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Bienensterben Bedrohte Honigsammlerinnen

Viele Imker begleitet, wenn sie im Frühjahr in ihre Bienenstöcke sehen, die Sorge: Wie viele Völker hat im vergangenen Winter das Bienensterben dahingerafft? Schuld sind Milben, Viren und auch der Mensch.

Stand: 06.05.2019

Wegen des Bienensterbens bedroht: Imker mit Waben | Bild: picture-alliance/dpa

Seit 2006 ist das Phänomen "Bienensterben" in Europa und den USA bekannt. Neben der Varroa-Milbe und anderen Parasiten ist es vor allem der einseitige Speiseplan in der modernen Agrarlandschaft, der den Bienen zu schaffen macht: Die Tiere sind so geschwächt, dass regelmäßig eine hohe Anzahl der Völker stirbt. Auch wenn sich im vergangenen Jahrzehnt nach Angaben der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim in Stuttgart die Bienenpopulation weltweit etwas erholt hat, ist in jedem Frühjahr wieder die Spannung hoch, wie viele Völker den Winter überlebt haben.

Bienenvölkerverluste im Winter 2018/2019

Bienenzählen im Frühjahr

Im Winter 2018/2019 haben die deutschen Imker wieder einen hohen Millionenschaden erlitten: Der Wert der in diesem Winter verlorenen Völker liege bei 20 bis 25 Millionen Euro, teilte das Fachzentrum Bienen und Imkerei in Mayen, Rheinland-Pfalz, Anfang Mai 2019 mit. An der Umfrage in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Imkerbund nahmen bundesweit knapp 12.000 Imker teil, darunter rund 3.000 aus Bayern. Im Schnitt verloren die Imker 14,9 Prozent ihrer Bienenvölker. Rund jedes siebte Volk ist gestorben. In den Imkerbetrieben in Bayern haben 15,9 Prozent der Bienenvölker nicht überleben können. Die Winterverluste von 2018/2019 entsprechen in etwa dem langjährigen Mittel. "Es war keine gute Überwinterung, aber auch keine schlechte", bilanziert Christoph Otten, der Leiter des Fachzentrums Bienen und Imkerei.

Im Jahr zuvor lag der Verlust bei 17,9 Prozent: Im Winter 2017/2018 blieb es länger kalt, die Blühsaison und damit die Bienenzeit starteten später. Dadurch hatten die Varroa-Milben weniger Zeit, sich in den Stöcken bis zum darauffolgenden Winter zu vermehren. Geht ein Bienenstock mit einem zu hohen Milbenanteil in den Winter, ist er dem Tod geweiht. Ist der Anteil gering, kann das Bienenvolk damit noch umgehen und überleben. Die Milben gelten als Hauptgrund für das Sterben von Bienenvölkern. 

So viele Imker gibt es in Deutschland

Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit mehr als 100.000 Imker und eine Million Honigbienen-Völker. Die meisten Imker sind Hobby- oder Teilzeitimker. Weniger als ein Prozent sind Vollzeit-Berufsimker. In Bayern besitzen rund 30.000 Imker etwa 190.000 Bienenvölker.

Befall mit Varroa-Milben - kein Grund zum Aufatmen

Der Kampf der Imker gegen die Varroa-Milbe ist jedes Jahr wieder notwendig. Zur brutfreien Zeit werden die Bienen von den Imkern gegen den Befall der Milbe behandelt, etwa mit organischen Säuren. Gänzlich frei von Milben waren die Bienenvölker in Bayern jedoch auch im Winter 2018/19 nicht. Das sei auch der Nachlässigkeit mancher Imker geschuldet. Weil der Milbenbefall im Sommer nicht so hoch gewesen sei, habe mancher Imker die Behandlung nicht konsequent durchgeführt. "Deshalb wurden im Herbst wieder steigende Zahlen festgestellt", so Stefan Berg, der Leiter des Instituts für Bienenkunde und Imkerei an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim. "Es ist wichtig, dass sich die Imker einer Region abstimmen und alle in einem bestimmten Zeitfenster von zwei bis drei Wochen behandeln." Landen gesunde Bienen in einem durch Milben geschwächten Stock, können sie sich die Parasiten in ihren Stock holen.

