenschwärmen muss der Großstädter laut Jürgen Tautz nicht haben, wenn er die Insekten nicht stört oder hektische Bewegungen macht: "Es ist gefährlicher über einen Zebrastreifen zu gehen." Gedanken müsse man sich nur dann machen, wenn sich die Schwärme erkennbar niederlassen.

Bienen in Ihrer Nachbarschaft

Recht & Gesetz

Darf ein Imker überall einen Bienenkasten aufstellen?

Ja. Wo der Bebauungsplan nicht ausdrücklich Kleintierhaltung verbietet, dürfen auch Bienenstöcke stehen. Ihr örtliches Landratsamt kann Ihnen bei Fragen bezüglich des Bebauungsplans weiterhelfen. Schrebergärten und andere Gartenvereine regeln die Kleintierhaltung meist intern.

Für einen "Schutzabstand" gibt es keine gesetzliche Regelung. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau empfiehlt fünf bis zwanzig Meter Abstand.

Beeinträchtigung

Sind die gelb-schwarz-gestreiften Nachbarn gefährlich?

Anders als Wespen verhalten sich Bienen in der Regel nicht aggressiv. Sollten Sie Allergiker sein, ist natürlich größere Vorsicht geboten. Doch es empfiehlt sich, Bienen in der Nachbarschaft zunächst einmal zu beobachten. Einen Bienenstock auf Ihrem Hausdach beispielsweise werden Sie vermutlich kaum wahrnehmen. Sollten Sie besorgt sein, suchen Sie das Gespräch mit dem jeweiligen Imker! Im respektvollen nachbarschaftlichen Umgang lässt sich manches einfach regeln.

Vorbeugen

Tipps zur Vermeidung von Bienenstichen

- Augen auf beim Barfußlauf: Besonders in Kleewiesen halten sich Bienen gerne auf.
- Dezente Kleidung: Gelb ist für Bienen naturgemäß eine anziehende Farbe.
- Ruhig bleiben: Schlägt man nach den Insekten, können sie aggressiv werden.
- Süße Verlockung: Süße Speisen und Getränke, aber auch bestimmte Parfüms locken Bienen an. Überprüfen Sie vor dem Trinken immer, ob nicht eine Biene in Ihrem Getränk schwimmt. Vermeiden Sie Getränkedosen, die eine solche Kontrolle verhindern.

Einspruch

Kann ich mich gegen einen Bienenstock nebenan wehren?

Wenn Sie gegen einen Bienenstock in Ihrer Nachbarschaft vorgehen wollen und mit dem Imker zu keiner gütlichen Einigung kommen, bleibt nur der Gang vors Gericht.
Ob der Bienenstock bleiben kann oder weg muss, wird tatsächlich von Fall zu Fall entschieden. Ausschlaggebend ist, ob es durch die Bienen zu einer tatsächlichen Beeinträchtigung kommt, die von einem Gutachter festgestellt wurde.

Ohne Menschen zum Sterben verurteilt

Das Leben als wildes Bienenvolk in einem Markisenkasten oder einer Baumhöhle hat aber auch für die Bienenvölker Nachteile, weiß Stefan Berg, der stellvertretende Leiter des Fachzentrums Bienen der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau: "Ein wildes Bienenvolk hat so gut wie keine Überlebenschancen". Denn ohne Mensch seien sie nicht vor dem tödlichen Parasiten der Varroa-Milbe geschützt und stürben in der Regel nach ein bis zwei Jahren. 

  • "Fasziniert vom Schwänzeltanz - Es gibt wieder mehr Imker in Bayern": am 19.05.2016 um 10:05 Uhr, Notizbuch, Bayern 2
  • "Urban Beeing - Stadtimker sollen Bienen retten": am 16.04.2015 um 20:15 Uhr, quer, BR Fernsehen
  • "Startup NearBees - Bienenfreunde unterwegs in München": am 08.05.2014 um 10:05 Uhr, Notizbuch, Bayern 2

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