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Bienensterben durch Pestizide Pflanzenschutzmittel machen Bienen zu schaffen

Pestizide sind in der Landwirtschaft nicht immer zu vermeiden. Doch es gibt einzelne Substanzen, Neonicotinoide genannt, die nicht nur Schädlinge beseitigen, sondern auch ganze Bienenvölker vernichten. Reicht das für ein Verbot?

Stand: 17.05.2018

Bienen fliegen in Bienenstock | Bild: picture-alliance/dpa

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) veröffentlichte bereits im Januar 2013 ein Gutachten, demzufolge Honigbienen durch Insektizide geschädigt werden können. Sie sehe ein "hohes, akutes Risiko" für Bienen durch die drei Stoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam. Daraufhin hatte die EU-Kommission den Einsatz dieser speziellen Pflanzenschutzmittel, auch Neonicotinoide oder Neonikotinoide genannt, für den Anbau von Mais, Sonnenblumen, Raps und Baumwolle ab 1. Dezember 2013 für zunächst zwei Jahre untersagt.

EU-Verbot für Neonicotinoide

Am 26. August 2015 hatte die EFSA bestätigt, dass die drei Neonicotinoide Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid ein Risiko für Bienen darstellen, wenn sie als Spritzmittel zur Blattbehandlung eingesetzt werden. Die EU-Kommission verschob im Dezember 2017 die Abstimmung über die drei Insektizide ins Jahr 2018. Am 28. Februar 2018 legte die EFSA ihr lange erwartetes Gutachten zur Neubewertung der drei Neonicotinoide schließlich vor. Sie hat die Gefährlichkeit für Wild- und Honigbienen auch im neuen Gutachten bestätigt. Auf dieser Grundlage mussten die EU-Staaten entscheiden, ob die drei Stoffe Clothianidin, Imidachloprid und Thiamethoxam ganz verboten werden.

Auf Basis des neuen EFSA-Berichts stimmte am 27. April 2018 der EU-Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel mehrheitlich für ein Freilandverbot der drei Neonicotinoide Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin. In Gewächshäusern bleibt ihr Einsatz erlaubt.

EU-Gericht bestätigt Freilandverbot

Gegen die Einschränkungen klagten die Konzerne Bayer und Syngenta vor dem Gericht der Europäischen Union in Luxemburg. Am 17. Mai 2018 lehnte das Gericht die Klage der Chemiekonzerne ab. Damit unterliegen die Neonicotinoide Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid weiterhin den Beschränkungen. Einer ähnlichen Klage des Unternehmens BASF gaben die Richter dagegen teilweise statt und erklärten eine Beschränkung für den Einsatz des Pestizids Fipronil für nichtig, da diese ohne vorherige Folgenabschätzung ergangen war.

Umweltschützer fordern generelles Verbot

Zu dem von Umweltschützern geforderten vollständigen Verbot konnte sich die EU bislang nicht durchringen. Greenpeace zum Beispiel setzte sich dafür ein, mindestens sieben Pestizide der Firmen Syngenta, Bayer, BASF und anderer Hersteller zu verbieten: nämlich auch Fipronil, Chlorpyrifos, Cypermethrin und Deltamethrin. In ihrem Report "Bye bye Biene? Das Bienensterben und die Risiken für die Landwirtschaft in Europa" stufte Greenpeace sie alle als bienengefährlich ein. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erklärte: "Das Verbot war überfällig, reicht aber nicht aus". Alle für Bienen schädlichen Pestizide müssten generell vom Markt genommen werden.

Nach einem Urteil des Landgerichts Düsseldorf vom 11. März 2015 darf die Firma Bayer den Pestizidwirkstoff Thiacloprid (eine Weiterentwicklung von Imidacloprid), der in den Bayer-Produkten "Schädlingsfrei Calypso" und "Zierpflanzenspray Lizetan" enthalten ist, nicht mehr als ungefährlich für Bienen bezeichnen. Studien des BUND haben ergeben, dass der Stoff, der zu den umstrittenen Neonicotinoiden gehört, als bienengefährlich eingestuft werden muss.