Was Bienen retten könnte: Hilfe gegen...

Antibiotika-Einsatz

Bienensterben durch Antibiotika-Einsatz

In den USA präparieren viele Imker ihre Bienenstöcke mehrmals jährlich mit dem Breitband-Antibiotikum Tetracyclin. Sie wollen die Larven vor einer weit verbreiteten bakteriellen Infektionskrankheit, der Amerikanischen Faulbrut, schützen. Doch es gibt Hinweise darauf, dass genau diese Substanz den Bienen zusätzlich schaden kann. In Deutschland seien keine Antibiotika für die Anwendung in Bienenvölkern zugelassen, erklärt Werner von der Ohe vom Laves Institut für Bienenkunde in Celle. Durch deren Verwendung könne es Rückstände im Honig geben oder es drohten Resistenzen.

Nosema-Pilz

Bienendarm mit Nosema

Gegen den Pilz Nosema hilft derzeit nur ein Antibiotikum. In Deutschland ist sein Einsatz verboten. Forscher am Bieneninstitut Hohen-Neuendorf bei Berlin haben sich auf die Suche nach einem neuen Gegenmittel gemacht und beschäftigen sich mit den molekularen und zellulären Grundlagen der Erkrankung. Sie versuchen lebende Parasiten in einem präparierten Bienendarm zu züchten und kontrolliert zu vermehren.

Varroa-Milbe

Bienenlarve mit Varroamilbe

Gegen die Varroa-Milbe wurde bisher 60-prozentige Ameisensäure eingesetzt. Doch die hilft nur unter bestimmten Bedingungen. Wenig erfolgreich ist sie zum Beispiel in höheren Lagen. Deshalb laufen derzeit Tests mit 85-prozentiger Ameisensäure. Sie ist zwar noch nicht zugelassen, scheint den Bienen aber nach ersten Beobachtungen nicht zu schaden. Forscher an der Ruhr-Universität Bochum testen Duftstoffe, die die Varroa-Milbe in eine Falle locken sollen.

Mangelernährung

Mischpollen

Um die durch Monokulturen geschwächten Bienenvölker wieder zu stärken, haben Bienenforscher von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau im unterfränkischen Veitshöchheim eine spezielle Saatmischung entwickelt. Die "Veitshöchheimer Bienenweide" enthält unter anderem Samen von Kornblumen, Borretsch, Sonnenblumen und rotem Feldmohn.

Neue Schädlinge im Anflug

Die Bienen sind immer wieder neuen Gefahren ausgesetzt. "Wir haben drei neue Schädlinge im Anmarsch", berichtet Ingrid Illies, Bienenexpertin der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim, im Juli 2015. Während der Kleine Beutenkäfer und die Asiatische Hornisse noch in Italien ihr Unwesen treiben, bedroht die Kirschessigfliege bereits den heimischen Obstbau - und damit auch die Bienen.

Gefährliche Fliegen, Käfer und Hornissen

Kirschessigfliege

Die Kirschessigfliege sticht überreife rote Früchte an und legt darin ihre Eier ab. Bienen nehmen den austretenden Saft auf. Der ist jedoch oft mit Pflanzenschutzmitteln vermischt, die auf die Früchte aufgetragen wurden. Imker fürchten, dass sie dadurch einen Teil ihres Volkes verlieren könnten. Der gesammelte Fruchtsaft verfälscht außerdem den Honig. "Der Imker bekommt Probleme mit der Vermarktung, weil es kein reiner Honig mehr ist", sagt Ingrid Illies, Bienenexpertin der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim.

Kleiner Beutenkäfer

Auch der aus Südafrika stammende Kleine Beutenkäfer könnte den Bienen bald gefährlich werden. Er setzt den Bienen direkt im Stock zu: In die Ritzen und Spalten legt der Beutenkäfer seine Larven ab, die die Vorräte und die Brut der Bienen auffressen. Innerhalb kurzer Zeit kann so ein ganzes Volk vernichtet werden. Derzeit ist er nur im Süden Italiens zu finden. "Bislang ist der Käfer eingedämmt. Er ist noch nicht hier und wir hoffen, dass wir noch ein bisschen Luft haben", sagt Bienenexpertin Ingrid Illies.

Asiatische Hornisse

Die Asiatische Hornisse ist dagegen schon vor den Landesgrenzen angekommen. Im September 2014 wurde das erste Tier mit dem charakteristischen dunklen Hinterteil nahe Freiburg gesehen. "Bei ihrer Ausbreitungsgeschwindigkeit ist davon auszugehen, dass wir sie schon demnächst hier haben", schätzt Ingrid Illies. Wie die heimische Hornisse mit hellem Hinterteil jagt das exotische Insekt die Bienen. Nur viel effektiver: "Die scheinen sich abzusprechen, entscheiden sich für ein Bienenvolk, überwachen das aus der Luft und fangen alle heimkehrenden Bienen ab." 2016 ist die Asiatische Hornisse in die Liste der unerwünschten Spezies der Europäischen Union aufgenommen worden.

In den USA bedroht eine parasitäre Fliege ganze Bienenvölker. Die neu entdeckte Fliegenart Apocephalus borealis nistet sich in den Honigbienen ein. Die Insekten verlassen daraufhin ihren Bienenstock, brechen zu einem wilden Rundflug auf und sterben.

Veränderte Lebensbedingungen

Hohe Verluste bei bayerischen Bienen

Auch die Lebensbedingungen selbst machen den Bienen heutzutage zu schaffen. Experten machen sich Sorgen um die schwindende Widerstandskraft der Bienen: Verglichen mit früher reicht heute ein wesentlich geringerer Varroa-Befall aus, um ein Bienenvolk auszurotten. Eiweißmangel herrscht bei den Bienen schon von klein auf. Außerdem wird die Nahrung durch die Veränderungen in der Landwirtschaft knapper.

Dünner Speiseplan für die Biene

Lebenselixier Nektar

Bienen brauchen Blumen zum Überleben. Blütenpollen sind wichtig für die Ernährung der Bienenbrut und der jungen Bienen. Nektar liefert die nötige Energie zum Fliegen, er ist so etwas wie das Benzin der Bienen. Sie benötigen eine große Blumenvielfalt, um über das ganze Jahr hinweg gut ernährt zu sein.

Gespritzt und monoton

Auf dem Land gibt es diese Vielfalt aber immer weniger. Die extrem ertragsorientierte Landwirtschaft mit Monokultur-Flächen steht in Verdacht, den Bienen zu schaden. Viele Wiesen werden zudem schon vor der Blüte gemäht, damit geht auch Bienennahrung verloren. Die Folge ist Mangelernährung.

Landflucht der Bienen

Auch große Gärten mit einem reichhaltigen Blütenangebot werden rar auf dem Land. Es fehlt die Vielfalt. All das führt inzwischen dazu, dass es viele Imker und Bienen in die Stadt zieht. Dort gibt es inzwischen durch Blütenpracht in Parks und auf Balkonen mehr Futter. Dementsprechend wächst die Zahl der Stadtimker.

Genmais und die Auswirkungen auf Bienen

Umstrittene Genpflanzen

Gemais

Auch die Gentechnologie bereitete manchem Imker immer wieder Sorgen. Schließlich fliegen die Bienen auch auf Maisfelder und sammeln Pollen. Die Auswirkungen von gentechnisch verändertem Mais auf die Honigbienen waren aber lange unklar. Doch das Thünen-Institut in Braunschweig gibt Entwarnung: Gemeinsam mit der Universität Würzburg hat das Bundesinstitut von 2008 bis 2010 einen großangelegten Feldversuch zu diesem Thema unternommen. Das Ergebnis wurde Anfang April 2013 veröffentlicht: Gentechnisch veränderter Mais hat keine Auswirkungen auf Bienen.