Wirkungen der Pestizide

Neonicotinoide können die Gehirnprozesse der Bienen stören und ihre Kommunikation, Navigation und Pollensammelfähigkeit einschränken. Beim Einsatz der Pestizide machen die Tiere weniger Sammelflüge, weil sich ihre Orientierungsfähigkeit verschlechtert. Sie brauchen länger für ihre Rückkehr in den Bienenstock. Schon kleine Mengen von Pestiziden wirken sich auf das Nervensystem auch von Wildbienen und Hummeln aus. Das fand ein Team um den Neurobiologen Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin im März 2014 heraus.

Bienen fliegen zum Bienenstock

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen französische Forscher um den Projektleiter Mickaël Henry vom nationalen Institut für landwirtschaftliche Forschung (INRA) im Dezember 2015. Sein Team säte neonicotinoid-gebeizten Raps aus. Es stellte fest, dass Neonicotinoide unter realen Feld-Bedingungen eine erhöhte Sterblichkeit bei Arbeitsbienen bewirken. Dies wird im Stock aber ausgeglichen: Das Bienenvolk brütet dann mehr Arbeiterinnen aus, dafür aber weniger männliche Bienen, deren ausschließliche Aufgabe es ist, die Königin zu befruchten. Wenn es weniger männliche Bienen gibt, könnte das längerfristig zu einer genetischen Verarmung des Volks führen. Solche Wirkungen sollen in Zukunft in der EU stärker als bisher berücksichtigt werden bei der Zulassung von Pestiziden.

Langzeitstudien zeigen Bienensterben durch Neonicotinoide auf



In Großbritannien zeigte eine großangelegte Studie im August 2016, wie stark Bienen von den Neonicotinoiden betroffen sind: Forscher um den Insektenkundler Ben Woodcock am britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie (NERC) untersuchten das Vorkommen von 62 verschiedenen Wildbienenarten von 1994 bis 2011. Seit der Zulassung der Pestizide 2002 haben viele Wildbienenvölker demnach massive Verluste erlitten. Die Zahl der Wildbienen, die sich auf mit Neonicotinoiden behandelten Raps spezialisiert haben, ist sogar um bis zu zwanzig Prozent zurückgegangen. Eine Studie aus den USA belegt ein ähnliches Ergebnis für Schmetterlinge: Seit 1995 sind in Nordkalifornien Neonicotinoide zugelassen - und seither schrumpft die Zahl der Schmetterlingsarten dort dramatisch.

Bienen fliegen auf Neonicotinoide

Forscher aus Großbritannien und Irland fanden heraus, dass Bienen mit Neonicotinoiden behandelte Pflanzen nicht etwa meiden, sondern sie sogar bevorzugt ansteuern: In ihren Versuchen waren mit Neonicotinoiden versetzte Zuckerlösungen begehrter als reine Zuckerlösungen. Beim Sammeln von Nektar und Pollen könnten Bienen deshalb mehr von den Schadstoffen aufnehmen als bisher angenommen. "Neonicotinoide steuern im Nervensystem von Bienen die gleichen Mechanismen an wie Nikotin im Gehirn von Menschen", erläutert Studienleiterin Geraldine Wright von der Newcastle University im April 2015. "Die Tatsache, dass die Bienen eine Vorliebe für Neonicotinoid-belastete Nahrung haben, ist besorgniserregend. Es lässt vermuten, dass Neonicotinoide ähnlich wie Nikotin als Droge wirken und solche Nahrung besonders belohnend wirkt." Die Forscher folgern, dass die Neonicotinoid-Verwendung eingeschränkt werden müsse, um die Bienen zu schützen. Dass Insekten auf natürliches Nikotin fliegen, das in einigen Pflanzen enthalten ist, war schon länger bekannt.

  • "Gift im Honig, tote Bienen - Rumänische Imker schlagen Alarm!" am 24.08.2018 um 22.50 Uhr, Euroblick spezial, ARD-alpha
  • "Wirklich alles Teufelszeug? - Frankreich streitet über Glyphosat und Neonicotinoide": am 20.09.2017 um 10:05 Uhr, Notizbuch, Bayern 2
  • "Neonicotinoide in der Kritik - Müssen die Spritzmittel verboten werden?": am 21.07.2017 um 19 Uhr, Unser Land, BR Fernsehen
  • "Lage spitzt sich zu - Pestizide bedrohen Bienen und Insekten": am 04.05.0217 um 10:05 Uhr, Notizbuch, Bayern 2

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