Bt-Mais

Bei dem in der Studie verwendeten Bt-Mais handelt es sich um eine gentechnisch veränderte Sorte, die drei insektenschädigende Eiweiße bildet. Dadurch ist die Pflanze vor dem Maiszünsler oder dem Maiswurzelbohrer geschützt, ohne dass dafür chemische Insektizide eingesetzt werden müssten. Der Maiszünsler, auch Stängelbohrer genannt, gilt als einer der größten Schädlinge im Maisanbau.

Unschädlich für Ammenbienen

Feldversuch mit Bienen

Für die Studie wurden Bienen während der Maisblüte in Flugkäfigen mit dem Genmais und mit zwei herkömmlich gezüchteten Maissorten gehalten. Zudem wurden freifliegende Bienen als vierte Gruppe verglichen. Untersucht wurden die Ammen-Bienen, die für die Aufzucht der Bienenlarven besonders viel Pollen aufnehmen. Die Studie zeigte, dass die Aufnahme von Genmais weder die Überlebensrate der Tiere noch ihr Körpergewicht beeinflusste.

Unterschiedliche Darmflora - unabhängig vom Pollen

Bienenlarve mit Varroamilbe

Kritiker des Genmaises weisen immer wieder darauf hin, dass der Genuss von Bt-Mais durch die Bienen auch zu langfristigeren oder subtileren Folgen führen könnte. Dass vor allem geschwächte Bienen, wie von Parasiten oder Milben befallene Bienen, an den Folgen zu leiden hätten. Doch dies wurde in der Studie ausdrücklich nicht untersucht.
Allerdings fanden die Forscher heraus, dass die Bt-Pollen zumindest die Abwehrkräfte nicht direkt schwächen: Die Forscher entdeckten, dass die Bienen leichte Unterschiede bei den Darmbakterien aufzuweisen hatten. Diese spielen eine wichtige Rolle bei der Krankheitsabwehr der Tiere. Die Unterschiede waren aber völlig unabhängig davon, ob die Bienen Pollen vom Genmais oder von den herkömmlichen Sorten gesammelt hatten.

Unschädlich für Bienenlarven

Bereits im Januar 2012 hatten die Würzburger Forscher die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, bei der sie die Auswirkungen gentechnisch veränderten Maises auf Bienenlarven untersucht haben. In dieser Studie hatten sie bereits festgestellt, dass der Bt-Mais sich nicht schädlich auf die Larven auswirkte, konnten aber noch keine Aussagen zu den Folgen auf ausgewachsene Bienen machen.

  • "Bauern schaffen Platz für Insekten - 12.000 Fußballfelder für Bienen und Schmetterlinge": am 22.12.2017 um 5:05 Uhr, Bayern 1 am Morgen
  • "Neonicotinoide in der Kritik - Müssen die Spritzmittel verboten werden?": am 21.07.2017 um 19 Uhr, Unser Land, BR Fernsehen
  • "Besorgte Imker - Gefährliche Seuche für Bienen": am 29.12.2017 um 17:30 Uhr, Abenschau, BR Fernsehen
  • "Bienenkundler Peter Rosenkranz - Das Bienensterben und seine Folgen": am 18.08.2017 um 06.05 Uhr, radioWelt, Bayern 2
  • "Weltweites Bienensterben: Dramatische Folgen für Mensch und Umwelt": am 17. Juli 2017 um 19 Uhr in "UNKRAUT", BR Fernsehen
  • "Rätsel Bienensterben - Woran sterben die Honigbienen?": am 17.07.2017 um 19 Uhr, Unkraut, BR Fernsehen
  • "Bienenrettung - Rezepte gegen das Massensterben ": am 10. Mai 2012 um 18.05 Uhr in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2

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